Neue Leute, neue Strukturen

Apostelgeschichte 6, 1 – 7

 1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. 2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen.

Es ist wunderbar, wenn die Gemeinde wächst, manchmal auch schnell wächst. Davon erzählt Lukas mit großer Begeisterung. Die Kehrseite des Wachsens der Gemeinde benennt er aber auch. Lukas schweigt nicht über die Unzulänglichkeiten, die zum lauten Murren führen. Unruhe kommt auf, weil manche aus dem Blick geraten, nicht mehr gesehen werden, nicht die Aufmerksamkeit finden, die ihnen gut tun würde. Es gibt Witwen unter den griechischen Juden, die bei der Verteilung der Speisen übersehen werden. Wenn die Übersichtlichkeit der kleinen Zahl durch neue Leute verloren geht, wächst das Risiko, übersehen zu werden. Dass da Unruhe aufkommt, Unmut, Murren ist gewiss nicht verwunderlich. Es ist normal und ein Zeichen von Lebendigkeit. Wenn sie nicht murren würden, müsste man sich sorgen.

 Eine Priorität wird sichtbar. Die Zwölf haben als ihre erste Aufgabe die Verkündigung. Sie sind die Zeugen, die erzählen sollen, lehren, zum Glauben ermutigen. Bis jetzt haben sie auch das Andere gemacht, Mahlzeiten organisiert, Fürsorge geübt. Jetzt spüren sie: wir schaffen nicht alles und versäumen darüber unsere erste Aufgabe, das Wort Gottes.

Was sie da sagen, ist keine Abwertung der Fürsorge für die Gemeinde. Es ist kein „Das ist nicht so wichtig!“ „Wortdienst“ und den „Tischdienst“ – beides gleich wichtig, gleichgewichtig. Spannung ja, aber kein Gegensatz und schon gar kein distanziertes Nebeneinander. Leitend ist die Erkenntnis: Wir können nicht alles und alles gleich gut. Aber die Gemeinde braucht beide Dienste. Die Gemeinde wird beschädigt, wenn die Prioritäten verrutschen. Sie wird geschädigt, wenn Leute über ihren vielen Pflichten ihre erste Gabe vernachlässigen.

            Und: Neue Aufgaben brauchen neue Leute. Wer immerzu neue Aufgaben auf den immer gleichen Kreis von Leuten häuft, ist fahrlässig. Darum ist das Ja der Apostel zur neuen Aufgabe genauso wichtig und richtig wie ihr: aber nicht wir! Es geht also – das wird in den knappen Sätzen deutlich, nicht um Entlastung der Apostel, sondern um ein neues Amt, das neben ihre Aufgabe zu stehen kommt.

Ganz nebenbei wird etwas über die „Gemeindestruktur“ der ersten Gemeinde erkennbar. Es gibt „die Zwölf“ als Leitungsgremium. Sie nehmen die Aufgabe der Leitung der Gemeinde wahr – und sie tun das, in dem sie die Menge der Jünger zusammenrufen. Wenn man so will: eine Gemeindeversammlung organisieren, der sie ihre Fragen vorlegen – ohne sie schon vorentschieden zu haben.

3 Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst. 4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.

 Aus der Einsicht folgt ein Vorschlag: Wir brauchen andere, um die Aufgabe der Fürsorge in der Gemeinde zu übernehmen. Es werden Kriterien genannt für die, nach denen man Ausschau halten will. Sieben sollen es sein, damit nicht wieder gleich Überlastung droht. Und sie müssen in der Gemeinde anerkannt sein, einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sein. Es sind nicht Leute zweiter Wahl, die gesucht werden. Es sind Leute, die erstklassig sind, von Gott gerufen, mit Gottes Geist erfüllt.

            Und Weisheit ist allein schon deshalb nötig, weil sie an einer sensiblen Stelle arbeiten. Sie müssen darauf achten, dass keiner zu kurz kommt, keiner bevorzugt wird, keiner übersehen wird. Gemeindliche Diakonie braucht soziale Kompetenz – so würden wir heute sagen. Sie braucht offene Augen und offene Ohren. Sie braucht Geschick im Umgang mit Menschen. Sie braucht auch fachliches Können.

Hier entsteht das Bild einer Gemeinde, in der es unterschiedliche Aufgaben gibt. Das schafft Freiräume, die eigenen Aufgaben gut zu tun, weil man weiß: Andere erfüllen ihren Auftrag gut. Die Apostel werden entlastet bei dem zu bleiben, was sie als ihre Berufung sehen. Mit ihren Worten geben sie den neu zu wählenden „Diakonen“ ihr Feld frei.

 5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia. 6 Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie.

 Die Gemeinde folgt dem Vorschlag der Apostel. Sieben Männer werden gewählt. Die Gemeinde wählt sie. Sie haben ihre „Legitimation“ aus dieser Wahl und sind damit auch der Gemeinde verantwortlich. Sie werden eben nicht „nur“ durch die Apostel bestimmt. Hier leuchtet ein Bild von Gemeinde auf, das die Gemeinde mündig zeigt, das ihr zutraut, gute Entscheidungen zu treffen. Es ist ein sympathisch unhierarchisches Bild. Die Namen der Sieben deuten darauf hin: Sie vertreten die Gruppe der hellenistischen Juden.

