Wer die Jugend hat….

Daniel 1, 1 – 21

1 Im dritten Jahr der Herrschaft Jojakims, des Königs von Juda, zog Nebukadnezar, der König von Babel, vor Jerusalem und belagerte es. 2 Und der Herr gab in seine Hand Jojakim, den König von Juda, und einen Teil der Geräte aus dem Hause Gottes. Die ließ er ins Land Schinar bringen, in den Tempel seines Gottes, und tat die Geräte in die Schatzkammer seines Gottes. 3 Und der König sprach zu Aschpenas, seinem obersten Kämmerer, er sollte einige von den Israeliten auswählen, und zwar von königlichem Stamm und von edler Herkunft, 4 junge Leute, die keine Gebrechen hätten, sondern schön, einsichtig, weise, klug und verständig wären, also fähig, an des Königs Hof zu dienen; und er sollte sie in Schrift und Sprache der Chaldäer unterrichten lassen.

 Jerusalem ist erobert. Weil der Herr seine schützende Hand zurück gezogen hat und die Stadt und das Land in die Hände Nebukadnezars fallen ließ.  „Mein Herr gab in seine Hände Jehojakim König von Jehuda und etwelche Geräte des Gotteshauses.“ (M. Buber/F. Rosenzweig, Schriftwerke, Stuttgart 1992, S. 435) Immer noch „mein Herr“. Das ist die bittere Sicht dessen, der 300 Jahr später das Danielbuch zu Papier bringt. Es war unser Gott, der so Geschichte hat werden lassen. Was für eine Herausforderung an den Glauben, an das Vertrauen auf den Gott der Väter: er hat nicht immer behütet und bewahrt. Er hat seine Stadt fallen lassen. Die Schriften der Deuteronomisten wissen: Es war seine Antwort auf die Schuld der Väter.

  Und nun also streckt der König von Babel, Nebukadnezar, seine Hand aus, um den Sieg perfekt zu machen, zukunftssicher. Dazu will er aus dem königlichem Stamm der Israeliten die Besten, die Klügsten, die Schönsten – als seine Elite. Das Heer seiner Diener braucht Blutauffrischung. Aus den Exilierten. Sie werden, wenn sie aufsteigen, gewiss nie vergessen, wem sie ihren Aufstieg verdanken.   

 5 Und der König bestimmte, was man ihnen täglich geben sollte von der königlichen Speise und von dem Wein, den er selbst trank; so sollten sie drei Jahre erzogen werden und danach vor dem König dienen. 6 Unter ihnen waren von den Judäern Daniel, Hananja, Mischaël und Asarja.

 Es sind Sätze, die nachdenklich machen können: „Es zeichnet sich über die ganze Erde hin, von Jahr zu Jahr deutlicher, eine immer bewusstere Einheit der Erziehung ab… Der Nachwuchs der Welt wird erzogen auf den in Daniel Kapitel 1 angegebenen Endzweck hin, „dass sie darnach vor dem König dienen sollten.“ Erziehung zu gefügigen und brauchbaren Werkzeugen Nebukadnezars, das ist heute das Welt-Einheitsziel der Erziehung geworden.“ (W. Lüthi, Die kommende Kirche. Die Botschaft des Propheten Daniel, 1937, S. 14) Zu schwarz gesehen in der Zeit der Auseinandersetzung mit einem totalitären, faschistischen Nachbarstaat? Oder ist nur mühsam verschleiert auch heute so: Die Schule wird zur Vorbereitungsstätte für das werktätige Leben, für das Funktionieren im Interesse der Gesellschaft. Nicht Bildung, sondern Ausbildung, nicht Widerständigkeit, sondern Einpassung sind die großen Ziele.

 7 Und der oberste Kämmerer gab ihnen andere Namen und nannte Daniel Beltschazar und Hananja Schadrach und Mischaël Meschach und Asarja Abed-Nego.

Sie werden umbenannt. Namen sind Teil der Identität. Diese Jungen sollen die Identität ihrer Herkunft vergessen. Sie sollen nur noch die Identität des Landes kennen, nur noch Namen, bei denen der König sie rufen wird. Es ist das perfekte Programm der Assimilation. Staatlich verordnet, nicht freiwillig gesucht.

