Auf die Beine gestellt

Apostelgeschichte 3, 1 – 10

 1 Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit.

Nach dem knappen „Summarium“ wird es jetzt wieder anschaulich, bildhaft, wenn man so will: konkret. Es wird vorher wiederholt angedeutet, dass die Jerusalemer Gemeinde sich im Tempel sammelt, dort betet, dort ihren Platz hat. Man kann fragen, ob das nicht erstaunlich ist angesichts der Tatsache, dass die Worte Jesu über den zerbrechenden Tempel und sein bevorstehendes Ende gewichtige Argumente in seinem Prozess waren. Aber wie auch immer, sie gehen dorthin. So auch Petrus und Johannes. Sie wollen zur Gebetszeit, wörtlich: „zur Stunde des Gebets“ im Tempel sein. Sie sind es so gewöhnt.

Die Bibel denkt positiv von geistlichen Gewohnheiten. Sie ist weit davon entfernt, sie für stumpfe Routine zu halten. Der Glaube braucht Gewohnheiten, in denen er „wohnen“ kann, in denen er stabil sein kann. Das ist die gute Rolle von Ritualen. Wir Evangelischen haben – sehr zum eigenen Schaden und zum Schaden unserer Gemeinden – über lange Zeit vergessen, von der positiven Seite solcher Rituale und Gewohnheiten zu reden und sie auch einzuüben.  

2 Und es wurde ein Mann herbeigetragen, lahm von Mutterleibe; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen.

Das ist bis heute an vielen Orten so, besonders an “heiligen Orten”: Vor Kirchen finden sich immer wieder Bettler. Sie sind der gestaltgewordene Appell: Nimm ernst, dass zu den Pflichten des Glaubens die Sorge für die gehört, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. 

            Es sind mildtätige Leute, die ihn dorthin tragen. Er selbst kann ja nicht gehen. Er ist gelähmt von Kindesbeinen an. Er wird dorthin gesetzt und abends wieder abgeholt. Es ist sein “Arbeitsplatz”. Er ist diesen Platz gewöhnt und füllt ihn routiniert aus. An einem besonders schönen Zugang zum Tempel. Vielleicht allerdings ist ein solches Tor erst dann über die äußere Pracht hinaus wirklich schön, wenn dort auch schöne Dinge geschehen. 

              Für Menschen, die zur Kirche, zum Tempel gehen, kann dieser Anblick ganz schön hart sein, fragt er sie doch: “Lässt Du Dein Herz erweichen oder machst Du es hart?” Heute sitzen solche Bettler immer häufiger auch vor den großen Einkaufszentren und Geldhäusern und in den Einkaufsstraßen wie der Zeil oder der Kö oder Maximiliansstraße. Sie machen so deutlich: Das sind die Tempel unserer Tage. Das sind die Orte der Anbetung und die Bettler an ihren schönen Pforten  erinnern daran: Almosen, Barmherzigkeit ist die Pflicht der Reichen.

 3 Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. 4 Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! 5 Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge.

          Vielleicht hat der Gelähmte die beiden schon oft gesehen, wie sie achtlos, mit sich und ihrem Beten beschäftigt, an ihm vorüber gegangen sind. Irgendwann kommt der Gedanke: Wer so oft in den Tempel kommt, muss doch eine offene Hand haben. Wer so oft in den Tempel kommt, der muss doch ein wenig Mitleid kennen. Wer so oft in den Tempel kommt, der muss doch etwas von der Barmherzigkeit Gottes erfahren haben und weitergeben, was er empfangen hat. Darum bittet er sie.

