Brücken bauen – Wege öffnen

Apostelgeschichte 3, 17 – 26

17 Nun, liebe Brüder, ich weiß, dass ihr’s aus Unwissenheit getan habt wie auch eure Oberen.

Dem scharfen Angriff folgt – aus dem Mund des Petrus, nicht aus dem seiner Hörer – eine Entschuldigung. Es ist die Entschuldigung, die schon am Kreuz aus dem Mund Jesu laut wird: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23,34) Unwissenheit, α̉́γνοια – das ist die Erklärung des Lukas für das Verhalten der Menschen Christus gegenüber. Sie wissen es nicht besser. Unwissenheit ist etwas anderes als Handeln wider besseres Wissen! Das ist die Lage des Volkes, lang zuvor bei Jesaja (6,10) angesagt: „Mit sehenden Augen nicht sehen, mit hörenden Ohren nicht hören.“ Sie sind blind für die göttliche Wirklichkeit, die sie vor Augen haben. Es ist die Wirklichkeit des natürlichen Menschen, dass er nicht sieht, mit wem er es zu tun hat, dass er Gott nicht erkennt in Jesus.

Es ist, so denke ich, eine Entschuldigung aus Liebe. Petrus redet Klartext, aber er verliert dabei nicht aus den Augen: Ich will meine Zuhörer für den Glauben gewinnen und sie nicht lieblos aburteilen. Er eröffnet keine Treibjagd auf die Christusmörder. Wo immer man das später getan hat, hätte man besser auf die Worte des Petrus achten sollen.

An dieser Stelle wäre die Christenheit besser der Spur des Petrus gefolgt. Er baut seinen Zuhörern eine Brücke. Er kommt ihnen entgehen: Ihr habt es nicht besser gewusst. Er legt sie nicht auf das fest, was sie getan haben sondern hofft darauf, dass ihnen jetzt die Augen aufgehen.

Viel zu oft sind christlichen Kirchen nicht in dieser Weise mit Irrenden umgegangen. Sie sind wie Scharfrichter aufgetreten. Wenn einer die falschen Sätze über Gott und Jesus gesagt hat, dann ist er durchgefallen. In früheren Zeiten als Ketzer ausgestoßen. Heute wird es so hart nicht mehr – man lässt ihn links liegen. Petrus zeigt dem gegenüber eine Großzügigkeit des Herzens, die mich staunen lässt. Er spiegelt in dieser Weise wieder, wie Jesus mit ihm umgegangen ist – der ihm sein Versagen nicht vorgehalten hat und ihn nicht entwertet hat. Ich glaube, wie können von Petrus – dem ersten Pontifex – das Brückenbauen lernen, wie wir mit denen umgehen sollen, die sich aus Unwissenheit und Blindheit von Gott abkehren. 

 18 Gott aber hat erfüllt, was er durch den Mund aller seiner Propheten zuvor verkündigt hat: dass sein Christus leiden sollte.

Gott aber lässt sich weder durch Unwissenheit noch durch Ungehorsam aufhalten. Was immer Menschen tun, muss am Ende doch seinem Heilswillen dienen. Dabei ist es eine durchaus eigenwillige Sicht, dass alle seiner Propheten zuvor verkündigt haben, dass sein Christus leiden sollte. Jesaja hat Leiden angesagt für den Gottesknecht. Jeremia hat es als ein Vorläufer am eigenen Leib gespürt, wie Gottes Knechte leiden, obwohl er gewiss nicht der Christus war. Sacharja zitiert: „Sie werden mich ansehen, den sie durchbohrt haben.“ (Sacharja 12,10), ein Wort, das sowohl das Johannesevangelium (19,37) als auch die Offenbarung des Johannes (1,7) aufgreifen und auf Christus beziehen. Aber alle Propheten?  Wahrscheinlich stehen die Genannten aber für alle – pars pro toto.

19 So tut nun Buße und bekehrt euch, dass eure Sünden getilgt werden, 20 damit die Zeit der Erquickung komme von dem Angesicht des Herrn und er den sende, der euch zuvor zum Christus bestimmt ist: Jesus.

Wieder: So tut nun Buße! μετανοσατε. Wieder der Ruf zur Umkehr, zum neuen Leben. Der Bußruf, wie ihn das Neue Testament versteht, zielt nie auf moralische Zerknirschung, auf Kleinmachen und Gefügigmachen, sondern immer auf Befreiung, auf Erquickung, auf Entlastung und Aufatmen. Auf einen neuen Weg. Vertraut den neuen Wegen…..

