Nur ein Spielball

Lukas 23, 1 – 12

1 Und die ganze Versammlung stand auf, und sie führten ihn vor Pilatus 2 und fingen an, ihn zu verklagen, und sprachen: Wir haben gefunden, dass dieser unser Volk aufhetzt und verbietet, dem Kaiser Steuern zu geben, und spricht, er sei Christus, ein König.

              Es gleicht einer Prozession und ist nicht ohne Ironie. Der Hohe Rat bringt den Gefangenen zu Pilatus. Sie haben kein Urteil gefällt. Das muss er, der Römer. Denn das Urteil, das sie haben wollen – Tod – können sie nicht selbst durchsetzen. Die hohe Gerichtsbarkeit haben sich die Römer vorbehalten.

            Die Anklage ist deutlich formuliert: Volksverhetzung. Wie anders hat das der Leser des Evangeliums die Antwort Jesu in Erinnerung:Ist’s recht, dass wir dem Kaiser Steuern zahlen, oder nicht?  Er aber merkte ihre List und sprach zu ihnen: Zeigt mir einen Silbergroschen! Wessen Bild und Aufschrift hat er? Sie sprachen: Des Kaisers. Er aber sprach zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.“ (20, 22-25)

Weiter in den Anklagen: Verweigerung der Anerkennung Roms, Vorbereitung eines Aufstands. Das alles kulminiert in der Aussage: er spricht, er sei Christus, ein König. Damit hat der Römer, so sind sie überzeugt,  die Handhabe, die er für ein Urteil braucht. Wer König in Israel sein will, ist das nur aus Roms Gnade. Wer diese Würde ohne Nachfragen und Erlaubnis aus Rom beansprucht, macht Rom seine Macht streitig. Und darauf steht der Tod. Das ist ja, was sie wollen: seinen Tod.

3 Pilatus aber fragte ihn und sprach: Bist du der Juden König? Er antwortete ihm und sprach: Du sagst es. 4 Pilatus sprach zu den Hohenpriestern und zum Volk: Ich finde keine Schuld an diesem Menschen.

  Es ist folgerichtig, dass Pilatus dieser Spur nachgeht. Er will es aus dem Mund des Angeklagten selbst hören, darum fragt er: Bist du der Juden König? Die Antwort Jesu ist kurz – und zweideutig. Du sagst es. Σ λγεις. Man könnte auch übersetzen: So sagst Du. So viel kann in der knappe Antwort mit schwingen, die so viel offen lässt. Die auch die – in meinen Augen unwahrscheinliche – Deutung zulässt, Jesus sei durch die vorhergehende Misshandlung so eingeschüchtert und mutlos, dass er sich nicht mehr wirklich auf ein Gespräch einlassen kann oder will. 

Jesu Königsein ist jedenfalls nicht der politische Machtanspruch, den ihm der Hohe Rat vorwirft. Pilatus hat verstanden: Der hier vor mir steht, ist politisch harmlos. Jedenfalls hat er keine anti-römischen Interessen. Das bringt er auch klar zum Ausdruck gegenüber dem Rat und dem Volk – wo kommt das plötzlich her? – Ich finde keine Schuld an diesem Menschen.

Das wird durchgehalten in dem ganzen Abschnitt: ό άνθροωπος. Konsequent wird der Name Jesu durch dieses Wort: `der Mensch’ ersetzt. Das Individuum Jesus ist nicht von Interesse – weder für Pilatus noch für Herodes. Er ist ein Fall, irgendein Mensch. Nicht wirklich von Interesse.

Zugleich mag es ein Hinweis des Lukas an seine Leser sein. Man kann Jesus für einen Menschen halten, für nichts als einen Menschen. Und wird so blind für das, was er in Wahrheit ist. Man kann ihn auch Christus nennen und doch blind dafür sein, dass er mehr ist als ein Christus, als ein Messias,  der die Welt ordnet.

     Das ist bis heute so und viele sagen es auch: Jesus – mag sein, er war ein guter Mensch – aber mehr ist es auch nicht um ihn. Und wieso soll ich da an ihn glauben? Es gibt eine Blindheit, die den Menschen Jesus sieht und sonst nichts. Paulus nennt das die Weisheit der Welt, die Gott zur Torheit macht. (1. Korinther 1,20) Es braucht andere Augen als den geschärften Blick der Mächtigen, der Klugen, der Weltweisen, um Jesus zu erkennen als den, der er ist, als den Heiland Gottes.

5 Sie aber wurden noch ungestümer und sprachen: Er wiegelt das Volk auf damit, dass er lehrt hier und dort in ganz Judäa, angefangen von Galiläa bis hierher.

