Eine Einweisung in frommes Leben

Kolosser 3, 12 – 17

12 So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; 13 und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! 14 Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.

 Verständlich reden. Statt der mystisch klingenden Wendung: `Lebt im Christusraum´ hier das alltagsverständliche Bild: Kleiderwechsel ist angesagt. Anziehen – ἐνδω – ist mit Mühe verbunden. Man muss sich morgens seine Sachen zusammensuchen, die man abends irgendwo abgelegt hat. Wenn man das Anziehen vergisst, läuft man den ganzen Tag nackt herum – und wer will das schon? So geht es auch mit diesen Anziehsachen – Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Sie liegen nicht einfach herum. Sie wollen gesucht, gefunden werden und dann auch wirklich angezogen. So, dass sie einhüllen, der eigenen Person Gestalt verleihen.

Es sind Eigenschaften, die das Leben miteinander leichter machen, schöner auch, erträglich. Sozial wertvoll. Wer so ist, tut anderen wohl. Es geht in der Gemeinde um das Miteinander – das zu stärken, dazu dienen diese Ermutigungen. Nur zusammen wird es besser. „Zusammen besser leben“ – das ist das Programm von Gemeinschaft. Damit es für den Einzelnen gut wird, muss es für Alle besser werden. Und nur gemeinsam wird es gehen. Eine Botschaft, die immer gilt, erst recht in den Zeiten, die wir gerade erleben. Wer sich selbst der Nächste ist und keine anderen kennt, der ist arm dran, selbst wenn er in höchsten Ämtern gelandet ist. 

  Alles wird zusammengehalten durch die Liebe. Sie verhindert, dass aus der einen Gabe eine Schieflage wird, aus der Demut eine Unterwürfigkeit, aus der Sanftmut eine nette Zustimmung zu allem und jedem, aus der Freundlichkeit Kumpanei, aus der Geduld eine Anpassung, die keine Veränderung mehr will. Die Liebe γπη – ist immer auf Zukunft aus, auf Vollendung, sie ist zielgerichtet und nicht mit dem Ist-Zustand kraftlos einverstanden.  τελειτης – meint die Vollkommenheit, die sich mit dem Ruf Jesu verbindet: Τετλεσται (Johannes 19,30) Es ist vollbracht. Geschafft.

15 Und der Friede Christi, zu dem ihr berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar. 16 Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.

  Eine Einweisung in ein frommes Leben. Von dem auch andere etwas haben. Herzen, die vom Frieden Christiερνη το Χριστο – regiert werden, sind Herzen, die zum Frieden anstiften. Mit sich selbst, untereinander. Es sind Herzen, die danach suchen, wie sie tiefer eingewurzelt werden in den Frieden, der höher ist als alle Vernunft.

17 Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

             Zum Abschluss – als Höhepunkt – eine Generalklausel: Das ganze Leben ein Leben, das dem Weg Christi entspricht, das dem Willen Gottes dient und ihm die Ehre gibt. Einer meiner Vorgänger im Pfarramt in Schlitz, Georg Christian Dieffenbach hat das auf die knappe Formel gebracht: Sei ganz sein oder lass es ganz sein.

 Zum Weiterdenken

 νουθετοντες. Es ist eine, so scheint mir, unausrottbare Neigung, bei griechischen Worten, die auch die Übersetzung mahnen ermöglichen, nicht nach Variationen zu suchen. Man könnte nämlich auch übersetzen mit „ans Herz legen, zu Gemüte führen.“ (Gemoll, aaO. S. 525) Das würde wie von selbst den erhobenen Zeigefinger verschwinden lassen und das Gefälle vom Ermahner zum Ermahnten aufheben. Ich bin es leid – mit 74 Jahren- ständig ermahnt zu werden. Ich mag den anklagenden Hinweis auf meine vermeintlichen oder tatsächlichen Schwächen nicht mehr hören.  Manche Ermahnung klingt wie eine Anklage, dass ich immer noch nicht perfekt bin. Mir würde gut tun, wenn mir Dinge, auch Verhaltensänderungen, ans Herz gelegt werden.

            Ich glaube, dass hier auch das Problem vieler Predigten liegt. Weil sie nicht als Ermutigung zum Gottvertrauen daherkommen und die Zuversicht auf Gottes Güte ans Herz legen, sondern als ein Einklagen, doch endlich zu tun, was der Glaube gebietet. Es ist ein schmaler Grat zwischen Vermahnen und Verklagen, zwischen Konsequenzen des Glaubens aufzeigen und Konsequenzen einfordern. Ob ich immer diese Gratwanderung geleistet habe, frage ich am Ende meiner Laufbahn als Prediger. Ich weiß es nicht.

   Es ist eine der seltenen, wenigen Passagen in den Schriften des Neuen Testamentes, die sehr konkret Frömmigkeitspraxis anregen: Austausch untereinander über das Wort Christi – λγος το Χριστοῦ.  Man kann darüber nachdenken, ob in dieser knappen Formulierung nicht eine Begründung für die treue Überlieferung von Jesusworten anklingt – sie dienen dem Leben und dem Glauben. Apostellehre nennt das Lukas in der Apostelgeschichte. Leben mit den Psalmen, Einüben von Liedern. Eine Anleitung zur Dankbarkeit als einem Grundelement geistlichen Lebens. Diese knappe Wendung ist das Programm einer spirituellen Lebensweise aus dem Fundus des biblischen Wortes.

Heiliger Gott, Du gibst alles, was wir brauchen, damit unser Leben Dir entspricht: Erbarmen von Herzen, Freundlichkeit gegen jedermann, auch die Wunderlichen, Demut, die sich nicht aufblasen muss, Sanftmut, die dem Zorn in den Arm fällt, Geduld, die aushält, was manchmal unerträglich erscheint, Menschen und Situation.

Du gibst das Wort, das uns die Richtung zeigt. Alles gibst Du. Hilf, dass ich Deine Gaben ergreife, dass sie mein Leben prägen und ich handle, wie es Dir entspricht. Amen