Bewahre uns, Gott

Sprüche 29, 1 – 18

1 Wer gegen alle Warnung halsstarrig ist, der wird plötzlich verderben ohne alle Hilfe. 2 Wenn der Gerechten viel sind, freut sich das Volk; wenn aber der Gottlose herrscht, seufzt das Volk. 3 Wer Weisheit liebt, erfreut seinen Vater; wer aber mit Huren umgeht, kommt um sein Gut. 4 Ein König richtet das Land auf durchs Recht; wer aber viel Steuern erhebt, richtet es zugrunde.

Zusammenleben. Miteinander auskommen. Dafür sind Tugenden nötig, die heute nicht mehr allzu hoch im Ansehen zu stehen scheinen. Sich zurück nehmen können. Auch anderen Raum lassen. Bereit sein, sich raten zu lassen und Rat zugeben, aber nie ungefragt. Wahr erscheint mir: Wo solche Leute am Werk sind, da entsteht ein Freiraum, da kann man aufatmen und sich entfalten.

   Es wird immer wieder sichtbar, dass die Sprüche auch und gerade auf das Führungspersonal der Gesellschaft zielen. Es ist für das Volk eine Wohltat, wenn die Gerechten, „die Bewährten“ übersetzt Buber wiederholt, die Mehrheit haben, die Geschicke des Volkes bestimmen. „Wenn die Gerechten herrschen, ist alles gut.“ (H. Ringgren, Sprüche, ATD16, Göttingen 1962, S. 112) Wenn aber Gottlose, „die Frevlerschaft“ (Buber/Rosenzweig, aaO. S, 266) an der Macht sind, alte Seilschaften sich ihren Einfluss sichern, egal wie, dann geht es dem Chaos entgegen. An Anschauungsmaterial dafür ist aktuell weltweit leider kein Mangel.

Das Wort von den Steuern begleitet mich seit Jahren. Ein König richtet das Land auf durchs Recht; wer aber viel Steuern erhebt, richtet es zugrunde. Es ist ein Fünkchen Wahrheit drin: Wo die Steuern gefühlt unerträglich werden, entstehen Fluchtreflexe. Wann allerdings Steuern unerträglich sind, das ist eine sehr individuelle Wahrnehmung. Entscheidend ist allerdings der andere Hinweis: Es sind nicht die Steuern, die ein Land in Ordnung bringen, sondern die Art und Weise, wie mit dem Recht umgegangen wird. Damit wird einem deutschen Irrglauben gewehrt: Es ist nicht die Höhe der Steuereinnahmen, die die Qualität eines Landes ausmacht. Sondern es ist eher die Art, wie Recht und Gerechtigkeit zum Tragen kommen.

5 Wer seinem Nächsten schmeichelt, der spannt ihm ein Netz über den Weg. 6 Wenn ein Böser sündigt, verstrickt er sich selbst; aber ein Gerechter geht seinen Weg und ist fröhlich. 7 Der Gerechte weiß um die Sache der Armen; der Gottlose aber weiß gar nichts. 8 Die Spötter bringen leichtfertig eine Stadt in Aufruhr; aber die Weisen stillen den Zorn. 9 Wenn ein Weiser mit einem Toren rechtet, so tobt der oder lacht, aber es gibt keine Ruhe.

“Für Schmeicheln steht im Hebräischen Glätten.” (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1985, S. 289) Wer schmeichelt, führt aufs Glatteis, mit worten, die glatt eingehen. Das ist eine harte Gegenüberstellung: Hier die Toren, da die Weisen. Aber es ist Wahrheit darin. Wo die das Sagen haben, die nur laut sind, auf Effekt und Beifall aus, da wird eine Gesellschaft zwar lautstark, vielleicht auch schrill und interessant. Aber sie verliert an Tiefe. Der Blick geht nicht mehr dahin, wo Not am Mann und an der Frau ist, sondern dahin, wo der Erfolg hell glänzt. Der Blick geht nicht mehr auf die Frage, wie allen geholfen wird, sondern wer sich am besten selbst hilft. Es ist eine unsolidarische Gesellschaft, in der die Toren das Sagen haben.  Die harte Gegenüberstellung verfolgt ein Ziel – sie will Solidarität als einen gute, verheißungsvollen Weg ins Licht rücken. Sie will Menschen dafür gewinnen, sich für ein gutes Miteinander zu engagieren. Kein Rückzug aus der Verantwortung für die Sache der Armen, für die Ruhe der Stadt.

10 Die Blutgierigen hassen den Frommen; aber die Gerechten nehmen sich seiner an. 11 Ein Tor schüttet all seinen Unmut aus, aber ein Weiser beschwichtigt ihn zuletzt. 12 Ein Herrscher, der auf Lügen hört, hat nur gottlose Diener.