Die Gemeinde wählt, die Apostel setzen ein. Sie legten die Hände auf sie. Handauflegung ist ein ehrwürdiger, uralter Ritus:Josua aber, der Sohn Nuns, wurde erfüllt mit dem Geist der Weisheit; denn Mose hatte seine Hände auf ihn gelegt.“ (5. Mose 34,9) Das macht schon deutlich: Dieser Dienst der Diakone ist ein geistlicher Dienst und nicht einfach „nur“ eine soziale Aufgabe. Es ist an der Zeit, dass wir als Kirche von dieser Einsetzung in den Dienst lernen – für Pfarramts-Sekretärinnen, Mitarbeitende im Besuchsdienst, im Kindergarten, für alle, die im Auftrag der Gemeinde aktiv sind.

7 Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

 Ist das die Folge geglückter Arbeitsteilung? Auch durch gute organisatorische Entscheidungen wird eine Gemeinde nach vorne gebracht. Es sind nicht nur die „geistlichen Schwerpunkte“ wie Gottesdienst, Bibelstunde, Hauskreis, Seelsorge – es ist auch das scheinbar „Weltliche“, so Vernünftige, wie eine Gemeinde sich organisiert, das sie wachsen lässt. Darum ist auch die Frage nach Wachstumshindernissen nicht nur eine Frage nach fehlenden Bibelstunden, nach noch mehr Angeboten in Sachen Verkündigung, sondern oft genug die Frage: Wer darf etwas tun? Wie organisiert ihr euer Tun und euer Lassen?

Dennoch ist mehr gesagt: Das Wort Gottes wirkt. Die Verkündigung findet Hörer und Herzen. Es bleibt nicht leer. „Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“ (Jesaja 55, 10-11) Die Gemeinde erlebt, wie sich die Prophetie erfüllt.

Warum wird es besonders erwähnt, dass auch viele Priester dem Glauben gehorsam werden? Weil es so viel in Jerusalem gibt – circa 8000? Weil sie als Gegner gelten? Vielleicht ist es einfach nur die Freude, die hier das Wort hat. Und es mag sein, dass die Gemeinde sich lange zum Tempel hielt und im Tempel traf, hat den Weg für die Priester in die neue Sammlungsbewegung erleichtert.

Zum Weiterdenken

  In der neutestamentlichen Wissenschaft ist man sich ziemlich einig. In dieser Passage wird auch eine für die ganze Kirchengeschichte umstürzende Entscheidung mit angebahnt. Der Weg des Evangeliums geht aus dem engen Kreis der Jerusalemer Judenschaft hinaus in die Welt. Es sind alles Juden – aber sie sind nicht alle immer schon Ortsansässige. Die Namen der Diakone weisen darauf hin: Das sind jüdische Männer mit einem hellenistischen, griechischen Hintergrund. Die Gemeinde muss unterschiedlich kulturell geprägte Menschen integrieren. Das geht nicht ohne Konflikt, und es wird – so wird sich später zeigen – nicht ohne tief-greifende Wandlungen im Leben und in der Frömmigkeitspraxis gehen.

Darf man aus diesen kargen Sätzchen eine Schlüssel-Erkenntnis für Gemeindeaufbau ableiten? Es gibt immer in Gemeinden, nicht nur in den schnell wachsenden, die Gefahr, dass Gruppen übersehen werden – einmal die Kinder und Jugendlichen, andernorts die Alten, hier die Zugezogenen, dort die Alteingesessenen. Singles bleiben in unseren doch häufig familienorientieren Angeboten leicht außen vor.  Vorsicht ist geboten: Es ist nur zu natürlich, dass die Aufmerksamkeit in einer Gemeinde zuerst auf den „Kern“ geht, der immer schon da ist. Das macht allerdings alle anderen zum „Rand“ und randständig. Aber Gemeinde wächst nur von ihren Rändern her.

Das stellt mich vor die Frage: War ich in meiner Zeit als leitender Mensch in der Gemeinde aufmerksam für die Ränder oder habe ich allzu häufig, weil es einem Zustimmung einbringt, vorrangig den Kern bedient? Habe ich das Wachsen an den Rändern durch meine Arbeit gefördert? Es lässt mich auch fragen: Habe ich das leise Murren an den Rändern, wenn es das denn gab, überhaupt wahrgenommen? Vielleicht ist es eine der Gefahren bis heute, dass Gemeindeatmosphäre so sein kann, dass sie kein Murren zulässt, weil alle immer davon ausgehen, dass es keine Alternative zu dem gibt, wie es gerade in der Gemeinde ist.

Heiliger Gott. Du leitest Deine Gemeinde. Du lässt sie Schritte tun, die sie nach vorne bringen. Du hilfst, Herausforderungen zu erkennen, sich ihnen zu stellen, sie nicht zu verdrängen. Es ist gut, dass wir sehen können, dass auch durch Murren Konflikte, Spannungen fruchtbar werden können.

Verändere Du unseren Blick auf das, was bei uns nicht gut läuft, wo sich Brüche zeigen, wo wir Schwierigkeiten sehen. Lass uns Lösungen suchen. Schenke uns Phantasie. Gib uns das Zutrauen, dass wir Arbeit loslassen können und sie anderen zutrauen. Du sorgst doch für Deine Gemeinde, auch heute – so, dass sie Menschen dienen kann und aus Deinem Wort leben. Amen