 8 Aber Daniel nahm sich in seinem Herzen vor, dass er sich mit des Königs Speise und mit dem Wein, den dieser trank, nicht unrein machen wollte, und bat den obersten Kämmerer, dass er sich nicht unrein machen müsste. 9 Und Gott gab Daniel, dass ihm der oberste Kämmerer günstig und gnädig gesinnt wurde. 10 Der sprach zu ihm: Ich fürchte mich vor meinem Herrn, dem König, der euch eure Speise und euern Trank bestimmt hat. Warum soll er sehen, dass eure Gesichter schmächtiger sind als die der andern jungen Leute eures Alters? So brächtet ihr mich bei dem König um mein Leben. 11 Da sprach Daniel zu dem Aufseher, den der oberste Kämmerer über Daniel, Hananja, Mischaël und Asarja gesetzt hatte: 12 Versuch’s doch mit deinen Knechten zehn Tage und lass uns Gemüse zu essen und Wasser zu trinken geben. 13 Und dann lass dir unser Aussehen und das der jungen Leute, die von des Königs Speise essen, zeigen; und danach magst du mit deinen Knechten tun nach dem, was du sehen wirst. 14 Und er hörte auf sie und versuchte es mit ihnen zehn Tage. 15 Und nach den zehn Tagen sahen sie schöner und kräftiger aus als alle jungen Leute, die von des Königs Speise aßen. 16 Da tat der Aufseher die königliche Speise und den Wein weg, die für sie bestimmt waren, und gab ihnen Gemüse.

 Testfall Küche. Speise. Sage mir, was Du isst und ich sage dir, wer du bist. Woher auch immer – Daniel will koscher essen. Nicht, was auf den Tisch kommt. Das können rudimentäre Rest einer früheren Erziehung sein – in den ersten Kinderjahren, bevor das staatliche Erziehungsprogramm einsetzt. Daniel hat Glück, so würden wir sagen, dass er im obersten Kämmerer einen verständigen Chef findet.  Der lässt sich – überraschend und überrascht – auf das Experiment ein: die Jungen dürfen zehn Tage lang essen, wie sie es wünschen. Kein Essen nach Vorschrift. Das Experiment glückt. Die Jungen sind wohlgenährt, schöner und kräftiger als alle jungen Leute, die von des Königs Speise aßen. Es ist eben nicht gesagt, dass das staatliche Einheitsprogramm für alle stimmt und zu allen Zeiten. Weder in Sachen Essen, noch, wie sich zeigen wird, in Sachen Verstand und Einsicht.

17 Und diesen vier jungen Leuten gab Gott Verstand und Einsicht für jede Art von Schrift und Weisheit. Daniel aber verstand sich auf Gesichte und Träume jeder Art. 18 Und als die Zeit um war, die der König bestimmt hatte, dass sie danach vor ihn gebracht werden sollten, brachte sie der oberste Kämmerer vor Nebukadnezar. 19 Und der König redete mit ihnen, und es wurde unter allen niemand gefunden, der Daniel, Hananja, Mischaël und Asarja gleich war. Und sie wurden des Königs Diener. 20 Und der König fand sie in allen Sachen, die er sie fragte, zehnmal klüger und verständiger als alle Zeichendeuter und Weisen in seinem ganzen Reich. 21 Und Daniel blieb dort bis ins erste Jahr des Königs Kyrus.

 Abschlussprüfung. Matura. Abitur. So lesen sich diese Sätze. Als es soweit ist, will sich der König selbst ein Bild machen vom Erfolg seines Programms. Der Befund ist eindeutig und findet die Zustimmung Nebukadnezars. Die Auswahl war richtig, die Erziehung erfolgreich. Alles Spitzen-Talente. Besser als der ganze einheimische Nachwuchs. Klüger und verständiger als alle Zeichendeuter und Weisen in seinem ganzen Reich.

 Zum Weiterdenken

  „Wenn Gott gibt, dann ist es zehnmal mehr als was Nebukadnezars Speisemeister vom Tisch des reichsten Königs geben könnte.“ (W. Lüthi, aaO. S. 17) Macht es nachdenklich? An der Spitze von Biontech steht ein Migrant. Einer, der keine einheimische Herkunft vorweisen kann, er nicht, seine Frau nicht.  Irgendwie passt es zur Eigenart Gottes, dass er gerne gibt, gerade dorthin, wo sonst keiner hinguckt, dass er Hilfe entstehen lässt, gerade von dorther, von wo sonst keiner Hilfe erwarten würde.

 

Gott, heimlich und leise gibst Du in die Welt hinein, was Dir entspricht. Unauffällig durch das Handeln von Menschen hindurch treibst Du Deine Geschichte vorwärts. Du bist nicht gebunden an die richtige Herkunft,  an die Pläne der Mächtigen, auch nicht an die Logik, die uns auf Erfolge hoffen lassen.

Du gibst und machst Wege frei. Weil Menschen sich überzeugen lassen und andere überzeugen können. Weil wir manchmal wagen, einfach andere Wege zu gehen. Du stärkst Kleinen den Rücken. Du gibst Mut zu Wagnissen. Du belohnst Treue zu Dir. Du bestätigst Wege, die in Furcht begonnen worden sind.

Du kannst auch uns den Rücken stärken, uns zur Treue ermutigen, uns Schritte wagen lassen, die Deinem Ziel dienen. Dazu gib Du, was wir nötig haben. Amen