Mehr als nur Klarstellungen

Apostelgeschichte 2, 14 – 21

14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen:

Was im Verborgenen geschehen ist, kann nicht im Verborgenen bleiben. Es drängt ans Licht. So hat es Jesus seinen Jüngern gesagt. „Es ist aber nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.“(Lukas 12, 2) Wenn man so will: Petrus tritt die Flucht nach vorne an. Bevor sich die Leute irgendwelche Gedanken, Geschichten, Erklärungen zurecht legen, will er lieber sagen, was seine Deutung ist.

Das ist auch dringend nötig. Damit das, was da in dem Haus geschehen ist und in die Öffentlichkeit kommt, mehr ist als ein irres Spektakel, muss es geklärt werden, erklärt werden. Geschehen, auch geistliches Geschehen versteht sich nicht von selbst. Es braucht das erklärende, deutende Wort. Dieses Wort zu sagen übernimmt Petrus. Er ist der Sprecher, so wie er früher der Sprecher der „Zwölf“ Jesus gegenüber war. So ist er jetzt der Sprecher der Jünger den Vielen gegenüber. Das ist der erste Wandel in der Kraft des Geistes. Der vorher, an Jesus gerichtet, für die Jünger gesagt hat, was sie empfinden, was sie an Fragen haben, womit sie nicht zurecht kommen, der wird jetzt der erste Zeuge nach außen.

 Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, und lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen! 15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage;

Manchmal ist es gut, Missverständnisse auszuräumen. Manchmal muss man sich auch mit Spott auseinander setzen. Ist es nur witzig oder auch böswillig, was sie gesagt haben: Die sind alle betrunken! So also hat ihr Sprechen in anderen Sprachen, ihr Lallen – λαλεν – auf manche gewirkt. Die eine Sicht – witzig – nimmt nicht ernst, die andere – böswillig – urteilt moralisch und ist damit eine Disqualifizierung. Das Missverständnis alle nur betrunken wird durch den Hinweis, auf die frühe Tageszeit widerlegt. Diese Klarstellung ist nötig. Jetzt kann man ernsthaft weiter sprechen.

Wie mächtig und vorsichtig zugleich fängt diese Rede an: Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt. Das ist Werbung, nicht nur um Aufmerksamkeit. Aber es fällt auch auf: Petrus redet sie nicht an: Liebe Brüder! Nur Ihr Juden, liebe Männer. Was folgt, ist zuerst Abwehr der losen Sprüche. Es scheint Petrus nötig, darauf einzugehen, um ein Missverständnis zu korrigieren. Dieser Anfang signalisiert schon, dass es hier um mehr geht. Da sind nicht nur ein paar weinselige Leute lallend unterwegs.

Sondern jetzt und hier in Jerusalem ist passiert, was umstürzende Bedeutung hat. Es ist etwas geschehen, das die Christen nicht in ihrer Verborgenheit lässt und den anderen in Jerusalem nicht erspart, sich mit diesem Geschehen ernsthaft zu beschäftigen. Das klingt hier weit über den Augenblick hinaus an. Die Rede des Petrus richtet sich an alle, die die junge Gemeinde erleben und sich mit ihr auseinander setzen. Vielleicht hilft zur Einordnung dieser Petrus-Rede:  Wir haben keine Mitschrift, die Lukas hier zitiert hätte. Wir haben „nur“ den einen Autor, der sich in die Situation versetzt und der doch auch vom Geist Gottes berührt ist.

16 sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5): 17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; 18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. 19 Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf; 20 die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden, ehe der große Tag der Offenbarung des Herrn kommt.

Was an diesem Morgen geschieht, ist Erfüllung der alten Prophetie. Ob Joel immerzu so viel Aufmerksamkeit hatte, dass er als Kronzeuge im Sinn war? Wie wichtig war dieser „kleine Prophet“ seinem Volk? Indem Petrus Joel zitiert, deutet er die Zeit: Wir sind jetzt, an diesem Tag, in den letzten Tagen. Unsere Zeit ist die Zeit, in der das alte Wort sich erfüllt. Das ist nicht nur spontane Überzeugung des Petrus, die er aus einer Augenblicks-Eingebung vorbringt. Es ist Grundüberzeugung der Christenheit, für die Lukas seine Apostelgeschichte schreibt.

Zwei inhaltliche Aussagen sind besonders hervorzuheben. Ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch. Es ist nicht mehr der hervorragende, herausragende, erwählte Einzelne, der den Geist empfängt, sondern der Geist fällt auf alle: Männer Frauen, Junge, Alte, Freie, Mägde und Knechte. Im Alten Testament sind es einzelne Charismatiker, die vom Geist ergriffen und geleitet werden – die Richter, die Gott zur Rettung seines Volkes erweckt, Deborah, Saul, David, Elia. Große Leute eben, Einzelne.

So gebrauchen wir ja auch bis heute das Wort „Charismatiker“. Da ist ein Einzelner überragend begabt. Aber die Erwartung in Israel hat eine andere Richtung, die jetzt, so Petrus, an ihr Ziel kommt: „Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“(Jeremia 31, 34) Alle sind von Gott gelehrt, weil Gott sich ihnen zugewendet, sich an sie verschwendet hat in der Gabe des Geistes. Das ganze Volk Gottes wird vom Geist berührt, durchdrungen. Erwählung ist nicht mehr exklusiv. Sie ist inklusiv. Sie schließt alles Fleisch ein. Gott geht aufs Ganze.  Jetzt.

