Offene Augen für mich selbst

Sprüche 27, 1 – 7  

 1 Rühme dich nicht des morgigen Tages; denn du weißt nicht, was der Tag bringt.

  Manchmal kann ich mich nicht genug tun mit Planen. Es gibt mir ein gutes Gefühl, wenn ich Termine vereinbare. Noch gefragt zu sein, noch gesucht zu werden – für einen Ruheständler ist das schön, wenn er gleichzeitig darauf achtet: nicht zu viel.

            Der Satz in den Sprüchen erinnert an zwei Warnungen. Einmal: „Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?“ (Lukas 12,20) Wer wird die Termine wahrnehmen, die ich verabredet habe? Oder fallen sie einfach weg, wenn ich wegfalle? Glaube nicht so an den Reichtum deines Terminkalenders, höre ich in diesem Satz.

Die andere Warnung: „Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen -, und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.“ (Jakobus 4, 13-14) Die Zukunft ist nicht in meinen Händen. Sie gehört nicht mir. Zukunft ist Gottes Gabe. Sie wird empfangen, allem Planen zum Trotz.

2 Lass dich von einem andern loben und nicht von deinem Mund, von einem Fremden und nicht von deinen eignen Lippen. 3 Stein ist schwer, und Sand ist Last; aber der Ärger über einen Toren ist schwerer als beide. 4 Zorn ist ein wütig Ding, und Grimm ist ungestüm; aber wer kann vor der Eifersucht bestehen?

  Das alles lese ich als Hinweise zum Umgang mit mir selbst. Wenn niemand einen lobt, ist es gefährlich, sein eigener Lobredner zu werden. Es ist peinlich, wenn jemand von sich selbst redet und sagt: Ein Lothar Matthäus… Warum die Scheu davor zu sagen: Ich? Es berührt mich seltsam, wenn einer sagt: Meine Wenigkeit. Dahinter höre ich heimliche Eitelkeiten. Von denen ist kaum jemand frei, ich auch nicht. Wenn aber die Gier nach Anerkennung das eigene Handeln regiert, wird es richtig gefährlich.

 Es scheint eine Steigerung zu sein: Zorn – Grimm – Eifersucht. Wobei Zorn und Grimm auch dadurch belastend sein können, dass sie einem nicht nur entgegentreten, sondern in einem selbst wüten. Es ist nüchtern: „Eifersucht (vielleicht die eines Ehemannes) ist schlimmer als der Zorn eines Gegners.“(H. Ringgren, Sprüche, ATD16, Göttingen 1962, S. 107)  Sie zerfrisst von innen und raubt  jede Gewissheit. Getreu dem Motto: „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.“ Das klingt wie weisheitliches Spruchgut, ist aber Volksmund unserer Zeit.   

  5 Offene Zurechtweisung ist besser als Liebe, die verborgen bleibt. 6 Die Schläge des Freundes meinen es gut; aber die Küsse des Hassers sind trügerisch. 7 Ein Satter tritt Honigseim mit Füßen; aber einem Hungrigen ist alles Bittre süß.

Umso wichtiger ist es Freunde zu haben, die einem den Widerspruch gönnen, die einem die Kritik nicht ersparen. Die Schläge des Freundes meinen es gut; aber die Küsse des Hassers sind trügerisch. Was für ein wundervolles Wort. Noch näher und berührend in der Übersetzung: „Zum Trauen sind die Wunden, die der Liebende schlägt, aber wirblig sind die Küsse des Hassers.“ (M. Buber/ F. Rosenzweig, aaO. S. 262) Es ist ja so wahr. Wer mich kritisiert, den empfinde ich auf den ersten Augenblick hin feindselig, und seine Worte mögen für das eigene Selbstbewusstsein wie Schläge sein. Aber die Umarmung derer, die einem dabei ein Messer in den Rücken jagen, sind ungleich gefährlicher.

Mir fallen Situationen aus dem Leben Jesu ein. Sind nicht seine Versuchungen tatsächlich wie Umarmungen, wie Küsse des Hassers? Und, ein wenig seltsam mag es klingen, ist nicht der Einspruch des Petrus gegen den Weg nach Jerusalem wie Schläge des Freundes – er hilft Jesus dazu, umso deutlicher zu sehen, was wirklich sein Weg, der Weg Gottes mit ihm ist.

Ganz eng liegt der andere Satz bei diesen Gedanken. Offene Zurechtweisung ist besser als Liebe, die verborgen bleibt. Wer mir das ehrliche Wort gönnt, der ist gut zu mir. Wer mir die Wahrheit über mich selbst sagt, der meint es gut mit mir. Wer mir die unangenehme Wahrheit verschweigt – und sei es nur: „Du hast Mundgeruch“ – der lässt mich hängen. Mit der verborgenen Liebe, die mir so etwas erspart, kommt keiner weiter.

Freunde sind selten und selten bequem
sind manchmal kantig und unangenehm
woll’n nicht gefallen, woll’n zu dir gehören
steh’n auf der Matte, auch wenn sie mal stör’n           C. Bittlinger

Zum Weiterdenken

  In den letzten Jahren ist mir ein Satz immer wichtiger geworden. Jesus sagt: „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“(Johannes 8,31-32) Die Wahrheit, auch die unangenehme Wahrheit ist barmherzig. Das ist ihr Wesen als æmæt“, dass sie nicht kalte Richtigkeiten ans Licht zerrt, sondern auf einen gangbaren Weg stellt, sichere Schritte erlaubt. Sie verlangt nach Vertrauen. „Das eigentliche Wort für Vertrauen“, „Treue“, hebräisch „æmuna“, ist deshalb sprachlich aufs Engste mit dem Wort für Wahrheit verwandt“ (K. Koch, der hebräische Wahrheitsbegriff im griechischen Sprachraum, in Was ist Wahrheit, Hamburger theologische Ringvorlesung 1965; S. 53) Die Wahrheit führt im Vertrauen in die Weite, heraus aus der Gefangenschaft der Lüge, auch der Lüge über sich selbst.

 In der Begegnung mit Jesus erkenne ich mich selbst. Ich kann erkennen, wie oft Zorn und Grimm, Ärger und Eifersucht auf mir liegen, mich belasten, mir das Leben eng machen. Es ist ja wahr, dass das manchmal zentnerschwer auf einem liegt. Das leugnen zu wollen, ändert gar nichts. Nur das Eingeständnis: „So bin ich“, kann einen neuen Weg öffnen. Jesus ist der Freund, der mir die Augen öffnet über mich selbst.

 Jesus, öffne mir die Augen für mich selbst, mein Verhalten, meine Gedanken, meine Sehnsüchte, meine Worte. Öffne mir die Augen, auch wenn es weh tut, enttäuscht zu werden, sehen zu müssen, wie viel ich mir vorgemacht habe über mich selbst, meine Motive, meine inneren Einstellungen.

Jesus, Du mutest mir die Wahrheit zu, auch die unangenehme und schreibst mich doch nicht ab. Du willst mir den Weg öffnen, den Weg in Deiner Wahrheit, die mich trägt. Amen