Gamaliel – ein einsamer Mahner?

Apostelgeschichte 5, 34 – 42

34 Da stand aber im Hohen Rat ein Pharisäer auf mit Namen Gamaliel, ein Schriftgelehrter, vom ganzen Volk in Ehren gehalten, und ließ die Männer für kurze Zeit hinausführen.

  Der Hohe Rat ist kein kleines Gremium, lauter gewichtige Leute. Einer hebt sich dennoch aus der Menge heraus. Ein Pharisäer auf mit Namen Gamaliel. Einer, der etwas gilt, im Rat und im Volk. Er hat keine Angst um sein Ansehen. Er fällt dem Zorn in den Arm. Er leistet sich den Luxus einer eigenen Meinung.

Das ist mutig, gerade wenn die Entrüstung groß ist und die Wut herrscht. Sich der Mehrheitsmeinung entgegenstellen ist immer eine Mutfrage. Aber erst recht ist das so, wenn die Mehrheit vor Wut schäumt und Opfer sehen will. Damit er Freiraum zum Reden gewinnt, lässt er die beiden Apostel herausführen. Es scheint, Gamaliel übernimmt, auch wenn er nicht Hoher Priester ist, informell und ohne Amt die Leitung der Sitzung. So groß ist sein Ansehen. Und so klug ist sein Tun: Wenn die Objekte des Zornes aus dem Blick sind, lässt sich vielleicht auch besonnener über den eigenen Zorn denken und reden. Darum lässt er die Männer, Petrus und Johannes, für kurze Zeit hinausführen. Das läuft auf eine Unterbrechung der Sitzung hinaus, auf Zeitgewinn, auf eine Denkpause, um die Gemüter zu beruhigen.

35 Und er sprach zu ihnen: Ihr Männer von Israel, seht genau zu, was ihr mit diesen Menschen tun wollt.

              Gamaliel plädiert für Klarheit, indem er nach den Zielen fragt. Ist eigentlich schon beschlossen, was mit den Beiden werden soll? Weiß jemand, was das für Folgen haben wird? Er ignoriert, was vorher in der hoch schäumenden Wut schon widerspruchslos klar erscheint, dass sie des Todes sind. Er möchte die Versammlung zum Nachdenken bringen. Er mahnt die Ratsmitglieder zum Innehalten, zum Nachdenken zur Vernunft, wo nur noch Zustimmung und Mitmachen gefragt sind. Er verlangsamt das Verfahren. Das ist in so einer Situation schon viel. Gamaliel lässt sich nicht anstecken von der Aufgeregtheit, von den raschen Parolen. Wir müssen handeln. Jetzt. Denn es steht doch alles auf dem Spiel.

36 Denn vor einiger Zeit stand Theudas auf und gab vor, er wäre etwas, und ihm hing eine Anzahl Männer an, etwa vierhundert. Der wurde erschlagen und alle, die ihm folgten, wurden zerstreut und vernichtet. 37 Danach stand Judas der Galiläer auf in den Tagen der Volkszählung und brachte eine Menge Volk hinter sich zum Aufruhr; und der ist auch umgekommen und alle, die ihm folgten, wurden zerstreut.

 Es ist immer gut, wenn man Parallelen ziehen kann, Präzedenz-Fälle aufzeigen kann. Darum führt Gamaliel Theudas an und Judas den Galiläer. Über beide gibt es Auskunft bei Josephus in seiner Schrift Jüdische Altertümer. Dort nennt Josephus „Theudas einen Betrüger“ (Josephus, Jüdische Altertümer, 20. Buch, 5. Kapitel, Wiesbaden o. J. S. 650)     Beide waren vermutlich Freiheitskämpfer, wohl mit antirömischem Anspruch. Beide hatten Zulauf und beide schienen zu großen Bewegungen zu werden. Vom Tod des Theudas weiß Josephus, über das Ende des Judas schweigt er. Aber, so der Hinweis des Gamaliel, wie rasch ist alles zusammen gebrochen, hat sich als Strohfeuer erwiesen. Diese Bewegungen haben sich in Nichts aufgelöst.

  Ohne dass er es sagen muss, ist seine Absicht deutlich zu erkennen. Der Fortgang der Geschichte hat gezeigt, dass Gott nicht hinter ihnen stand. Es sind Gottes Urteile und also „Gottesurteile“, die hier sichtbar werden: Das ist nicht mein Weg! Es ist das Argument, dass auch für die Prüfung der Prophetie angeführt wird: Die Wirklichkeit wird erweisen, ob Gott hinter ihnen steht. So kann nur argumentieren, wer genau das glaubt: Dass Gott in der Geschichte handelt, so handelt, dass er das Wort und das Handeln seiner Leute bestätigt – und wenn es nicht seine Leute sind und es nicht seine Willen entspricht, kommt es nicht zu Stande.

