Wenn das Geld im Kasten klingt…

Apostelgeschichte 8, 4 – 25

 4 Die nun zerstreut worden waren, zogen umher und predigten das Wort. 5 Philippus aber kam hinab in die Hauptstadt Samariens und predigte ihnen von Christus. 6 Und das Volk neigte einmütig dem zu, was Philippus sagte, als sie ihm zuhörten und die Zeichen sahen, die er tat. 7 Denn die unreinen Geister fuhren aus mit großem Geschrei aus vielen Besessenen, auch viele Gelähmte und Verkrüppelte wurden gesund gemacht; 8 und es entstand große Freude in dieser Stadt.

Es ist wie in den Anfängen der Jesus-Bewegung. διασπαρντες – Diaspora klingt hier an. Die Christen sitzen nicht mehr auf einem Haufen, in einem Haus. Sie sind unter die Leute gestreut, so wie der Samen aufs Feld gestreut wird. Ihre Rückzugsorte in Jerusalem sind versperrt. So ziehen sie umher. Sie predigen. Sie erzählen von Jesus, seinen Wundern, seinem Leiden, seiner Auferstehung. Sie können nicht schweigen von dem, was sie gesehen und gehört haben (4,20). Obwohl sie verfolgt werden, machen sie weiter mit ihrem Zeugnis von Jesus.

Philippus ist einer der sieben Diakone. Auch er ist, wie Stephanus, mehr Evangelist als einer, der soziale Aufgaben übernimmt. Er predigt Christus in der Hauptstadt Samariens. Das kann Samaria sein, aber auch Sichem. Es ist mit unserem Wissen heute nicht sicher zu entscheiden.

Seine Predigt ist eindrucksvoll, weil sie von Zeichen unterstrichen, bestätigt wird. Es sind nicht nur Worte, die er macht. Es sind auch Taten, die seine Verkündigung begleiten. Hier ist es so: Besessene werden frei, viele Gelähmte und Verkrüppelte werden gesund. Philippus spricht das Heil Gottes zu und Menschen werden unter diesem Zuspruch heil. Leib und Seele sind in gleicher Weise im Blick. Kein Zweifel, der Auftrag Jesu an seine Jünger findet seine Fortsetzung im Handeln des Diakons Philippus.

Auch das ist irgendwie typisch: Seine Worte und sein Handeln lösen große Freude aus. Es ist geradezu ein Kennzeichen der Botschaft Jesu, dass sie in die Freude führt, dass sie zur Freude ruft, dass sie Menschen die Freude an Gott und am Leben aufschließt.

 9 Es war aber ein Mann mit Namen Simon, der zuvor in der Stadt Zauberei trieb und das Volk von Samaria in seinen Bann zog, weil er vorgab, er wäre etwas Großes. 10 Und alle hingen ihm an, Klein und Groß, und sprachen: Dieser ist die Kraft Gottes, die die Große genannt wird. 11 Sie hingen ihm aber an, weil er sie lange Zeit mit seiner Zauberei in seinen Bann gezogen hatte.

Das Evangelium wird niemals im Niemandsland verkündigt. Auch in dieser Stadt gibt es schon anderes, was am Werk ist. Simon Magus, ein Mensch mit großen Fähigkeiten, hat viel Zulauf in der Stadt. Das bringt ihm den Beinamen ein – Kraft Gottes. Freilich lässt Lukas keinen Zweifel: hinter Simons Künsten steht nicht Gott – es ist Zauberei, μαγεων, die er treibt. Ungöttlich oder gar wider-göttlich in ihrer Kraft und Wirkung.

Wenn Lukas Simon so kennzeichnet, setzt er vielleicht darauf, dass seine Leser wissen, dass im Alten Testament die Zauberei in Israel unter strengste Strafe gestellt wird. Das ist nicht harmloses Vergnügen. Das ist der Umgang mit Kräften, die Gott zuwider sind.

 12 Als sie aber den Predigten des Philippus von dem Reich Gottes und von dem Namen Jesu Christi glaubten, ließen sich taufen Männer und Frauen. 13 Da wurde auch Simon gläubig und ließ sich taufen und hielt sich zu Philippus. Und als er die Zeichen und großen Taten sah, die geschahen, geriet er außer sich vor Staunen.

 Es klingt wie ein Wettbewerb um die Seelen. Philippus läuft dem Simon den Rang ab. Seine Predigt weckt und findet Glauben. Es ist die Predigt vom Reich und das Ausrufen des Namens Jesu, die hier solche Wirkungen zeigt. Im verachteten Samarien werden Menschen zur Gemeinde hinzugetan, mit aller Konsequenz. Sie lassen sich taufen.

