Ruhe, bis du auferstehst

Daniel 12, 1 – 13

Zu jener Zeit wird Michael, der große Engelfürst, der für dein Volk eintritt, sich aufmachen. Denn es wird eine Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es Menschen gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen.

Durch die Auslassung von Kapitel 11 in der fortlaufenden Bibellese wird der nachfolgende Abschnitt direkt mit dem Gesicht Daniels in Kapitel 10 verbunden. Es ist, als würde jetzt erst, nachdem Blick auf den Wirrwarr der Völkergeschichte der Inhalt des Gesichts nachgeliefert.

 Es ist die Ahnung, dass es nicht vorbei ist mit den Zeiten der Bedrängung, bloß weil Antiochus Epiphanes tot ist. Das Abtreten eines Gewaltherren ist nicht das Ende aller Gewalt. Die Trübsal nimmt regelrecht überhand. Darum braucht es Michael, den Engelfürsten Israels. Darum braucht es den Beistand aus der Höhe.

 Schon einmal war die Rede von „Büchern, die aufgetan werden.“ (7,10) Hier nun geht es darum, dass die gerettet werden, die im Buch geschrieben stehen. Dahinter steht eine Erfahrung aus der Umwelt: Wer in der Bürgerliste einer Stadt, eines Landes steht, gehört zu denen, denen der Schutz der Stadt zuteilwird. „civis Romanus sum“ hat etwas von einer absoluten Schutzformel. Das wird übertragen auf die Vorstellung vom Gericht: Es wird öffentlich, was im Leben war, aufgedeckt in der Wirklichkeit Gottes.

 2 Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande. 3 Und die da lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.

  Es hat eine lange Zeit gegeben, in denen eine Auferstehungshoffnung dem Glauben Israels fremd war. Es sind erst späte Texte, in denen sich das ändert, so wie das Daniel-Buch. Es ist eine der wenigen Stellen im Alten Testament, in denen die Auferstehungshoffnung in klare Worte gefasst ist. Es geht durch die Zeiten der Bedrängung der Auferstehung entgegen. Es ist Trostwort an die, die in der Zeit leiden, die unter schwerer Bedrängung ihren Weg suchen müssen, denen das Leben schwer gemacht wird. Es ist Trostwort für die, die in diesen Kämpfen Menschen verloren haben.

  Es ist zugleich allerdings auch ein mahnendes Wort. Auferstehung ist nicht für alle das „reine Glück“. Es mag Menschen geben, die mit gutem Grund darauf hoffen: Mit dem Tod ist alles aus. Das ist das Zeugnis, das Daniel aus dem Engelsmund empfängt: Es geht nicht für alle gleich aus. „Es wird eine Scheidung und Sichtung stattfinden, eine Auslese geheimnisvollster Art. Es wird solche geben, die „im Buch stehen “und solche, die nicht im Buch stehen. Gott selbst wird nicht Geschiedenes vereinen, sondern Vereinigtes scheiden“ (W. Lüthi, aaO. S. 154)

 Was für ein Kontrast: ewige Schmach und Schande auf der einen Seite, leuchten wie des Himmels Glanz auf der anderen. Aber wer wohin gehört, ob in das Buch oder nicht, wird nicht von uns eingeteilt. Diese Botschaft darf nicht dazu missbraucht werden, die einen als ungläubig abzuschreiben und sich selbst schon einmal einen Platz im Himmel zu attestieren und das „Reserviert-Handtuch” vorsorglich auszubreiten. Wie alles biblische Reden vom Gericht geht es hier nicht um Tatsachen-Feststellung oder gar um Festschreibungen, sondern um einen Ruf zur Umkehr. Noch ist Zeit zu hören und sich zu Gott zu wenden.

4 Und du, Daniel, verbirg diese Worte und versiegle dies Buch bis auf die letzte Zeit. Viele werden es dann durchforschen und große Erkenntnis finden.

            Erkenntnisse haben nicht immer ihre Zeit. Auch die Ansagen Gottes sind nicht für alle Zeiten gleich. Wenn Daniel diese Worte verbergen und dieses Buch versiegeln soll, dann doch wohl, damit das Buch nicht zur Unzeit gelesen und folgerichtig missverstanden wird. Auch das mag mitschwingen: „Versiegelt wurden königliche Schreiben, Kaufbriefe, Abmachungen und Bücher, um sie in ihrer Autorität und in ihrem Bestand zu sichern.“ (G. Maier, aaO. S. 416) So unterstreicht dieser Auftrag die Bedeutung des Buches. Wenn die Zeit da ist, für die es geschrieben ist, wird es helfen. Dann wird es auch verstanden werden. Vorher hat es nichts zu bieten als lauter Rätselworte.

