Kein Mitläufer sein

Sprüche 28, 12 – 28

 12 Wenn die Gerechten Oberhand haben, so ist herrliche Zeit; wenn aber die Gottlosen hochkommen, verbergen sich die Leute. 13 Wer seine Sünde leugnet, dem wird’s nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen. 14 Wohl dem, der Gott allewege fürchtet! Wer aber sein Herz verhärtet, wird in Unglück fallen.

Sind die Gerechten die Gerechten, die es im Land gibt, oder ist das eine Gruppe, die diesen Beinamen führt? So wie es bei uns Konservative und Christliche gibt und solche, die sich offiziell als Konservative und Christliche firmieren, aber in Wahrheit alles andere als das sind. Wann ist ein Mensch gerecht? Vielleicht hilft die Übersetzung weiter: “Wo die Bewährten triumphieren, ist das Gepränge groß. Wo sich Frevler erheben, muss ein Mensch aufgespürt werden.“ (M. Buber/ F. Rosenzweig, aaO. S. 265) bewährt ist einer, der Anderen das Leben nicht eng macht, der sich selbst nicht immer in den Mittelpunkt schiebt, der Gutes sagt, und es tut und Gutes tut, so wie er es sagt. Oder ist das zu formal gedacht?

            Es ist die Lebenserfahrung, wie sie Krimis transportieren: Vor Bösewichtern geht man besser auf Abstand. Sorgt dafür, dass sie einem nicht zu nahe kommen können. Engt ihren Wirkungskreis durch rechtliche Schutzmaßnahmen ein. Wenn aber eine Gesellschaft in die Hand von Frevlern fällt, dann hilft nur noch unsichtbar werden, sich verbergen. „Das laute Leben ist erstorben.“ (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1985, S. 282) Was bleibt, aus Furcht vor den Despoten ist der Rückzug in die eigenen vier Wände.

            Schlimm wird es immer dann, wenn einer eine Doppelexistenz führt – nach außen hui, nach innen pfui. Pharisäer seien das, sagen wir und nehmen damit eine ganze Gruppe unter Verdacht. Das geht leicht und entlastet. Anstrengend wird es dann, wenn ich mich selbst prüfe: Verberge ich meine Innenseite, meine Schuld? Und wahr ist – auf alle Fälle vor Gott – wer seine Schuld bekennt, der kann auf Barmherzigkeit hoffen. Nicht in den Medien, nicht in der politischen Arena. Da wird das Schuld-Bekenntnis gnadenlos ausgenützt. Wohl aber da, wo es darauf ankommt – unter Menschen – und eben bei Gott.

  Das wird im letzten Satz angesprochen. Wer aber sein Herz verhärtet, wird in Unglück fallen. Das lese ich so: Wer sich seine Schuld entziehen will durch Verschweigen, durch Leugnen, gerät in ihre Gefangenschaft. Es ist die bittere Erkenntnis, dass meine Lügen mich so besetzen, dass sie immer neu Folgelügen gebären. Deshalb habe ich meine Kinder gelehrt: Nichts ist so anstrengend wie die Lüge. Du musst sie durch immer neue Lügen untermauern und darfst nichts an deinen erfundenen Geschichten vergessen. Die Wahrheit dagegen ist unglaublich entlastend – ich muss mir nichts behalten. Ich bin ja in der Wahrheit.

15 Ein Gottloser, der über ein armes Volk regiert, ist wie ein brüllender Löwe und ein gieriger Bär. 16 Wenn ein Fürst ohne Verstand ist, so geschieht viel Unrecht; wer aber unrechten Gewinn hasst, wird lange leben. 17 Wer schuldig ist am Blut eines Menschen, der wird flüchtig sein bis zum Grabe, und niemand helfe ihm! 18 Wer ohne Tadel einhergeht, dem wird geholfen; wer aber verkehrte Wege geht, wird in eine Grube fallen

Das ist das zweite Thema – Menschen mit Einfluss. Wer Einfluss hat, wer Macht hat, der ist für die Anderen entweder ein Glücksfall oder wie ein brüllender Löwe und ein gieriger Bär. Wenn Politiker den Staat als Selbstbedienungsladen missbrauchen, dann bestehlen sie im Grunde ihr Volk. Wer seine Macht missbraucht zur eigenen Machtsicherung und nicht zum Dienst am Volk, der wird zur bedrückenden Belastung. Dafür muss man einmal nicht Blut an den Händen haben. Es liest sich wie ein Appell an die Vernunft der Mächtigen: „Nur ein unkluger Herrscher unterdrückt sein Volk.“ (H. Ringgren, Sprüche, ATD16, Göttingen 1962, S. 114)  Eine Einsicht, der sich bis unseren Tagen heute viele Machthaber verweigern.