Das alles beeindruckt Simon so sehr, dass auch er gläubig wird und sich taufen lässt. Und: er weicht Philippus nicht mehr von der Seite. Er will wissen, was dahinter steckt. Er ist fasziniert von den Zeichen und großen Taten. Von δύναμις, Kraft, Wirksamkeit, Power versteht er ja etwas. Dem will er auf die Spur kommen.

Ist das nicht zuallererst auch ein Grund zur Freude? Da kommt einer mit einem völlig anderen denkerischen und lebensmäßigen Hintergrund und ist fasziniert von der Botschaft und von dem, was er da im Zusammenhang der Verkündigung sieht. Er erlebt etwas, von dem er Eines begreift: Hier ist mehr an Kraft als ich es je geglaubt hätte – und von Kraft versteht Simon nun wirklich etwas.

  14 Als aber die Apostel in Jerusalem hörten, dass Samarien das Wort Gottes angenommen hatte, sandten sie zu ihnen Petrus und Johannes. 15 Die kamen hinab und beteten für sie, dass sie den Heiligen Geist empfingen. 16 Denn er war noch auf keinen von ihnen gefallen, sondern sie waren allein getauft auf den Namen des Herrn Jesus. 17 Da legten sie die Hände auf sie und sie empfingen den Heiligen Geist.

Die Erzählung wird unterbrochen. Was in Samarien geschieht, bleibt in Jerusalem nicht unbemerkt. Petrus und Johannessollen sich ein Bild von diesem Geschehen machen. Man könnte also auf die Idee kommen: Die Kirchenleitung wird aktiv. Aber es gilt sich davor zu hüten, heutige Ordnungs- und Rechtsvorstellungen von Kirchenleitung und ihrem aufsichtlichen Eingreifen hier gewissermaßen schon vorweg genommen zu lesen.

Worum es geht, ist vielmehr eine vitale Lebensäußerung der Kirche. Anteilnahme und Unterstützung. Nicht die Kirchen-Aufsicht kommt, sondern die Brüder Petrus und Johannes kommen – und beten für die neuen Christen. Sie beten um den Heiligen Geist.

Hier kommt eine Notiz, die in der Kirche ohne Ende überlesen worden ist. Der Geist war noch auf keinen von ihnen gefallen, sondern sie waren allein getauft auf den Namen des Herrn Jesus. Es gibt Taufen, die nicht von der Gabe des Geistes bekleidet sind. Es gibt keinen Automatismus: getauft und geist-begabt fällt nicht in eins.

Man muss kein Charismatiker sein, um an dieser Stelle aufzuhorchen. Die Gabe des Geistes ist frei, und es gibt keinen Ritus, der garantieren würde, wo und wann sie einem Menschen zuteilwird. Eine kirchliche Praxis, die so tut, als könnte sie den Geist jahrgangsweise austeilen oder bei der Taufe schon zueignen, hat zumindest Lukas nicht auf ihrer Seite. So viel ist von diesem Satz her deutlich.

Die beiden Apostel beten und legen die Hände auf – und der Geist kommt. Gott erhört das Gebet der Apostel. Meine Neugier wäre befriedigt, wenn mir auch mitgeteilt wäre, woran es zu erkennen ist, dass die Christen in Samarien jetzt den Geist haben. Sind sie fröhlich? Reden sie in Zungen? Geben sie Zeugnis? Singen sie neue Lieder? Sind sie barmherzig und vergeben einander? Greift Versöhnung Raum? Leider schweigt Lukas dazu. Schade.

Immerhin erzählt Lukas: Die „Kirchenleitung“ ist nicht nur kontrollierend aktiv. Sie führt die Arbeit des Evangelisten weiter. Sie bringt die getauften Christen in Samarien geistlich weiter. Sie arbeitet vertiefend. Es geht nicht nur um Ordnung, gar Kirchenordnung, sondern es geht um vertieften Glauben und vertieftes Leben.

 18 Als aber Simon sah, dass der Geist gegeben wurde, wenn die Apostel die Hände auflegten, bot er ihnen Geld an 19 und sprach: Gebt auch mir die Macht, damit jeder, dem ich die Hände auflege, den Heiligen Geist empfange.

Weil Simon an Philippus hängt, erlebt er das alles mit. Und ist begeistert. Es sieht für ihn wohl so aus, als könnten die Apostel nach eigenem Gutdünken über den Geist verfügen. Das möchte ich auch können, Menschen so begeistern, anstecken mit Kraft, in Bewegung bringen. Koste es, was es wolle – das will ich auch. Und so bietet er das Kostbarste, was er hat: Geld. Wahrscheinlich viel Geld!

 20 Petrus aber sprach zu ihm: Dass du verdammt werdest mitsamt deinem Geld, weil du meinst, Gottes Gabe werde durch Geld erlangt.21 Du hast weder Anteil noch Anrecht an dieser Sache; denn dein Herz ist nicht rechtschaffen vor Gott. 22 Darum tu Buße für diese deine Bosheit und flehe zum Herrn, ob dir das Trachten deines Herzens vergeben werden könne. 23 Denn ich sehe, dass du voll bitterer Galle bist und verstrickt in Ungerechtigkeit.

