Jesus – Gottes Mann

Apostelgeschichte 2, 22 – 28 

22 Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst – 23 diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und umgebracht. 24 Den hat Gott auferweckt und hat aufgelöst die Schmerzen des Todes, wie es denn unmöglich war, dass er vom Tode festgehalten werden konnte.

              So knapp fasst Petrus die Geschichte Jesu zusammen: Jesus war Gottes Mann unter euch. Er hat es gezeigt in Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat. Jesus hat aus der Kraft Gottes gelebt. Das ist sichtbar gewesen. Gott hat ihn unter euch ausgewiesen. Wenn Petrus das sagt, schließt das ja die Feststellung – oder ist es doch ein Vorwurf? – ein: Ihr habt nicht gesehen, was und wer Jesus in Wirklichkeit war. Ihr seid das Volk, von dem Jesus sagt: “Mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es nicht.“ (Matthäus 13,13) Das ist die menschliche Seite: Ihr seid beteiligt an seinem Tod.

Zu dieser menschlichen Seite gehört auch die Klarstellung: Ihr ward es nicht, die ihn zu Tode gebracht haben. Der Tod am Kreuz ist das Werk der Heiden. Aber ihr Juden ward beteiligt. Ihr habt ihn durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Es ist also kein Freispruch: Ihr habt nichts damit zu tun. Aber auch nicht: Ihr seid Gottesmörder.

Dem allem, diesem menschlichen Tun, steht das Andere gegenüber: Jesus ist der Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war: Hinter dem ganzen Geschehen steht der Ratschluss Gottes. Hinter diesem Weg steht rätselhaft Gott selbst. Da steht ausnahmsweise nicht παρέδοκεν, wie sonst so oft im NT. sondern βουλή καί προγνω̃σις – aus Willen und Voraussicht Gottes. Gott treibt die Geschichte Jesu durch Kreuz und Auferstehung vorwärts. Er hat ihn in die Welt gegeben. Er hat ihn auf seinem Weg geleitet. Er hat durch ihn gehandelt. Und er hat ihn auferweckt und aus dem Tod gerufen. Alles ist Gottes Werk.

Das ist eine Spannung, die wir bis heute gerne einseitig auflösen: Entweder sind die Menschen verantwortlich für den Tod Jesu, Römer und Juden. Dann hat Gott tatenlos zugeschaut. Oder Gott ist verantwortlich. Dann trifft die Menschen doch keine Schuld. Sie sind ja nur Handlanger. Petrus sagt – und Lukas stimmt “seinem Redner” wohl doch zu: Gott hat gehandelt und gleichzeitig sind die Menschen für ihr Handeln verantwortlich. Sie waren nie Marionetten in seiner Hand, sondern selbstständig Handelnde. Sie wollten Jesus ans Kreuz bringen. Aber dieses Handeln ist ein Handeln, mit dem Gott seine Geschichte vorwärts bringt.

Manchmal überliest man in der Eile.  Gott hat aufgelöst die Schmerzen des Todes – das ist nur eine Variation im Reden von der Auferstehung. Aber es ist mehr als das. Es ist eine selbstständig eigenartige Deutung. Das griechische Wort ωδίς heißt so viel wie “Geburtsschmerz, Wehen”(Gemoll, aaO. S.816) Also wird der “Geburtsschmerz des Todes” aufgelöst. Woher kommt dieses Bild? Im Kolosserbrief wird von Jesus gesagt: “Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit er in allem der Erste sei.” (Kolosser 1, 18) Das ist die gleiche Vorstellung: Auferstehung ist ein “Geborenwerden aus der Erde” und so ist diese merkwürdige Formulierung ein Hinweis auf die Auferstehung.

Womöglich steckt hinter dem Ausdruck auch noch die – zugegeben westlicher und männlich geprägter Theologie sehr fremde – Vorstellung, dass Gott selbst diese Geburtsschmerzen erleidet in der Auferweckung seines Sohnes. Das wäre dann eine sehr mütterliche Vorstellung von Gott, in einer Bibel, die nie von „Mutter Erde“ redet und der auch Muttergottheiten sehr fremd und verdächtig sind. Aber das Bild sagt: Auferstehung ist nicht so leicht zu bewerkstelligen – sie kostet Gott Schmerzen. So wie das ganze Werk der Erlösung keine schmerzfreie Angelegenheit ist. Es sind mütterliche Schmerzen, die Gott auf sich nimmt.

