Berauscht

Daniel 5, 1 – 30

 1 König Belsazar machte ein herrliches Mahl für seine tausend Mächtigen und soff sich voll mit ihnen.

             Ein anderer König. Belsazar folgt seinem Vater auf dem Thron. Prunksüchtig und trunksüchtig. Ein maßloser Mensch. „Entrollt wird das Bild tiefster sittlicher Verkommenheit. … Wir tun an diesem Königshof einen Blick in die Welt, wie sie zu sein pflegt in ihrem letzten Stadium vor dem Untergang.“(W. Lüthi, aaO. S. 62)

    2 Und als er betrunken war, ließ er die goldenen und silbernen Gefäße herbringen, die sein Vater Nebukadnezar aus dem Tempel zu Jerusalem weggenommen hatte, damit der König mit seinen Mächtigen, mit seinen Frauen und mit seinen Nebenfrauen daraus tränke. 3 Da wurden die goldenen und silbernen Gefäße herbeigebracht, die aus dem Tempel, aus dem Hause Gottes zu Jerusalem, weggenommen worden waren; und der König, seine Mächtigen, seine Frauen und Nebenfrauen tranken daraus. 4 Und als sie so tranken, lobten sie die goldenen, silbernen, bronzenen, eisernen, hölzernen und steinernen Götter.

             Man sieht das Gelage förmlich vor sich. Man kann das Gejohle hören, als die goldenen und silbernen Gefäße gebracht werden. Da mundet der Wein doch noch einmal so gut, wenn er aus sakralen Gefäßen geschlürft wird. Es ist, als wäre der Sieg über dieses Sklavenvolk der Hebräer jetzt erst vollendet.

            Es ist die Atmosphäre des Festes, eingefangen im Wort des großen Dichters jüdischer Herkunft. Empfänglich für die Stimmung hinter dem nüchternen Bericht.

Die Mitternacht zog näher schon; In stummer Ruh lag Babylon.                       Nur oben in des Königs Schloss, da flackert’s, da lärmt des Königs Tross.           Dort oben in dem Königssaal Belsazar hielt sein Königsmahl.                               Die Knechte saßen in schimmernden Reihn                                                                  und leerten die Becher mit funkelndem Wein.                                                              Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht;                                                            so klang es dem störrigen Könige recht.                                                                       Des Königs Wangen leuchten Glut; im Wein erwuchs ihm kecker Mut.                 Und blindlings reißt der Mut ihn fort;                                                                              und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort.                                                             Und er brüstet sich frech, und lästert wild;                                                                 der Knechte Sschar ihm Beifall brüllt.                                                                       Der König rief mit stolzem Blick; der Diener eilt und kehrt zurück.                     Er trug viel gülden Gerät auf dem Haupt;                                                                       das war aus dem Tempel Jehovahs geraubt.                                                              Und der König ergriff mit frevler Hand                                                                          einen heiligen Becher, gefüllt bis am Rand.                                                                   Und er leert ihn hastig bis auf den Grund                                                                und rufet laut mit schäumendem Mund:                                                             „Jehovah! dir künd ich auf ewig Hohn – Ich bin der König von Babylon!“                                                                H. Heine 1820

             Es geht in der Tat um mehr als ein gigantisches Besäufnis. Es geht um den Spott und den Hohn für die Verlierer und ihren Gott. Es sind zwar in der Sicht des Erzählers Heiden, aber was sie tun, wird von prophetischen Stimmen andernorts für Israel scharfsichtig beurteilt: „Denn mein Volk tut eine zwiefache Sünde: Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und das Wasser nicht halten.“(Jeremia 2,13) Sie wissen nicht, was sie tun – sie lobten die goldenen, silbernen, bronzenen, eisernen, hölzernen und steinernen Götter und verhöhnen den einen, alleinigen, den lebendigen Gott des Himmels und der Erde.

            Der Vater Nebukadnezar hatte es geahnt: Dieser Gott der jüdischen Menschen ist einzigartig, unvergleichlich in seiner Macht zu retten. Der Sohn ist blind für diese Macht. Er hat nur noch Augen für Gold und Silber, für Siege und Feste. Von Demut keine Spur.

