Nicht am Schmerz vorbei

Kolosser 1, 24 -29

24 Nun freue ich mich in den Leiden, die ich für euch leide, und erfülle durch mein Fleisch, was an den Leiden Christi noch fehlt, für seinen Leib, das ist die Gemeinde. 25 Ihr Diener bin ich geworden durch den Auftrag, den Gott mir für euch gegeben hat, dass ich das Wort Gottes in seiner Fülle predige, 26 nämlich das Geheimnis, das verborgen war seit ewigen Zeiten und Geschlechtern, nun aber offenbart ist seinen Heiligen.

Seltsam: Freude in allem Leiden. Allerdings nicht Freude am Leiden. Kein Selbstquälerei. Es ist eine uns sehr fremde Vorstellung: Was wir durchmachen, gehört mit dem zusammen, was Christus gelitten hat. Dabei ist vermutlich nicht Krankheitsleiden im Blick, es geht auch nicht um Schicksalsschläge. Sondern gemeint sind Erfahrungen von Anfeindung, die im Glauben ihren Anlass haben. Weil der christliche Glaube die Umgebung nervt. Weil er die eigene Lebensphilosophie in Frage stellt. Es gibt eine Aggressivität, die durch den einfältigen Glauben ausgelöst wird – bis heute, bis in die säkulare Gesellschaft hinein. Sie äußerst sich nicht in offener Verfolgung, wohl aber in ironischer Herablassung – wer´s nötig hat, diesen ganzen Kinderkram. Soll er doch.

            Hier steht mit enthüllen – έφανερώθηein Wort, das verwandt ist mit den Worten, die die Erscheinungen des Auferstandenen beschreiben. Die Wirklichkeit der Welt Gottes leuchtet auf. Jetzt, am Ende der Zeiten wird sichtbar, was immer schon verborgen wirklich war. Und es sind eben die Heiden, die nicht immer schon dazu gehörten, die „nicht mein Volk waren“, die jetzt Adressaten und Empfänger dieser Botschaft sind.

  Das Weitersagen und Weitertragen ist kein Spaziergang. Es kostet Kraft, Mühe, manchmal auch Überwindung der eigenen Ängste und Müdigkeiten. Es ist ja in dieser ersten Christenheit nicht so, dass die Boten als Konferenz-Redner zu irgendwelchen schönen Veranstaltungen eingeladen würden und dann entsprechend auch empfangen und applaudiert. Es ist vielmehr so, dass sie vielfach bedränge Leute sind. Gefährdet, angegriffen. „Ich bin öfter gefangen gewesen, ich habe mehr Schläge erlitten, ich bin oft in Todesnöten gewesen.  Von Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen; ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr von meinem Volk, in Gefahr von Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern;  in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße; und außer all dem noch das, was täglich auf mich einstürmt, die Sorge für alle Gemeinden.“ (2. Korinther 11, 23-28) So bringt es Paulus in einem anderen Brief auf den Punkt. Die Vermutung dürfte nicht unbegründet sein: Er ist kein Einzelfall unter den reisenden Zeugen des Evangeliums.

Das ist Selbstverständnis des Schreibers: Diener der Gemeinde. δικονος – Diakon. Einer, der für die anderen da ist, hilft, aufrichtet, Anteil gibt am eigenen Leben und am eigenen Glauben. Am Wort Gottes – λγος το θεο. Es ist Demut und Festigkeit zugleich: in diesem Wort enthüllt Gott, was von Anfang an sein Ziel war mit der Welt, was sein Ziel war und ist und bleibt mit den Heiligen γοι. Heilige nur aus einem einzigen Grund – weil Gott sie erwählt hat, weil sie Adressaten der Liebe Gottes sind. Nicht, weil sie herausragend humane Qualitäten hätten oder von überragender Frömmigkeit wären. Die Zuwendung Gottes macht heilig. Diese Zuwendung ist Enthüllung des Geheimnisses Gottes von Anfang an.

 27 Denen wollte Gott kundtun, was der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Völkern ist, nämlich Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit. 28 Den verkündigen wir und ermahnen alle Menschen und lehren alle Menschen in aller Weisheit, auf dass wir einen jeden Menschen in Christus vollkommen machen. 29 Dafür mühe ich mich auch ab und ringe in seiner Kraft, die mächtig in mir wirkt.