 Von Dienern reden wir heutzutage nicht mehr. Wir haben Zuarbeiter und Berater. Aber die Qualität dieser Leute hängt in der Tat von der Qualität der Chefs ab. Wer sein Ohr den Schmeichlern öffnet, wer sich gerne auch die eigene Situation schön redet, darf sich nicht wundern, wenn er nur tolle Botschaften empfängt, seine Leute ihn immer über den grünen Klee loben. Es braucht viel innere Stärke, um die Menschen um sich zu sammeln, die selbst stark sind und einem die eigenen Schwächen nicht verschweigen.

      Wie ist das mit frommen Leuten in der Öffentlichkeit? Wie ist das mit der Wahrnehmung der „Frommen“ in der Öffentlichkeit? Mein Eindruck verdichtet sich in den letzten Jahren: Wir, die Frommen, die Christen, sind noch geduldet, aber nicht mehr wirklich gefragt. Sagen wir, was alle sagen – was soll’s? Sagen wir aber, warum wir etwas sagen, wie sich das aus dem Glauben heraus ableitet, dann finden viele das nicht mehr so toll. Sie fühlen sich in Frage gestellt. Denn sie sind doch auch gute Menschen. Es ist die Verwechselung von Fromm-Sein mit ein guter Mensch sein, die hier voll durchschlägt. Ob fromme Leute immer auch angenehme Zeitgenossen sind, das ist eine sehr offene Frage. War der Herr Jesus ein angenehmer Zeitgenosse? Ich weiß es nicht.

 Wieder geraten die Herrscher in den Blick. Es fällt auf, dass die Sprüche so viel von bösen Herrschern reden. Sie suchen sich als Zuarbeiter Leute ihres Formates. Ist das nur eine Augenblickserfahrung, begründet aus der Entstehungszeit der Spruch-Sammlung? Oder ist es geronnene Erfahrung in Israel? Wer sich in den Geschichtebüchern Israels auskennt, der weiß, dass sogar gute Könige ihre Leute für die „Drecksarbeit“ hatten.

13 Der Arme und sein Peiniger begegnen einander; der beiden das Augenlicht gab, ist der HERR.

 Das ist der Satz in der Mitte dieses Abschnittes, vielleicht auch seine gedankliche Mitte, wenn es so etwas bei den so lose verbundenen Sprüchen gibt. Ich lese in einer Theologie des Alten Testamentes: „Wahrspruch kann neben Wahrspruch stehen, ohne dass es den Weisen nötig erschien, sie systematisch zu verknüpfen. Die Einheit der Welt ist vorgegeben. Gott hat sie geschaffen. Der Mensch braucht sie nicht durch seine Erkenntnis zu stiften. Es gilt viel mehr, die Sprüche der Väter zu lernen, ihre Gültigkeit an der Erfahrung zu messen, um dann das bewährte Spruchgut den Söhnen einzuprägen und neue Einsichten in neue Sprüche zu fassen.“ (O. Kaiser, Der Gott des Alten Testaments, Theologie des AT 1; Grundlegung, S. 271)

  Es ist nicht abhängig von den Lebensumständen, ob einer sein Leben Gott verdankt. Die Guten und die Bösen, die Reichen und die Armen, die Unglücklichen und die Glücklichen, die da unten und die da oben – sie alle sind Geschöpfe Gottes. Das Merkwürdige ist: Sie machen mit der Gabe des Lebens Unterschiedliches. Die Einen stehen auf der Gewinner-Seite, die Anderen sind Verlierer. Die Einen sind eine Freude für ihre Umgebung, Andere eher eine Plage.

  Das ist nicht schicksalhaft. Das ist, was jeder aus dem Leben macht. Und dafür sind wir verantwortlich. „Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort. Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen.“ (Matthäus 25, 14-19) Die Hände in den Schoß legen ist nicht das, was die Bibel uns lehrt, trotz aller Skepsis gegenüber der Erfolgsorientierung.

 14 Ein König, der die Armen treulich richtet, dessen Thron wird für immer bestehen.

Es wirkt, als erinnere sich der Sammler der Gleichsprüche an die Geschichte Israels. An Worte, wie sie an die ersten Könige gerichtet worden sind. „Und es geschah des HERRN Wort zu Salomo: So sei es mit dem Hause, das du baust: Wirst du in meinen Satzungen wandeln und nach meinen Rechten tun und alle meine Gebote halten und in ihnen wandeln, so will ich mein Wort an dir wahr machen, das ich deinem Vater David gegeben habe, und will wohnen unter Israel und will mein Volk Israel nicht verlassen.“(1. Könige 6, 11 -13)  Es ist die Bindung an die Weisungen Gottes, die einen König dazu bringt, dass er „den Geringen getreulich Recht schafft.“ (Buber/Rosenzweig, aaO. S, 267) Dass er der Versuchung widerstehen kann, die in der umfassenden Macht des Herrschers liegt.

