Luft lassen – sich mäßigen

Sprüche 25, 11- 28

11 Ein Wort, geredet zu rechter Zeit, ist wie goldene Äpfel auf silbernen Schalen. 12 Ein Weiser, der mahnt, und ein Ohr, das auf ihn hört, das ist wie ein goldener Ring und ein goldenes Halsband. 13 Wie die Kühle des Schnees zur Zeit der Ernte, so ist ein getreuer Bote dem, der ihn gesandt hat, und erquickt seines Herrn Seele.

  Das Lob der guten Worte kann gar nicht laut genug gesungen werden. Es passt alles zusammen: goldene Äpfel auf silbernen Schalen, ein goldener Ring und ein goldenes Halsband. „Ein schönes Ensemble, ein harmonisches Ganzes.“ (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1985, S. 249) Es gibt so viele Schlechtschwätzer, die aber auch alles in den Dreck ziehen. Da fällt es auf und tut es gut, wenn einer Gutes redet. Wenn einer Mut-Mach-Worte sagt, die einen anderen aufrichtet. Wenn einer dem anderen den Rücken stärkt.  Großartig, wenn einer/eine dem/der Anderen gute Worte gönnt.

14 Wer Geschenke verspricht und hält’s nicht, der ist wie Wolken und Wind ohne Regen.

    Aber Worte dürfen nicht leer sein. Worte müssen sagen, was sie sagen und dürfen nicht nur schöner Klang sein. Sonst gilt: „Wolkendünste mit Wind und kein Regen: wer sich erlogener Gabe rühmt.“ (M. Buber/ F. Rosenzweig, Gleichsprüche, Die Schriftwerke, Stuttgart 1992, S. 258)  Versprechen müssen gehalten werden. Darum ist es klug, mit Versprechen sparsam zu sein. „Ich werde den Mörder Ihrer Tochter finden.“ Wer so etwas sagt, der riskiert seine Glaubwürdigkeit (Dürrenmatt) und kann sein Versprechen womöglich nicht halten und zerbricht daran.  Nein, es ist Vorsicht geboten bei Worten, die einen binden.

 15 Durch Geduld wird ein Fürst überredet, und eine linde Zunge zerbricht Knochen. 16 Findest du Honig, so iss davon nur, soviel du bedarfst, dass du nicht zu satt wirst und speist ihn aus. 17 Halte deinen Fuß zurück vom Hause deines Nächsten; er könnte dich satt bekommen und dir gram werden.  

„Wer besonnen und beherrscht argumentiert, wirkt überzeugend, weckt Zuneigung.“ (W. Dietrich, aaO. S. 250) Das andere ist eine tausendfache Erfahrung: Gute Nachbarschaft braucht Abstand. Wer vergisst, dass seine Nachbarn nicht zum eigenen Haushalt gehören, der zerstört Nachbarschaft. Wo es keine Distanz gibt, wo das Miteinander in einen „Belagerungszustand“ ausartet, da muss man geradezu die Notbremse ziehen und Distanz einbauen, notfalls mit hohen Zäunen, Hecken, Mauern. Er könnte dich satt bekommen und dir gram werden. ist noch die milde Form solcher überforderter Nachbarschaft.

18 Wer wider seinen Nächsten falsch Zeugnis redet, der ist wie ein Streithammer, Schwert und scharfer Pfeil. 19 Auf einen Treulosen hoffen zur Zeit der Not, das ist wie ein fauler Zahn und gleitender Fuß. 20 Wer einem missmutigen Herzen Lieder singt, das ist, wie wenn einer das Kleid ablegt an einem kalten Tag, und wie Essig auf Lauge.

  Öl ins Feuer. Die Lust daran, einen anderen richtig fertig zu machen, ist fies. „Du Opfer“ ist zum Schimpfwort geworden. Zugleich zur Rechtfertigung, wenn man auf einen, der schon am Boden liegt, auch noch tritt. Es ist die brutale Wirklichkeit der Straße, um nicht zu sagen, der Gosse, die hier sichtbar wird. Sie ist aber auch in „feinen Kreisen“ nicht von vornherein ausgeschlossen.