25 Denn David spricht von ihm (Psalm 16,8-11): »Ich habe den Herrn allezeit vor Augen, denn er steht mir zur Rechten, damit ich nicht wanke. 26 Darum ist mein Herz fröhlich, und meine Zunge frohlockt; auch mein Leib wird ruhen in Hoffnung. 27 Denn du wirst mich nicht dem Tod überlassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Verwesung sehe. 28 Du hast mir kundgetan die Wege des Lebens; du wirst mich erfüllen mit Freude vor deinem Angesicht.«

 Wahrscheinlich würde kein neuzeitlicher Prediger auf dieses Wort kommen. Wie kommt Petrus dazu? Eine Möglichkeit: Er legt diese Worte, die ursprünglich David zugeschrieben sind, dem Auferstandenen in den Mund. Der ist ein Davidssohn – darum können Davids Worte auch auf ihn bezogen werden. Sie sind dann Bekenntnis Jesu, mit dem er den Gehorsamsweg des Todes auf sich nimmt: Du wirst mich nicht dem Tod überlassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Verwesung sehe. So wäre dieser Satz ein Satz, den Jesus dem Vater sagt – ähnlich wie Paul Gerhardt ihn im Lied sagen hört

“Ja, Vater, ja, von Herzensgrund, leg auf, ich will Dir’s tragen;
mein Wollen hängt an deinem Mund, mein Wirken ist dein Sagen.”                                           P.
Gerhardt1647, EG 83

Das mag nicht mehr unsere Sprache sein. Aber es nimmt auf, was Petrus durch das Wort des Psalms sieht: Jesus geht seinen Weg durch den Tod im Vertrauen auf Gott. Er geht ihn in der Gewissheit seines Zieles: Du wirst mich erfüllen mit Freude vor deinem Angesicht. Das passt zu dem, der gerade in den Himmel aufgenommen worden ist, heimgegangen ist in die himmlische Heimat. Vielleicht darf ich deutend so weit gehen: Weil Petrus den Auferstandenen noch vor Augen hat, seine Himmelfahrt, darum glaubt er ihn jetzt in der Freude Gottes.

Dieser Auferstandene und Erhöhte ist noch nicht am Ziel aller seiner Wünsche. Du hast mir kundgetan die Wege des Lebens; du wirst mich erfüllen mit Freude vor deinem Angesicht. Das lässt sich gut auf den Lebensweg Jesu beziehen, auch unter der Perspektive der Himmelfahrt.

Zum Weiterdenken

Es ist die große Herausforderung bis zu uns heute. Nicht aufzulösen und auch nicht leicht auszuhalten: „Gott war nicht nur das eigentlich handelnde Subjekt in den Wundern Jesu, sondern auch das Leiden Jesu war gottgewollt, von Gott nicht nur vorausgesehen, sondern vorgesehen!“ (K. Haacker) Man darf nicht Gott dadurch in „Schutz nehmen“ wollen, dass man in der Hinrichtung Jesu nur Menschen am Werk sieht. Es ist der Weg Gottes, auch wenn er nicht zu unserem Bild vom immerzu lieben Gott stimmen mag. Wir tun gut daran, hier über unser Verstehen und Begreifen hinaus Vertrauen zu üben.

Herr Jesus, von Ewigkeit her ist das Dein Weg – durch das Leiden in die Herrlichkeit des Vaters. Wir verstehen das nicht. Der Wille des Vaters, der Dir diesen Weg zutraut, zumutet, ist uns fremd. Dein Gehorsam, der diesen Weg erwählt, ist uns auch fremd.

Und doch ist dies der Weg, der uns zugutekommt. Kein Weg, wie tief er auch gehen mag, kann uns mehr wegführen von Dir. Du bist ja vor uns schon in die Tiefe gegangen. Darum auch glaube ich, dass das Ziel Deiner Wege für uns die Freude Gottes ist. Amen