Der Weg ist weit, der Tisch schon gedeckt

Lukas 24, 13 – 35

 13 Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus. 14 Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. 15 Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. 16 Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.

 Jetzt sind die Männer wieder im Spiel. Zwei der Jünger sind auf dem Weg nach Emmaus – warum wird nicht erklärt. Sie reden miteinander auf dem Weg. Von allen diesen Geschichten sind sie bewegt, gefasst, gerüttelt, durchgeschüttelt. Mit dem Weg aus der Stadt lassen sie ihren Schmerz nicht zurück. Der Versuch, vor dem Schmerz, vor dem Leiden davon zu laufen, der Versuch, noch einmal anderswo neu anzufangen – dieser Versuch wird zum Scheitern verurteilt sein.

Denn sie nehmen ja Bilder ihrer Seele mit: das Bild der Menge, die schrie: „Kreuzige ihn!”; das Bild der Soldaten, die ihn zur Schädelstätte führten; das Bild der Todesstunde, in der er sein Leben hingab; das Bild der letzten Liebe, als der geschundene Leib vom Kreuz genommen und in das Felsengrab gebracht wurde. Und diese Bilder in der Seele machen sie blind.

Zum wiederholten Mal: und es geschah. Doch die beiden Wanderer sind blind für eine größere, göttliche  Wirklichkeit als für die unmenschlichen, die sie erfahren haben. So blind, dass sie den nicht erkennen, der sich ihnen zugesellt. Er wird ihr „Sprachgesell“, ohne dass sie ihn darum bitten und ohne dass sie merken, dass er es ist.

Ein Lämmlein geht….                                                                                                                Im Durst soll´s sein mein Wasserquell,
In Einsamkeit mein Sprachgesell
Zu Haus und auch auf Reisen.                       P. Gerhardt 1647, EG 83

             Sie nehmen nicht wahr, dass er, Jesus selbst sich ihnen naht. Sie gehen ihren Weg uns haben keine Augen für ihn, der mit ihnen auf dem Weg ist. sie suchen nach neuen Wegen. Aber ihn erkennen sie nicht.

Ich habe lange so geglaubt und wohl auch gepredigt, dass wir Jesus nahe kommen müssen, Anschluss an ihn suchen und finden müssen, ihn suchen und offene Augen für seine Wirklichkeit haben. Aber in Wahrheit ist es anders: Er hat sich genaht. Er hat den Weg auf sich genommen, mit den beiden damals, mit uns heute, die Klagen, die Fragen, die Schmerzen, das Unverständnis – von dem allem wird sogleich die Rede sein – damit wir den Weg mit ihm nicht verlieren.   

17 Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. 18 Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist?

Das Gespräch fängt mit Jesu Frage an. Stellt er sich unwissend, „dumm“? Er weiß doch, was war. Oder will er sie sagen lassen, was sie bewegt? Wer einem Menschen zum Reden bringen will, muss ihn fragen, am besten nach dem fragen, was ihn bewegt. Jesus ist ein Kenner der Herzen und hier zeigt es sich: ein Meister der Gesprächsführung. Damit er ihnen zu Herzen reden kann, müssen sie zuvor ihm das Herz öffnen und ausschütten können. Dafür nimmt er auch den leisen Vorwurf in Kauf: Was bist du für ein seltsamer Zeitgenosse, der nicht mitbekommt, was geschieht und eine ganze Stadt bewegt.

Sie bleiben stehen, traurig, „mit verfinstertet Miene“ – so wörtlich σκυθρωπο. Der ganze Gefühlswirrwarr der beiden Jünger liegt in diesem einen Wort.

19 Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk; 20 wie. ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. 21 Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist.

