Hat Gott nichts mehr zu melden?

Daniel 7, 16 – 28

16 Und ich ging zu einem von denen, die dastanden, und bat ihn, dass er mir über das alles Genaueres berichtete. Und er redete mit mir und sagte mir, was es bedeutete. 17 Diese vier großen Tiere sind vier Königreiche, die auf Erden kommen werden. 18 Aber die Heiligen des Höchsten werden das Reich empfangen und werden’s immer und ewig besitzen.

 Der Traumdeuter Daniel weiß nicht wie von selbst alles. Er steht vor diesem Traumgesicht und es ist ihm ein Rätsel. Darum geht er zu einem von denen, die dastanden und bittet um Entschlüsselung, Aufklärung.  Wen er bittet und wer ihm da Auskunft gib, ihm zu Sehen und Verstehen hilft, bleibt offen. Vage. Es könnte ein Engel sein, muss aber nicht. Wir dürfen nicht vergessen: Daniel ist immer noch im Traum unterwegs, nichts im Wachzustand.

 19 Danach hätte ich gerne Genaueres gewusst über das vierte Tier, das ganz anders war als alle andern, ganz furchtbar, mit eisernen Zähnen und ehernen Klauen, das um sich fraß und zermalmte und mit seinen Füßen zertrat, was übrig blieb; 20 und über die zehn Hörner auf seinem Haupt und über das andere Horn, das hervorbrach, vor dem drei ausfielen; und es hatte Augen und ein Maul, das große Dinge redete, und war größer als die Hörner, die neben ihm waren. 21 Und ich sah das Horn kämpfen gegen die Heiligen, und es behielt den Sieg über sie, 22 bis der kam, der uralt war, und Recht schuf den Heiligen des Höchsten und bis die Zeit kam, dass die Heiligen das Reich empfingen.

 Gleichwohl: Auch der träumende Daniel wüsste gerne Genaueres. Weil ein Schrecken, über den man Bescheid weiß, schon einen Teil seines Schreckens verloren hat. Es wirkt wie ein Schrecken, der ihn nicht loslässt. Das gibt es ja, dass ein Bild so schrecklich ist, dass man den Blick nicht davon lösen kann, dass man wie erstarrt ist. Es ist, als würde Daniel vor sich hin stammeln, fassungslos das immer Gleiche sagen. Die Worte wirken wie ein Wiederholung der Schrecken und darin wie eine nochmalige Steigerung. Das ist ja oft so: Wiederholungen sind, selbst wenn sie keine neuen Tatbestände zufügen, Steigerungen.  Ich glaube, es geht Daniel um ein Wissen, dass es erlaubt, sich auf das einzustellen, damit fertig zu werden, was sich da ankündigt.

 Zusätzlich: Das erhöhte den Schrecken, dass dieses vierte Tier sich ausdrücklich gegen die „Heiligen“ wendet. Mit ihnen kämpft und sie besiegt. Die Tiere zuvor waren schrecklich, dieses Tier ist mehr als das, es ist feindselig gegenüber den Leuten Gottes. Es geht um das Volk der Juden, gegen die sich seine Feindschaft richtet. Es ist nicht gesagt, dass die Leute Gottes ihre äußeren und inneren Kämpfe immer siegreich bestehen.

 Erst dann ist dieser Kampf gewendet, entschieden, als der kam, der uralt war, und Recht schaffte den Heiligen des Höchsten. Es ist Gottes Sache, wo und wann er eingreift, die Seinen aus dem Feuer holt. Mir scheint – hier ist keine Jahrtausend-Schlacht im Blick, auch kein Armageddon. Es geht um den geistlichen Kampf, in dem Gott gegen die wider-göttlichen Mächte streitet und seinen Engeln – auch sie sind ja Heilige des Höchsten – zur Seite steht und sie stärkt.   Dann aber ist die Zeit erfüllt, weil der Uralte sie erfüllt sieht – bis die Zeit kam, dass die Heiligen das Reich empfingen. Von dieser Zeit sagt Jesus: „Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.“ (Matthäus 24,36)

