Nie schon am Ziel

Kolosser 2, 1 – 7

1 Ich will euch nämlich wissen lassen, welchen Kampf ich für euch und für die in Laodizea und für alle führe, die mich nicht von Angesicht gesehen haben, 2 auf dass ihre Herzen gestärkt und verbunden werden in der Liebe und zu allem Reichtum an der Fülle der Einsicht, zu erkennen das Geheimnis Gottes, das Christus ist. 3 In ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.

             Es wird irdisch. Der Schreiber schwebt nicht schon im Himmel. Er ist hier unterwegs und sein Weg ist durch Kampf – γν – geprägt. Auseinandersetzungen, die ihm zusetzen. Der Weg mit Christus und für Christus ist eben kein Sonntagsspaziergang mit netten Leuten. Er ist hart, angefochten, angefragt, in Zweifel gezogen. Dabei geht es nicht so zu, dass er für sich kämpfen muss – er steht im Streit um der Gemeinden willen – in Laodizea und in der Region. Keine friedliche Pfarramtsverwaltung – sondern Ringen darum, dass keiner auf dem Weg verloren geht, zurückbleibt.

Es geht um Vertiefung und Vergewisserung des Glaubens, die nicht wie von selbst kommt. Im Hintergrund steht das Wort und die Sache Seelsorge. Seelsorge ist Kampf, ist Mühe darum, dass Herzen gestärkt und verbunden werden in der Liebe, dass die   Einsicht συνσις – wächst, die einen Menschen mit Christus verbindet. Das griechische Wort hat einen Nebenklang – es schließt große Nähe, „Vereinigung, Zusammenfluss“ (Gemoll, aaO. S. 714) mit ein – körperlich, seelisch. Auch das gibt mir zu denken – die Nähe zum Wort συνιδεσις, Gewissen. Es geht nicht um oberflächliche Zugehörigkeit, sondern um eine tiefe Verbundenheit, die Leib und Seele, Denken, Fühlen und Handeln in Anspruch nimmt und dem Leben so Richtung gibt.

 Noch einmal und nachdrücklich wird hervorgehoben, was die Gemeinde an Christus hat. Er ist die Mitte des Glaubens, der Halt, er ist der Schlüssel zum Verstehen der Wege Gottes, um Verstehen zugleich der Welt. Man wird sich freilich davor hüten müssen, aus alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis eine Art Weltformel abzuleiten. Christus ist nicht die biologische, mathematische oder physikalische Schlüsselformel – und wer an ihn glaubt, wird dadurch kein besserer Wissenschaftler. Er wird allerdings davor bewahrt bleiben, die Wissenschaft zum Heilsweg zu machen. Dass Christus der Zugang zu Gott ist, macht den Weg frei, mit der Welt weltlich, vernünftig umzugehen.

  Es ist sehr persönlich gefärbt und nicht einfach als Regelfall auf andere übertragbar: Solchen Kampf nimmt der Brief-Schreiber für seine Lesenden auf sich. Nicht an ihrer Stelle, aber für sie. Sie sind es ihm wert – schlaflose Nächte, lange Wege, harte Auseinandersetzungen. Sie liegen ihm am Herzen und auf der Seele. Damit ihre Herzen gestärkt werden, nimmt er sie zu Herzen. Das ist die emotionale Verbundenheit in einer Tiefe, wie sie ursprünglich im Wort „Sympathie“ steckt – Mitleiden. Eines der Kennzeichen der Gemeinde: „Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“ (1. Korinther 12,26)      

4 Ich sage das, damit euch niemand betrüge mit verführerischen Reden. 5 Denn obwohl ich leiblich abwesend bin, so bin ich doch im Geist bei euch und freue mich, wenn ich eure Ordnung und euren festen Glauben an Christus sehe.6 Wie ihr nun angenommen habt den Herrn Christus Jesus, so lebt auch in ihm, 7 verwurzelt und gegründet in ihm und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und voller Dankbarkeit.

   Es gibt immer auch die anderen Stimmen. Die Gemeinde ist keine Insel der Seligen. Immer sind da Einflüsse von außen, die verwirren und verführen können. Allerdings auch Einflüsse von innen. Man kann vermutlich nur darüber spekulieren, ob es Stimme gab, die von unserem Briefschreiber sagten: Er hat gut reden, gut schreiben, er ist ja nicht da.

  Umso mehr ist es die Aufgabe derer, die vor Ort sind, für die Gemeinde da sind, dazu zu helfen, dass das Leben aus Glauben gefördert wird, dass die Bindung an Christus gestärkt wird. Das geschieht nicht durch Druck, sondern durch die Ermutigung, den begonnenen Weg des Glaubens zu gehen. Sich immer neu der eigenen Verwurzelung und des eigenen Lebens- und Glaubensgrundes zu vergewissern.

Zum Weiterdenken

Es gibt kein jetzt weiß ich alles. Jetzt bin ich lernmäßig, was die Glauben angeht, am Ziel, jetzt muss ich nicht mehr um den Glauben ringen und kann mich gewissermaßen um die Sachthemen der Welt kümmern. Bei Karl Barth findet sich in seinen Schriften eine Polemik gegen ein Denken, dass den Glauben immer als geklärte Voraussetzung sieht, über die nicht mehr nachzudenken ist und das sich dann der Sache zuwendet: Glaube und Sozialismus, Glaube und Demokratie, Glaube und Naturwissenschaft. Das, so der große Theologe, sei eine verhängnisvolle Selbsttäuschung. Der Glaube als Lebenshaltung muss Tag um Tag neu bedacht und neu bewährt werden. Das ist ganz nah beim Denken des Schreibers des Kolosserbriefes. Wir sind nie am Ende, nie schon fertig, nie schon am Ziel.

  Das Leben ist nicht ein Frommsein,
sondern ein Frommwerden,
nicht eine Gesundheit,
sondern ein Gesundwerden,
nicht ein Sein, sondern ein Werden,
nicht eine Ruhe, sondern eine Übung.

Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber.
Es ist noch nicht getan oder geschehen,
es ist aber im Gang und im Schwang.

Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.
Es glüht und glänzt noch nicht alles,
es reinigt sich aber alles.                     Martin Luther

 

Heiliger Gott, Du hast die Welt geschaffen. Du hast in die Welt Deine Liebe hinein gegeben. Sie ist Dir nie gleichgültig geworden. Nur ein Stern im All.  Du hast Christus gegeben,uns in ihm gezeigt, anschaulich gemacht, wie Du bist, wie Du zu Deiner Welt stehst.

Du schenkst in ihm, was die Wunden der Welt heilt – Treue, Geduld, Vergebung, Versöhnung, Liebe ohne Grenze, Hoffnung, die den engen Horizont des Lebens sprengt. Du willst, dass wir uns dazu helfen, in der Liebe zu wachsen, in der Treue beständig zu werden, uns gegenseitig zu stützen auf dem langen Weg durch die Zeit.

Verleihe Du mir und allen Christen, dass unser Leben tief verwurzelt wird in ihm, Deinem Sohn. Amen