Kein schlechtes Gewissen

Kolosser 2, 16 – 23

16 So lasst euch nun von niemandem ein schlechtes Gewissen machen wegen Speise und Trank oder wegen eines Feiertages, Neumondes oder Sabbats.

 Unabhängig werden von dem, was andere als unbedingtes Regelwerk behaupten. Kein schlechtes Gewissen – weder beim Essen noch bei dem Umgang mit der Zeit. Im Hintergrund mag mitschwingen, dass Jesus sowohl die Reinheitsvorstellungen aus dem jüdischen Gesetz als auch die Sabbatvorschriften relativiert hat. Gebote sind für den Menschen da, um ihm sichere Schritte zu ermöglichen. Wenn sie zum Gängelband werden, haben sie ihren Sinn verfehlt. Erst recht, wenn sie Angst machen und mit ihnen Angst gleich Enge gemacht wird.

 17 Das alles ist nur ein Schatten des Zukünftigen; der Leib aber ist Christus eigen.

  Auf den ersten Blick eine seltsame Gegenüberstellung – Schatten und Leib. σκι kontra σμα. Vages wie Schatten gegen Wirkliches wie Leib. Das ist ein Frontalangriff auf eine Denkweise, die klug tut, ohne die Realität für sich zu haben.  Alles Wahrnehmen ist nur ein Wahrnehmen von Schatten der realen Welt. Sie wirft ihre Bilder und die Menschen sehen nur diesen Schattenwurf. Eine Ideenwelt. Dieser Denkweise, die sich auch auf Plato`s Höhlengleichnis berufen könnte, stellt der Schreiber die Wirklichkeit entgegen: der Leib ist Christus eigen. Jeder kann den eigenen Leib spüren, sich selbst wahrnehmen, seine Schmerzen, sein Glück.

18 Lasst euch den Siegespreis von niemandem nehmen, der sich gefällt in Demut und Verehrung der Engel und sich dessen rühmt, was er geschaut hat, und ist ohne Grund aufgeblasen in seinem fleischlichen Sinn 19 und hält sich nicht an das Haupt, von dem her der ganze Leib durch Gelenke und Bänder gestützt und zusammengehalten wird und wächst durch Gottes Wirken.

  Es gibt Leute, die sind so heilig, dass es schon unheimlich wird. Solange sie das nur für sich selbst so halten, mag es in Ordnung sein. Wenn es aber zur Forderung an andere wird, dann droht Gefahr. Genauso ist es mit großen, tiefen geistlichen Erfahrungen. Himmelsreisen, Engelerfahrungen, Rettungen gegen alle Wahrscheinlichkeit. „Du musst nur richtig, fest unerschütterlich glauben, so wie ich. Ohne den Hauch eines Zweifels.“ In solchen Begegnungen ist die Freiheit bedroht. Da geht nur Flucht oder deutliche Relativierung: ohne Grund aufgeblasen. Manchmal hilft auch eine heitere Anekdote.

Ein Mann kam zu einem Arzt und sagte: Doktor, ich habe wahnsinnige Kopfschmerzen, die ich nie loswerde. Können Sie mir nicht etwas dagegen geben?“ „Durchaus“, sagt der Arzt, „aber zunächst möchte ich einige Dinge abklären. Sagen Sie, trinken Sie viel Alkohol?“ „Alkohol?“ erwiderte der Man empört. Dieses widerliche Zeug rühre ich nicht an.“ „Wie steht es mit dem Rauchen?“ „Ich finde Rauchen ekelhaft. Nie in meinem Leben habe ich Tabak auch nur angefasst.“  „Es ist mir ein wenig peinlich, diese Frage zu stellen, aber Sie kennen ja die Männer – treiben Sie sich nachts herum?“ „Natürlich nicht. Für wen halten Sie mich? Ich bin jeden Abend spätestens um zehn Uhr im Bett.“ „Sagen Sie“, fragte der Arzt, ist dieses Kopfweh, von dem Sie sprechen, ein scharfer, stechende Schmerz? „Ja“, sagt der Mann. „Das ist es, ein scharfer, stechende Schmerz.“ „Ganz einfach, mein Lieber! Ihr Problem liegt darin, dass Ihr Heilgenschein zu stramm sitzt. Wir brauchen ihn nur etwas zu lockern.“ (A. de Mello, Weisheitsgeschichte, Freiburg 1988, S. 105)

  Der Schreiber des Briefes ist offensichtlich der Überzeugung, dass er nicht nur schöne Bilder zur Verfügung hat. Er redet vom Leib. Körper würden wir heute sagen. Hat er zuvor die einzelnen Lesenden an ihren Leib als eine wahrnehmbare, spürbare Realität erinnert, so erinnert er jetzt die Gemeinde an ihre sichtbare und erlebte Wirklichkeit. Sie ist Leib, σμα, der vom Haupt – κεφαλή – her zusammengehalten und gelenkt wird. Es ist der Anspruch dieser Worte, dass sie nicht nur Bildrede sind, schöner Vergleich, sondern Wirklichkeit.