 23 Er sprach: Das vierte Tier wird das vierte Königreich auf Erden sein; das wird ganz anders sein als alle andern Königreiche; es wird alle Länder fressen, zertreten und zermalmen. 24 Die zehn Hörner bedeuten zehn Könige, die aus diesem Königreich hervorgehen werden. Nach ihnen aber wird ein anderer aufkommen, der wird ganz anders sein als die vorigen und wird drei Könige stürzen. 25 Er wird den Höchsten lästern und die Heiligen des Höchsten vernichten und wird sich unterstehen, Festzeiten und Gesetz zu ändern. Sie werden in seine Hand gegeben werden eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit. 26 Danach wird das Gericht gehalten werden; dann wird ihm seine Macht genommen und ganz und gar vernichtet werden.

 En dritter Anlauf, in dem die Andersartigkeit des vierten Tieres betont heraus gestellt wird. Es ist ganz anders als alle andern Königreiche, als alles, was zuvor war. Es bringt Könige hervor und unter diesen wieder einen, der in allem die Spitze des Bösen ist. Er wird den Höchsten lästern und die Heiligen des Höchsten vernichten und wird sich unterstehen, Festzeiten und Gesetz zu ändern. Vielleicht muss man sagen: Das alles ist ein Hinweis auf eine neue Qualität des Bösen. Denn daran ist kein Zweifel: Das vierte Tier ist durch und durch böse.

Beides, die Zeiten und das Gebot kommen von Gott. Gott hat Tag und Nacht gesetzt, Sommer und Winter, Frost und Hitze. Gott hat sein Gebot gegeben. Es ist die nackte Auflehnung gegen Gott, der unverschleierte Versuch, sich an die Stelle Gottes zu setzen.

 Das Erschreckendste in dieser Vision und ihrer Deutung: Das Tier erhält Macht über die Heiligen. Eine halbe Ewigkeit – eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit – werden sie in seine Hand gegeben. Einmal mehr: gegeben – es ist Gott, der das zulässt, ja nicht nur zulässt, der aktiv gibt. Das wider-göttliche Reich hat seine Macht aus den Händen Gottes. „Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet.“ (Römer 13,2) Dieser Satz des Paulus, der so vielen Schwierigkeiten macht und der es so schwer macht, Obrigkeiten auch widerständig entgegen zu treten, hat in Daniels Gesicht seine frühe „Begründung“.

Und wieder: Diese Macht ist begrenzt. Sie wird dem Tier genommen werden. Sein Reich ist nicht ewig, sondern endlich. Seine Macht vergeht. Mag sein, dass es in unseren Augen so aussieht, dass es innere Widersprüche sind, die das Reich vergehen lassen, ihm seine Macht zerbrechen – so ist es mit dem Alexander-Reich, so wird es mit dem römischen Reich sein, auch mit dem Heiligen römischen Reich deutscher Nation, auch mit der Sowjetunion, auch mit…. Aber hinter diesem Vordergrund ist Gott am Werk. Er nimmt dem Reich die Macht und lässt es dem Untergang entgegen taumeln.

 27 Aber das Reich und die Macht und die Gewalt über die Königreiche unter dem ganzen Himmel wird dem Volk der Heiligen des Höchsten gegeben werden, dessen Reich ewig ist, und alle Mächte werden ihm dienen und gehorchen.

Ist es wirklich ein Trost?  An die Stelle der Reiche der Welt wird das Reich des Höchsten treten. Das Volk der Heiligen des Höchsten wird die Macht über die Reiche der Welt erlangen. Erlangen, weil sie ihm gegeben wird.  Oder ist das die tiefste Gefährdung dieses Reiches der Heiligen, dass sie sich anpassen könnten, dass sie werden könnten wie alle Reiche zuvor? Wer die Geschichte der Kirche betrachtet, der sieht einigermaßen entsetzt, wie sie allzu oft den gleichen Spielweisen der Welt gefolgt ist. Macht hat eine eigene Verführungskraft, auch in der Kirche.

  Es ist die Hoffnung auf das andere Reich, das nicht ist wie die Reiche der Welt:  Wir – als Kirche – haben es allzu-oft überhört, dass Jesus als der eigentliche Interpret dieser Visionen gesagt hat: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. (Johannes 19,36) Das ist die endgültige und verpflichtende Absage an alle weltliche Macht in den Händen der Kirche Jesu Christi. Wie weit sind wir vom Gehorsam gegen dieses Wort des Herrn entfernt.

