Gründe zur Dankbarkeit

Kolosser 1, 1 – 14

 1 Paulus, Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes, und Timotheus, der Bruder, 2 an die Heiligen in Kolossä, die Brüder und Schwestern, die an Christus glauben: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater!

 Ein Gruß, der Bescheidenheit und Selbstbewusstsein zugleich atmet. Apostel, Bruder, ganz abhängig von dem, was Gott aus einem macht. Und die Adressaten: Heilige. Die Brüder und Schwestern sind. Vermutlich mit Ecken und Kanten. Wohl auch belastet mit Sorgen und Ängsten. Vor allem allerdings dadurch gekennzeichnet, dass sie an Christus glauben. Was immer sie sonst sind – sie sind Glaubende, mit Christus verbunden. Ihnen gilt der Gruß, der zugleich – wir vergessen das oft – Segenswort ist: Gnade und Frieden.  Von dem Gott, der Vater ist. Vater Jesu Christi und unser Vater, weil wir zu Jesus Christus gehören.

3 Wir danken Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, und beten allezeit für euch, 4 da wir gehört haben von eurem Glauben an Christus Jesus und von der Liebe, die ihr zu allen Heiligen habt, 5 um der Hoffnung willen, die für euch bereitliegt im Himmel. Von ihr habt ihr schon zuvor gehört durch das Wort der Wahrheit, das Evangelium, 6 das zu euch gekommen ist. Wie in aller Welt so bringt es auch bei euch Frucht und wächst von dem Tag an, da ihr von der Gnade Gottes gehört und sie erkannt habt in der Wahrheit.

 Glauben – Liebe – Hoffnung: Die Zentralworte des Glaubens nicht nur für Paulus. Es sind zugleich die Verbindungsbrücken zwischen Briefschreiber und Brief-Empfänger. Die Wirklichkeit, die in diese Worte gefasst ist, hat bei ihnen Wurzeln geschlagen und bringt Frucht – Tag um Tag.  Das Evangelium wirkt. Es hat ihnen – so meine Worte – das Herz abgewonnen. Es ist ihr Lebensfundament geworden. Sie schöpfen aus der Gnade, aus dem Erbarmen. In einer Welt, in der gnädiger Umgang miteinander eher die Ausnahme ist als die Regel, ist die Gnade eine befreiende Wahrheit. Sie macht fähig, zu den eigenen Fehlern und den eigenen Unvollkommenheiten zu stehen. „Wir werden uns viel verzeihen müssen.“(Spahn) Wechselseitig und auch uns selbst. Der gnadenlose Umgang mit sich selbst ist eine Sackgasse.

            Wie nebenbei: Das Evangelium ist zu euch gekommen. Es ist keine Erfindung der Kolosser. Es ist keine Erfindung von uns heutigen Lesern und Leserinnen. Wir haben es gehört – von anderen. Von denen, die es uns gesagt haben. Aus dem Wort der Bibel, in der wir gelesen haben. Keiner kann sich das Evangelium selbst sagen. Weil es nicht unsere Botschaft ist. Und wenn wir es uns selbst vorsagen, vorlesen, so ist und bleibt es doch immer ein Nachsprechen, Nachsagen.  Es sind die Boten Gottes, die es uns gebracht haben. Menschen, die Gott zu seinen Botschaftern gemacht hat – die nicht immer sonderlich geschickt sind, aber auf jeden Fall von ihm gesandt.

 7 So habt ihr’s gelernt von Epaphras, unserm lieben Mitknecht, der ein treuer Diener Christi für euch ist, 8 der uns auch berichtet hat von eurer Liebe im Geist.

 Einer der Boten wird namentlich genannt – Epaphras. Der im Philemonbrief als der Mitgefangene des Paulus begegnet. Ein Vertrauter des Apostels also.  Der hat sie unterwiesen. Sie sind gewissermaßen seine Schüler gewesen – so wörtlich im Griechischen μθητέυω – Schüler sein. (Gemoll, Griech,-Deutsches Hand- u. Schulwörterbuch, München 1957, aaO. S. 481) Dieser Epaphras hat den Briefschreiber über „die Lernfortschritte“ in Kolossä informiert. Das sind aber nicht auswendig gelernte Texte, sondern es ist inwendig gelernte Liebe im Geist. γπη ν πνεματι. Gelebtes Leben.

9 Darum lassen auch wir von dem Tag an, an dem wir’s gehört haben, nicht ab, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr erfüllt werdet mit der Erkenntnis seines Willens in aller geistlichen Weisheit und Einsicht, 10 dass ihr, des Herrn würdig, ihm ganz zu Gefallen lebt und Frucht bringt in jedem guten Werk und wachst in der Erkenntnis Gottes 11 und gestärkt werdet mit aller Kraft durch seine herrliche Macht zu aller Geduld und Langmut.