         Mitten im Strom der Tempelbesucher und -Besucherinnen kommt es nun zum Halt. Petrus und Johannes bleiben stehen. Sie haben die Bitte gehört. Sie haben den An-Ruf in der Bitte gehört. Sie sehen ihn an. Hören und Sehen – das ist in biblischen Texten oft der Anfang der Hilfe Gottes. Und Gott erhörte ihr Wehklagen und gedachte seines Bundes mit Abraham, Isaak und Jakob. Und Gott sah auf die Israeliten und nahm sich ihrer an.“ (2. Mose 2, 24-25) Dass Petrus und Johannes hören und sehen, das ist der erste Schritt zur Hilfe. Und bis heute bleibt es dabei, dass es offene Ohren und offene Augen braucht, bevor es zu offenen Händen und einem geöffneten Herzen kommt. Wer Not nicht hört und sieht, wird nicht helfen.

  Es kommt zum Blickkontakt. Petrus fordert ihn ausdrücklich heraus: Sieh uns an! Was ist das? Es könnte die Aufforderung sein: Schäme dich nicht! Es könnte die Aufforderung sein: Nimm uns wahr, von denen Du etwas willst. Es könnte auch einfach das sein, dass Petrus sehen will: Ist da überhaupt noch Erwartung in diesem Gesicht? Oder ist es längst stumpf geworden, erwartungslos, hoffnungslos?

 Aber da ist noch Erwartung. Da ist nicht alles stumpf und tot. Er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. Ein paar Groschen könnten es schon sein. Kleine Münze. So, dass es vielleicht reicht für heute, zur Not, so, dass er morgen vielleicht nicht wieder hierher getragen werden muss.

6 Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! 7 Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf.

 Es mag sein, als er so angesehen und angesprochen wird, als er aus seiner Routine der mit gesenkten Kopf hingehaltenen Hand gerissen wird, wird Hoffnung auf eine große Gabe in dem Gelähmten geweckt. Aber nun kommt die Enttäuschung. Silber und Gold habe ich nicht. Petrus sieht die ausgestreckte Hand und sagt: Was Du Dir erhoffst, das habe ich nicht. Was Du Dir von mir erwartest, das kann ich Dir nicht geben. Gott sei Dank sagt Petrus nicht: Es würde Dir ja auch nicht helfen. Er gibt ihm keine Lektion in richtigen Erwartungen.

 Früher einmal, da hat der Gelähmte vielleicht auf ein Wunder Gottes gehofft, mit heißem Herzen um Heilung gebetet. Aber als die Jahre dahingingen, da ist diese Hoffnung zerbrochen, wohl auch das Gebet verstummt. Da blieben nur noch die kleinen Hoffnungen übrig: dass sich am Morgen und am Abend Nachbarn finden, die ihn tragen, dass sich am Tag eine offene Hand findet, die. ihm den Hunger stillt, dass sich am Tag einmal einer findet, der in einer Schwierigkeit behilflich ist. Und jetzt: Eine Enttäuschung mehr.

  Aber Petrus ist noch nicht fertig mit seinem Satz: Was ich aber habe, das gebe ich dir. Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Eine Aufforderung, ja, ein Befehl, der alles sprengt. Und er, der so befiehlt, hilft auch dazu, dem Befehl nachzukommen: nd er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Es gibt Befehle, die einfach so gegeben werden. Es gibt Aufforderungen, die überfordern. Petrus aber hilft, seinem Wort nachzukommen. Er macht nicht nur Worte. Das Heil, das im Namen Jesu liegt, ist nicht nur jenseitig. Es versöhnt nicht nur mit dem ewigen Gott. Es öffnet auch in dieser Welt Wege zu neuen Lebensschritten. Buchstäblich.

Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, 8 er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. 9 Und es sah ihn alles Volk umher gehen und Gott loben.

Mit gleich fünf verschiedenen Worten beschreibt Lukas, wie der jetzt Geheilte im Tempel herum hüpft und springt, tanzt  – zur Ehre Gottes. In dieser Vielfalt der Worte spiegelt sich das Staunen über die Tat. Gottes. Daran ist ja kein Zweifel – nicht Petrus ist der Heiler, sondern Gott  hat gehandelt durch ihn. Wie bewegend ist das: Ein Mensch hat die heilsame Güte Gottes erfahren und nun erfährt es die Gemeinde. Sie erfährt es dadurch, dass sie sieht, wie er sich bewegt, wie er seinen Beinen traut, wie er sich traut.

