Traumhaft

Daniel 2, 1 – 23

 

1 Im zweiten Jahr seiner Herrschaft hatte Nebukadnezar einen Traum, über den sein Geist so erschrak, dass er aufwachte. 2 Und der König ließ alle Zeichendeuter und Weisen und Zauberer und Wahrsager zusammenrufen, dass sie ihm seinen Traum sagen sollten. Und sie kamen und traten vor den König. 3 Und der König sprach zu ihnen: Ich hatte einen Traum, und mein Geist war unruhig zu verstehen, was der Traum bedeutet. 4 Da sprachen die Wahrsager zum König auf Aramäisch: Der König lebe ewig! Sage deinen Knechten den Traum, so wollen wir ihn deuten. 5 Der König antwortete und sprach zu den Wahrsagern: Mein Wort steht fest: Werdet ihr mir nun den Traum nicht kundtun und deuten, so sollt ihr in Stücke gehauen und eure Häuser sollen zu Schutthaufen gemacht werden. 6 Werdet ihr mir aber den Traum kundtun und deuten, so sollt ihr Geschenke, Gaben und große Ehre von mir empfangen. Darum sagt mir den Traum und seine Deutung.

 

Träume sind nicht immer schön. Träume können auch erschrecken. Nicht nur kleine Leute, auch Könige können aufwachen und sich wie erschlagen vorkommen durch das, was da in der Nacht in ihrer Seele rumort hat. Noch schlimmer, wenn man nicht mehr weiß, was man geträumt hat. Es ist möglich Mein Wort steht fest völlig anders zu übersetzen: „Es ist mir entfallen.“(Stuttgarter Luther-Jubiläumsbibel 1912) Der König weiß nicht mehr, was er geträumt hat und das ist ein böses Omen. Vielleicht ist sein Traum so furchtbar, dass es nur noch eines gibt: vergessen und verdrängen.

 

Es wirkt trotzig, auch despotisch: Ihr müsst mir sagen, was ich geträumt habe. Skurril. Wie sollen die Traumdeuter, selbst wenn sie ihr Handwerk verstehen, einen Traum deuten, den sie nicht wissen? Diese Überforderung wird nicht besser durch die Drohung und auch nicht einfacher durch das Versprechen großen Lohns. Niemand kann Träume deuten, die er nicht weiß.

 

7 Sie antworteten wiederum und sprachen: Der König sage seinen Knechten den Traum, so wollen wir ihn deuten. 8 Der König antwortete und sprach: Wahrlich, ich merke, dass ihr Zeit gewinnen wollt, weil ihr seht, dass mein Wort fest steht. 9 Aber werdet ihr mir den Traum nicht sagen, so ergeht ein Urteil über euch alle, weil ihr euch vorgenommen habt, Lug und Trug vor mir zu reden, bis die Zeiten sich ändern. Darum sagt mir den Traum; so kann ich merken, dass ihr auch die Deutung trefft. 10 Da antworteten die Wahrsager vor dem König und sprachen zu ihm: Es ist kein Mensch auf Erden, der sagen könnte, was der König fordert. Ebenso gab es auch keinen König, wie groß oder mächtig er auch war, der solches von irgendeinem Zeichendeuter, Weisen oder Wahrsager gefordert hätte. 11 Denn was der König fordert, ist zu schwer, und es gibt auch sonst niemand, der es vor dem König sagen könnte, ausgenommen die Götter, die nicht bei den Menschen wohnen. 12 Da wurde der König sehr zornig und befahl, alle Weisen von Babel umzubringen.

 

Was für ein Bild: Die „Wissenschaftler“ stehen ratlos da. Sie können die Aufgabe nicht bewältigen, dem Willen des Königs nicht entsprechen. Sie sind schlicht überfordert. Sie können nur entschlüsseln, was sie kennen. Einen Traum, den sie nicht kennen, können sie auch nicht deuten.

 

Diese Rückweisung seiner Forderungen nach Deutung löst Wut aus. Zorn. Dass er menschenunmögliches verlangt, dass er verlangt, was kein König je gefordert hat, dass er maßlos genannt ist in seiner Forderung, das kann Nebukadnezar nicht gefallen. Darum die Drohung mit der Hinrichtung. „Gewalt ist stets Zeichen letzter Hilflosigkeit und absoluten Versagens. Wo die Ohnmacht der Intelligenz offenbar wird, hat die Stunde geschlagen für die geheime Staatspolizei.“(W. Lüthi, aaO. S. 25) Die Jagd ist freigegeben, die Suche nach den Opfern eröffnet.

 

13 Und das Urteil ging aus, dass man die Weisen töten sollte. Auch Daniel und seine Gefährten suchte man, um sie zu töten. 14 Da wandte sich Daniel mit einem Rat und Vorschlag an Arjoch, den Obersten der Leibwache des Königs, der ausgezogen war, um die Weisen von Babel zu töten. 15 Und er fing an und sprach zu Arjoch, dem der König Vollmacht gegeben hatte: Warum ist ein so strenges Urteil vom König ergangen? Und Arjoch teilte es Daniel mit.