5 Und ich, Daniel, sah, und siehe, es standen zwei andere da, einer an diesem Ufer des Stroms, der andere an jenem Ufer. 6 Und er sprach zu dem Mann in leinenen Kleidern, der über den Wassern des Stroms stand: Wann sollen denn diese großen Wunder geschehen? 7 Und ich hörte den Mann in leinenen Kleidern, der über den Wassern des Stroms stand. Er hob seine rechte und linke Hand auf gen Himmel und schwor bei dem, der ewiglich lebt, dass es eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit währen soll; und wenn die Zerstreuung des heiligen Volks ein Ende hat, soll dies alles geschehen.

            Wann ist es soweit? Wie lange noch? Das ist der Schrei der bedrängten Gemeinde. Es ist der Schrei derer, die nicht sicher am Schreibtisch sitzen, sondern um ihr Leben fürchten müssen. Es ist der Schrei derer, die sich nach einer Lösung aus ihrer Angst sehnen, die es nicht mehr aushalten, die ihr eigenes Aufgeben fürchten. Und wie schon einmal ist die Antwort eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit. Eine halbe Ewigkeit. Länger als Menschen es sich vorstellen können zu ertragen. Und doch: Nicht für immer. Nicht bis zum St. Nimmerleinstag.  Die Zerstreuung des heiligen Volks hat ein Ende.

 Dieser Satz hat ja sehr praktische Konsequenzen bis in unsere Zeit. Der Staat Israel holt Menschen aus der Zerstreuung zurück, aus Russland, aus Äthiopien, aus der Diaspora, weil es diesen Satz gibt. Wenn sie alle in Israel sein werden, dann wird die halbe Ewigkeit erfüllt sein und der Weg frei für die Ewigkeit. Der aufgeklärte Verstand der Mitteleuropäer lächelt über so viel naiven „Bibelglauben“ und wundert sich, dass man die Schrift so wörtlich nehmen kann. Aber in solchem Glauben steckt eine Kraft, die Berge versetzt.

8 Und ich hörte es, aber ich verstand’s nicht und sprach: Mein Herr, was wird das Letzte davon sein? 9 Er aber sprach: Geh hin, Daniel; denn es ist verborgen und versiegelt bis auf die letzte Zeit. 10 Viele werden gereinigt, geläutert und geprüft werden, aber die Gottlosen werden gottlos handeln; alle Gottlosen werden’s nicht verstehen, aber die Verständigen werden’s verstehen. 11 Und von der Zeit an, da das tägliche Opfer abgeschafft und das Gräuelbild der Verwüstung aufgestellt wird, sind 1290 Tage. 12 Wohl dem, der da wartet und erreicht 1335 Tage!

Daniel bleibt an seinem „Wann“ hängen. Es ist ein Hängenbleiben nicht aus Neugier, sondern geboren aus dem Schmerz der Leidenden, aus der Ungeduld, die Märtyrer sehnsüchtig und ungeduldig zu gleich rufen lässt: „Und sie schrien mit lauter Stimme: Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?“ (Offenbarung 6,10) Die erste Antwort (12,7) scheint Daniel nicht genügt zu haben, deshalb fragt er noch einmal: Mein Herr, was wird das Letzte davon sein? Erneut bekommt er keine Antwort, die ihm erlaubt, einen Zeitplan wenigstens für sich selbst zu erstellen. Das ist gut so. Es ist gut, dass es keinen biblischen Ablaufkalender gibt, keinen Fahrplan, auf dem man die Zeit-Stationen ablesen könnte. Es ist gut, weil es uns nicht die Verpflichtung erspart, unsere Zeit ernst zu nehmen als letzte Zeit, als die Zeit, die uns anvertraut ist.