„Zur Hölle mit dir und deinem Geld.“ (Übersetzung K. Haacker) Nicht immer war die Kirche so standhaft und konsequent wie Petrus. Er lehnt ab. Nicht, weil Simon zu wenig bietet. Hier ist nichts zu kaufen. Petrus hatte gesagt: Silber und Gold haben wir nicht (3,6) – hier sagt er: Wir wollen es auch nicht. Denn das, worum es hier geht, ist nicht käuflich.

Was ich erschreckend und spannend zugleich finde. Petrus sagt nicht: Das ist alles nur ein Missverständnis. Er baut keine Brücke zur freundlichen Verständigung mit Simon. Er wertet anders: Dein Herz ist nicht rechtschaffen vor Gott. Du bist voll bitterer Galle und verstrickt in Ungerechtigkeit. Wenn Du die Kraft Gottes „käuflich“ erwerben willst, dann ist das nicht nur ein Denkfehler. Es ist eine Haltung, die Gott zuwider ist. Es ist eine Haltung, die dich ins Unrecht setzt.

Zum Glück ist die Fluch-Formel nicht das letzte Wort in der Sache – sonst würde sich Petrus eine Vollmacht anmaßen, die ihm nicht zusteht. Er hat, trotz aller scharfen Urteile, nicht das letzte Wort. Auch aus dieser Fehlhaltung des Simon gibt es einen Ausweg, wenn auch nur einen: Tue Buße. μετανησον. Aus dieser Gefangenschaft unter ein falsches Denken gibt es diesen Ausweg der radikalen Abwehr und Abkehr. Die Auslieferung an das Erbarmen Gottes. Das ist der Weg in die Freiheit: „Wer Buße tut ist wie einer, der aus einem finsteren Loch in die Sonne springt.“ (M. Luther, Losungen 23. 2. 2017)

Ich bin mit der Antwort, die Petrus gibt, nicht einig. Gewiss, er fordert Buße, Umkehr. Das klingt auch ein bisschen nach: er fordert Unterwerfung. Für mich hätte er weiter gehen müssen in seiner Antwort: „Simon, du hast nichts verstanden. Du wirst, auch wenn der Geist dich einmal berührt hat, bis an das Ende deiner Tag einer bleiben, sein müssen, de seine leeren Hände Gott hinhält, seine geistliche Armut vor Gott eingesteht, sein leeren Herz vor Gott ausschüttet, seine Halbherzigkeit vor Gott aushält. Du und ich, wir können uns Gottes nicht bemächtigen Wir können nicht über ihn verfügen. Wir können ihn nur suchen und er wird sich finden lassen, wo und wann er will. Denn „der Wind bläst, wo er will.“ (Johannes 3, 8)“ Aber so sagt Petrus nicht.

 24 Da antwortete Simon und sprach: Bittet ihr den Herrn für mich, dass nichts von dem über mich komme, was ihr gesagt habt.

 Ich rätsele, wie das für mich klingt. Ist das echte Buße? Ist das die Bitte an Menschen, deren Gebet mehr zugetraut wird als dem eigenen Beten? Oder ist es ein Zurückzucken vor der harten Sprache, aber ohne Tiefgang? Betet ihr für mich – das ist oft eine wunderbare Bitte. Aber es kann eben auch so obenhin gesagt werden. Mit dieser Bitte verschwindet Simon von der Bildfläche. Wir erfahren nichts mehr über ihn. Es bleibt offen, was mit ihm geworden ist.  Nur die Praxis der „Simonie“, des versuchten Gaben-Kaufes bleibt im Gedächtnis und wandelt sich zum Ämterkauf.

Ist das eine Siegesgeschichte? Die Apostel haben den Magier in seine Schranken verwiesen? Oder ist es doch eine Verlust-Geschichte: Da ist einer verloren gegangen, der das Evangelium falsch verstanden hat, als Power-Möglichkeit, als Kraftmittel, als Erweiterung der eigenen Fähigkeiten. Ich wüsste es gerne, ob die beiden Apostel wirklich in die Fürbitte für diesen seltsamen Mann Simon Magus eingewilligt haben oder ob sie sie verweigert haben. Eigentlich kann ich mir das Letztere nicht vorstellen.

 25 Als sie nun das Wort des Herrn bezeugt und geredet hatten, kehrten sie wieder um nach Jerusalem und predigten das Evangelium in vielen Dörfern der Samariter.

Sie – gemeint sind wohl Petrus und Johannes – kehren wieder um, zurück nach Jerusalem. Unterwegs werden auch sie in den Dörfern der Samariter zu Predigern des Evangeliums. Andere Christen aber bleiben gleichfalls in Samarien unterwegs und tragen das Evangelium weiter. Das Intermezzo mit Simon darf den Gang des Evangeliums nicht aufhalten.