   Gute Nachrichten lösen Verhalten aus – beim Empfänger. So auch hier. Beten und Bitten. Hoffen auf weitere Schritte, auf Wachstum im Glauben. Auf vertiefte Einsicht und durchgehaltene Praxis. Auf Leben, das sich ganz am Willen Gottes orientiert. Leben aus der Fülle, aus dem Erfülltwerden. πληρωθτε – das ist ein immer neues Empfangen und Erhalten. Wunderbar beschrieben im Gedicht: Der römische Brunnen.

Auf steigt der Strahl und fallend gießt                                                                                 Er voll der Marmorschale Rund,                                                                                             Die, sich verschleiernd, überfließt                                                                                           In einer zweiten Schale Grund;                                                                                              Die zweite gibt, sie wird zu reich,                                                                                       Der dritten wallend ihre Flut,                                                                                                   Und jede nimmt und gibt zugleich                                                                                            Und strömt und ruht.                        Conrad Ferdinand Meyer (1825 – 1898)

            Also kein schwächliches Christentum, nichts auf dem Rückzug, nichts unter der Devise: Entschuldigt, dass ich immer noch Christ bin. Sondern ein Leben, das aus einem lebendigen Kontakt schöpft und wächst. Ganz so, wie es Jesus nach dem Johannes-Evangelium gesagt hat: „Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. (Johannes7, 38) Ansteckend, überfließend, aber eben nicht überflüssig.

 Mit Freuden 12 sagt Dank dem Vater, der euch tüchtig gemacht hat zu dem Erbteil der Heiligen im Licht. 13 Er hat uns errettet aus der Macht der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich seines geliebten Sohnes, 14 in dem wir die Erlösung haben, nämlich die Vergebung der Sünden.

 Darum ist Dankbarkeit angesagt, nicht eingefordert. Es liegt ein Staunen über diesen Worten. Der Schreiber sieht erneut auf das, was ihn und seine Briefempfänger verbindet – wir sind errettete Leute, erlöst aus einer Gefangenschaft, die wir nicht selbst aufbrechen konnten. Wir haben Vergebung der Sündenφεσις τν μαρτιν – empfangen. Das ist die Wirklichkeit, die nur Gott schenken kann. Weil es um eine Befreiung geht, die nicht nur ein paar menschliche Unzulänglichkeiten überwindet, sondern die tiefe Trennung des Menschen von Gott. Es gibt Schuld, die nicht wieder gut zu machen ist. Die uns den Heimweg zu Gott versperrt.

Zum Weiterdenken

Vielleicht geht einem das alles mit errettet Sein, erlöst Sein, mit Vergebung beschenkt Sein erst dann in seiner ganzen Tiefe auf, wenn man es wirklich erfahren hat. Vorher sind es nur Worte. Vielleicht sogar kränkende Worte: So schlecht bin ich doch gar nicht und angewiesen auf Hilfe von außen oder gar von oben will ich nicht sein. Es ist die Erfahrung der Errettung, die einen erst dann den Abgrund sehen lässt, aus dem man errettet ist.

  Dankbarkeit – für Bewahrungen im Leben. Für den Glauben, der sich im Lauf der Jahre nicht verflüchtigt hat. Für das Stehvermögen in der schwierigen Zeit der Pandemie. Für die Möglichkeit, Kontakt zu halten, auch wenn man sich nicht ständig sieht. Diese alten Briefe, geschrieben an Menschen unter ganz anderen Lebensumständen, erinnern doch daran, dass es immer, wirklich immer mehr Grund zur Dankbarkeit gibt als es uns unter dem Eindruck der Tageaktualität scheinen will. Wir kommen als Christen und Christinnen von einer Erfahrung her, die unsere Lebenszeit mit allen ihren Wechselfällen einzeichnet in die Obhut Gottes, die Zeit und Ewigkeit umgreift.

 

Heiliger Gott, Deine Wahrheit trägt. Deine Wahrheit gibt festen Boden unter die Füße. Deine Wahrheit lässt sichere Schritte tun. In Deine Güte und Treue sind wir geborgen.

Das ist uns zugesagt worden, dass Du uns Schutz und Schirm bist vor allem Argen, Hilfe und Stärke zu allem Guten. Wie unter einen schützenden Mantel berge ich mich unter Deine Hand, in Dein Wort, wenn die Stürme kommen, Kälte nach dem Herzen greift, die Liebe fragwürdig wird.

Danke, dass Du uns in die Gemeinschaft mit Dir rufst für Zeit und Ewigkeit, jeden Tag neu. Amen

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