Macht – auf tönernen Füßen

Daniel 2, 24 – 49

 24 Daraufhin ging Daniel hinein zu Arjoch, der vom König Befehl hatte, die Weisen von Babel umzubringen. Er trat ein und sprach zu ihm: Du sollst die Weisen von Babel nicht umbringen, sondern führe mich hinein vor den König, ich will dem König die Deutung sagen. 25 Arjoch brachte Daniel eilends hinein vor den König und sprach zu ihm: Ich habe einen Mann gefunden unter den Gefangenen aus Juda, der dem König die Deutung sagen kann.

Risiko auf allen Seiten. Daniel geht zu dem, der den Mordbefehl ausführen soll. Wer sagt ihm, dass er sich nicht an den Schlächter ausliefert? Und dieser seinerseits, Arjoch, geht doch auch hohes Risiko, wenn er diesem Mann von den Gefangenen aus Juda glaubt, dass er kann, woran alle Weisen in Babylon gescheitert sind. Was, wenn der König ihn für verrückt erklärt und diesen Daniel gar nicht erst anhören wird? Immerhin – Arjoch setzt auf Erfolg, darum sagt er: Ich habe einen Mann gefunden und nicht: Der ist zu mir gekommen.

Soll man Daniels Weg tollkühn nennen, Flucht nach vorne? Oder ist es der Schritt dessen, der bei sich selbst sagt: `Ob ich durch den allgemeinen Befehl des Königs zu Tode kommen oder durch eine direkten macht keinen Unterschied. Ich habe, menschlich gesehen keine Chance, also nütze ich sie.´ „Es geht hier nicht um menschliche Tapferkeit und Heldentum, sondern um einen von Gott vorgezeichneten und bereiteten Gang, den ein Mensch in Schwachheit geht.“ (W. Lüthi, aaO. S. 27) Das aber hebt das Risiko Daniels ja keineswegs auf!

 26 Der König antwortete und sprach zu Daniel, den sie Beltschazar nannten: Bist du es, der mir den Traum, den ich gesehen habe, und seine Deutung kundtun kann? 27 Daniel fing an vor dem König und sprach: Das Geheimnis, nach dem der König fragt, vermögen die Weisen, Zauberer, Zeichendeuter und Sternkundigen dem König nicht zu sagen. 28 Aber es ist ein Gott im Himmel, der Geheimnisse offenbart. Der hat dem König Nebukadnezar kundgetan, was am Ende der Tage geschehen soll.

 Erstaunen? Skepsis? Der König fragt und Daniel antwortet. Sein Antwort korrigiert schon die Frage des Königs. Niemand kann das Geheimnis enthüllen. Die Forderung des Königs – die Deutung eine Traumes, den keiner kennt – ist eine Unmöglichkeit. Ob in diesen Worten des Daniel eine Kritik an den Verhalten des Königs mitschwingen könnte, muss offen bleiben. Aber es ist eine Klarstellung: „Der König hat Unmögliches von ihnen verlangt (W. Lüthi, ebda.) – von den Weisen, Zauberer, Zeichendeuter und Sternkundigen. Auch Daniel müssten an dieser Aufgabe scheitern.  Aber es ist ein Gott im Himmel, der Geheimnisse offenbart. Das ist also die Quelle seines Wissens, nicht die eigen Weisheit, nicht irgendein gelerntes Handwerk, sondern Gott. Mit einem Satz stellt Daniel klar, was Sache ist: Dieser Traum ist eine Botschaft an Nebukadnezar, er kommt von Gott.

 Mit deinem Traum und deinen Gesichten, als du schliefst, verhielt es sich so: 29 Du, König, dachtest auf deinem Bett, was dereinst geschehen würde; und der, der Geheimnisse offenbart, hat dir kundgetan, was geschehen wird. 30 Mir aber ist dies Geheimnis offenbart worden, nicht als wäre meine Weisheit größer als die Weisheit aller, die da leben, sondern damit dem König die Deutung kundwürde und du deines Herzens Gedanken erführest.

            Es ist kühn und doch auch wieder eher nur vernünftig: Dieser Traum ist eine Antwort auf die Fragen, die den König umtreiben. Was wird werden – mit dem Reich? Das, was den König am Tag beschäftigt – Zukunftsperspektiven – das holt ihm auch im nächtlichen Traum wieder ein. Und Daniel ist nun schlicht einer, der dem König helfen soll, seinen Traum zu verstehen – damit du deines Herzens Gedanken erführest. Wenn man so will: Daniel soll wie ein Seelen-Coach dem König zu Klarheit über sich selbst, seine Wünsche, seine Ängste, seine Hoffnungen helfen.