 5 Im gleichen Augenblick gingen hervor Finger wie von einer Menschenhand, die schrieben gegenüber dem Leuchter auf die getünchte Wand im Königspalast. Und der König erblickte die Hand, die da schrieb. 6 Da entfärbte sich der König, und seine Gedanken erschreckten ihn, sodass seine Glieder schwach wurden und ihm die Knie schlotterten. 7 Und der König rief laut, dass man die Zauberer, Wahrsager und Sternkundigen herbeiholen sollte. Und er ließ den Weisen von Babel sagen: Welcher Mensch diese Schrift lesen kann und mir sagt, was sie bedeutet, der soll mit Purpur gekleidet werden und eine goldene Kette um den Hals tragen und als der Dritte in meinem Königreich herrschen. 8 Da wurden alle Weisen des Königs hereingeführt, aber sie konnten weder die Schrift lesen noch die Deutung dem König kundtun. 9 Darüber erschrak der König Belsazar noch mehr und verlor seine Farbe ganz, und seinen Mächtigen wurde angst und bange.

Es ist ein jähes Ende mit der Spaß-Gesellschaft. Eine Flammenschrift. Wie von einer Menschenhand, wie von Zauberhand. „Zur selben Stunde kamen die Finger einer Menschenhand hervor und schreiben dem Leuchter gegenüber auf den Kalk der Wand der Königshalle.“ M. Buber / F. Rosenzweig, aaO. S. 451) Der König sieht und es fährt ihm in die Glieder. Der Hochmut – verflogen. Die Stärke – wie weggeweht. „Das ist die Wirkung des Zeichens – Schreck – billiger Schreck. Mehr nicht.“ (W. Lüthi, aaO. S. 67) Nur ein Gedanke hat ihn noch fest im Griff: Was steht da an der Wand? Wer kann das entziffern, entschlüsseln? Belsazar verlangt nach Aufklärung, aber er versteht nicht, dass er umkehren müsste.

10 Auf die Worte des Königs und seiner Mächtigen hin kam die Königinmutter in den Saal und sprach: Der König lebe ewig! Lass dich von deinen Gedanken nicht so erschrecken und entfärbe dich nicht! 11 Es ist ein Mann in deinem Königreich, der den Geist der heiligen Götter hat. Denn zu deines Vaters Zeiten fand sich bei ihm Erleuchtung, Klugheit und Weisheit wie der Götter Weisheit. Und dein Vater, der König Nebukadnezar, setzte ihn über die Zeichendeuter, Zauberer, Wahrsager und Sternkundigen, dein eigener Vater, o König, 12 weil ein überragender Geist bei ihm gefunden wurde, dazu Verstand und Klugheit, Träume zu deuten, dunkle Rätsel zu erraten und Verschlungenes aufzulösen. Das ist Daniel, dem der König den Namen Beltschazar gab. So rufe man nun Daniel; der wird sagen, was es bedeutet. 13 Da wurde Daniel vor den König geführt.

             Die Königin-Mutter kommt in den Saal. Sie hat bisher dem Fest nicht beigewohnt. Sie hat getan, was die Mutter tut, wenn ihr Sohn zu Wein und Weib geht. Sie hat gewacht. möchte in das Chaos des Festes und der Gefühle Ruhe bringen. Darum erinnert sie den König an einen, der offensichtlich in Vergessenheit geraten ist. Daniel. Der Vater hatte ihn über alle gesetzt, die jetzt eben ihre Hilflosigkeit und Überforderung eingestehen mussten. Der Vater wusste, was er an Daniel hat, einen mit der Fähigkeit Träume zu deuten, dunkle Sprüche zu erraten und Geheimnisse zu offenbaren, einen, der den Geist der heiligen Götter hat. Er ist, so sagt sie dem aufgeregten und erschütterten Sohn, ein bewährter Mann. Und dann der Rat, wenn man denn einem König raten darf: So rufe man nun Daniel; der wird sagen, was es bedeutet.  Dieser Rat findet – überraschend – Gehör.

