Kein Raum für Hochmut

Sprüche 26, 1 – 17

 1 Wie Schnee zum Sommer und Regen zur Ernte, so reimt sich Ehre zum Toren. 2 Wie ein Vogel dahinfliegt und eine Schwalbe enteilt, so ist ein unverdienter Fluch: er trifft nicht ein.

 Wir sind nicht gewohnt, so auf die Natur zu blicken, dass sie uns zum Schlüssel für zwischenmenschliche Beziehungen wird. So aber blickt die Spruchsammlung. Sie liest in der Natur ab, was zwischen uns Menschen geschieht. Auch: was nicht geschieht und nicht gehen kann. Es geht eben nicht alles. „Schnee im Sommer wir jeder in Erinnerung behalten. (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1985, S. 256) Weil es so aus dem Rahmen fällt. Unerwartet, mehr noch, unmöglich erscheint.

 3 Dem Ross eine Peitsche und dem Esel einen Zaum und dem Toren eine Rute auf den Rücken! 4 Antworte dem Toren nicht nach seiner Torheit, dass du ihm nicht gleich wirst. 5 Antworte aber dem Toren nach seiner Torheit, dass er sich nicht weise dünke. 6 Wer eine Sache durch einen törichten Boten ausrichtet, der ist wie einer, der sich selbst die Füße abhaut und Schaden leidet.

     Sage noch einer, biblische Autoren würden nicht in die Niederungen des Lebens eintauchen. Alles wäre immer nur „geistlich“. Das Thema Torheit ist aber zuerst einmal ein sehr weltliches Thema. Es geht hier zunächst darum, dass ein Tor ein Mensch ist, der mit Vorsicht zu genießen ist. Törichte Leute verlieren den Überblick. Sie sind nicht sonderlich zuverlässig. Man muss schon genau wissen, was man mit ihnen anfangen kann und was nicht. Wer ihnen Aufgaben anvertraut, muss darauf achten, dass sie dadurch nicht überfordert werden, sonst riskiert man „den Weg, den der Bote ihm abnehmen sollte, selbst noch einmal gehen zu müssen, um alles wieder in Ordnung zu bringen, was der unzuverlässige Bote versäumt und verwirrt hat.“ (W. Dietrich, aaO. S. 257) Es gibt Vertrauen, das Überforderung mit sich bringt. 

 Erschreckendes wird für mich deutlich: Niemand ist von Anfang an ein Tor. Er wird es, wird es womöglich dadurch, dass Andere ihn überfordern. Er wird es, weil man Dinge von ihm verlangt, die er nicht leisten kann. Ein Elefant kann Bäume ausreißen, aber nicht auf Bäume klettern. Ein Bär kann alles Mögliche, aber nicht fliegen wie Vogel. Wer einen Menschen dazu verleitet, Dinge zu tun oder Verantwortung für Dinge zu übernehmen, die ihn überfordern, der macht ihn zum Toren. Manchmal aus fehlender Menschenkenntnis, manchmal aber auch einfach boshaft.

7 Wie einem Gelähmten das Tanzen, so steht dem Toren an, von Weisheit zu reden. 8 Einem Toren Ehre antun, das ist, wie wenn einer einen edlen Stein auf einen Steinhaufen wirft. 9 Ein Spruch in eines Toren Mund ist wie ein Dornzweig in der Hand eines Trunkenen. 10 Wie ein Schütze, der jeden verwundet, so ist, wer einen Toren oder einen Vorübergehenden dingt. 11 Wie ein Hund wieder frisst, was er gespien hat, so ist der Tor, der seine Torheit immer wieder treibt. 12 Wenn du einen siehst, der sich weise dünkt, da ist für einen Toren mehr Hoffnung als für ihn.

 Es sind wirklich Sprüche, und sie haben den Lacher leicht auf ihrer Seite. Damit ist eine Gefahr im Blick, die Gefahr der Überheblichkeit. Wer Andere als Toren einordnet, der attestiert sich selbst ja Vernunft, Besonnenheit, Maß und Klarheit. „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, …“ (Lukas 18,11) Es ist so leicht passiert, dass ich einem anderen den Stempel aufdrücke und übersehe, dass ich selbst schmutzige Finger von der Stempelfarbe bekomme.

  Wer ist denn ein Tor? Ich sehe Menschen vor mir, die so auftreten, als ob sie alles wüssten, die reden, als ob sie alles verstünden, die in ihrem Handeln tun, als ob sie alles könnten, die komplexe Sachverhalte souverän beurteilen, als hätten sie den Durchblick. Aber wenn ich genau hinschaue, sehe ich: Leeres Getöse. Nichts dahinter. Wenn du einen siehst, der sich weise dünkt, da ist für einen Toren mehr Hoffnung als für ihn. Das ist hart: Solche Leute merken es nicht, wie es wirklich um sie steht, wie verzerrt ihr Bild von der Welt und sich selbst ist. Die Aufgabe eines Weisen: Mit dem Toren so umgehen, dass er nicht überfordert wird, ihm zutrauen, ohne ihn zu überfordern.

 Ich habe auch Menschen vor Augen, von denen ich denke: Sie sind einfach nur dumm. Primitiv in ihren Worten, ihrem Denken und Fühlen. „Es gibt eins auf die Fresse, wenn du nicht tust, was ich will“ Und es gibt Menschen, die empfinde ich als innerlich hohl, ohne jede echte Gefühlsregung und jedes Empfinden. Weder für sich selbst noch für andere. Kein Tiefgang. Ein Spruch in eines Toren Mund ist wie ein Dornzweig in der Hand eines Trunkenen. Solche Leute verletzen, ohne es auch nur zu spüren. Sagt man ihnen, dass sie sich in ihrer Wortwahl vergriffen haben, so sagen sie: `Das habe ich nicht gewollt.’ Aber es berührt sie nicht.