 Zwei Texte aus dem Neuen Testament berühren sich mit Worten aus dem Daniel-Buch. Der Erste: „Und wie es geschah zu den Zeiten Noahs, so wird’s auch geschehen in den Tagen des Menschensohns: Sie aßen, sie tranken, sie heirateten, sie ließen sich heiraten bis zu dem Tag, an dem Noah in die Arche ging und die Sintflut kam und brachte sie alle um. Ebenso, wie es geschah zu den Zeiten Lots: Sie aßen, sie tranken, sie kauften, sie verkauften, sie pflanzten, sie bauten.“ (Lukas 17, 26-28) Es ist Alltag, wenn das Ende kommt. Viele werden gereinigt, geläutert und geprüft werden, aber die Gottlosen werden gottlos handeln; alle Gottlosen werden’s nicht verstehen, aber die Verständigen werden’s verstehen. Das ist nicht resigniert, schon gar nicht zynisch. Es ist Zeit, in der das Wesen der Welt ist, wie es von Anfang an war. Es gibt auch keinen Steigerungslauf der Bosheit zum Ende hin. Das Bedrängende ist vielmehr, dass es ist, wie immer. Und doch meldet sich hier still und leise Hoffnung zu Wort.

 Das andere Wort: „Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.“ (Matthäus 24,36) Die sich widersprechenden Zahlen am Schluss des Buches mögen ein englischer Hinweis darauf sein, wie unsinnig es ist, sich Zahlenspielereien hinzugeben.

 13 Du aber, Daniel, geh hin, bis das Ende kommt, und ruhe, bis du auferstehst zu deinem Erbteil am Ende der Tage!

 Damit schließt das Buch. Daniel darf sterben. Er wird nichts versäumen durch seinen Tod. Denn das Ende ist nicht das Ende. Er bekommt dieses große Versprechen: Ruhe, bis du auferstehst zu deinem Erbteil am Ende der Tage! So darf sein Blick am Ende über den eigenen Tod hinaus gehen in den großen Horizont der Ewigkeit Gottes.

Zum Weiterdenken

  „Ich wünschte, das wäre nicht zu meinen Lebzeiten!“ sagte Frodo. „Das wünschte ich auch“, sagte Gandalf, „und das wünschte sich jeder, der in solchen Zeiten lebt. Aber darüber haben wir nicht zu befinden. Entscheiden können wir nur, was wir mit der Zeit, die uns gegeben ist, anfangen.“ (R.R. Tolkien, Der Herr der Ringe, S. 69) Es klingt wie ein Zitat aus dem Danielbuch, wenn Gandalf von „der Zeit, die uns gegeben ist,“ spricht. Das ist die Überzeugung, die Daniel seinen Lesern nahe bringt: Alle Zeit ist von Gott gegeben. Gott hat sie in Händen, im Guten wie im Bösen. Vielleicht könnte Daniel auf dem Hintergrund dieser Glaubensüberzeugung auch sagen: “Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ (Römer 8,28)   

 Ich lese diese Sätze des Daniel-Buches in den Tagen der Pandemie. Das Warten zerrt an den Nerven, zehrt die Kräfte der Seele auf. Diese seltsame Geschichten- und Visionen-Folge kann mir helfen, Geduld zu bewahren. Auszuhalten in schwierigen Zeiten. Das Buch Daniel ist in solchen und für solche schwierigen und wirren Zeitengeschrieben. Für Zeiten, in denen die Ohnmacht zu greifen ist – wie in der Löwengrube, wie im Feuerofen. In diesen Zeiten will Gott nahe sein, bewahren und durchbringen.

 Es gehört zur Langzeit-Wirkung dieser Schluss-Sätze aus dem Daniel-Buch: Wer im Buch des Himmels geschrieben steht, der hat „Bürgerrecht im Himmel“ (Epheser 2,19) und wird von keiner Anklage mehr berührt. Darum sagt Jesus: „Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“ (Lukas 10,20) Das ist der Listeneintrag, der vor Ungeschick bewahrt.

            Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

            Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht

            Es ist was es ist
sagt die Liebe

            Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung

            Es ist was es ist
sagt die Liebe                                     Erich Fried

 

Mein Gott, wenn ich frage: Wann? lass mich das hören: Ruhe bis du auferstehst. Wenn ich klage: Wie lange noch? lass mich hören: Dein Ich bin da.  Wenn mir der Weg zu lang werden will und meine Kraft schwindet, dann stärke Du mir die Hoffnung, gib mir Rückenwind, zeige mir den großen Horizont. Wende Dein leuchtendes Angesicht zu mir. Amen