Abschied – aber nicht für immer

Apostelgeschichte 1, 1 – 14

 Den ersten Bericht habe ich gegeben, lieber Theophilus, von all dem, was Jesus von Anfang an tat und lehrte 2 bis zu dem Tag, an dem er aufgenommen wurde, nachdem er den Aposteln, die er erwählt hatte, durch den Heiligen Geist Weisung gegeben hatte.

 Es ist noch nicht alles erzählt. Es geht weiter. Wie es weitergeht, das wird der Inhalt dessen sein, was der Gottesfreund Theophilus zu lesen bekommt. Wenn etwas erzählt wird, hilft es dem Glauben auf die Beine. Das ist anders als bei uns. Bei uns scheint man zu denken: Dem Glauben hilft auf die Beine, wer ihn erklärt, wer ihn auf den Begriff bringt. Lukas dagegen möchte erzählen, weil er seinem Erzählen zutraut, dass es Kraft hat und Mut macht, Mut zum Glauben.

 Eine knappe Andeutung fasst das Evangelium zusammen: Vom Anfang des Handelns Jesu bis zum Tag der Himmelfahrt, genauer bis zu dem Tag, an dem er aufgenommen wurde. Die so ausführliche Vor-Geschichte um Ankündigung, Geburt und Kindheit Jesu fällt weg. Hier geht es nur noch um Jesu Handeln, nicht mehr um seine himmlische Herkunft.

  Jesus gibt den Aposteln Weisungen. Es ist kein Zufall, dass Lukas hier diese Beauftragung mit dem Heiligen Geist verbindet, wird doch die ganze Apostelgeschichte davon geprägt sein, dass sie die Wirkungen des Geistes erzählt in den Taten der Apostel. Was sie tun werden, geht auf Jesu Auftrag und Jesu Geist zurück.

3 Ihnen zeigte er sich nach seinem Leiden durch viele Beweise als der Lebendige und ließ sich sehen unter ihnen vierzig Tage lang und redete mit ihnen vom Reich Gottes. 4 Und als er mit ihnen zusammen war, befahl er ihnen, Jerusalem nicht zu verlassen, sondern zu warten auf die Verheißung des Vaters, die ihr, so sprach er, von mir gehört habt; 5 denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber sollt mit dem Heiligen Geist getauft werden nicht lange nach diesen Tagen.

 Eine stille, verborgene Zeit. Zwischen der Auferstehung und der Himmelfahrt liegen vierzig Tage. Es sind nicht Tage voll Öffentlichkeitswirksamkeit. Es sind Tage, in denen der Grund gelegt wird für das, was öffentlich wirksam werden wird. Jesus zeigt sich durch viele Beweise als der Lebendige …und redete mit ihnen vom Reich Gottes. Es ist eine besondere Zeit der Lehre Jesu. Die Lehre, die Unterweisung über das Reich Gottes Jesu in dieser Zeit ist schlicht, dass er da ist, dass er sich seinen Jüngern zeigt.

 Es ist müßig, darüber nachzudenken, was er hier inhaltlich gelehrt hat. Die „Bibelstunde“ auf dem Weg nach Emmaus muss als Information über die Lerninhalte reichen: „Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.“ (Lukas 24, 26-27) Wichtiger ist das andere: Was hier im Verborgenen geschieht, drängt ans Licht: „Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.“ (Matthäus 10,26-27)

Diese Zeit der Verborgenheit ist eine kostbare Zeit. Warten. Aushalten an dem Ort, an den sie gestellt sind. Nicht den eigenen Flucht-Reflexen folgen. Auch nicht eigene Pläne schmieden. Der Anfang des Weges in die Welt ist Jerusalem nicht zu verlassen, sondern zu warten auf die Verheißung des Vaters. Es ist so rasch geschehen, dass man auf selbst gewählten Wegen Jerusalem verlässt, sich irgendwie irgendeinen Weg bahnt, die Dinge selbst in die Hand nimmt.

Die Überzeugung des Lukas, die sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch ziehen wird: Nicht eigene Wege wählen aus Furcht oder Selbst-Überschätzung, sondern sich darauf verlassen, dass Gott, der Vater, führt, dass er seine Verheißung erfüllt. Der Vater ist zuverlässig. Er gibt, was die Christen dringender brauchen als Brot – den Heiligen Geist. Allerdings: Sie müssen warten lernen.

 6 Die nun zusammengekommen waren, fragten ihn und sprachen: Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel? 7 Er sprach aber zu ihnen: Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat;

  Immer wieder die gleiche Frage: Wann? Wann ist es so weit, dass das Reich kommt? Wann ist es so weit, dass der Streit der Welt ans Ende kommt? Wann ist es so weit, dass es kein Unrecht mehr gibt, keinen Krieg, keine Gewalt, keinen Tod mehr? Wann ist das Leiden an der Zeit zu Ende? Es ist nicht naseweises Wissen-wollen. Es ist das Leiden an der Welt und die Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit, nach dem Schauen Gottes. Die Antwort Jesu auf die immer gleiche Frage der Sehnsucht: Gott weiß es und das reicht.