Zum Weiterdenken

„Wenn das Geld im Kasten springt…“ So plump wie Meister Tetzel sagt das heutzutage niemand mehr. Aber es gibt eine Menge Geschäftemacherei mit der Sehnsucht nach Heilung, mit der Sehnsucht nach geistlicher Erfahrung, mit der Sehnsucht nach spiritueller Tiefe, die diese Sehnsucht schamlos ausnützt.

Die Kirche hat diese Linie des Petrus – kein Geld für Ämter und Vollmachten – oft, zu oft verlassen. Kirchliche Ämter sind verschachert worden. Aber schlimmer: kirchliche Entscheidungen sind vom Geld beeinflusst worden. Man hat die „Simonie“ verurteilt, aber sich allzu oft kaufen lassen mit dem Versprechen von Einfluss, von Sicherheit, von öffentlicher Beachtung.

Es ist gut, dass Kirche heute nicht mehr so mit der Macht verknüpft ist, dass es sich lohnen würde, kirchliche Worte zu sponsern, kirchliche Ämter zu kaufen, kirchlichen Einfluss in Geld umzurechnen. Und doch bleibt der Bußruf des Petrus an Simon aktuell. Greift er doch eine Gesinnung an, die glaubt, mit den Gaben Gottes ins Geschäft kommen zu können.

Es bleibt die Frage, die ich mir selbst stelle: Wenn ich mich nach geistlichen Gaben ausstrecke, wenn ich auf der Suche bin nach „mehr“ im Leben als Christ, sind meine Motive dann immer rein? Und sind auch die Wege, wie ich das erreichen will, immer evangeliumsgemäß? Oder versuche ich auch manchmal, Gott etwas abzuhandeln, etwas „abzukaufen“ – natürlich nicht mit Geld, aber mit Wohlverhalten und ordentlicher Theologie, mit Lobpreisliedern und allem Möglichen an innovativen Maßnahmen? Ist das womöglich meine oder auch unsere Form von Simonie?

Nein, Simonie als Ämterkauf ist kein kirchliches Problem von heute. Vorbei aber ist es mit den Gedanken des Simon auch nicht. Man muss ein bisschen tiefer graben – ich mache mich in meinem Graben dabei durchaus angreifbar: Es gibt auch heute eine hohe Attraktivität von Zeichen und Wundern, von geistlichen Erfolgen. Menschen werden angezogen und wandern in Scharen dorthin: Zu Gottesdiensten, die anders sind, speziell, originell. Zu Menschen, die anders sind, authentisch, echt. Zu geistlichen Orten. Wallfahrten sind angesagt – evangelisch und katholisch. Es wirkt oftmals, als gebe es am Ort, durch die Person, in der Form so etwas wie einen verfügbaren Zugang zum Geheimnis Gottes, zu Gott selbst.

Der Gedanken, damals bei Simon wie heute ist: so etwas kann man doch erwerben. Es geht um Fähigkeiten, um Kompetenzen. Damit wir wirksam werden – nicht unbedingt erfolgreich – damit wir weiterkommen, erwerben wir spirituelle Kompetenz, liturgische Präsenz, biblisches Wissen, kommunikative Kompetenz, arbeiten wir an unserer gender- und geschlechtergerechten Sprache, Das Kurs-System unserer Aus-, Fort- und Weiterbildungen ist, zugestandenermaßen bösartig gesagt, die konsequente Fortsetzung der Gedanken des Simon. Wir erwerben direkten Zugriff auf das Geheimnis Gottes, auf Gott selbst.

Natürlich sagt keine und keiner, niemand das so. Gebt auch mir die Macht, damit jeder, dem ich die Hände auflege, den Heiligen Geist empfange. Wir sind ja nicht Simon. Aber man darf schon fragen: Steckt hinter unseren Programm nicht doch der gleiche Geist? Sind sie nicht doch der Versuch, das Unverfügbare und den Unverfügbaren irgendwie handhabbar zu machen?

 

Herr Jesus, es geht manchmal um die Motive des Herzens. Was treibt mich, Dein Wort zu sagen, Dir zu dienen, Deine Gaben zu erbitten. Was steckt hinter meiner Sehnsucht nach geistlichen Erfahrungen?

Suche ich wirklich Dich und Deinen Willen oder suche ich in Wahrheit mich, die Erweiterung meiner Möglichkeiten, den Gewinn an Kraft, an Power, an Einfluss?

Herr, Du Herzenskenner, sieh Du mich an. Prüfe, ob ich auf gutem Weg bin. Bewahre mich vor den Wegen der Selbstsucht. Leite mich auf Deinem Weg. Amen