 21 Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brot, dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser, 22 denn du wirst feurige Kohlen auf sein Haupt häufen, und der HERR wird dir’s vergelten.

Mitten in diesen Worten auf einmal die Mahnung zu einem menschlichen Umgang mit den Feinden. Das ist noch nicht die Feindes-Liebe Jesu. Aber es ist der Rat, mit einem menschlichen Umgang den Feind innerlich zu entwaffnen. Wem ich so begegne, dass ich sein Leben schütze und fördere, der wird auf die Dauer nicht feindselig gegen mich sein können. Und es ist ein Verhalten, das Gott gefällt. So geht er ja auch mit mir um, wenn er mir seine Wohltaten zu Teil werden lässt. Der Vater im Himmel „lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matthäus 5,45) Ihn nachmachen, ihm nacheifern – das ist die Einladung dieses Wortes.

23 Wind mit dunklen Wolken bringt Regen, und heimliches Geschwätz schafft saure Gesichter. 24 Besser im Winkel auf dem Dache sitzen als mit einer zänkischen Frau zusammen in einem Hause.

Vers 23 klingt bei Buber ganz anders: Wind von Norden drosselt den Erguss, ein drohendes Antlitz das heimliche Züngeln. .“(M. Buber/ F. Rosenzweig, aaO. S. 260) Das hört sich nach Eindämmen an, nach Grenzen, nach Deeskalation. Dann wäre auch der nachfolgen Satz so zu lesen: Abstand, um des lieben Friedens willen Abstand.

Wer würde bei dem Spruch über die zänkische Frau nicht schmunzeln? Welcher Mann fühlt sich da nicht tief verstanden? Wenn man solche Sätze ernst nimmt, todernst, dann sind sie Macho-Sprüche. Wenn ich sie aber entspannt höre, dann verstehe ich: Man kann sich das Leben auf engsten Raum schwer oder leicht machen. Es liegt fast immer nicht an den Umständen, sondern an den Beteiligten, Mann und Frau. Geschlechtergerecht muss man freilich sagen: Es gibt auch jede Menge Männer, die zänkisch sind, rechthaberisch, die Frauen unterdrücken und sich aufführen, als seien sie die Herren der Welt.

25 Eine gute Botschaft aus fernen Landen ist wie kühles Wasser für eine durstige Kehle. 26 Ein Gerechter, der angesichts eines Gottlosen wankt, ist wie ein getrübter Brunnen und eine verderbte Quelle. 27 Zu viel Honig essen ist nicht gut; aber wer nach schweren Dingen forscht, dem bringt’s Ehre. 28 Ein Mann, der seinen Zorn nicht zurückhalten kann, ist wie eine offene Stadt ohne Mauern.

Und „allzu viel ist ungesund“. Das gilt für Essen und Trinken, für Arbeiten und Faulenzen. Das gilt für Reden und Schweigen. Wer kein Maß findet, ist nicht nur maßlos. Er verdirbt auch das Gute des Lebens. Wer sich nicht mäßigen kann, ist tief gefährdet und gefährlich auch für die, die mit ihm zu tun haben. „Selbstbeherrschung ist die Tugend der Weisheitsliteratur.“ (H. Ringgren, Sprüche, ATD16, Göttingen 1962, S. 103)

 Zum Weiterdenken

 So reiht sich Lebenserfahrung an Lebenserfahrung. Es ist ein nüchterner Blick auf das Leben, wie es ist. Es ist aber nicht die Rechtfertigung: So machen es doch alle. Ist doch normal. Die Erwartung hinter diesen Sprüchen: Alternativen entdecken. Aus der anderen Wirklichkeit Gottes und der Leitung des Geistes andere, menschenfreundlichere Wege gehen.

Mein Gott, lass mich das Leben so anschauen, dass ich lerne, mich zu mäßigen, aber es auch zu genießen, anderen die Freiheit zu gönnen, aber auch selbst zu sagen: ich bin so frei.

Lass mich darauf achten, dass ich Anderen das Leben nicht eng mache, nicht mit Worten, nicht mit zudringlicher Nähe, nicht mit Ratschlägen und Vorschriften. Mach Du mich aufmerksam, einfühlsam, geduldig, zu einem Menschen, der an Deiner Güte Maß nimmt. Amen