Einander dienen

Kolosser 3, 18 – 4,1

18 Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie sich’s gebührt in dem Herrn. 19 Ihr Männer, liebt eure Frauen und seid nicht bitter gegen sie. 20 Ihr Kinder, seid gehorsam den Eltern in allen Dingen; denn das ist wohlgefällig in dem Herrn. 21 Ihr Väter, kränkt eure Kinder nicht, auf dass sie nicht verzagen. 22 Ihr Sklaven, seid gehorsam in allen Dingen euren irdischen Herren; dient nicht allein vor ihren Augen, um den Menschen zu gefallen, sondern in Einfalt des Herzens und in der Furcht des Herrn.

 Haustafel nennt man solche Passagen. Sie richten sich an alle im unmittelbaren Lebensumfeld. Sie sind nicht Ordnung der Gesellschaft, sondern Mahnungen in die Gemeinde hinein. Es geht um Ehe-Frauen, die zur Gemeinde gehören, um ihre Männer, um Väter und Sklaven, um den Gehorsam der Kinder, um Behutsamkeit der Väter im Umgang mit den Kindern.

    Man kann darüber nachdenken – im Galaterbrief des Paulus war zu lesen: „hier ist nicht Mann noch Frau.“ (Galater 3,28) Der Geschlechterunterschied – für Paulus nicht mehr relevant. Das ist hier offenkundig anders – Frauen werden gemahnt, sich unterzuordnen, Männer dagegen nur zu einem ordentlichen Umgang mit ihren Frauen. Immerhin – ποτσσω – sich unterordnen, einfügen (Gemoll, aaO. S. 772) – ist nicht das Gleiche wie πακοωhören, gehorchen, Folge leisten (Gemoll, aaO. S.758) Es ist also nicht die gleiche Forderung an Frauen und Kinder – und später an Sklaven – die hier den Frauen gegenüber geltend gemacht wird.

            Dennoch – von Gleichwertigkeit und Augenhöhe kann keine Rede sein. Es sind Sätze, die eine patriarchalisches Denken zeigen und die mit diesem Denken auch in die Umwelt der Gemeinde passen dürften. Da sind die Rollen klar und von Gleichberechtigung ist keine Rede. Es ist wohl auch ein bisschen naiv, unsere Rollenverständnisse, die auf dem Papier relativ eindeutig sind, in der Realität allerdings bei weitem nicht überall gelebt werden, auf die Zeit des 1. Jahrhunderts nach Christus zu übertragen. Welches Rollenverständnis von Frauen Männern in der Ehe – und in der Kirche gilt, kann man auch heute noch mit Fug und Recht fragen, vermutlich nicht nur, wenn es um das katholische Weiheamt geht.

23 Alles, was ihr tut, das tut von Herzen als dem Herrn und nicht den Menschen, 24 denn ihr wisst, dass ihr von dem Herrn als Lohn das Erbe empfangen werdet. Dient dem Herrn Christus! 25 Denn wer unrecht tut, der wird empfangen, was er unrecht getan hat; und es gilt kein Ansehen der Person.

 Das sind jetzt die Sätze, die in der Umwelt der Gemeinde in Kolossä nicht gesagt worden wären. Im Verhalten im eigenen Umfeld, im eigenen Haus geht es um ein Fragen danach, ob das Verhalten dem Herrn Jesus entspricht. Christusgemäß ist. Ob es seine Geduld, seine Güte, seine Vergebung spiegelt. Dient dem Herrn Christus! Ich löse diesen Satz aus der unmittelbaren Anrede an die Sklaven und sehe ihn vielmehr als eine Anrede an alle im Haus: Frauen, Männer, Kinder Sklaven. τ κυρίῳ Χριστ δουλεετε – im Griechischen wird es noch einmal deutlicher: Da steht für dienen das Wort, das Paulus immer wieder als seinen Ehrentitel benutzt, wenn er seine Autorität benennen will: Er ist Diener Jesu Christi.

Von daher denke ich, dass diese knappe Wendung in der Tat eine grundsätzliche Einweisung in innerhäusliches Verhalten ist – miteinander als Diener umgehen. Das ist ein Aufbrechen von Machtansprüchen, wie es sich auch in Jesusworten findet: „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“ (Markus 10, 43-44) Begründet durch das Lebensbeispiel Jesu selbst: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ (Markus 10,45)

 1 Ihr Herren, was recht und billig ist, das gewährt den Sklaven und bedenkt, dass auch ihr einen Herrn im Himmel habt.

   Noch einmal eine Wort an die, die das Sagen haben, die Herren. Sie werden als κριοι angeredet, mit dem gleichen Wort, mit dem die Gemeinde ihren Herrn im Himmelκριος ν οραν – anredet. Das kann im Grunde nur heißen: Sie sollen in ihrem Herr-Sein sein Herr-Sein spiegeln, Maß an ihm nehmen – seiner Geduld, seinem Erbarmen, seiner Großherzigkeit. Wer Jesus als seinen Herren bekennt, kann sich im eigene Lebensumfeld nicht als Tyrann aufspielen.

 Zum Weiterdenken

 Mir scheint, wir müssen mit Kritik an diesen Passagen insgesamt vorsichtig sein. Man wirft den Haustafeln gerne vor, dass sie Anpassungen an die Denkweisen der Umwelt seien. Die erste Gemeinde ist kein programmatischer Gegenentwurf gegen die Umwelt, jedenfalls nicht hier, in diesen Werten. Sie haben nicht einmal im entferntesten ahnen können, dass ihr Miteinander die geltenden Gesellschaftsordnungen in der römischen Zivilgesellschaft von innen her aufbrechen. Wenn man so eine vermeintliche Anpassung der Gemeinde beklagt, müsste doch ein Vorwurf genauso den heutigen Versuchen in der Kirche gelten, sich die gesellschaftlichen Wertmaßstäbe irgendwie zu eigen zu machen. Sich als Wertelieferant der Gesellschaft zu profilieren. Ich vermag allerdings nicht zu sehen, dass in unseren Volkskirchen in Sachen Ehe, Familie ethische Standards gesetzt würden, die dem Rest der Gesellschaft völlig fremd sind.

Heiliger Gott, es ist nicht ohne Bedeutung, was ich bin, ob Mann, Frau, Kind, Knecht, Herr. Mein Sein bestimmt und begrenztmeine Möglichkeiten, schränkt Spielräume ein, gewährt Privilegien.

Herr, Du willst, dass jede und jeder an seinem Ort so leben kann, wie es Dir und Deiner Liebe zum Leben entspricht.  Gib uns Deinen Geist, dass wir unsre Rechte nicht anderen zur Last machen, unsere Suche nach Freiheit nicht andere beengt.

Gib Du auch, dass wir als Kirche der Gefahr opportunistischer Anpassung tapfer widerstehen. Hilf uns dazu, dass wir einander dienen und einander in allem fördern, was dem Leben dient. Amen