Und der König sprach zu Daniel: Bist du Daniel, einer der Gefangenen aus Juda, die der König, mein Vater, aus Juda hergebracht hat? 14 Ich habe von dir sagen hören, dass du den Geist der Götter habest und Erleuchtung, Verstand und überragende Weisheit bei dir zu finden sei. 15 Nun hab ich vor mich rufen lassen die Weisen und Zauberer, damit sie mir diese Schrift lesen und kundtun sollen, was sie bedeutet; aber sie können mir nicht sagen, was das alles bedeutet. 16 Von dir aber höre ich, dass du Deutungen zu geben und Verschlungenes aufzulösen vermagst. Kannst du nun die Schrift lesen und mir sagen, was sie bedeutet, so sollst du mit Purpur gekleidet werden und eine goldene Kette um deinen Hals tragen und als der Dritte in meinem Königreich herrschen.

Es klingt seltsam: Erst einmal erinnert Belsazar Daniel an die Fakten: Du bist einer der Gefangenen aus Juda. Hier schwingt Herablassung mit – Daniel soll nicht vergessen, vor wem er steht. Es mutet wie ein der eigenen Angst abgerungenes Zugeständnis an: Ich bin auf dich angewiesen, deine Fähigkeit, Verschlungenes aufzulösen Dann das Versprechen: es wird sich für dich lohnen.

  17 Da fing Daniel an und sprach vor dem König: Behalte deine Gaben und gib dein Geschenk einem andern; ich will dennoch die Schrift dem König lesen und kundtun, was sie bedeutet. 18 O König, der höchste Gott hat deinem Vater Nebukadnezar Königreich, Macht, Ehre und Herrlichkeit gegeben. 19 Und um solcher Macht willen, die ihm gegeben war, fürchteten und scheuten sich vor ihm alle Völker, Nationen und Sprachen. Er tötete, wen er wollte; er ließ leben, wen er wollte; er erhöhte, wen er wollte; er demütigte, wen er wollte. 20 Als sich aber sein Herz überhob und er stolz und hochmütig wurde, da wurde er vom königlichen Thron gestoßen und verlor seine Ehre 21 und wurde verstoßen aus der Gemeinschaft der Menschen, und sein Herz wurde gleich dem der Tiere, und er musste bei den Wildeseln hausen und fraß Kraut wie die Rinder, und sein Leib wurde nass vom Tau des Himmels, bis er lernte, dass der höchste Gott Gewalt hat über die Königreiche der Menschen und sie gibt, wem er will.

 Die erste Antwort Daniels ist eine souveräne Abfuhr: Ich brauche deine Geschenke nicht, ich brauche Dein Wohlwollen nicht. Aber ich will Dir helfen, du großer König, einfach so. Dann erinnert Daniel an Nebukadnezar. Der war wirklich ein großer König, einer, vor dem die Welt zitterte. Und doch wurde er in unsagbare Tiefe hinabgestürzt. Weil da ein Gott ist, der größer ist als alle Könige. Die Erinnerung an Nebukadnezar soll wohl dazu helfen, auch den Sohn Belsazar zu erden.

 22 Aber du, Belsazar, sein Sohn, hast dein Herz nicht gedemütigt, obwohl du das alles wusstest, 23 sondern hast dich gegen den Herrn des Himmels erhoben, und die Gefäße seines Hauses hat man vor dich bringen müssen, und du, deine Mächtigen, deine Frauen und deine Nebenfrauen, ihr habt daraus getrunken; dazu hast du die silbernen, goldenen, bronzenen, eisernen, hölzernen, steinernen Götter gelobt, die weder sehen noch hören noch etwas wissen können. Den Gott aber, der deinen Odem und alle deine Wege in seiner Hand hat, hast du nicht verehrt.