 Was mich immer neu wundert: Dass Leute in unserer fast totalen Medienwelt und unserer freien Öffentlichkeit glauben, dass ihre großen und kleinen Tricks unentdeckt bleiben. Es mag sein, dass etwas vor dem Gesetz in Ordnung ist, also legal. Aber deshalb ist es noch lange nicht moralisch einwandfrei. Verkehrte Wege sind nicht nur die Wege, die verboten sind. Es sind auch die Wege, bei denen mein innerer Mensch seufzt: Hoffentlich kommt dir da keiner auf die Spur.

 19 Wer seinen Acker bebaut, wird Brot genug haben; wer aber nichtigen Dingen nachgeht, wird Armut genug haben. 20 Ein treuer Mann wird von vielen gesegnet; wer aber eilt, reich zu werden, wird nicht ohne Schuld bleiben. 21 Die Person ansehen ist nicht gut; aber mancher vergeht sich schon um ein Stück Brot. 22 Wer habgierig ist, jagt nach Reichtum und weiß nicht, dass Mangel über ihn kommen wird.

„Gesättigt mit Brot – gesättigt mit Armut.“(W. Dietrich, aaO. S. 284) So verrückt geht es zu. Wohl dem, der in solche Zeiten einen Acker hat. Das glaube ich zutiefst, dass es in der Bibel eine Menschenkenntnis gibt, die sondergleichen ist. Wer aber eilt, reich zu werden, wird nicht ohne Schuld bleiben. Das klingt wie ein Kommentar zu unseren derzeitigen Affären – Steuerhinterziehung durch sehr reiche Leute, Beschäftigung von Verwandten und Bezahlung aus öffentlichen Geldern, Vortragshonorare, Vorteilsnahme bei Geschäften mit Atemschutzmasken, Bestechung und Vorteilsmitnahme bei Mandaten in den Parlamenten.

 Das alles ist nicht koscher. Dahinter steht die Gier. Die Gier macht auch vor Abgeordneten nicht halt. Und ich frage mich: Ist die Gier so tief in unseren Genen verankert oder auch so lange sozial gelernt, dass wir nie Herr über sie werden, sie allenfalls mühevoll ein wenig bändigen? Ich bin meiner jedenfalls nicht so sicher, dass ich – leicht fertig – sagen würde: Mir kann das alles nicht passieren.

Es braucht, so glaube ich, eine starke Bindung des Herzen, damit der Gier Einhalt geboten werden kann. Wie das gehen kann? „Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ (Matthäus 6, 31-33) Das ist die stärkere Bindung. Und doch: Auch fromme Leute können der Gier zum Opfer fallen.

23 Wer einen Menschen zurechtweist, wird zuletzt Dank haben, mehr als der da freundlich tut. 24 Wer seinem Vater oder seiner Mutter etwas nimmt und spricht, es sei nicht Sünde, der ist des Verderbers Geselle. 25 Ein Habgieriger erweckt Zank; wer sich aber auf den HERRN verlässt, wird gelabt. 26 Wer sich auf seinen Verstand verlässt, ist ein Tor; wer aber in der Weisheit wandelt, wird entrinnen.

            Was leitet mich in meinem Leben? Ist es der Verstand? Ist es die Dankbarkeit? Ist es die Habsucht? Ist es der Wille, anderen zu helfen? Mir scheint deutlich zu sein. Die Sprüche sehen eine Menge Sackgassen und sie hängen sozusagen die Straßennamen der Sackgassen an den Eingang: Habgier, Un-Dank, Arroganz, Selbstsicherheit. Sie hängen Straßennamen für die weiterführenden Wege daneben: Interesse am Anderen, Dankbarkeit, Gottesfurcht, Weisheit.

Das Bild, das Jesus einmal zeichnet, das hat in den Worten der Sprüche seinen gedanklichen Hintergrund „Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden!“ (Matthäus 7, 13-14) Bevor wir, ich auch, über andere urteilen gilt es, sich selbst zu prüfen und sich der Prüfung Gottes zu stellen.

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;                                                           prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.                                                                       Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin,                                                                                 und leite mich auf ewigem Wege.“                            Psalm 139, 23-24

     Solche Selbst-Prüfung wehrt falscher Selbstsicherheit. Sie nimmt einem den gefühlten Heiligenschein aus der Hand und überlässt es Gott, das eigene Leben zu beurteilen.