13 Der Faule spricht: »Es ist ein junger Löwe auf dem Wege, ein Löwe auf den Gassen.« 14 Ein Fauler wendet sich im Bett wie die Tür in der Angel. 15 Der Faule steckt seine Hand in die Schüssel, und es wird ihm sauer, dass er sie zum Munde bringe. 16 Ein Fauler dünkt sich weiser als sieben, die da wissen, verständig zu antworten.

Es ist ein Dauerthema in den Sprüchen. Faulheit ist keine Tugend und der Faule bringt sich um alle Möglichkeiten des Lebens. Wunderbar in der Übersetzung auf den Punkt gebracht: „Die Tür dreht sich in ihrer Angel und der Faule auf seinem Bett.“ (M. Buber/ F. Rosenzweig, aaO. S. 261) Auch das ein Kennzeichen des Faulen: Er scheut vor imaginären Gefahren. Sie sind ihm sekundäre Rationalisierungen, weil sie seiner Faulheit den Anschein von Vernunft verleihen. Es sind „Vorwände, um nicht zu arbeiten.“(H. Ringgren, Sprüche, ATD16, Göttingen 1962, S. 105) Unvergesslich der Ausspruch eines Mitschülers, vielfach kolportiert: „Warum soll ich drei Jahre arbeiten, um dreißig Minuten angstfrei in der Prüfung zu sein?“ Klingt schlau, ist jedoch in Wahrheit eher dümmlich – das Durchfallen durch die Prüfung ist so vorprogrammiert.   

17 Wer vorübergeht und sich mengt in fremden Streit, der ist wie einer, der den Hund bei den Ohren zwackt.

Eine Warnung, die vielfach beherzigt wird. Sie wirkt wie eine Aufforderung zum wegschauen, sich nicht einzumischen. Es ist der Skandal, der vor Jahren durch die Presse ging, dass in einer U-Bahn keiner den Angreifer stoppte, der eine junge Frau misshandelte. Man wird sich gewiss nüchtern fragen müssen: bin ich bereit und auch fähig, geistig und körperlich stark genug, mich dieser Auseinandersetzung zu stellen? Aber man darf sie nicht von vornherein verweigern.

Zum Weiterdenken

Ist das zu hart geurteilt? Es ist kein Zeichen von Menschenliebe, wenn im Fernsehen Leute vorgeführt werden, lächerlich gemacht werden durch sichtbar machen ihrer Unfähigkeit oder fehlerhaften Selbsteinschätzung. Sie stehen wie die Deppen da. Aber sie sind in Wahrheit schamlos bloßgestellt und missbraucht. Deshalb sind sie zwar vielleicht aus Selbstüberschätzung töricht, aber noch lang keine Toren im biblischen Sinn.

   Toren sind nicht einfach nur doof. Ich glaube, das wichtigste Kennzeichen ist, dass sie sich vom Grund des Lebens gelöst haben. Sie leben außen gesteuert, getrieben von Gier, getrieben von der Sucht nach Anerkennung Wer ihnen applaudiert, treibt sie immer weiter vorwärts. Und sie leben nicht mehr verwurzelt in Gott. „Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis. Die Toren verachten Weisheit und Zucht.“ (1, 7)

Das ist der Ausgangspunkt des Buches der Sprüche. Gottesfurcht. Toren sind in der Sicht der Sprüche die, die ihre Verankerung des Lebens verloren haben, die sich nicht mehr in Gott finden und sich darum auch selbst nicht mehr finden. Torheit ist kein intellektuelles Defizit. Es ist eine geistliche Fehlanzeige. Und aus ihr erwächst ein Umgang mit der Welt, der ein Problem nach dem anderen erzeugt: Die Welt, die Natur, die Schöpfung wird zum Objekt degradiert. Sie stehen ihr als Macher gegenüber und sehen nur noch tote Materie, die zu gehorchen hat. Wie ein Hund wieder frisst, was er gespien hat, so ist der Tor, der seine Torheit immer wieder treibt. Und weil das ja so erfolgreich ist durch die Weiterentwicklung der Technik, treiben wir die Entfremdung von der Welt, ihre Objektivierung immer weiter vorwärts – und spüren nicht, wie töricht das in Wahrheit ist.

  Wenn ich so darüber nachdenke, merke ich, wie ich Anteil an dieser Art Torheit habe. Ich bin nicht so frei von diesem Subjekt-Objekt-Schema als Weltverständnis, wie ich es gern wäre. Dass ich mit allem, was lebt, zusammen gehöre, ist nicht mein Dauerempfinden und mein das Handeln stets leitender Grundgedanke. Ich lebe oft, wie der Tor: im Zufälligen, und versäume, mein Denken, Planen und Handeln in Gott zu verankern. Die Torheit des menschlichen Herzens ist mir näher und von mir selbst vertrauter als es mir lieb ist.

Mein Gott, bewahre mich vor dem Hochmut, der auf andere herab sieht, der ihre Torheit sieht, über ihre Dummheiten lacht, sich darüber belustigt, dass sie lächerliche Figuren sind. Bewahre mich vor einem Denken, dass sich selbst für richtig erklärt, sich selbst genügt, nur die eigene Weltsicht gelten lässt. Bewahre mich vor der Torheit des Herzens, die sich nicht freuen kann, die nicht mehr staunen will, die sich nicht mehr vom Leben überraschen lassen kann. Bewahre mich auch vor der Torheit der Allwissenheit.

Gib mir ein demütiges Herz und die Sehnsucht, das Verlangen nach Dir n meinen Geist und meine Seele. Amen