Geistberührt – geistbewegt

Apostelgeschichte 2, 1 – 13

1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an “einem” Ort beieinander.

            Das ist wohl mehr als nur eine Zeit- und Ortsangabe. Die Jüngerinnen und Jünger sind beieinander und sie sind eins, einig. Alle, πντες, meint wohl nicht nur die Zwölf mit dem gerade dazu gewählten Matthias, sondern eher die Einhundertzwanzig (1,15), zusätzlich mit den Frauen, die in dieser Zahl nicht inbegriffen sind. Sie haben sich dieser Zeit des Wartens nicht entzogen. Der Inhalt der Zeit ist: Warten. Ist dieses beieinander Sein eine Voraussetzung für das Kommen des Geistes? Oder wäre er auch gekommen, wenn jeder irgendwo anders gewesen wäre?

So zu fragen führt zu der Beobachtung: Die Geistverleihung Jesu ist auch in dem anderen Evangelium, das davon erzählt, keine individuelle Erfahrung, sondern sie geschieht an die Jüngerschar. „Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“(Johannes 20, 21-23) Es scheint so zu sein, dass der Geist die sucht, die in einer Gemeinschaft sind. Der einsame Geistempfang ist wohl eher die Ausnahme.

2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, 4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.

Es sind äußere Phänomene und innere Vorgänge, die sich ineinander schieben. Dabei werden die äußeren Phänomene durch Lukas in ihrem Bildcharakter betont: wie von einem gewaltigen Wind, wie von Feuer. Unsereins tut wohl gut daran, sich nicht an den Bildern fest zu hängen, sich nicht bei den äußeren Phänomenen aufzuhalten. Sie sind Beiwerk. Sie zeugen von der Urgewalt des Geschehens und machen auch deutlich: Es geht um anderes, um mehr als um wenn auch spektakuläre subjektive Erfahrungen und Überzeugungen.

  Die Jünger werden vom Geist erfüllt, darum fangen sie an zu predigen. Sie werden nicht nur innerlich gepackt, sondern nach außen gewendet. Der Geist ist keine Innerlichkeits-Stütze. Was sie tun, tun sie, weil und wie der Geist ihnen gab auszusprechen. Sie geraten unter die Führung des Geistes. Sie werden Geist-geleitet. Das muss nicht heißen: Sie werden zu Werkzeugen, die keinen eigenen Willen mehr haben. Sondern der Geist wirkt durch sie hindurch, auch durch ihr Wollen und Können.

  „Predigen“ steht in der Lutherübersetzung. λαλεν auf Griechisch. „Lallen, Schwatzen, Reden.“ (Gemoll, aaO. S.464) Fast alle anderen Übersetzungen – ob „Elberfelder Bibel“, „Einheitsübersetzung“, „Neue Genfer Übersetzung“, „Zürcher“ geben dann auch korrekt wieder: sie beginnen in anderen, fremden Sprachen zu sprechen. Oder auf Englisch: „to speak in other tongues“(English Standard Version) Das „Predigen“ der Luther-Übersetzung ist geeignet, falsche Bilder zu erzeugen. Da ist keine Kanzel, da ist kein einsamer Prediger im Talar. Da ist keine Ansprache an stumme Zuhörer. Da stehen Menschen in einem Haufen anderen Menschen und reden mit ihnen. Vielleicht auch: reden auf sie ein. Das ist Begegnung in einer ganz anderer Art als unser Wort „predigen“ sie andeutet.

Noch ein Hinweis: λαλεν τραις γλσσαις. Lallen in anderen Sprachen. Aus dieser Wendung leitet sich Glossolalie ab – das Reden in Zungen. Freunde aus Pfingsterwegung, die mit der Zungenrede andere Erfahrungen haben als Volkskirchlicher, verstehen diesen Ausdruck sofort. Es ist ein Reden über die bewusste und beherrschte Sprachbildung hinweg. Unfassbar schön, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Zungenrede ist aktuell geschenkt und nicht immer und jederzeit frei verfügbar. Schon gar nicht Sonntags um 10. Obwohl manches, was von Kanzeln herunterschallt, dem einen oder anderen wie in anderen Sprachen gesprochen vorkommen mag! Vielleicht ist es diese Unverfügbarkeit, die einer Kirche, die auf Handhabbarkeit des Religiösen aus ist – und als Institution wohl auch aus sein muss – den Umgang mit der unverfügbaren Glossolalie so schwer macht.

5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.

Man kann schon fragen: Ist das Sprachen-Wunder nicht eigentlich ein Hör-Wunder? Ist die Zungen-Rede nicht eigentlich ein Ohren öffnen? Dass Leute in einer Sprache sprechen können, die sie nicht zur Hand haben, nicht gelernt haben, nicht beherrschen, ist merkwürdig genug. Aber das andere: Sie hören und verstehen – das ist bestürzend. Darauf kommt es an. Verstehen ist das Ziel aller Worte.