 31 Du, König, schautest, und siehe, ein sehr großes und hohes und hell glänzendes Bild stand vor dir, das war schrecklich anzusehen. 32 Das Haupt dieses Bildes war von feinem Gold, seine Brust und seine Arme waren von Silber, sein Bauch und seine Lenden waren von Bronze, 33 seine Schenkel waren von Eisen, seine Füße waren teils von Eisen und teils von Ton. 34 Das schautest du, bis ein Stein herunterkam, ohne Zutun von Menschenhänden; der traf das Bild an seinen Füßen, die von Eisen und Ton waren, und zermalmte sie. 35 Da wurden miteinander zermalmt Eisen, Ton, Bronze, Silber und Gold und wurden wie Spreu auf der Sommertenne, und der Wind verwehte sie, dass man sie nirgends mehr finden konnte. Der Stein aber, der das Bild zerschlug, wurde zu einem großen Berg und füllte die ganze Welt. 36 Das ist der Traum.

  Der Traum ist ein Albtraum. Er löst gewiss Angst aus. Erst einmal aber Staunen. Eine überragende Statue – sehr groß und hoch und hell glänzend. Ein Anblick, von dem man sich kaum lösen möchte, der Stabilität, Stärke, Beständigkeit ausstrahlt. Aber dann die Katastrophe.

Ein Stein kam herunter, ohne Zutun von Menschenhänden. Schicksalhaft, aus dem Himmel. Die ganze Stärke und Festigkeit zermalmt.

„Seht man musste sie begraben, die der Welt Gebote gaben                                    und ihr Wort hat nicht Bestand.                                                                                               Ihre Häuser wurden Trümmer, ihre Münzen gelten nimmer,                                     die man in der Erde fand.                                                                                                             Ihre Namen sind verklungen, ihre Lieder ungesungen,                                               ihre Reiche menschenleer.                                                                                                           Ihre Siegel sind zerbrochen, ihre Sprachen ungesprochen.                                             Ihr Gesetz gilt längst nicht mehr.               R. Wagner, Mundorgel, o. J.

 Nun wollen wir die Deutung vor dem König sagen. 37 Du, König, König aller Könige, dem der Gott des Himmels Königreich, Macht, Stärke und Ehre gegeben hat 38 und dem er alle Länder, in denen Leute wohnen, dazu die Tiere auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel in die Hände gegeben und dem er über alles Gewalt verliehen hat! Du bist das goldene Haupt. 39 Nach dir wird ein anderes Königreich aufkommen, geringer als deines, und dann ein drittes Königreich, das aus Bronze ist und über alle Länder herrschen wird. 40 Und das vierte Königreich wird hart sein wie Eisen; denn wie Eisen alles zermalmt und zerschlägt, so wird es auch alles zermalmen und zerbrechen. 41 Dass du aber die Füße und Zehen teils von Ton und teils von Eisen gesehen hast, bedeutet: Das wird ein zerteiltes Königreich sein; doch wird etwas von des Eisens Härte darin bleiben, wie du ja gesehen hast Eisen mit Ton vermengt. 42 Und dass die Zehen an seinen Füßen teils von Eisen und teils von Ton sind, bedeutet: Zum Teil wird’s ein starkes und zum Teil ein schwaches Reich sein. 43 Und dass du gesehen hast Eisen mit Ton vermengt, bedeutet: Sie werden sich zwar durch Heiraten miteinander vermischen, aber sie werden doch nicht aneinander festhalten, so wie sich Eisen mit Ton nicht mengen lässt.

Wie viel Mühe hat man sich gegeben, aus dieser Abfolge eine Geschichtsschau abzuleiten – die Abfolge der Weltreiche damals. Anders gesagt, bildhaft einfach: Die Bäume wachsen nicht bis in den Himmel. Auch die Weltreiche nicht. Es trifft wohl zu: „Es gibt kein irdische Reich, das hier nicht gemeint wäre. Dieses Bild redet von allem, was „groß Macht und viel List“ zur Rüstung hat. Das Traumgesicht Nebukadnezars ist der reinste Völkerspiegel.“(W. Lüthi, aaO. S. 28)

 Weltreiche kommen und gehen und der Traum von der ewigen Größe des eigenen Reiches verweht im Wind. Das Römische Reich, die Osmanen-Herrschaft, das Heilige römische Reich deutscher Nation, Groß Britannien, Napoleons Frankreich bis an den Ural, das germanische Großreich nach dem Gutdünken Hitlers, die Sowjetunion, das slawische Großreich, America first – alles nur Zeiterscheinungen. „Ob Ton oder Eisen, ob Erz oder Silber und Gold, auf tönernen Füßen stehen sie alle und keines wird dem rollende Stein gewachsen sein.“(W. Lüthi, aaO. S. 29) Es scheint allerdings das Streben aller Reiche, dass sie dies nicht wahrhaben wollen. Es ist die große Kränkung: Nur noch Regionalmacht, nur noch Glanz der Vergangenheit, nur noch ein Land unter vielen.