38 Und nun sage ich euch: Lasst ab von diesen Menschen und lasst sie gehen! Ist dies Vorhaben oder dies Werk von Menschen, so wird’s untergehen; 39 ist es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten – damit ihr nicht dasteht als solche, die gegen Gott streiten wollen.

  Das ist der Rat des Gamaliel: Überlasst es Gott und seinem Urteil, was wird. Traut doch Gott zu, dass Gott sich durchsetzt. Ihr müsst dem Werk Gottes nicht auf die Sprünge helfen, schon gar nicht durch solche mörderische Gewalt.

  Mehr noch. Gamaliel warnt davor, sich gegen Gott zu stellen. „Was“, so fragt er, „wenn Gott diesen Weg bestätigte?“ Es ist die Frage, die Lukas durch Gamaliel an seine jüdischen Leserinnen und Leser stellt. Es ist die Frage, die sich an Jeden stellt, der sich mit dem Glauben an Jesus Christus auseinander setzt: Was, wenn das der Weg Gottes ist und Du versäumst ihn oder bekämpfst ihn. Dann stellst Du Dich doch gegen Gott. Willst Du das wirklich auf Dich nehmen? Bist du Dir in Deinem Urteil so sicher?

Da stimmten sie ihm zu 40 und riefen die Apostel herein, ließen sie geißeln und geboten ihnen, sie sollten nicht mehr im Namen Jesu reden, und ließen sie gehen.

Die Leute im Rat jedenfalls lassen sich überzeugen. Sie hören auf die Stimme der Geduld. Sie lassen ab von ihrer Wut und ihrem raschen Urteil. Wenigstens diesmal. Aber sie kommen nicht heraus aus ihren Drohgebärden. Sie lassen die Jünger ihre Macht spüren, sie ließen sie geißeln. Es ist ein irgendwie auch verzweifelter Versuch, dem Geschehen Einhalt zu bieten. Das Verbot, von Jesus zu reden, wird erneuert. In der Hoffnung, dass Schläge und Redeverbot sie ordentlich eingeschüchtert haben, lassen sie schließlich die beiden Apostel laufen.  Es ist oft so, dass Drohgebärden und Gewalt nur die eigene innere Hilflosigkeit über decken. Der Starke kann es sich leisten, auf so etwas zu verzichten. Nur der Schwache braucht Gewalt.

41 Sie gingen aber fröhlich von dem Hohen Rat fort, weil sie würdig gewesen waren, um Seines Namens willen Schmach zu leiden, 42 und sie hörten nicht auf, alle Tage im Tempel und hier und dort in den Häusern zu lehren und zu predigen das Evangelium von Jesus Christus.

Seltsame Freude! Weil sie würdig gewesen waren, um Seines Namens willen Schmach zu leiden. Es ist eine Haltung, die uns völlig fremd ist, die aber im Neuen Testament nicht einmalig ist. Es ist die Haltung, in die Jesus selbst seine Jünger einweist – ausgerechnet in den Seligpreisungen! Wir kämen nicht so rasch auf diese Idee, Leidende selig zu preisen. „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen. Freut euch an jenem Tage und springt vor Freude; denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel.“ (Lukas 6,22-23)

Aus diesem Wissen: Es ist der Weg hinter Jesus her, entsteht ein Denken, wie es sich auch in Worten des Paulus zeigt: „Denn euch ist es gegeben um Christi willen, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch um seinetwillen zu leiden.“ (Philipper 1,29). Für die christliche Gemeinde der Frühzeit ist Leiden als Konsequenz des Bekenntnisses zu Jesus also nicht ein Einwand gegen den Glauben, sondern regelrecht eine Bestätigung: Wir sind in der Spur des Herrn Jesus. Wir teilen seine Leiden.

  Es ist beeindruckend. Sie machen weiter mit ihren Treffen im Tempel, mit ihren Gesprächen und Treffen hier und dort in den Häusern und der öffentlichen Verkündigung. Der Name Jesu wird nicht totgeschwiegen. Sie verkriechen sich nicht im Untergrund. Das Evangelium läuft weiter.

