Der vierte Mann

Daniel 3, 1 – 30

1 Der König Nebukadnezar ließ ein goldenes Bild machen sechzig Ellen hoch und sechs Ellen breit und ließ es aufrichten in der Ebene Dura im Lande Babel. 2 Und der König Nebukadnezar sandte nach den Fürsten, Würdenträgern, Statthaltern, Richtern, Schatzmeistern, Räten, Amtleuten und allen Mächtigen im Lande, dass sie zur Weihe des Bildes zusammenkommen sollten, das der König Nebukadnezar hatte aufrichten lassen. 3 Da kamen zusammen die Fürsten, Würdenträger, Statthalter, Richter, Schatzmeister, Räte, Amtleute und alle Mächtigen im Lande zur Weihe des Bildes, das der König Nebukadnezar hatte aufrichten lassen. Und sie stellten sich vor dem Bild auf, das Nebukadnezar hatte aufrichten lassen.

   Im Traum Nebukadnezars ging es um ein Bild, das überragend groß ist, aber dennoch auf tönernen Füßen steht. Hat ihn sein Traum auf die Idee gebracht, ein Bild errichten zu lassen, das gewissermaßen für einen Loyalitäts-Test Verwendung finden kann. Es ist bis heute Usus, Symbole so einzusetzen, dass sie Loyalität erzeugen und beweisen. Von Land zu Land unterschiedlich: Wer bei der Hymne nicht mitsingt, ist verdächtig. Gilt für deutsche Fußballer mit Migrations-Hintergrund. Wer bei der Hymne kniet, ist unbotmäßig. Gilt für Sportler in den USA, die sich eine eigene Sicht auf den Rassismus ihrer Mehrheitsgesellschaft leisten. Das ist das Ziel Nebukadnezars: ein Treue-Test. Und alle kommen. Freiwillig oder genötigt, weil ihr Fehlen auffallen würde.

 4 Und der Herold rief laut: Es wird euch befohlen, euch Völkern, Nationen und Sprachen: 5 Wenn ihr hören werdet den Klang des Horns, der Flöte, der Zither, der Harfe, der Leier, der Doppelflöte und aller andern Instrumente, dann sollt ihr niederfallen und das goldene Bild anbeten, das der König Nebukadnezar hat aufrichten lassen. 6 Wer aber dann nicht niederfällt und anbetet, der soll zu derselben Stunde in den glühenden Feuerofen geworfen werden. 7 Als sie nun den Klang des Horns, der Flöte, der Zither, der Harfe, der Leier und aller andern Instrumente hörten, fielen alle Völker, Nationen und Sprachen nieder und beteten an das goldene Bild, das der König Nebukadnezar hatte aufrichten lassen.

Der Befehl dann sollt ihr niederfallen und das goldene Bild anbeten lässt darauf schließen, dass es nicht einfach nur ein Kunstwerk war, das da errichtet wurde. Es mag ein Totem-Pfahl sein oder ein Bild eines babylonischen Gottes. Es könnte auch ein Bild des Großkönigs sein. Jedenfalls, es wird mehr als nur Unterwerfung gefordert – Anbetung, Proskynese. Wenn alle gemeinsam anbeten, dann ist das ein Schritt nach vorne – „Ein Reich, Ein Volk, Ein Führer.“ „Der Höhepunkt der Weihe ist erreicht, wenn nicht nur die Rücken sich krümmen und die Nacken sich neigen, sondern wenn die die Knie beugen und die Hände zu falten beginnen. Seltsam! Nebukadnezar hält es in allen Jahrtausenden auf seinem Thron erst dann aus, wenn neben dem Thron der Altar steht und ihm die mangelnde Festigkeit borgt.“ (W. Lüthi, aaO. s. 36) Die gemeinsame Religion als Bindemittel der Völker – das ist ein uralter und gleichzeitig höchst neuzeitlicher Gedanke.

