Einfalt statt Zwiespalt

Kolosser 2, 8 – 15

8 Seht zu, dass euch niemand einfange durch die Philosophie und leeren Trug, die der Überlieferung der Menschen und den Elementen der Welt folgen und nicht Christus.

  Warnung vor dem, was so einleuchtend klingt. Klug, bedacht. Vor dem, was so viele denken. Es gibt eine Welterklärung, die gefangenen nehmen kann, faszinieren, weil sie so einleuchtend ist. Aufklärt. Weil sie Licht in das Dunkel des Unverstandes bringt. „Aufklärung, deren Namen mit dem Lichtvollen verbunden ist. Deutlich tritt das in anderen Sprachen hervor: sie heißt enlightenment in Englischen und wird Siècle de Lumières – das Jahrhundert der Lichter – im Französischen genannt. Mit dem Licht der Vernunft gehen Menschen gegen das finstere Mittelalter, seine finsteren Dogmen und finsteren Sitten und seine finsteren Taten an.“(G. Gremels, Claudius und die Gretchenfrage, Marburg 2014, S. 25)  Damit ist die zeitlose Faszination der Vernunft und ihre Verführungskraft trefflich beschrieben. Davor warnt der Schreiber, weil eine enge Gefangenschaft droht – in den engen Grenzen des vernünftigen Denkens, das nur kennt und zulässt, was dem eigenen Klein- und Großhirn einleuchtet.

   Der Ruf zu Christus dagegen ist ein Ruf in einen weiten Horizont, in das Reich Gottes, in die Ewigkeit, in der unsere Zeit aufgehoben ist.

 Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich.                               Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich.       E. Eckert 1981 EG-EKHN 584

 9 Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, 10 und ihr seid erfüllt durch ihn, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist. 11 In ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen geschieht, durch Ablegen des sterblichen Leibes, in der Beschneidung durch Christus. 12 Mit ihm seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. 13 Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden.

 Das ist die Weite, die der Glaube eröffnet. Der Schatz, der allen Glaubenden zugeeignet ist. Verbunden zu sein mit der Gottheit, dem unsichtbaren, ewigen, transzendenten Gott. πλρωμα τς θετητος Fülle der Gottheit. Damit hält der Schreiber fest, was alles Denken übersteigt – dass Gott ins Fleisch kommt, Gestalt wird, Mensch. Unser Denken kennt nur Entweder-oder. Transzendenz oder Immanenz. Sichtbarkeit in Gestalt oder Unsichtbarkeit. Die schier unglaubliche Zumutung des Glaubens dagegen sagt: Der transzendente Gott kommt in die Immanenz, der Schöpfer in die Welt, der unsichtbare Herrscher des Alls wird Mensch – in dem einen Jesus von Nazareth.

   Und darüber hinaus noch, wieder atemberaubend: Er wird euer Schicksal, indem er euch mit sich selbst verbindet. Es ist eine Schicksalsgemeinschaft, die Gott eingeht, besiegelt und zugeeignet in der Taufe, bestätigt im Glauben, ein für alle Mal geschlossen in seiner Hingabe am Kreuz. Eine Schicksalsgemeinschaft, deren Kosten voll zulasten Gottes gehen, deren Nutzen und Gewinn aber ganz auf der Seite der Glaubenden liegen.

   Der Nutzen: Der Tod ist überwunden und liegt hinter denen, die getauft sind. Ihre Lebensrichtung geht zum Leben hin, durch den Tod hindurch. Die Sünde ist abgetan, sie wird nicht mehr zur Sprache gebracht. Nichts mehr, was falsch war im Leben, dem Weg Gottes widersprochen hat, wird den Glaubenden noch zur Last gelegt. Gott selbst hat sie entlastet.

14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. 15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus.

  Da lauert kein göttlichen Inkasso-Unternehmen, das die unbezahlten und unbezahlbaren Rechnungen präsentiert, das die stetig anwachsende Schuld eintreibt. Alle Forderungen sind für Null und nichtig erklärt. Am Kreuz. Schuldenfrei zu sein Gott gegenüber heißt wirklich frei zu sein. Ganz im Gegensatz zu den Mächten und Mächtigkeiten der Welt. Die sind nun gefesselt gefangen, entmächtigt und müssen sich vorführen lassen. δειγμτισεν – sie werden an den Pranger gestellt. Heutzutage: Schonungslos auf twitter, facebook&Co dem Spott preisgegeben. Sie haben verspielt. Ein für alle Mal. Weil der am Kreuz der Sieger ist.

Zum Weiterdenken

   Es ist keine Kleinigkeit mit dem, was wir Schuld zu nennen pflegen. Es gibt eine Tendenz, Schuld zu verharmlosen. Sünde ist kein Allerweltswort mehr, sondern eher eine lächerliche Floskel: Wir sündigen gegen die schlanke Linie, wir sind Verkehrssünder. Darauf können wir uns heute allerdings verständigen: „Wir sind alle kleine Sünder.“ Nur die anderen sind große Sünder. Aber die lässt man ja gerne laufen. Härter wird es allenfalls, wenn man von jemand sagt, er sei ein Umweltschwein.

   Der Unterschied ist mit Händen zu greifen: Um die Sünde aus der Welt zu räumen braucht es große Kraft. Ganzen Einsatz. Hingabe, die sich selbst nicht schont. Das alles nimmt Gott in Christus auf sich.

Gib uns die richtigen Worte, Heiliger, in einer Welt voller Machtansprüche. Gib uns die Worte, mit denen wir unser Leben fest machen in Christus. Gib uns die Klarheit, nicht zu schweigen, wenn unser Bekenntnis gefordert ist. Gib uns den Mut zu sagen, wem wir nicht glauben – nicht den Heilsversprechungen der Ideologien,  nicht den Lockrufen der Märkte, nicht den Fanatikern, nicht den Zynikern, nicht denen, denen nichts mehr heilig ist.

Gib uns die Einfalt, die das Herz fest macht in Dir, in Christus. Amen