 Sie bringen ihre Hoffnung und ihre Enttäuschung auf den Punkt. Und er, Jesus mit ihnen, lässt sie ihren ganzen Schmerz “durcharbeiten“. Er weicht dem nicht aus, dass er hier zerbrochene Lebenshoffnung zu hören bekommt. Er weicht dem nicht aus, dass er ihr durchkreuztes Leben gezeigt bekommt. Drei Jahre ihres Lebens sind mit ihm hingerichtet worden, drei Jahre ihres Lebens sind mit ihm verhöhnt und verspottet worden, drei Jahre ihres Lebens sind mit ihm gekreuzigt worden. Er hört ihr ganzes Leid und ihre ganze enttäuschte Lebenshoffnung an. Und doch: ein Prophet – daran haben sie festgehalten und suchen wohl auch noch, daran festzuhalten: Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. “

 22 Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, 23 haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. 24 Und einige von uns gingen hin zum Grab und fanden’s so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht.

Zu dem allem noch der Schreck dieser unverständlichen Botschaft der Frauen. Alles, dass sie nicht sagen: Weibergerede. Märchen. Irre Wunschträume. Es ist so viel Hoffnungslosigkeit auch in ihrem Bericht über das Geschehen und die Erzählung der Frauen: Sie kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. Was soll man damit anfangen, zumal die Nachforschungen der Männer nichts gefunden haben als ein leeres Grab. Das aber erklärt doch nichts. Da ist nichts zu spüren von Hoffnung gegen allen Augenschein. Das ist das Ergebnis:  aber ihn sahen sie nicht. Und weil es so ist, bleibt ihnen nur noch ein Bild: das des Gekreuzigten, den sie von ferne gesehen haben.

Das ist die Erfahrungssumme, die ihnen bleibt: Das Leben ist nicht fair. Sie können  sich nicht mehr vorstellen, wie Gottes Weg mit ihnen in dieser Welt ein guter Weg sein soll. Nicht mehr nach all diesen geplatzten Träumen.

 25 Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! 26 Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? 27 Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.

Was dann folgt, ist eine „Bibelstunde“ auf dem Weg. Jetzt, nachdem der Kummer benannt, als sie in ihrem Schmerz wahrhaftig geworden sind, als ihr Leiden zur Sprache gekommen ist, jetzt legt er, Jesus, ihnen die Schrift aus: Musste nicht das alles geschehen? Es ist ein werbendes Reden, es ist ein Reden, das sie in ihrem Kummer, mit ihrem Schmerz an der Hand nimmt und Stück um Stück helfen will, neues Zutrauen zu fassen. Jesus nimmt sie in ihrem Verzweifelt-Sein und ihrem Zweifel ganz ernst und will sie doch darüber hinaus führen. Nehme ich das ernst, so höre ich hier eine deutliche, herbe, aber zugleich hilfreiche Warnung vor allen Wunschbildern des Glaubens. Es gilt, die Bilder des Glaubens an der Schrift zu gewinnen.

Es ist ein Plan in allem, was geschehen ist. Es ist nicht der Betriebsunfall Jesu und auch nicht der Betriebsunfall Gottes. Es ist kein Plan B, den Gott aus dem Hut gezaubert hätte mit der Auferstehung. Das ist die Grundüberzeugung des Lukas und er „legt sie dem Auferstandenen in den Mund“. Oder ist es doch umgekehrt: Der Auferstandene lehrt seine Jünger diese Sicht? Es ist die christliche Überzeugung, die bis heute die Christenheit trägt: Die ganze Schrift hat seinen Weg zu Kreuz und Auferstehung als ihre Mitte. Darauf läuft alles zu. Von daher gewinnt alles seinen Zusammenhang und seinen Sinn. Alles! „In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.“ (Kolosser 2,3)

 28 Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. 29 Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.

 So geht es ihnen zu Herzen, was sie hören, dass sie nicht genug bekommen wollen. Sie wollen ihren unbekannten Mitwanderer nicht loslassen. Sie wollen, dass er bleibt. Es sind Worte, die im Sinn des Lukas wohl eine Einladung an alle sind, die Christus noch nicht wirklich erkannt haben: Ihr könnt ihn bitten zu bleiben, auch wenn ihr noch nicht wisst, wer er ist. Und er wird sich so bitten lassen und bleiben. Er hat es ja selbst gesagt: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“ (11,9) Die beiden auf dem Weg nach Emmaus nehmen ihn beim Wort.