So denkt auch Paulus, der später hinzu gekommene 13. Apostel: „So auch ihr: wenn ihr in Zungen redet und nicht mit deutlichen Worten, wie kann man wissen, was gemeint ist? Ihr werdet in den Wind reden.“(1.Korinther 14,9) Und er fährt fort: „Aber ich will in der Gemeinde lieber fünf Worte reden mit meinem Verstand, damit ich auch andere unterweise, als zehntausend Worte in Zungen.“(1.Korinther 14,19) Es geht, auch an Pfingsten, um das Wunder des Hörens, das zum Verstehen führt. Darum bitten wir jeden Tag.

Die hier erreicht werden durch die Worte der Jünger sind gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Menschen, die Gott suchen. Menschen, die nicht wie von selbst verschlossen sind für alles Reden von Gott. Keine Leute, die sagen: Was soll ich mit Gott? Den brauche ich nicht.  Ihr Suchen und Fragen macht sie zu den Adressaten, die Gott sucht.

 7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? 8 Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? 9 Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, 10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom, 11 Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.

 Wir wissen, wer sie sind, sagen die Hörer. Wir kennen uns doch aus mit ihnen. Sind die nicht aus Galiläa, aus dem „Galiläa der Heiden“(Jesaja 8,23)? Und „Was kann von da her schon Gutes kommen?“(Johannes 1,46)Die Vorurteile über die Herkunft dieser merkwürdigen Prediger sind nicht einfach weg, aber sie werden weg gespült durch die Erfahrung, durch das eigene Hören. Muttersprache – das ist nicht nur die Sprache, die man kennt, weil man sie früh gelernt hat. Das ist Sprache, die zu Herzen geht, das Herz erreicht.

In dieser Sprache, die das Herz erreicht, reden die Prediger von den großen Taten Gottes. Im Ohr eines jüdischen Menschen sind das klare Tatbestände: Der Bund mit Abraham, Isaak und Jakob, der Auszug aus Ägypten, der Bundesschluss am Horeb, die Heimkehr aus dem Exil. In den großen Taten Gottes geht es um Befreiung aus der Knechtschaft, um Rückkehr aus dem Exil, um Bewahrung und Rettung vor Feinden, um Versöhnung, auch und nicht zuletzt mit Gott. Wenn von Gottes großen Taten die Rede ist, muss das noch keine Jesus-Predigt sein. Die folgt wenig später.

12 Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? 13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.

Dieser Satz erinnert an die Wirkung der Wunder Jesu. Auch da heißt es oft: Sie entsetzen sich und wurden ratlos. Entsetzen ist nicht immer schlecht und vom Übel. Es holt heraus aus der selbstgenügsamen Selbstsicherheit, die schon alles weiß und alles kennt. Es entsteht da, wo einer spürt: So etwas habe ich noch nie erlebt. Dass es auch die anderen gibt, die sich ihre Erklärung zurecht legen, gehört dazu.

Zum Weiterdenken

Es gibt immer Leute, die sich alles erklären, weil sie nicht gestört werden wollen. „Die müssen ja so reden, die werden dafür bezahlt.“ ist nur eine neuzeitliche Variante für Sie sind voll von süßem Wein.  Dabei geht es gar nicht um Wein, sondern um Saft, Most. So muss das griechische Γλεύκος korrekt übersetzt werden. Das macht es nur noch schlimmer: Betrunkensein durch Traubensaft! Hinter dieser Ekstase steht nicht einmal Alkohol! „Man muss das nicht ernst nehmen.“ ist die gemeinsame Botschaft solcher Sätze.

   Ob das jemand von uns auch sagen könnte: Die sind ja wie besoffen von ihrem Glauben. Nicht zurechnungsfähig. Wie von Sinnen. Paulus rechnet mit so einer Diagnose: „Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen?“(1. Korinther 14, 23) Ob Paulus recht hat und unser Singen, Beten und Sprechen in den Gottesdiensten ist für manche auf Abstand nur Gelalle?

Heiliger Gott, öffne mir die Ohren, dass ich hören kann. Deine leise Stimme, Deine suchende Liebe, Deine Treue, die in die Tiefe reicht. Rühre mich an, damit ich aufbreche aus meinen gewohnten Bahnen, festgelegten Denkweisen, angelernten Weisheiten, damit ich wahrnehme, wie Du auf mich zukommst. Heute, in ungeahnter Gestalt.

Verwandle mein Herz, das so hart sei kann, versteinert, verstockt, dass ich mich Dir lasse, Deinem Geist. Amen