 44 Aber zur Zeit dieser Könige wird der Gott des Himmels ein Reich aufrichten, das nimmermehr zerstört wird; und sein Reich wird auf kein anderes Volk kommen. Es wird alle diese Königreiche zermalmen und zerstören; aber es selbst wird ewig bleiben, 45 wie du ja gesehen hast, dass ein Stein ohne Zutun von Menschenhänden vom Berg herunterkam, der Eisen, Bronze, Ton, Silber und Gold zermalmte. Ein großer Gott hat dem König kundgetan, was dereinst geschehen wird. Der Traum ist zuverlässig und die Deutung ist richtig.

   Szenenwechsel, Blickwechsel, Wechsel auch der Atmosphäre. Nicht mehr der ewig währende Untergang – es kommt das ewige Reich. Aufgerichtet von Gott aus dem Himmel. Keine Gewaltherrschaft. ohne marschierende Divisionen, ohne Heerbann. Ein Reich, das die Spielregeln der Welt auf dem Kopf stellt, ohne Zutun von Menschenhänden. Ohne unseren guten Willen, ohne unseren Willen zur Macht.

   Es klingt, als würde Daniel die bislang unausgesprochenen Einwände des Königs vorweg zur Seite wischen. Der Traum ist zuverlässig und die Deutung ist richtig. Nicht nur Wunschtraum, nicht nur Märchen, nicht nur zu schön, um wahr zu sein.  Dieser Traum kommt zur Erfüllung.

46 Da fiel der König Nebukadnezar auf sein Angesicht und warf sich nieder vor Daniel und befahl, man sollte ihm Speisopfer und Räucheropfer darbringen. 47 Und der König antwortete Daniel und sprach: Wahrhaftig, euer Gott ist ein Gott über alle Götter und ein Herr über alle Könige, der Geheimnisse offenbaren kann, wie du dies Geheimnis hast offenbaren können.

Auch Könige können einsichtig sein. Es ist wohl die Hoffnung des biblischen Erzählers dieser Daniel-Geschichte, dass Könige nicht unzugänglich sind, nicht Tyrannen ohne Einsicht. Dass sie angerkennen werden: da ist ein Gott im Himmel, Gott über alle Götter und ein Herr über alle Könige, dem werden sich die Könige auf Erden beugen.  Es bleibt ein Aber, sichtbar darin, dass der König sich vor Daniel auf die Erde wirft: Nicht Gott, sondern Daniel ist es, der ihn so beeindruckt hat. Er sieht im Handeln Daniels göttliches Tun, aber er sieht nicht Gott hinter Daniel.

 48 Und der König erhöhte Daniel und gab ihm große und viele Geschenke und machte ihn zum Fürsten über das ganze Land Babel und setzte ihn zum Obersten über alle Weisen in Babel. 49 Und Daniel bat den König, Schadrach, Meschach und Abed-Nego über die Ämter des Landes Babel zu setzen. Daniel aber blieb am Hof des Königs.

 Am Ende steht ein gutes Ende. Happy End. Der Mut zum Risiko wird belohnt. Daniel, das Kind mit migrantischen Hintergrund, macht Karriere. Ganz nach oben und er vergisst dabei seine Freunde nicht. Von solchen Geschichten erzählen die Texte der hebräischen Bibel nicht nur einmal – Josef ist auch so ein Karriere-Typ, David hat in seinem Aufstieg auch etwas davon. Esra und Nehemia gewinnen gleichfalls Zustimmung und Anerkennung der fremden Könige. In einem Volk, für das die Diaspora Teil der normalen Existenz ist, sind solche Geschichten schlicht Mutmacher für die eigene Situation.

Zum Weiterdenken

 Mut, sich in die Höhle des Löwen zu wagen. Mut, für die eigenen Einsichten einzustehen. Mut auch zu unbequemen Wahrheiten. Wer heute sagt, was vielen missfällt, wird nicht mehr unbedingt geköpft. Nicht bei uns im freien Westen. Er erntet shit-storms. Er wird behandelt, als sei er leicht debil oder nicht ganz auf der Höhe der Zeit. So mancher Politiker und auch mache Politikerin erlebt heute, wie sie auf einem heißen Stuhl landet und der Daumen der Zuhörer und Zuschauerinnen geht nach unten, wenn missfällt, was man/frau sagt. Das Publikum heute ist kaum weniger launisch als ein persischer Großkönig, wenn er schlecht geträumt hat. Unser Publikum akzeptiert nur schöne Träume und keine schmerzhaften Wahrheiten. Auch dann nicht, wenn sie dem Leben dienen.

Heiliger Gott, manche Träume haben mir schwer zugesetzt, mich schweißnass aufwachen lassen, mir noch im Wachen Angst gemacht. Manche Erfahrungen des Lebens sind wie Albträume, aus denen es kein Erwachen zu geben scheint. Und manchmal möchte ich mich aus diesen Albträumen dann in schöne Träume flüchten.

Gib Du mir und allen, die so träumen, den Mut, den Albträumen der Nacht und den Albträumen der Wirklichkeit Stand zu halten, ihnen auf den Grund zu gehen und Dir zu trauen, dass Du uns in den Händen hast, auch in unseren Träumen. Amen