 20 Wenn ihr nun mit Christus den Elementen der Welt gestorben seid, was lasst ihr euch dann Satzungen auferlegen, als lebtet ihr noch in der Welt: 21 »Du sollst das nicht anfassen, du sollst das nicht kosten, du sollst das nicht anrühren« – 22 was doch alles verbraucht und vernichtet werden soll. Es sind menschliche Gebote und Lehren. 23 Diese haben zwar einen Schein von Weisheit durch selbst erwählte Frömmigkeit und Demut und dadurch, dass sie den Leib nicht schonen; sie sind aber nichts wert und befriedigen nur das Fleisch.

 Noch einmal: Weil die Christen und Christinnen nicht mehr nur einsame Seelen im Weltgetriebe sind, nicht mehr nur heimatlose Vagabunden, weil sie mit Christus zusammengehören, darum müssen sie sich nicht mehr den Spielregeln fremder Weltanschauungen unterwerfen. Sie können sie ansehen und danach fragen, was daran klug ist, bedenkenswert, vielleicht sogar einen Schein von Weisheit in ihnen entdecken. Aber wenn daraus Forderungen werden, sich durch eigene Frömmigkeit und Askese einen Platz im Himmel zu sichern, die eigene Seelenseligkeit, dann gibt es nur ein klares Nein. Ein Zurückweisen: Alles, was ihr da als Regeln habt, gehört in den Bereich des Vorletzten. Der Weg zum Letzten aber, zur Ewigkeit, der wird durch solche Praktiken nicht erschlossen. Der ist uns offen in Christus.

Zum Weiterdenken

In der Zeit der Pandemie ist die Möglichkeit, zusammen zu kommen, Gottesdienst miteinander zu feiern, gemeinsam zu singen, zu beten, das Abendmahl miteinander zu erleben, Brot und Wein zu teilen, massiv eingeschränkt worden. Ausweichprogramm sind die virtuellen Angebote – Gottesdienste im Fernsehen, Video-Aufzeichnungen, Papierformate. Es ist viel Phantasie und Fleiß darauf verwendet worden. Aber es ist nur Ersatz, nicht die erste Wahl. Gerade in dieser Zeit lernen wir neu zu schätzen, was es heißt: Sich zum Gottesdienst leibhaftig versammeln zu dürfen, einander zu sehen und zu grüßen, Zeit für einen kleinen Gruß zu haben, für das kurze Gespräch nach dem Gottesdienst. Meine Hoffnung: dass wir es nach der Pandemie zu neuer Präsenz im Gottesdienst bringen. In den Kirchen und im Gottesdienst des Alltags, im Tun des Gerechten und im Dienen an denen, die uns brauchen.

Es ist die Gefahr frommer Leute, dass sie aus Angst vor der Freiheit unter dem Niveau leben, das Gott uns zugedacht hat. Es gibt eine Ängstlichkeit, die der Güte Gottes nicht traut, die ihm seine Großzügigkeit nicht glaubt. Die nicht glaubt, dass eine ganze Welt samt allen guten Schöpfungsgaben uns Menschen zu fröhlichem Gebrauch von Gott selbst überlassen ist: „Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.“ (Lukas 15,32) Wie oft lassen wir uns aus Angst das Leben eng machen. Christen sind so oft nicht die ersten Freigelassenen der Schöpfung, sondern immer noch wie die Insassen in einem Gefängnis, das keine Mauern braucht, weil keiner sich über die kleinlichen, selbstgemachten menschlichen Regelwerke zu lachen traut. Wir nehmen uns selbst in Haft.

            Heute Abend (14.4.21) halte ich ein Referat zum Thema: „Rituale – Stützen des Glaubens.“ Heute Morgen hat mich die Bibellese aus dem Kolosserbrief daran erinnert:  Lasst euch kein schlechtes Gewissen über dem Leben. Kein schlechtes Gewissen, wenn ihr mit Ritualen, die Stützen des Glaubens sein sollen, freiheitlich umgeht. Lasst euch nicht unter Druck setzen von Leuten, die ihre geistlichen Erfahrungen zum Maß für alle machen. Es geht nicht darum, sich mit irgendwelchen Ritualen und Gesetzeserfüllungen den Weg in den Himmel frei zu kämpfen, Gott hat seinen Himmel an euch verschenkt, hat sich selbst an euch geschenkt. Das gibt mir, uns allen, die Möglichkeit, mit Ritualen spielerisch umzugehen. Sie in ihrer Weise als Stützen zu gebrauchen, aber sie nicht für den Heilsweg zu halten. Über allem Regelhaften, das mir wichtig ist, stehen die Freiheit und die Liebe, die Gott in Christus geschenkt hat.

 

Heiliger Gott, nichts soll mich mehr gefangen nehmen – keine Sorge um günstige Tage, keine Forderung nach Askese keine Übung, keine noch so fromme Regel. Das alles mag mir helfen mein Leben zu ordnen, Struktur zu gewinnen, Festigkeit einzuüben. Aber es bringt mich nicht näher zu Dir.

Du hast Dich zu mir gekehrt. Du hast mich gerufen. Du hast Dich auf mich festgelegt, meine Schuld und meine Schulden getragen. Das genügt.   Gib mir, dass ich aus dieser Freiheit lebe, dass ich aus ihr bereit werde, auf andere zuzugehen, ihnen nahe zu kommen, ihnen freundlich zu begegnen in Worten und in Werken.

Gib Du mir, dass ich so lebe, dass ich andere mit der Freiheit aus Dir anstecke. Amen