Gott geht aufs Ganze

Kolosser 1, 15 – 23

15 Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. 16 Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. 17 Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm.

Es geht nahtlos weiter. Er – das ist der geliebte Sohn. Jesus von Nazareth. Oder, wie der Schreiber sagt: Jesus Christus. Es ist ein einziger Überschwang – Lobpreis. Wo wir nur theologische Formeln sehen, wird für den Schreiber sichtbar, was die Welt im Innersten zusammenhält, ihr Grund und ihr Ziel ist: Der unsichtbare Gott. Sichtbar gemacht durch den Sohn, den Erstgeborenen – πρωττοκος. Der schon war, bevor die Schöpfung wurde.

  Atemberaubend, wie der Schreiber hier die Welten zusammen sieht – die Wirklichkeit vor Augen und die Wirklichkeit hinter dem Horizont der Welt. Oder anders gesagt: Transzendenz und Immanenz. Alles in diesem einen Menschen, Jesus von Nazareth, Christus, der Gott repräsentiert. Deutlich spürbar ist eine Nähe zu dem Prolog des Johannes-Evangeliums: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.“ (Johannes 1, 1 – 4) Es scheint, der Brief und das Evangelium schöpfen aus dem gleichen Glauben und Denken.

            Diese Sicht hat seinen Niederschlag im christlichen Liedgut gefunden, nicht nur am Himmelfahrtstag zu singen:

 Fürstentümer und Gewalten, Mächte, die die Thronwacht halten,
geben ihm die Herrlichkeit;
alle Herrschaft dort im Himmel, hier im irdischen Getümmel
ist zu seinem Dienst bereit.      P. F. Hiller 1757 EG 123

Es ist die große – in meinen Augen – immer dringlichere Herausforderung an unser Glaubensdenken. Den Glauben nicht auf ethische Maßstäbe zu reduzieren, sondern vor aller Ethik zu sehen, wie hier die Wirklichkeit Gottes in die Wirklichkeit der Welt real verknüpft gesehen wird. Christus ist die Brücke zwischen diesen Wirklichkeiten, die wir nur voneinander geschieden zu denken vermögen. Der Verdacht, oft genug geäußert: Gott ist nur eine supranaturale Größe, nur jenseitig. Nein, sagt der Schreiber – er ist in die Welt gekommen. Mensch geworden in dem einen, der darum für alle Heil und Heiland ist.

 18 Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde. Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, auf dass er in allem der Erste sei. 19 Denn es hat Gott gefallen, alle Fülle in ihm wohnen zu lassen 20 und durch ihn alles zu versöhnen zu ihm hin, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.

Immer noch sucht der Schreiber zu verstehen, was der Welt, was uns mit Christus gegeben ist, geschenkt ist. In ihm hat die Gemeinde ihren Anfang – ρχ. Nicht, dass Christus eine Gemeindegründer gewesen wäre. Aber er ist der Anfang einer Lebensbewegung – vom Tod zum Leben. Durch ihn ist die Lebensbewegung – von der Geburt zum Tod – umgedreht worden: Vom Tod zum Leben. Das ist das Erste, was über ihn zu sagen ist. Das schließt als zweites, gewissermaßen als Dreingabe Gottes mit ein:  durch ihn alles zu versöhnen zu ihm hin. Wenn man so will:  Die Versöhnung ist die Folge der Inkarnation, nicht ihr Zielpunkt, aber ihre unausweichliche Konsequenz. Indem Gott sich durch Christus leibhaftig mit der Welt eingelassen hat, hat er Versöhnung bewerkstelligt, hat er Frieden geschaffen. ερηνοποισας – sich als Friedensmacher, Friedensvermittler betätigt. Die Gemeinde lebt in diesem Christusraum.

Gott ist dabei aufs Ganze gegangen – das zeigt der gleich mehrfache Gebrauch des einen Wortes: alle. πσ, πν, πντα. Es ist das punktuelle Geschehen – in Christus, am Kreuz – das für alle Welt und alle Zeit das Heil eröffnet. „Er hat es sich gefallen lassen, auf kleinstem Raum das Größte zu vereinen.“ (H. Bezzel, Der Knecht Gottes, Metzingen 1967 S. 18) In dem einen am Kreuz hat Gott die Schicksalswende für alle in Kraft gesetzt, gleich, ob sie vorher Gott fern oder nahe waren. Daraus gilt es zu leben.