            Es funktioniert. Alle fallen nieder. Alle zeigen sich unterwürfig. Loyal. Es mag den einen oder anderen hart angegangen haben, so zum Mitmachen genötigt zu sein. Aber was wäre denn die Alternative? „Es will uns nicht mehr gelingen, in der Rolle des Zuschauers zu verharren. Dass wir alle Dabei sind, beim allgemeinen Niederfallen dort im Tale Dura, das ist unser Jammer und unsere Schande.“(W. Lüthi, aaO. S. 38) 

Es ist unangenehme Eigenschaft von Bibeltexten, dass sie uns ins Fragen bringen, uns unruhig machen können über unser eigenes Verhalten. Dass sie uns die Ausrede nicht durchgehen lassen: das machen doch alle so, dass sie mitmachen. Du willst doch ein Original sein, ein einmaliger Mensch Gottes, ein Sonderfall – und jetzt doch nur: wie alle anderen? Nur ein Mitläufer?

 8 Da kamen einige chaldäische Männer und verklagten die Juden, 9 fingen an und sprachen zum König Nebukadnezar: Der König lebe ewig! 10 Du, König, hast ein Gebot ergehen lassen, dass alle Menschen niederfallen und das goldene Bild anbeten sollten, wenn sie den Klang des Horns, der Flöte, der Zither, der Harfe, der Leier und einer Doppelflöte und aller andern Instrumente hören würden; 11 wer aber nicht niederfiele und anbetete, sollte in den glühenden Feuerofen geworfen werden. 12 Nun sind da judäische Männer, die du über die einzelnen Ämter im Lande Babel gesetzt hast, nämlich Schadrach, Meschach und Abed-Nego; diese Männer verachten dich, o König! Sie ehren deinen Gott nicht und beten das goldene Bild nicht an, das du hast aufrichten lassen.

Wo es Tyrannen gibt, gibt es auch Denunzianten. Wo es gemeinsame Aktionen großen Stiles gibt, gibt es auch die, die sich verweigern und nicht mit-tun wollen. Die drei Männer sind wohl den anderen schon lange ein Dorn im Auge. Erst recht, weil sie Aufsteiger aus der Mitte der Besiegten sind, Menschen von unten, die es nach oben geschafft haben, aber doch nie richtig dazu gehören. Sie gehören nicht auf die hohen Positionen, die sie innehaben. Sie sollten unten sein du nicht die besten Plätze beanspruchen dürfen. Sie haben nicht den Stallgeruch.

Der Vorwurf, den sie erheben vor dem König, ist klar: Sie verweigern nicht nur Gehorsam, sie verachten dein Gebot und ehren deinen Gott nicht und damit verachten sie den König selbst. Sie missachten Dich! Nebukadnezar, Großkönig. Wenn das Schule macht! Sie zerstören mit ihrem Verhalten die Autorität des Königs. Kein Wort davon, dass ein erzwungener Akt der Unterwerfung eher ein Zeichen von Schwäche als von Stärke ist. Kein Wort davon, dass man selbst ja nur so gehorcht hat, ohne innere Überzeugung und ohne Hingabe.

 13 Da befahl Nebukadnezar mit Grimm und Zorn, Schadrach, Meschach und Abed-Nego vor ihn zu bringen. Und die Männer wurden vor den König gebracht. 14 Da fing Nebukadnezar an und sprach zu ihnen: Wie? Wollt ihr, Schadrach, Meschach und Abed-Nego, meinen Gott nicht ehren und das goldene Bild nicht anbeten, das ich habe aufrichten lassen? 15 Wohlan, seid bereit! Sobald ihr den Klang des Horns, der Flöte, der Zither, der Harfe, der Leier und einer Doppelflöte und aller andern Instrumente hören werdet, so fallt nieder und betet das Bild an, das ich habe machen lassen! Werdet ihr’s aber nicht anbeten, dann sollt ihr zu derselben Stunde in den glühenden Feuerofen geworfen werden. Lasst sehen, wer der Gott ist, der euch aus meiner Hand erretten könnte!

 Das Gift der Denunzianten wirkt. Nebukadnezar ist empört, zornig, wohl auch gekränkt. Er lässt die Verweigerer vorführen. Er stellt sie in Frage: Ist es euer Ernst, dass ihr euch eine eigene Meinung erlaubt, dass ihr meinem Gott – und damit mir – die Anbetung verweigert? .

 16 Da fingen an Schadrach, Meschach und Abed-Nego und sprachen zum König Nebukadnezar: Es ist nicht nötig, dass wir dir darauf antworten. 17 Siehe, unser Gott, den wir verehren, kann uns erretten aus dem glühenden Feuerofen, und auch aus deiner Hand, o König, kann er erretten. 18 Und wenn er’s nicht tut, so sollst du dennoch wissen, dass wir deinen Gott nicht ehren und das goldene Bild, das du hast aufrichten lassen, nicht anbeten werden.