 Es ist unglaublich schön: Einer, der nie auf den eigenen Beinen stehen konnte, ist auf die Beine gekommen. Er ist aufgerichtet worden. Er kann es jetzt ausprobieren, wie es ist, auf eigenen Füßen zu stehen. Fast kann man die Sätze ja auch so lesen: Er probiert, ob es wahr ist, ob er seinen eigenen Beinen wirklich trauen kann. Und mit jedem Schritt und jedem Sprung, jedem Hüpfer, und sei er noch so wacklig, wächst das Zutrauen zu sich selbst.

 Was hier in einem Augenblick geschieht, ist anderswo und zu anderen Zeiten ein langer und langwieriger Prozess. So mancher braucht Jahre, bis er wieder auf die Beine kommt. Er braucht Menschen, die ihm die Hand reichen und ihm helfen, ihn aufrichten. Er braucht es, dass er angesehen wird und sich selbst auch wieder als angesehenen Menschen glaubt. Es braucht Menschen, die an ihn glauben und die es ihm zeigen: Wir trauen Dir zu, dass du auf die Beine kommst. Rückschläge inbegriffen.

 10 Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor der Schönen Tür des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.

Erstaunlich, dass sie – die im Tempel sind – ihn erkennen. Oft genug ist es ja so, dass so jemand in einer neuen Situation nicht wieder erkannt wird, weil er zuvor nie richtig angesehen wurde. Er aber wird gesehen und jetzt erkannt. πεγνωσκον. Zum ersten Mal: Das ist ja der, der vor der Schönen Tür des Tempels! Dieser Bettler, unbewegliche Dauereinrichtung des Tempels, ständige Mahnung eines schlechten Gewissens! Dieses Erkennen lässt keinen kalt. Es ist auch nicht einfach nur: Ein Wunder – und wir waren dabei! Dieses Erkennen löst Verwunderung und Entsetzen aus. Es sind die Reaktionen, die auch die Wunder Jesu auslösen, weil Menschen plötzlich spüren, dass Gott nicht jenseits der Welt in seinem Zuhause ist, sondern gegenwärtig ist. Mitten in der Welt. Handelt. Durch das Wort und die Tat von Menschen hindurch.

 Zum Weiterdenken

 Gott sei Dank – es ist gerade nicht der Glaube des Gelähmten, auch nicht der Glaube des Petrus, der das Wunder möglich macht. Es ist eben nicht so, dass der Glaube notwendige Voraussetzung für das Wunder wäre. Das ist die fragwürdige und auch lieblose Botschaft bei manchen Heilungsgottesdiensten. „Wenn du genug Glauben hättest, würdest du auch geheilt.“ Nein – die einzige Voraussetzung ist der Heilswille Gottes. Wir halten uns bittend und hoffend und wohl auch zweifelnd in diesen Heilswillen hinein, so wie Petrus. Komme, was da wolle. Gott ist dennoch immer noch Gott.

 

Herr Jesus Christus, wie wenig erwarte ich von Dir, wie bestürzend bin ich mit dem Lahmen einig, Bruder in seinem Geist. Wie schnell bin ich  zufrieden mit ein paar kleinen Münzen. Mehr zu geben habe ich nicht.

Wie rasch lobe ich die Bescheidenheit, fordere ich Realitäts-Sinn ein. Wunder sind nicht mehr vorgesehen. Nicht bei mir. Weil ich Angst habe setze ich auf Kleingeld. Weil ich nicht mit Deiner Lebenskraft rechne, speise ich Menschen ab.

Du aber wartest auf mein Vertrauen. Du  suchst meinen Mut, der mehr riskiert als ein paar Groschen, der auf die Beine hilft, der Menschen aufrichtet, der in Deinem Namen einen Anfang zu neuen Schritten findet.

Hilf mir aus meinem Kleinglauben – wie dem Lahmen damals. Amen