Es ist auch hier mit Händen zu greifen: Bußpredigt ist Christus-Predigt. Es geht nie darum, Menschen klein zu machen. Wann immer Buß-Prediger Menschen verdonnert haben, haben sie die Spur des Petrus verlassen. Er verkündigt Jesus Christus als neuen Lebensweg, als Angebot Gottes, als Zeit der Erquickung. Wenn Jesus kommt, ist die Zeit des Streites und Unfriedens vorbei –  es beginnt das Fest Gottes. Aufatmen und frei sein.

Petrus wird nicht müde, so zur Umkehr zu rufen. Manchmal denke ich, dass wir nicht so gerne hören: Tut Buße! Wir hören darin vor allem die Kritik am bisherigen Weg, das Urteil: Alles reicht nicht aus. Alles ist falsch. Schlecht. Verdorben. Tut Buße klingt nach notwendiger Korrektur, ohne die es nicht weiter geht. Wenn uns einer sagt: Weiter so! hören wir das gerne. es spornt an. Da fühlen wir uns bestätigt. Buße klingt nach Verneinung meiner bisherigen Wege – das waren Sackgassen und Holzwege. Was aber, wenn dieser Ruf mit dem darin enthaltenen Urteil die barmherzige Wahrheit wäre und das so gern gehörte „Weiter so“ die unbarmherzige, lieblose Lüge?

21 Ihn muss der Himmel aufnehmen bis zu der Zeit, in der alles wiedergebracht wird, wovon Gott geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten von Anbeginn.

Der Himmel ist der Aufbewahrungsort Jesu. So klingt das hier ein bisschen. Da ist er jetzt in Sicherheit. Was er da, im Himmel, tut, darum geht es an dieser Stelle nicht. Um das zu erfahren, müssen wir anderswo nachschauen: „Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.“ (Römer, 8,34) Hier geht es nur darum: „Von dort wird er kommen“ und alles wird in seinem Kommen zurecht gebracht werden.

In der Mitte des Satzes findet sich ein Ausdruck, der für den Weg der Kirche höchst bedeutungsvoll geworden ist: Bis zu der Zeit, in der alles wiedergebracht wird. άποκαταστάςσις πάντων – die Wiederbringung aller. Schon in der Alten Kirche ist das ein großes Thema. Es sind große Namen in der Christenheit, die diese Hoffnung geteilt haben – Oetinger, Schleiermacher, und manchmal scheint es mir auch: Karl Barth.

22 Mose hat gesagt (5.Mose 18,15; 18,19): »Einen Propheten wie mich wird euch der Herr, euer Gott, erwecken aus euren Brüdern; den sollt ihr hören in allem, was er zu euch sagen wird. 23 Und es wird geschehen, wer diesen Propheten nicht hören wird, der soll vertilgt werden aus dem Volk.«

 Mose hat einen endzeitlichen Propheten nach seiner Art angekündigt. „Diese Ankündigung hat sich in der Sendung des irdischen Jesus erfüllt.“(R. Pesch, aaO. S. 157) Damit steht Israel vor der Frage: Hören wir auf ihn oder weisen wir ihn ab? Diese Frage ist auch mit der Kreuzigung Jesu noch nicht endgültig beantwortet. Sie wird in der Verkündigung des Petrus neu gestellt, Das ist seine Botschaft: Es ist noch Raum zur Umkehr, zur Rettung.

Darum meine Frage: Darf man aus diesen Worten die folgende schreckliche Folgerung ziehen, die sich freilich der Übereinstimmung mit großen Teilen unserer theologischen Tradition gewiss sein kann: Das wahre Israel ist nur da, wo Jesu Stimme gehört wird. Das geht weit über das hinaus, was Petrus hier sagt.