Zum Weiterdenken

Gamaliel geht schlicht vom Weltregiment Gottes aus. Gott wird das Werk der Apostel bestätigen, wenn es ihm entspricht oder es untergehen lassen, wenn es seinem Willen widerspricht. Er wird den Weg nach vorne öffnen oder verschließen. So handelt Gott doch schon immer – beim Auszug aus Ägypten, bei der Landnahme, im Untergang des Königtums und dem Exil. Also: ein bisschen weniger Aufregung und ein bisschen mehr Gottvertrauen. Wie oft wird in unseren Gemeinden der Stab gebrochen über die, die anders sind, die unsere Standards nicht erfüllen. Wie oft wird anderen abgesprochen, dass sie durch ihr Handeln das Reich Gottes vorwärts bringen, dem Willen Gottes dienen, das Werk Jesu tun, bloß deshalb, weil es nicht den eigenen Vorstellungen entspricht. Wie oft stehen wir mit solchem Reden und Tun „Seit an Seit“ mit den Leuten des Hohen Rates in ihrer Wut und ihrem Hass. Es gibt eine christliche Unduldsamkeit, die sehr unchristlich ist. Hören auf den Rat des Gamaliel kann da zur Besinnung führen. Christliche Ungeduld und Unduldsamkeit haben zu oft den Rat des Gamaliel übersprungen.

Dieser Satz des Gamaliel stellt alle in Frage, Juden, Moslems, Hindus, Buddhisten, Atheisten, Christen, die ganz genau zu wissen glauben, dass Gott ihren Weg zu gehen hat, dass er ihre Weise zu glauben zu bestätigen hat und dass sie deshalb auch das Recht haben, Andere zu beurteilen und zu verurteilen. Religiöse Rechthaberei und Intoleranz bekommt hier ihre Grenze gezeigt: Ihr seid nicht die Ratsherren Gottes.

Darüber hinaus: Unsere Zeit könnte den Rat des Gamaliel heute vielfältig gut gebrauchen, Ich erlebe die Gegenwart immer mehr als aufgeregte Zeit, als hektisch. Alles ist immer gleich historisch – dabei ist oft nur die jeweilige Einschätzung hysterisch – und immer geht es um Sein oder Nichtsein.  Immer ist die Aufgabe gestellt, „nur noch schnell die Welt zu retten“(T. Benzko) Übernehmen wir uns dabei nicht? Sind wir nicht zu oft ein wenig größenwahnsinnig, abwechselnd getrieben von Untergangsängsten und Selbstüberschätzung? Gamaliel mahnt zur Gelassenheit, zu einem Blickwechsel aus Glauben. Mahnt dazu, die Welt Gott zu lassen. Gott weiß schon, wie es weitergehen wird. Das reduziert den Handlungsdruck und die Tragweite der eigenen Entscheidungen. Das ist zugleich keine Einladung zur Verantwortungslosigkeit und zum Nichtstun. Wohl aber eine Entlastung durch die Relativierung der eigenen Aufgeregtheiten. Gott weiß mehr und er weiß weiter.

Wie viel Gewalt wäre auch in der Christenheit unterblieben, wenn dieser Rat des Gamaliel nicht nur irgendwie historisch wohlwollend zur Kenntnis genommen worden wäre, sondern in der Gegenwart beherzigt. Er ist eine Aufforderung zur Gelassenheit. Auch eine Aufforderung, sich vor den allzu raschen Urteilen zu hüten. Er ist die Aufforderung, sich nicht zu Richtern aufzuspielen, die die Urteile Gottes vorweg nehmen und auch noch selbst vollziehen.

  Auch das geht mir nach: Aus dieser Szene und der Prügelstrafe für Petrus und Johannes hat man die grundsätzliche Ablehung des „Judentums“ gegenüber der Jesusbewegung lesen wollen. Aber gibt es überhaupt ein womöglich einheitliche „Judentum“ zur damaligen Zeit? Ist es nicht damals wie heute das Christentum, vielfältig und oft genug zerstritten? Auch das hat man finden wollen: Bruch mit dem Glauben, Ungehorsam gegen Gott. Nur – nichts davon steht hier. Der Hohe Rat beruft sich nicht auf Gott. Und er fällt – in seinen Augen auch keine Entscheidung gegen Gott. Er will nur, dass das alles aufhört mit dieser selsamen Sekte der Jesusbewegung.

Herr Jesus, viel zu oft habe ich geschwiegen, nicht zur Geduld gemahnt, nicht zur Gelassenheit gerufen, nicht den Mut gehabt, mich einer Mehrheit entgegenzustellen. Viel zu oft haben wir als Christen den Zorn geschürt statt ihn zu einzudämmen, zum Handeln gerufen statt dazu zu mahnen, dem Handeln Gottes Raum zu lassen. Herr, wir haben so selten auf der Seite Gamaliels gestanden und so oft auf der Seite der raschen Urteile.

Herr Jesus, hilf Du uns, durch Deinen Geist der Besonnenheit und Gelassenheit dem Leben und den Menschen besser gerecht zu werden. Amen