27 Wer dem Armen gibt, dem wird nichts mangeln; wer aber seine Augen abwendet, der wird von vielen verflucht. 28 Wenn die Gottlosen hochkommen, so verbergen sich die Leute; wenn sie aber umkommen, werden der Gerechten viel.

Man bekommt Anerkennung für soziales Engagement zumal, wenn es gut sichtbar ist. Aber wer sich deshalb engagiert, hat schon seinen Lohn dahin. Und umgekehrt ist es so: Wer als geizig, sozial hartherzig gilt, der ist auch übel dran. Es gibt viele, die dann auf Abstand gehen. Es ist ein schmaler Grat im Umgang mit dem Reichtum. Und es gibt viele Neider.

   Die Tapferen sind einsam. Zumindest kommen sie sich oft so vor. Es klingt bitter: Erst wenn die Gefahr vorüber ist, kommen sie aus ihren Löchern. Elia kam sich so als ein einsamer Tapferer vor: „Er sprach: Ich habe für den HERRN, den Gott Zebaoth, geeifert; denn die Israeliten haben deinen Bund verlassen, deine Altäre zerbrochen, deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten danach, dass sie mir das Leben nehmen.“ (1. Könige 19, 14 Und er musste oder durfte hören: „Und ich will übrig lassen siebentausend in Israel, alle Knie, die sich nicht gebeugt haben vor Baal, und jeden Mund, der ihn nicht geküsst hat.“ (1. Könige 19, 18)

Zum Weiterdenken

Am letzten Satz bin ich innerlich hängen geblieben. Was wird verhandelt? Eine Möglichkeit heißt: Dass wir keine Helden sind. Dass wir nicht tapfer sind, wenn die das Sagen haben, die nur sich selbst kennen und die ihre Härte zum Gesetz machen. Wenn in einer Stadt die Gottlosen regieren, ist womöglich nur „Batman“ tapfer. Aber eben auch einsam. Man geht auf Deckung, wenn man weiß: Richter sind gekauft, Polizisten geschmiert, Politiker willfährig.  Ist es das – die kritische Analyse, dass Tapferkeit eher da floriert, wo sie nicht gefährlich ist? In der Bundesrepublik das freie Wort ergreifen, ist nicht so schwierig. In einem Staat mit Zensur frei seine Meinung sagen, schon. Weil sie kostet.

            Der Schluss-Satz wirkt wie eine tief skeptische Anmerkung: Es gibt viele Gerechte, wenn es nichts kostet. Das gilt auch fürs Steuerzahlen. Es ist leicht, Steuer-ehrlich zu sein, wenn man nichts hat. Das gilt auch fürs vorschriftsmäßige Autofahren, wenn mein Auto nur 25km/h schafft. Das gilt auch für die eigene Meinung.  Darf ich das so lesen?

            Auch das gehört mit in den Denkhorizont: Hinterher sind es immer viele, die tapfer waren, die dagegen waren. „Wann sie die Frevler erheben, versteckt sich der Mensch, wann sie aber verschwinden, wachsen die Bewährten.“ (M. Buber/ F. Rosenzweig, aaO. S. 265) Ist das nicht bitter, dass die Wahrheit und Güte erst dann Zuspruch haben, wenn die Gefahr vorüber ist? Es sind Sätze, die zur Selbstprüfung nötigen: Wann bin ich, wann werde ich tapfer? Wenn die Gefahr vorüber ist, wenn meine Sicht der Dinge wieder mehrheitsfähig ist? Oder stelle ich mich in den Gegenwind? Das ist so aktuell in diesen Tagen, wo es Gruppen in unserem Land gibt, die der Demokratie den Garaus zu machen suchen und dabei darauf setzen, dass die Mehrheit schweigt und ihnen so freie Hand bleibt.

 

Mein Gott, die Verführbarkeit des Herzens ist groß. Es scheint so einfach, sich Recht zu verschaffen, ein wenig nachzuhelfen, auch jenseits des Erlaubten zu tun, was alle tun – oder doch wenigstens fast alle.

Herr, es scheint so einfach, sich in der Menge zu verstecken, mitzuschwimmen, sich mitziehen zu lassen. Du aber willst Menschen, die zu Dir stehen, die sich festmachen in Deinem Gebot, Deinen Willen suchen. Mache Du mich zu so einem Menschen. Gib mir dazu Deinen Geist. Amen