 Wenn Machthaber etwas nicht gut aushalten, dann, dass sie auf Widerstand stoßen. Dass ihnen ihr Machtanspruch nicht dazu genügt, jeden Widerstand zu brechen. Durch die bloße Androhung von Gewalt. Es ist die seltsame Freiheit der drei Männer, die sich in der Hand Gottes glauben, auch dann, wenn er sie nicht erretten wird. Kein Beugen unter die Macht, keine Anbetung der Gottheit, die doch nur menschliches Machwerk ist.

Es ist diese Wut Nebukadnezars, die sich heute zeigt in den Unrechtsurteilen gegen Nawalny, in der Unterdrückung Lukaschenkos, im Machtgebaren der Militärs in Myanmar, bei den Ayatollahs im Iran, bei Erdogan. Diese Wut hat sich auch gezeigt in den zügellosen Attacken eine Donald Trump auf die, die seinem Reden vom Wahlbetrug nicht gefolgt und die darum in Gefahr geraten sind durch einen aufgeputschten Mob.

 Es ist die seltsame Stärke derer, die sich im Recht wissen, dass sie nicht wissen, ob sie Erfolg haben werden mit ihren Protesten, die aber gleichwohl einstehen für ihr Wahrheit, für das Recht und die Freiheit, die eigenen Gedanken zu denken und zu sagen, in der Hoffnung, dass sie weiterwirken.

 19 Da wurde Nebukadnezar voll Grimm und der Ausdruck seines Angesichts veränderte sich gegenüber Schadrach, Meschach und Abed-Nego, und er befahl, man sollte den Ofen siebenmal heißer machen, als man sonst zu tun pflegte. 20 Und er befahl den besten Kriegsleuten, die in seinem Heer waren, Schadrach, Meschach und Abed-Nego zu binden und in den glühenden Feuerofen zu werfen. 21 Da wurden diese Männer in ihren Mänteln, Hosen, Hüten und andern Kleidern gebunden und in den glühenden Feuerofen geworfen. 22 Weil das Gebot des Königs so streng und der Ofen überaus heiß war, tötete die Feuerflamme die Männer, die Schadrach, Meschach und Abed-Nego hinaufbrachten. 23 Aber die drei Männer, Schadrach, Meschach und Abed-Nego, fielen hinab in den glühenden Feuerofen, gebunden wie sie waren.

Es geht rasch. Ab zur Liquidation. Gebunden an Händen und Füßen ins Feuer. Es geht nicht ohne Opfer ab – die Höllenflammen schlagen hoch und verbrennen die, die die Drei in den Ofen geworfen haben. Trotz ihrer Schutzkleidung.

 24 Da entsetzte sich der König Nebukadnezar, fuhr auf und sprach zu seinen Räten: Haben wir nicht drei Männer gebunden in das Feuer werfen lassen? Sie antworteten und sprachen zum König: Ja, König. 25 Er antwortete und sprach: Ich sehe aber vier Männer frei im Feuer umhergehen, und sie sind unversehrt; und der vierte sieht aus, als wäre er ein Sohn der Götter.

Es scheint, der König wollte zusehen, wie diese unbotmäßigen Männer verbrennen. Der Ofen hat ein Sichtfenster zu sicheren Beobachtung. Was Nebukadnezar aber sieht, erfüllt ihn mit Entsetzen. Sie verbrennen nicht, sie sind frei im Feuer, ihre Fesseln gelöst und sie sind unversehrt. Das Feuer kann ihnen nichts anhaben. Sie haben einen Beistand, wie von einem anderen Stern, einer, der aussieht, als wäre er ein Sohn der Götter.

  Was der König nicht wissen kann, was aber der späte Schreiber des Buches weiß. Hier erfüllt sich Verheißung Gottes: „Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen, und die Flamme wird dich nicht versengen.“ (Jesaja 43, 2) Die Anfechtung für uns: diese Verheißung ist irgendwie ausgesetzt, als zwei Jahrtausende später die Gasöfen brennen, in Auschwitz, Treblinka und anderswo.