  8 aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.

 Neben die Abwehr der Fragen tritt die andere Antwort: ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein: Das ist Versprechen und Auftrag in einem. Ihr erhaltet, was ihr braucht, Rückenwind aus der Wirklichkeit Gottes. Kraft aus der Ewigkeit. Den Geist, der euch zu Menschen meiner Gesinnung, meines Geistes macht, nicht gleichförmig mit mir, aber durchdrungen von meiner Art. Da braucht keiner mehr kleingläubig auf sich zu blicken: Aber ich kann doch nicht reden! Aber ich habe doch Angst vor Menschen! Aber ich habe noch gar nicht genügend nachgedacht! In dein Herz will Gott ein Feuer legen, das Feuer seiner Liebe, die in Jesus Christus ist – und dafür sollst du Zeuge werden.

  Da sind Jünger, vierzig Tage zuvor geflohen. Da ist die Stadt, die den Auftraggeber ans Kreuz abgedrängt und abgehängt hat. Da sind römische Truppen, denen ein Menschenleben nicht allzu viel gilt und jüdische Tempelsoldaten, die sich auch nicht viel daraus machen würden, einen Anhänger dieses Gotteslästerers um die Ecke zu bringen! Und nun: Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem! Wo es am schwersten werden musste, da sollen die Jünger anfangen! Wo der Widerstand am größten sein wird, wo sie das Symbol der Macht der Gegner – den Kaiseradler und den Tempel – ständig im Auge haben, da sollen sie anfangen.

Wo ist unser Jerusalem? Wo soll unser Zeugnis von Jesus seinen Anfang haben? Da, wo wir leben, wo man uns kennt, wo jeder Satz von uns geprüft wird an unserem Leben, da ist der Ausgangspunkt unseres Zeugendienstes. Wer für Jesus Zeuge wird, der wird zunächst einmal nach Hause geschickt zu den eigenen Leuten.

   Dann nach Judäa – dorthin, wo man schon manches von Gott weiß, wo man manches erlebt hat, das einen berührt hat und ins Fragen bringt, und doch ist es noch ganz offen, ob man diesem Erleben traut und darin den Gott entdeckt, der das eigene Leben wandeln will.

Wieder einen Schritt weiter: nach Samaria – zu den Verachteten, zu denen, die einen anderen Glauben haben, die sich nicht zum Volk Gottes halten. Wir müssen nicht mehr weit gehen nach Samaria – wir haben die Menschen anderen Glaubens und ohne Glauben in großer Zahl in unserem Land.Schließlich: Bis an das Ende der Erde. Schritt für Schritt führt Jesus seine Zeugen in größere Räume. Nicht erst die großen Schritte und dann die Kleinarbeit vor der Haustür. Nein – erst vor der eigenen Tür und dann immer weiter hinaus bis zum Zeugnis in allen Kontinenten! Nicht jeder wird alle Schritte tun ‑ aber jeder kann und soll den ersten tun, auch der, der dann hinaus geführt wird in die Fremde! Es ist Gott selbst, der Vater, der im Heiligen Geist die Kraft gibt, diesem Auftrag nachzukommen, nachzustolpern.

 9 Und als er das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg.

 Eine Wolke nahm ihn vor ihren Augen weg. Gott zog in einer Wolke vor dem Volk Israel durch die Wüste. Bei der Taufe Jesu kam die Stimme Gottes aus einer Wolke. Diese beiden Hinweise genügen schon: Wolke bezeichnet in der Bibel die Gegenwart Gottes, des allmächtigen Vaters. Jesus geht dorthin, wo er hergekommen ist. Als der, der in allem dem Vater gehorsam war und in allem den Willen des Vaters erfüllt hat. Als der, den der Vater gesandt hatte zu suchen und zu retten, was sonst ewiglich verloren ist. Und „dorthin“ gegangen, „an den Ort, den wir Himmel nennen“(C.Bittlinger), sitzt er zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vates – so wie wir es im Glaubensbekenntnis aussprechen.

 10 Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. 11 Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.

 Plötzlich, siehe, sind zwei Männer stehen da. Siehe ist immer ein Aufmerksamkeits-Signal an die Leser und Leserinnen. Es kommt etwas Wichtiges. Es liegt irgendwie nahe, weil sie in weiße Gewänder gekleidet sind, an Engel zu denken. Und was sie sagen, fordert heraus. Die ganze Szene spielt am Ölberg. Dieser Ort ist nicht zufällig. An diesem Ort, auf diesem Berg wird der Kommende offenbar!