 21 Auch euch, die ihr einst Fremde wart und feindlich gesinnt in bösen Werken, 22 hat er nun versöhnt durch seinen sterblichen Leib, durch seinen Tod, auf dass er euch heilig und makellos und untadelig vor sein Angesicht stelle; 23 wenn ihr nur bleibt im Glauben, gegründet und fest, und nicht weicht von der Hoffnung des Evangeliums, das ihr gehört habt und das gepredigt ist allen Geschöpfen unter dem Himmel. Sein Diener bin ich, Paulus, geworden.

 Das ist Anrede an die Brief-Empfänger: Auch euch. Sie werden als Fremde markiert – sie haben also nicht immer zur Gemeinde gehört. Vermutlich sind sie eben keine geborenen  Juden, sondern Menschen aus den Völkern. Ihre Fremdheit hat sich darin gezeigt, dass sie nur ihre eigenen Wege gekannt haben, nicht dem Weg Gottes. Feindlich gesinnt in bösen Werken, ist keine moralische Beurteilung, sondern eine theologische, die darauf abhebt, dass es nur ein Entweder-Oder gibt – entweder der Weg Gottes oder der Weg der Gottesferne, der Gottlosigkeit.

  Was jetzt angesagt ist: Aus dieser Versöhnung zu leben, sie im eigenen Tun und Lassen als Grund und Richtschnur anzunehmen. Gott hat alles getan – jetzt ist die Antwort auf Seite der Briefleser gefragt.   Im Glauben bleiben, auf dem gelegten Fundament standhalte, beständig werden. Und allen anderen Stimmen im eigenen Herzen und aus der Umgebung zum Trotz festhalten, sich festmachen im Evangelium.

 Zum Weiterdenken

            Mir scheint, dass der Kolosserbrief mit seinem Denken über Christus die Vorlage für Gedanken von Teilhard de Chardin geliefert hat. Sein Gedanke der Christogenese, von Christus als dem Ziel und Fluchtpunkt der Evolution hat in den Sätze des Kolosserbriefes sein „Vorspiel“: Es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm. Auch dem Kolosserbrief geht es nicht nur um statische Beschreibung – er sieht in dem, was er über Christus sagt, einen Weg der Welt und einen Weg des Glaubens. Einen Weg, der Gott in die Welt und die Welt in Gott hineinholt. Heim holt.

Wenn ihr nur bleibt im Glauben. πιμνετε τ πστει. Wörtlich: Dabei bleiben am Glauben. Den Raum des Glaubens – gemeint ist wohl die Gemeinde – nie verlassen. Das ist das Ziel aller Worte, die der Brief macht. Bleiben im Glauben. Das Ziel aller geistlichen Übungen. Das Ziel aller Rituale. Sie helfen und ermutigen, Festigkeit im Glauben zu gewinnen, beständig zu werden, darin zugleich unabhängig von der augenblicklichen Befindlichkeit. Bleiben im Glauben- eine Gestalt finden, die dauerhaft ist, tragfähig, belastbar. Weil nicht jeder Tag nach „Halleluja“ und Hosianna klingt. Weil es Wegstrecken und Tage gibt, die mühsam sind. Für diese Abschnitte gilt: Bleiben im Glauben. Sich Gott hinhalten. Sich dem Geist öffnen Sich ausstrecken nah Jesus dem Gott vor unseren Augen, dem Grund aller Hoffnung. Sich bergen in der Hoffnung des Evangelium. Einzuüben ein Leben lang.

 

Du Heiliger Gott. So viel wir auch denken, so viele Worte wir auch machen – alle unsere Worte fassen Deine Größe nicht. Alle unsere Worte sind nur Gestammel, wenn es darum geht, Deine Herrlichkeit zu preisen.

Du hast in Christus den Grund der Welt gelegt, in ihm die Versöhnung mit Dir vor aller Zeit schon angelegt. Und als die Zeit reif war ist er in die Welt gekommen – uns zugute. Du hast in ihm alle Mächte und Herrschaften an Dich gebunden. Du hast Christus seinen Weg geführt, bis in den Tod am Kreuz, damit durch ihn alle Welt zurück gebracht wird, aus der Ferne von Dir,  in die wir uns verrannt haben, zurück zu Dir, Ewiger.Danke für Deine suchende Güte. Amen