 26 Und Nebukadnezar trat vor die Tür des glühenden Feuerofens und sprach: Schadrach, Meschach und Abed-Nego, ihr Knechte des höchsten Gottes, tretet heraus und kommt her! Da traten Schadrach, Meschach und Abed-Nego heraus aus dem Feuer. 27 Und die Fürsten, Würdenträger, Statthalter und Räte des Königs kamen zusammen und sahen, dass das Feuer den Leibern dieser Männer nichts hatte anhaben können und ihr Haupthaar nicht versengt und ihre Mäntel nicht versehrt waren; ja, man konnte keinen Brand an ihnen riechen.

 Immerhin, der Zorn des Königs ist verflogen, seinen Wut verraucht und er ist bereit, sein Urteil zu revidieren. Er ruft die drei aus dem Feuer und sie kommen, als ob sie nie im Feuer gewesen wären. Soll man das Größe nennen, dass der König bereit ist, seinen Fehler einzugestehen? Buße gar?

 28 Da fing Nebukadnezar an und sprach: Gelobt sei der Gott Schadrachs, Meschachs und Abed-Negos, der seinen Engel gesandt und seine Knechte errettet hat, die ihm vertraut und des Königs Gebot nicht gehalten haben, sondern ihren Leib preisgaben; denn sie wollten keinen andern Gott verehren und anbeten als allein ihren Gott! 29 So sei nun dies mein Gebot: Wer unter allen Völkern, Nationen und Sprachen den Gott Schadrachs, Meschachs und Abed-Negos lästert, der soll in Stücke gehauen und sein Haus zu einem Schutthaufen gemacht werden. Denn es gibt keinen andern Gott als den, der so erretten kann. 30 Und der König gab Schadrach, Meschach und Abed-Nego größere Macht im Lande Babel.

  Was für ein Wechsel. Ein Lobpreis aus dem Mund Nebukadnezars, gerichtet an den Gott Schadrachs, Meschachs und Abed-Negos. Der hat zu den dreien und ihrer Treue gestanden. Der hat sie bewahrt und so ihren Ungehorsam gegen das königliche Gebot bestätigt – dieser Ungehorsam war richtig! Das ist viel für einen absoluten Herrscher. Zugleihmuss man sagen, dass Nebukadnezar sich selbsttreubleibt. Er droht den Tod allen an, die den Gott Schadrachs, Meschachs und Abed-Negos lästern, Nach wie vor ist Gewalt und Machtandrohung sein Denkmuster. Geändert hat sich der König nicht. Er ist nur einer Gefühlsaufwallung gefolgt.

Zum Weiterdenken

  Einer, der aussieht, als wäre er ein Sohn der Götter. Es ist gut, dass dieses Aussehen nicht beschrieben wird. Was, wenn auch dieser Vierte Mann ausgesehen hätte wie unsereiner, ohne Nimbus, ohne Strahlenglanz, ohne Flügel? „Wir wagen zu glauben, dass er nicht nur ein Sohn der Götter ist, sondernder Sohn des einen Gottes, der herabgestiegen ist in den Feuerofen dieser Welt, weil er die ganze Breite und die ganze Höhe unseres Verbrechens und die ganze Tiefe unseres Falles erkannt und sich unser erbarmt hat. … Seitdem stet das Kreuz des Erlösers aufgerichtet in diesem Jammertal des Verbrechens, das Kreuz, das uns richtet und ruft.“ (W. Lüthi, aaO. S.43) Das Kreuz, das nicht nur dem Verbrechen und den Verbrechern gilt, sondern genau dem Leiden, dem Schmerz, dem unverstandenen Schicksal. Zuflucht allen, die in dieser Welt schier vergehen.

Heiliger Gott, Du stehst zu Deinen Leuten. Du lässt sie nicht los, lässt sie nicht untergehen, nicht verbrennen, gibst sie nicht preis.

Du stellst Dich zu ihnen, auch wenn Du selbst dabei in die Feuerhölle gehen musst, auch wenn Du selbst verletzlich und verletzt wirst. Du gehst in Deiner Treue bis zum Äußersten.

Dass Du so nach unten kommst, das kann uns ermutigen, zu Dir zu stehen, uns zu stellen in unserem Bekennen, Widerspruch auszuhalten, Fremdheit zu ertragen, nicht klein beizugeben und uns nicht anzupassen. Stärke uns den Mut zu solchem Glauben. Gib uns Deinen Geist. Amen