  Das ist die Anklageschrift, die der Gottesanwalt Daniel vorzutragen hat. Er hat sich überhoben. Er hat die Bodenhaftung verloren. Er hat so getan, als wäre kein Unterschied zwischen den menschengemachten Göttern und dem Gott, der deinen Odem und alle deine Wege in seiner Hand hat. Er ist Gott die Ehre schuldig geblieben und hat sich darin selbst verschuldet. Das ist der Kern der Anlage: Fehlende Ehrfurcht vor Gott, Hochmut, der sich selbst zu Fall bringen wird.

 24 Darum wurde von ihm diese Hand gesandt und diese Schrift geschrieben. 25 So aber lautet die Schrift, die dort geschrieben steht: Mene mene tekel u-parsin. 26 Und sie bedeutet dies: Mene, das ist, Gott hat dein Königtum gezählt und beendet. 27 Tekel, das ist, man hat dich auf der Waage gewogen und zu leicht befunden. 28 Peres, das ist, dein Reich ist zerteilt und den Medern und Persern gegeben.

             Jetzt kommt die Entschlüsselung der Schrift an der Wand: gewogen und zu leicht befunden. Es ist vorbei – mit dem Königtum und mit dem ReichDer König wird fallen, das Reich wird zerfallen. Es ist der verachtete und verlachte Gott, der diesen Untergang in Gang setzt. Die Worte Daniels sagen Zukunft an, indem sie sagen: Jetzt ist es soweit.

 29 Da befahl Belsazar, dass man Daniel mit Purpur kleiden sollte und ihm eine goldene Kette um den Hals geben; und er ließ von ihm verkünden, dass er der dritte Herrscher im Königreich sei. 30 Aber in derselben Nacht wurde Belsazar, der König der Chaldäer, getötet.

  Nun fällt die Nacht die Nacht herein über Belsazar und sein Geschlecht.“ (W. Lüthi, aaO. S. 69) In dieser Nacht ist es ein letzter Akt in der Vollmacht des Königs, dass Belsazar eine fürstliche Belohnung für Daniel ansagt. Was bleibt ist nur noch die lakonische Nachricht: In dieser Nacht stirbt Belsazar. Er wird Opfer seines Hochmutes, auch wenn er unter den Händen von Mördern stirbt.

 Zum Weiterdenken

 „Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten..“(Galater6,7) Das ist unserer Zeit eine fremde Botschaft geworden. Gott sollte kleinlich sein, unsere Worte auf die Goldwaage legen, sie gar ernst nehmen? Gott sollte keinen Spaß verstehen? Aber die Ernte des Belsazar ist die Frucht seiner Menschenverachtung. Er hat sich als einer erwiesen, der keine Ehrfurcht kennt und so fällt er den Händen zum Opfer, die nicht mehr daran denken, dass es ein Sakrileg ist, einen König umzubringen. Dass ein König, und sei er noch so merkwürdigt, immer unantastbar ist. David hatte das gewusst, als er Saul gleich zweimal verschonte. Unserer Zeit ist dieses Wissen abhandengekommen. Geköpfte Könige, entehre Staatschefs – das hat in den wirren Zeiten seit dem finsteren Mittelalter fast so etwas wie Normalität bekommen. Große Ausnahme: der große Korse Napoleon Bonaparte wurde nicht geköpft, sondern nur für immer verbannt. In Sicherheitsgewahrsam genommen.

 

Heiliger Gott, wie blind kann man sein für die Signale, die Du gibst. Wie taub kann man sein für den Ruf zur Umkehr, den Du ausrichten lässt. Wie gefangen kann man sein in den eigenen Gedanken, verliebt in das eigene Bild, berauscht von der Macht.

Bin ich weniger blind, taub, gefangen, verliebt, berauscht? Höre ich die leise Stimme, mit der Du rufst – nach Umkehr, nach der Hingabe meines Herzens, nach dem Gehorsam, der Dir die Ehre gibt?

Herr, wandle Du mein Herz, gib mir einen neuen gewissen Geist, dass ich Dir Raum gebe, Dich und Deinen Namen ehre mit meinem Leben. Amen