30 Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. 31 Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen.

Dann kommt der große Augenblick. das große Erwachen, es fällt   ihnen wie Schuppen von den Augen. Jetzt erfüllt sich das Wort der Schrift: Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind.“ (Jesaja 25,7)Jetzt erkennen sie den, der schon immer mit ihnen auf dem Weg war. Jetzt erkennen sie den, der ihnen mit dem Wort der Schrift begegnet ist. Jetzt erkennen sie den, der ihnen zu Herzen gesprochen hat und dem sie ihr trauriges Herz öffnen konnten. Jetzt, am altgewohnten Gestus – am Brechen des Brotes, am Segenswort über dem Kelch, an der sich selbst gebenden Liebe.

32 Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?

Von diesem Sehen her fällt ein Licht auf den Weg, den sie mit ihm gegangen sind. Die Worte der Schrift, die ihr Herz berührt haben, Sein Fragen, sein Reden, sein Zeigen des Planes Gottes – das alles fügt sich jetzt zu einem Bild zusammen, zu einer Erfahrung, die Licht ins Dunkel bringt.

 Im Dunkel unserer Nacht entzünde das Feuer,                                                                  das niemals verlöscht.                                               Taize

 Und zugleich ist der Satz so, dass er über allen Wegen der Jünger mit ihrem Herrn steht. Das war ja ihr Erleben auf den Wegen durch Galiläa und Judäa, auf dem Weg nach Jerusalem: dass er eine Hoffnung in ihrem Leben entzündet hat, dass er ins Dunkel sein Licht gebracht hat. Und dieser Satz ist wie eine Verheißung nach vorne geöffnet – nach-zusprechen durch die Christen und Christinnen aller Zeiten.

33 Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; 34 die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen. 35 Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, als er das Brot brach.

Ist die ganze Emmaus-Geschichte ein Wechselspiel zwischen Blindheit und geöffneten Augen, Traurigkeit und Herausgerissen werden durch die Freude, so setzt sich das jetzt fort. Es ist ein langer Weg nach Emmaus – 14 Verse in der Erzählung und ein so kurzer Rückweg nach Jerusalem – drei Verse. Schwerfällig, mühselig, belastet der eine Weg, beschwingt und leichtfüßig der andere. Beflügelt von der Erfahrung, die sie gemacht haben, von den geöffneten Augen und den brennenden Herzen. Aus den schleppend schweren Schritten des Weges nach Emmaus wird der beschwingte Weg zurück nach Jerusalem.  Sie kehren um und finden die Elf und die anderen, die um sie waren – wie viele Frauen sind hier unter diesem und die bei ihnen waren namentlich verborgen, aber doch da.

Zum Weiterdenken

Es ist wie am Anfang des Evangeliums, als Elisabeth und Maria sich begegnen. Hier begegnen sich zwei Freudenbotschaften: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen. Es stimmt. Es ist wahrhaftig. Darauf kann man sein Leben bauen. Und sie, die beiden Emmaus-Jünger erzählen ihre Erfahrung. Und wieder zeigt der Schluss-Satz weit über den Augenblick hinaus: wie er von ihnen erkannt wurde, als er das Brot brach. Von nun an haben die Christ*innen einen Ort, an dem sie den Herrn erkennen können, an dem sie ihn finden werden – im Mahl.

Jesus, an Deinem Tisch ist Platz genug für Zweifler, für Entmutige, für Flüchtlinge zurück in den Alltag. An Deinem Tisch ist Platz genug für die, die von gescheiterten Plänen, zerplatzten Träumen, begrabenen Hoffnungen gezeichnet sind. An Deinem Tisch ist Platz genug für die, die nur noch eine vage Sehnsucht haben, die sich nach Nähe sehnen, ohne zu wissen, von wem sie diese Nähe erbitten.

Jesus, an Deinem Tisch ist Platz genug für uns. Brich Du uns Dein Brot. Amen

 

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