 Auch dafür gilt siehe! Die beiden Männer fordern auf, die Blickrichtung zu ändern. Die Augen der Sehnsucht sind nicht auf den Himmel, sondern auf die Erde gerichtet. Bis es so weit ist, gibt es noch zu tun – hier auf der alten Erde. Diese beiden Männer stehen dafür: Der Glauben an den in den Himmel aufgenommenen Christus erlaubt keinen Ausstieg aus der Welt, sondern er fordert den Einstieg in die Welt, in das Handeln in der Kraft des Geistes, hier und heute.

 12 Da kehrten sie nach Jerusalem zurück von dem Berg, der heißt Ölberg und liegt nahe bei Jerusalem, einen Sabbatweg entfernt. 13 Und als sie hineinkamen, stiegen sie hinauf in das Obergemach des Hauses, wo sie sich aufzuhalten pflegten: Petrus, Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon der Zelot und Judas, der Sohn des Jakobus. 14 Diese alle waren stets beieinander einmütig im Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.

 Sorgfältig wird aufgelistet, wer alles dabei ist. Eine vollständige Liste der Jünger – elf, weil Judas nicht mehr dabei ist. Fast wie nebenher: samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern. Aufregend hier: Plötzlich ist die Familie Jesu mit bei den Jüngern – Mutter Maria und seine Brüder. Seltsam: Mit keinem Wort wird erzählt, was für sie die Wende herbeigeführt hat. Es reicht, dass sie da sind und beten.

 Die ganze Stadt liegt vor Augen. Die Schönheit des Tempels, das Häusergewirr und wer hinsieht, sieht eine Stadt mit tausend Problemen und tausend Wunden. Dorthin gehen sie und dort beten sie. Beten ist das Erste – und vielleicht das Beste, für einfache Leute, was sie für ihre Stadt tun können. „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s auch euch wohl.“ (Jeremia 29,7) Jerusalem wird nicht ihre Bleibe für immer sein. Aber solange sie dort sind, sollen und dürfen sie für die Stadt und die Menschen in ihr vor ihrem Gott einstehen.

Zum Weiterdenken

Wenn das Wasser immer wärmer wird                                                                      und die Fische schneller schwimmen,                                                                              wenn das Wild sich in die Stadt verirrt,                                                                        –um den Naturgewalten zu entrinnen:                                                                         Ist es dann Zeit für mich, ganz langsam aufzustehn                                              und, mit dem Rücken zur Welt gewandt, gebannt ins All zu sehn                      und drauf zu warten, dass irgendwas passiert?                                                                C.   Bittlinger, CD Mensch, bist du wirklich 1981

           Mit dem Rücken zur Welt gewandt – gebannt ins All schauen? Das gibt es: Menschen, denen die Erde so fremd geworden ist, die hier so heimatlos sind, dass sie nur noch gehen möchten. Menschen, die über der Sehnsucht nach dem Himmel vergessen, der Erde treu zu bleiben. Menschen, die sich das bessere Jenseits erträumen und darüber versäumen, das Diesseits als den Ort anzunehmen, an dem Gott sie haben will mit ihrer Kraft, ihrer Phantasie, ihrer Leidenschaft, ihrer Hingabe.

 Manche sehen das Wirken Jesu wie eine physikalische Erscheinung: wenn man eine lange Reihe von Eisenbahnwaggons hintereinander stellt und an den ersten stößt eine Lok, dann pflanzt sich der Stoß fort. Aber je weiter er kommt, umso mehr verliert er an Kraft, bis er schließlich keine Wirkung mehr hat. Dass es mit Jesus auch so sei, dass ist die Hoffnung der Gegner, das ist die Angst mancher Christen. Und so stehen sie da und schauen gen Himmel: Kommt noch was oder kommt doch nichts mehr. Sie verpassen dabei, wie er heute handelt, wenn sich einer von ihm gebrauchen lässt, wenn eine Gemeinde ihm gehorsam wird, wenn eine Kirche auf ihn hört und nicht auf die eigene Tagesordnung fixiert bleibt.

Herr Jesus, wie soll es weiter gehen mit uns, mit mir, mit Deiner Welt, jetzt, wo wir Dich nicht mehr sichtbar vor Augen haben? Wie soll es weiter gehen mit dem Evangelium. Mit Worten. Taten. Vergebung. Gerechtigkeit, jetzt, wo wir alleine weiter gehen müssen?

Du bist im Himmel, wir auf der Erde. Gib uns was wir brauchen – Rückenwind und Tapferkeit, offene Augen und Hände. Mut genug für den Weg nach Jerusalem, nach Judäa und Samaria bis ans Ende der Welt. Amen