Das Geschehen des Geistes wird durch das Joel-Zitat nicht nur mit dem Alten Testament verbunden und verknüpft. Es wird auch „vergrößert“. Es ist ja noch nicht alles Fleisch, auf das der Geist fällt. Es sind nur die Zwölf und vielleicht noch die Hundertzwanzig, die bei ihnen waren. Das ist schon toll, aber noch nicht so groß, wie es Joel sagt. Aber mit diesem Zitat ist nicht nur Pfingsten in Jerusalem damals gedeutet, sondern weit darüber hinaus, was geschehen wird, was Pfingsten in der Zukunft sein wird: Alles Fleisch ist die Zukunftsmusik, die in Jerusalem neu angestimmt wird und die bis heute spielt und klingt.

Das andere: Es geht um ein Geschehen, das den Himmel und die Erde verwandelt. Es geht eben in der Gabe des Geistes nicht nur um eine innere und innerliche Neuausrichtung, geht nicht nur um so etwas wie Glaubensgewissheit. Wenn der Geist weht, verändert sich das Gesicht der Erde.

Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen,                                     und du machst neu die Gestalt der Erde.                              Psalm 104,34

Wahr ist: Joel sagt das im Blick auf den kommenden Tag des Herrn, den er wohl als Gerichtstag erwartet, darum Blut und Feuer und Rauchdampf; die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden. Es sind die Zeichen eines machtvollen Kommens Gottes, so wie es auch die alten Theophanie-Schilderungen beschreiben.

Die Erde bebte und wankte,                                                                                          und die Grundfesten der Berge bewegten sich und bebten, da er zornig war.   Rauch stieg auf von seiner Nase  und verzehrend Feuer aus seinem Munde;   Flammen sprühten von ihm aus.                                                                                    Er neigte den Himmel und fuhr herab,                                                                      und Dunkel war unter seinen Füßen.                            Psalm 18, 8-10

 Das Feuer ist schon gekommen an diesem Pfingst-Tag – so erzählt Lukas – aber nicht als Vernichtungsfeuer, sondern als eine Initial-Zündung für neues Leben.  Nicht Angst vor dem Untergang, sondern Hoffnung auf eine neue Zukunft verbindet sich mit diesem Feuer.  Hoffnung auf eine verwandelte Welt.

 21Und es soll geschehen: wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.«

Das ist der Zielpunkt des Zitats. Das ist der Punkt, um den es Petrus geht. Gottes Tag kommt – wahr. Gottes Tag bricht an – wahr. Aber er kommt, damit Rettung wird. Und Petrus sagt ihn nicht an, damit er Schafe und Böcke scheidet – das ist nicht seines Amtes. Er sagt ihn an, damit der Name des Herrn angerufen wird, in dem Heil ist: „Und in keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden.“(4,11) Und direkt daneben:

Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben,                 der über alle Namen ist,                                                                                                 dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie,                               die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,                                       und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist,                   zur Ehre Gottes, des Vaters.                             Philipper 2, 9 – 11 

Diesen Namen anzurufen – dazu will Petrus seine Hörer anleiten. Jetzt. Heute. Denn jetzt, im Heute ist die Zeit des Heils. Alle Rede vom kommenden Tag will die Gegenwart heute und hier verwandeln.

Zum Weiterdenken

Erst Klarheit für sich gewinnen, bevor man auskunftsfähig wird nach außen. Es wird auch später, durch die Geschichte der Kirche hin, oft so sein, dass man erst „nach innen“ fragen lernen muss, die eigenen Fragen ernst nehmen, die eigenen Zweifel nicht weg-drücken, bevor man in der Lage ist, „nach außen“ zu stehen, für andere einer zu werden, der auch etwas klären kann. Wer für sich selbst nichts geklärt hat, kann auch für andere nichts erklären.

Ob die Hörer des Petrus bei dem „Herrn“ gleich auf Jesus kommen konnten, auf den Herrn, an den Christinnen und Christen glauben? Ob sie nicht einfach nur als Juden adôn hörten, der Herr, so wie sie von Gott redeten? Dann hätte Petrus eine Brücke geschlagen – vom vertrauten Glauben hin zu dem, was er nachfolgend Neues, für die Juden Unerhörtes sagen würde.

            Es ist letzte Zeit. Sagt Petrus. Was Joel für die letzte Zeit gesehen hat, geschieht jetzt.  Endzeit. Wir leben im Ende der Zeiten – seit 2000 Jahren. Es scheint nur, wir haben es noch nicht gemerkt und verstanden. Weil wir Endzeit immer nur mit Katastrophen verbinden, die es doch auch seit 2000 Jahren reichlich gibt. Bis zu uns heute – Pandemie, Gewaltexzesse, Artensterben und Klimawandel lassen grüßen. Pfingsten fordert zu einem Umdenken heraus. Der Geist auf alle ist Gabe und Zeichen der Endzeit in die Gegenwart hinein. Der Geist, in dem die Furcht überwunden ist, in dem Glaube, Hoffnung, Liebe, Zuversicht und Besonnenheit uns zuwachsen ist Signal der Endzeit. Jesus sagt, Leitwort für den Umgang mit letzten Zeiten: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“(Lukas 21,28) Wir dürfen uns in diesen, unseren Tagen, die uns viel seelische Kraft abverlangen, vom Geist leiten lassen, Es ist der Geist von oben der uns dazu Rückenwind gibt

Danke, mein Gott, für alle, auch nach Petrus, die uns Dein Wort gesagt haben. Danke für alle, die uns das prophetische Wort aufgeschlossen haben. Danke für alle, die uns gelehrt haben, sorgfältig und geduldig hinzuhören, zu fragen, zu warten, bis sich ein Wort, Dein Wort in unsere Zeit hinein erschließt. Amen