   28 Das war das Ende der Rede. Aber ich, Daniel, wurde sehr beunruhigt in meinen Gedanken und jede Farbe war aus meinem Antlitz gewichen; doch behielt ich die Rede in meinem Herzen.

 Am Ende ist Daniel wie zerschlagen. Aufgewacht aus einem Traum, der weithin die Züge eines Albtraumes hat. Aufgewacht aus einem Traum, der ihn aufwühlt, beunruhigt, in seinen Gedanken durchschüttelt. Es ist eine erschreckende Botschaft, die er da ersieht. Wie nahe ist Daniel mit seinem Erschrecken dem Erschrecken des Nebukadnezar (2,1) und des Belsazar (5,6).

Zum Weiterdenken

 Es ist nie leicht, Botschaften aus der Wirklichkeit Gottes zu empfangen. Sie bestätigen allzu oft gerade nicht unsere Sicht der Dinge und unsere Wünsche. Sie verlangen uns Aufmerksamkeit ab und führen uns über unsere Grenzen hinaus. Sie lösen Irritationen aus, Erschrecken. Sie fragen unsere sichere Weltsicht an, sie sind wie ein Weckruf.

Man tut unserer Zeit nicht Unrecht, wenn man sie tendenziell gott-los sieht. Sie ist nicht das große Schreckenstier. Doch es ist eine eigentümliche „Qualität“ unserer Zeit, dass sie keinen Raum mehr lässt für die Ausrichtung der Gesellschaft am Willen Gottes. Das wird dem einzelnen Menschen noch zugestanden, solange er mit seinem Glauben nicht in Konflikt kommt mit den verabredeten Werten der Gesellschaft und der Meinungsmacher in ihr. Aber der Anspruch, dass sich eine Gesellschaft am Willen Gottes ausrichten müsse, damit es ihr wohl ergehe, dem wird heute aufs Schärfste widersprochen, und er wird als anachronistisch, ewig gestrig, intolerant, vor-aufklärerisch zurück gewiesen. Die Debatte um die Tanzverbote am Karfreitag, das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zur Sterbehilfe sind Belege unter vielen. Das geht – so denken und argumentieren inzwischen viele – gar nicht mehr, dass eine religiöse Position öffentliches Verhalten verlangt oder unmöglich macht

Das Schreckgespenst der Scharia, der Moslems, die ihren Glauben auch in der Gestaltung der Gesellschaft ernsthaft einbringen wollen, begünstigt diesen völligen Platzverweis des Glaubens aus der Gestaltung des öffentlichen Lebens. Man kann dann wunderbar im Namen der Freiheit argumentieren und verbergen, dass unsere freiheitliche Gesellschaft sich von ihren Voraussetzungen längst gelöst hat.

 Glaube ist Privatsache. So wird gebetsmühlenartig wiederholt. Sogar von der Verfassung geschützt. Aber nur so lange, wie er unauffällig bleibt. Längst ist an die Stelle des Glaubens als öffentliches Gestaltungselement das getreten, was man political correctness nennt: Sie ist zum Zwang geworden, dem sich alle zu unterwerfen haben und der sich gegen jede Bevormundung auch durch so etwas wie Glauben und Gott richtet. Gott hat im säkularen Staat nichts mehr zu melden.

 

Mein Gott. wie oft denke ich so, dass die Welt in der Hand der Mächtigen ist. Wie oft fühle ich mich ausgeliefert, preisgegeben, ferngesteuert. Wie oft frage ich, ob es nicht Zeit ist, aufzustehen, zu widersprechen – in Deinem Namen.

Herr, öffne Du mir, uns, die Augen, dass wir sehen und glauben, dass Du im Regiment bist, dass Du Deine Welt nicht preisgegeben hast, nicht losgelassen, nicht aus den Augen verloren.

Du wirst Dein Werk zu Ende bringen, Dein Reich herauf führen, Deinen Willen vollenden. Amen