 24 Und alle Propheten von Samuel an, wie viele auch danach geredet haben, die haben auch diese Tage verkündigt. 25 Ihr seid die Söhne der Propheten und des Bundes, den Gott geschlossen hat mit euren Vätern, als er zu Abraham sprach (1.Mose 22,18): »Durch dein Geschlecht sollen gesegnet werden alle Völker auf Erden.«

Hier wird etwas spürbar vom Ringen der jungen Christengemeinde um ihre jüdischen Brüder und Schwestern. Sie wollen es ihnen deutlich machen: Ihr seid zum Heil gerufen. Ihr seid die ersten Adressaten der Sendung des Christus. Ihr seid gemeint, gewollt, weil ihr  die Israeliten seid, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch.“ (Römer 9,4-5) Es ist die Liebe zu ihrem Volk, die hier nicht locker lässt. Und es ist die Bindung an den Weg Gottes von den Vätern her, der hier wieder und wieder beharren lässt: Das ist Gottes Weg von Anfang an.

26 Für euch zuerst hat Gott seinen Knecht Jesus erweckt und hat ihn zu euch gesandt, euch zu segnen, dass ein jeder sich bekehre von seiner Bosheit.

 Für euch zuerst – das ist  die gemeinsame Botschaft der Gemeinde. Es ist die Reihenfolge, die Paulus immer wieder benennt. „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.“(Römer 1,16) Es ist auch die Reihenfolge, die Paulus nach der Erzählung der Apostelgeschichte in seiner Missionspraxis beibehält: Erst der Weg in die Synagoge, dann zu den Versammlungsorten der Heiden. Diese Reihenfolge darf nie umgedreht werden und darf nie außer Kraft gesetzt werden. Es gibt kein Heil für uns Heiden an den Brüdern und Schwestern aus Israel vorbei. Es gibt kein Heil in ihrer Enterbung.

Es ist eine der schlimmsten Verirrungen der Christenheit, dass sie geglaubt hat, Israel ersetzen zu können, Israel absetzen zu können und sich so über den Heilsplan Gottes hinweg gesetzt hat. Ich mag es nicht, dass heute alle möglichen Texte des NT als anti-judaistisch und antisemitisch gebrandmarkt werden. Aber ich sehe auch, wie schwer die Christenheit durch die Jahrhunderte hin genau durch ihren Antijudaismus und ihren Hochmut gegenüber dem Heilsweg Gottes geschädigt worden ist, sich selbst geschädigt hat.

Der Jude Petrus ruft seine jüdischen Hörer und Hörerinnen zur Umkehr, zur Hinkehr zu Jesus als dem Christus, bei dem allein Rettung ist. Und er macht es dringlich. Die Christus-Predigt ist nicht dadurch überflüssig, dass Israel das Volk ist, das Gott sich von den Vätern her erwählt hat. Sie hat vielmehr gerade in dieser Erwählung ihren Grund. Die Erwählung Israels kommt ja in dem erwählten Jesus von Nazareth, dem Christus Gottes, an ihr Ziel.

Zum Weiterdenken

„Der Ausdruck apokatastasis panton kommt im Neuen Testament nur dies eine Mal vor. Auch hier nur in einem Nebensatz. Aber es konnte nicht anders sein, als dass die fromme Spekulation sich an diesen Ausdruck heftete, um an ihn die große Frage anzuschließen, welches einmal das Ende der Dinge und die Vollendung des göttlichen Heilswerkes sein werde. Wird es Gottes letztes Wort sein, dass die einen zur Seligkeit eingehen und die anderen zur Verdammnis oder wird zuletzt die Gnade triumphieren und alle Kreatur in die Gemeinschaft mit Gott aufnehmen?“(O. Dibelius, aaO. S. 52) Die Frage stellen heißt: Sie offen halten. Die Antwort ist Gottes Werk und nicht unser Beschluss – so oder so. Wer hier zu wissen glaubt, was allein möglich ist, übernimmt sich.  Aber es wird wohl doch auch so sein und sein dürfen, dass ich hoffen darf, dass am Ende die Gehenna, die Hölle, das Totenreich leer steht und das Leben und das Erbarmen gesiegt hat.

 

Heiliger Gott, die Liebe zu Deinem Volk Israel gehört zum Glauben. Du hast diese Liebe nie aufgekündigt. Du hast sie durchgehalten am Kreuz und in den Zeiten der Verfolgung. Du hast sie durchgehalten im Feuer der Vernichtung.

Gib Du uns, Deinen Christen, dass wir die Liebe zu Deinem Volk neu lernen, nicht aus Schuldbewusstsein, nicht voller Scham, sondern weil wir uns anstecken lassen von Deiner Liebe.

Gib mir, dass ich es immer mehr innerlich ergreife, wie der Glaube mich mit Deinem Volk Israel verbindet. Amen