 

Zum zweiten Mal fällt Daniel dem Gang der Dinge in den Arm. Erst hatte er den Herrn über die Küche bereden können, jetzt versucht er sein Glück bei dem Obersten der Leibwache des Königs. Es ist eine Flucht nach vorne, nicht ins Versteck. Überraschend und unerklärlich: er findet Gehör und erhält Auskunft über die Gründe der angeordneten Säuerungs-Aktion.

 

16 Da ging Daniel hinein und bat den König, ihm eine Frist zu geben, damit er die Deutung dem König sagen könne. 17 Und Daniel ging heim und teilte es seinen Gefährten Hananja, Mischaël und Asarja mit, 18 damit sie den Gott des Himmels um Gnade bäten wegen dieses Geheimnisses und Daniel und seine Gefährten nicht samt den andern Weisen von Babel umkämen.

 

Mutig, möchte man sagen. Der Gang in die Höhle des Löwen. Um Fristverlängerung zu erreichen. Es wird nicht gesagt – aber Daniel darf zurück zu seinen Freunden. Er hat Gehör beim König gefunden. Aufschub. Er nützt diesen Aufschub. Nicht, um alte Bücher zu lesen, sondern um zu beten.  Den Gott des Himmels um Gnade zu bitten, um eine Enthüllung des Traumes – den meint ja das Geheimnis. Nur so können sie hoffen, mit dem Leben davon zu kommen.

 

19 Da wurde Daniel das Geheimnis durch ein Gesicht in der Nacht offenbart. Und Daniel lobte den Gott des Himmels, 20 fing an und sprach: Gelobet sei der Name Gottes von Ewigkeit zu Ewigkeit, denn ihm gehören Weisheit und Stärke! 21 Er ändert Zeit und Stunde; er setzt Könige ab und setzt Könige ein; er gibt den Weisen ihre Weisheit und den Verständigen ihren Verstand, 22 er offenbart, was tief und verborgen ist; er weiß, was in der Finsternis liegt, und nur bei ihm ist das Licht. 23 Ich danke dir und lobe dich, Gott meiner Väter, denn du hast mir Weisheit und Stärke verliehen und mich jetzt wissen lassen, was wir von dir erbeten haben; denn du hast uns des Königs Sache kundgetan.

 

Beten hilft. Beten öffnet den Zugang zu einem Wissen, das die eigenen Möglichkeiten übersteigt. Gott hört – so muss man doch lesen – und antwortet: Er offenbart im Gesicht der Nacht, was Sache ist. Den Traum des Königs.

 

So viel Zeit muss sein – Daniel dankt und lobt. Er weiß, wem er das alles schuldig ist – seine Einsicht, seine Weisheit, seine Stärke, ihm, dem Gott meiner Väter. Es ist alles Gabe aus der souveränen Güte Gottes. Es ist für Daniel wie eine Bestätigung: Ich bin mir meinen Freunden und meinem Volk in der Hand dessen, der im Regiment sitzt. Der höher ist als alle Könige, höher auch als Nebukadnezar.  

 

Zum Weiterdenken

 

In Zeiten der Gefahr wollen die Mächtigen wissen, was Sache ist, und nicht Ratlosigkeit um sich herum. Sie müssen ja entscheiden. Damals in Babylon, heute in den Hauptstädten der Zeit. Heute lernen wir: Es sind nicht nur die Mächtigen, die ungeduldig auf Klarheit drängen. auf Auskünfte der Wissenschaft, mit denen man etwas anfangen kann. Die Türöffner sind für neue Freiheit. Das ganze Volk lechzt geradezu danach. Freiraum für die eigenen Träume zu erhalten.

 

Es ist anstrengend, nicht nur für die Entscheider, wenn Gefahr droht und die Sachverständigen sagen: Wir wissen es auch nicht. Wir wissen nicht genug. Es ist ein bitteres Eingeständnis aus dem Mund von Wissenschaftlern: Wir wissen nicht genug über das Virus. Wir müssen mehr Daten, haben, Fakten, die wir auswerten können. Das Gute heute: Es wird für die Wissenschaftler nicht mehr lebensbedrohlich, wenn sie die erwünschten Botschaften nicht liefern können. Wenigstens nicht bei uns in Deutschland. Zu anderen Zeiten und in anderen Ländern hat es Leute das Leben gekostet, dass sie nicht so liefern konnten, wie es politisch gewünscht war. Ich lese ein Buch eines Klassenkameraden über Statistik und Moral – Reimund Mink, Statistik – ein Spielball der Politik? – und lerne daraus: Es ist immer noch gefährlich, nicht die gewünschten Fakten zu liefern. Nicht nur bei dem Herrn der Fake News. Auch im alten Europa.

 

Mein Gott, ich bin kein guter Träumer. Ich vergesse sie rasch, weil ich sie nicht so ernst nehme, weil ich sie nicht gleich erzähle.

Einmal hast Du mir einen Traum geschickt, den ich behalten habe, aufgeschrieben, immer wieder bedacht, auch durchbetet. Weil ich es noch im Traum spürte: Das ist Gottes Wegweisung für mich. Das war Deine Wegweisung. Traumhaft.

Es ist gut, Menschen zu haben, die unsere Träume verstehen, die Tagträume und die Träume der Nacht, die uns helfen, dass wir darin Wegweisungen entdecken, um unser Leben liebevoll zu betrachten und um neue Wege zu finden. Amen