15 Rute und Tadel gibt Weisheit; aber ein Knabe, sich selbst überlassen, macht seiner Mutter Schande. 16 Wo viele Gottlose sind, da ist viel Sünde; aber die Gerechten werden ihren Fall erleben. 17 Züchtige deinen Sohn, so wird er dir Freude machen und deine Seele erquicken.

Das ist nicht mehr unser Erziehungsstil. Aber es ist eine klare Anfrage an den Stil, der auf alle Erziehung verzichtet, der nur noch maßlos bewundert. Wenn schon der 18. Geburtstag nicht mehr einfach eine Alterserscheinung ist, sondern ein Lebenserfolg und entsprechend gefeiert wird, dann wird es ein bisschen schräg. Heutzutage setzen wir auf Lob. „Hast Du dein Kind heute schon gelobt?“ ist ein Aufkleber unserer Tage. Und wehe, wer nicht Ja sagen kann.  Dass das Lob aber wertlos wird, wenn Tadeln prinzipiell untersagt ist, das erschließt sich wohl erst auf den zweiten Blick und bei längerem Nachdenken.

Wir haben es schwer mit dem Setzen von Grenzen. Wir versuchen immer, Grenzen zu dehnen, zu weiten, über sie hinaus zu kommen. Grenzen sind nicht toll. Sie werden als Einengung erlebt und gewertet und sollen eigentlich nicht sein. Das erklärt die überaus starke Anziehungskraft eines Liedtextes, der eine kollektive Sehnsucht beschreibt.

Über den Wolken                                                                                                                    Muss die Freiheit wohl grenzenlos sein
Alle Ängste, alle Sorgen
Sagt man
Blieben darunter verborgen
Und dann
Würde was uns groß und wichtig erscheint
Plötzlich nichtig und klein.                R. Mey

 Wir erleben viel Sehnsucht nach Grenzenlosigkeit, viel Maßlosigkeit – bei Erwachsenen und darum auch bei Kindern. Wer sich selbst nicht in Zucht nimmt, wie soll der seine Kinder „züchtigen“. Wobei „züchtigen“ im biblischen Denken nicht hauen und verprügeln ist, sondern zur Besonnenheit anleiten, in einen Rahmen stellen und mit Grenzen leben lehren.

18 Wo keine Offenbarung ist, wird das Volk wild und wüst; aber wohl dem, der auf die Weisung achtet!

  Es geht, so glaube ich, nicht um die Stimme, senkrecht aus dem Himmel. Es geht nicht um Offenbarung im Sinn einer direkten himmlischen Mitteilung. Es geht um die Rückbindung an den Himmel. Es geht um die Einsicht, dass es mehr gibt als das, was wir aus dem Leben machen, mehr als das, was ich vom Leben will. Es geht um das Gegenüber Gottes. Es geht um die Weisung Gottes – tôrā. Wo das nicht mehr geglaubt wird, steht der Mensch nur noch sich selbst gegenüber und wird, im Zweifelsfall, auch nur noch sich selbst und seine Interessen sehen.

Zum Weiterdenken

Wo kein Gott mehr geglaubt wird, wird die Verantwortung relativ – sie gilt nur noch den doch auch sehr veränderlichen und relativen Gesetzen gegenüber. Eine gott-lose Gesellschaft wird, davon bin ich überzeugt und drin mit den oft so treffsicheren Sprüchen und der Weisheit Israels im Bunde, auf die Dauer nicht menschenfreundlich sein. Das ist die tief skeptische Sicht dieses Wortes. Zumindest Fragezeichen fallen mir ein bei so mancher Rechtsprechung, auch des Bundesverfassungsgerichtes – beispielhaft in Sachen Sterbehilfe, Assistenz zum Suizid, unabhängig von Gesundheit und Alter. Wo Ethik-Kommissionen den schlichten Glauben und das Fragen nach dem Willen Gottes ersetzen, da wird das Leben in tiefe Schatten gerückt.

  In solchen Zeiten braucht es die, die einsam auf ihrem Turm ausharren und Ausschau halten nach einem neuen Wort Gottes. „Auf meiner Warte will ich stehen und mich auf meinen Turm stellen und Ausschau halten und sehen, was er mir sagen und antworten werde auf das, was ich ihm vorgehalten habe. Der HERR aber antwortete mir und sprach: Schreib auf, was du schaust, deutlich auf eine Tafel, dass es lesen könne, wer vorüberläuft!“ (Habakuk 2, 1-2)

Mein Gott, bewahre mich vor dem Schwarzsehen, vor dem Schwelgen im Untergang, vor dem missgünstig  Gejammer der Alten über den Verfall der Jugend. Bewahre mich auch vor dem kritiklosen Jubel, vor dem Mitlaufen und Mitreden, vor dem sich Anpassen an die neue Zeit, die alle alten Werte preisgibt.

Bewahre mich in Deiner Treue und hilf mir, dass ich Dir die Treue bewahre in einfältigem Glauben und sorgfältigem Handeln, nach Deinem Willen. Amen