              Das ist der Inhalt der Arbeit des Apostels. Seine Verkündigung kreist darum, dass alle, die hören, in Christus verwurzelt werden, in seinen Leib inkorporiert. Sie werden Teil des Christus-Leibes, Glied an diesem Leib. Und indem sie das werden, gelangen sie zur Vollkommenheit. Noch einmal wird die Weite dieses Dienstes deutlich: alle Menschen sind die Adressaten der Sendung des Apostels. Alle, nicht nur ein paar Auserwählte. Gleich dreimal – es geht um alle. Wer sich also zufrieden geben wollte mit denen, die das Evangelium schon gehört haben, in Kolossä, in den anliegenden Orten, der würde dieser Weite untreu. Auf uns gemünzt: Wer sich zufrieden gibt mit den Wenigen, die sich sonntags versammeln, die um eine Ausrichtung ihres Lebens am Wort Gottes ringen, der wird dieser Weite untreu. Gott will alle. Die ganze Menschheit.

 Darf man das sagen: Gott hat Geheimnisverrat begangen – im Christus. Der in der Schöpfung von Anbeginn ab verborgene Plan Gottes – in ihm ist er enthüllt. Und wird von Christen und Christinnen nur weitergetragen, bis an die Enden der Erde, zu allen Menschen. In ihm hat er gezeigt, was sein Wille für die Welt ist: Erlösung. Versöhnung. Vollkommenheit in Christus. Vollkommenheit, die sich darin zeigt, dass eine/einer sich an Christus hält und sich von ihm halten lässt. Das ist die Weisheit, die der Schreiber für sich beansprucht und die er mit allen teilen will, die mit ihm auf dem Weg sind in der Gemeinde und noch nicht in der Gemeinde.

 Zum Weiterdenken

 Es sind auch Sätze wie diese, die vor allem bei Johannes Calvin zu dem Gedanken eines vorzeitlichen Ratschlusses Gottes führen. Vor der Zeit der Welt hat Gott schon in sich beschlossen, was er mit der Welt vorhat. Vor der Zeit der Welt hat er sich schon auf die Liebe zur Welt festgelegt. Das ist der Grundgedanke der Prädestination – die Erwählung zum Heil vor aller Zeit.

Mir geht die Frage nach: Gilt, was der Schreiber über Leiden sagt, auch für die kreatürlichen Leiden, die das Leben mit sich bringt, körperliche Schmerzen, seelischen Kummer? Vielleicht ist so, dass der Herr Jesus sagt: „Was du in einen Leben an Leiden trägst, trägst du mit mir und ich trage es mit dir. Nicht, dass du es für mich trägst, aber mit mir, mir nach.“ Vielleicht darf ich auch die Last der Pandemie, die immer schwerer zu werden scheint, so als eine Last sehen, die wir Christus nachtragen. Mir hilft das – ein wenig, mit dem Geschehen, dem ich mich ohnmächtig gegenüber sehe, umzugehen. Mir hilft, auch in dieser Zeit die Gegenwart des erbarmenden Gottes zu glauben. Er lässt uns unter unseren Lasten nicht allein.

 

Heiliger Gott, wie viel können wir aushalten, auf uns nehmen, durchstehen, wenn wir nur wissen, warum es uns wiederfährt. Wenn wir glauben können: Es kommt aus Deinen Händen. Und: es dient Dir.

Wie viel können wir an Kraft, an Mühe aufbringen, an Widerstand bestehen, wenn wir nur wissen: Du erreichst auch durch den Schmerz, durch die Widrigkeiten Dein Ziel. Es muss alles Deinem Weg zu unserem Heil folgen.

Wie schwer fällt es uns, zu glauben und zuzustimmen: Es ist Dein Wille, dass wir Belastungen tragen, durch Zeiten der Schmerzen und Ängste gehen, dass wir Sterben um uns herum ertragen und annehmen und darin Deinen Weg durch die Welt teilen.

Du baust Dein Reich nicht am Leiden vorbei. Du hältst Dir selbst das Leid und den Schmerz nicht vom Leib. Darum kommen wir Dir in den Leiden nahe, auch wenn wir das nicht immer verstehen. Amen

 

Ein Gedanke zu „Nicht am Schmerz vorbei“

  1. Heiliger Gott, wie viel können wir aushalten…..diese letzten Zeilen sprechen mich zutiefst an
    Und wirken wie Balsam auf meiner zur Zeit sehr bedrängten Seele!!
    Gottes Segen

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