  Die Unschuldsvermutung des Pilatus aber reizt den Hohen Rat. Und sie verschärfen und präzisieren: Er wiegelt das Volk auf. Er verbreitet Lehren, die geeignet sind Unruhe zu machen, zumal in Galiläa. Das weiß auch der Römer: Galiläa ist ein Pulverfass. Da ist so viel sozialer Sprengstoff angesammelt, da braucht es nur einen begabten Führer und es wird ein Flächenbrand. Das ist klug kalkuliert von den Leuten aus dem Hohen Rat.  

 6 Als aber Pilatus das hörte, fragte er, ob der Mensch aus Galiläa wäre. 7 Und als er vernahm, dass er ein Untertan des Herodes war, sandte er ihn zu Herodes, der in diesen Tagen auch in Jerusalem war.

              Ob sie die Reaktion des Pilatus voraus gesehen haben? Als er hört, dass er es mit einem Galiläer zu tun hat, ergreift er sofort die Gelegenheit: Ich bin nicht zuständig. Das ist der Hoheitsbereich des Herodes. Soll er sich doch damit herumschlagen, in diesen Tagen, vor dem Fest. Ein lästiger Fall weniger. Oder geht es nur um eine Art „Amtshilfe“, eine gutachterliche Stellungnahme? Jedenfalls und wie auch immer, jetzt kann die ungeteilte Aufmerksamkeit des Pilatus wieder dem Fest gelten. Da weiß man nie, was werden wird. Die Juden sind unberechenbar und die Ruhe am Fest ist eine fragile Angelegenheit.

8 Als aber Herodes Jesus sah, freute er sich sehr; denn er hätte ihn längst gerne gesehen; denn er hatte von ihm gehört und hoffte, er würde ein Zeichen von ihm sehen. 9 Und er fragte ihn viel. Er aber antwortete ihm nichts.

    Pilatus tut mit dieser Überstellung des Gefangenen zugleich Herodes einen Gefallen. Der will schon lange einmal diesen Jesus besichtigen, so wie man ein seltenes Tier besichtigt. Man erzählt so viel von ihm – und es wäre doch nett, eine schöne Unterbrechung, eine willkommene Abwechslung der höfischen Langeweile, wenn man ihn besichtigen könnte und wenn er womöglich auch noch ein Wunder tun könnte.

 Jesus, ich bin hocherfreut, dich persönlich kennen zu lernen.                                    Du hast dir rundum im ganzen Land einen Namen geschaffen                                mit deinen Krankenheilungen, Totenauferweckungen…                                                 Zeig mir, dass du göttlich bist. Mach mein Wasser zu Wein….                                   Jesus, du wirst nicht glauben, welchen Wirbel du hier verursachst.                           Du bist der, über den alle reden, der Mann des Jahres.                                               Zeig mir, dass du kein Narr bist. Geh über meinen Swimming Pool.                      Wenn du das für mich tust, lasse ich dich frei.                                                                                                                                   Andrew Lloyd Webber, Jesus Christ Superstar

             Webber trifft – so denke ich – den richtigen Ton. Herodes versteht Jesus als einen Wundertäter. Es geht um Unterhaltung, um Sensation, um den Event. Es geht aber nicht um diesen Menschen aus Galiläa. Darum ist es nur konsequent: Er aber antwortete ihm nichts. Das Ersuchen des Herodes ist keine Versuchung für Jesus.

 10 Die Hohenpriester aber und Schriftgelehrten standen dabei und verklagten ihn hart. 11 Aber Herodes mit seinen Soldaten verachtete und verspottete ihn, legte ihm ein weißes Gewand an und sandte ihn zurück zu Pilatus.

   Das Schweigen Jesu löst neue Anklagen aus. Die Leute des Hohen Rates verschärfen ihre Vorwürfe. Aber die Reaktion der Leute des Herodes ist schräg. Sie gehen nicht auf die Vorwürfe ein. Sie haben ihren Spott mit diesem schweigenden Gefangenen, mit diesem seltsamen Menschen aus Galiläa. Das Hofgesinde verachtet ihn – er hat nichts zu sagen. Er verstummt. Und sie verspotten ihn. Hatten die Kriegsknechte ihn in seinem Prophetentum verhöhnt, so wird hier seine Hoheit zur Zielscheibe des Spottes. Er bekommt ein weißes Gewand, eine herrschaftliche Toga. Die Parodie wird auf die Spitze getrieben. Aber genau wie der Purpurmantel zuvor ist auch dieses Gewand nur Spottzeichen. Die es ihm umhängen lassen, schenken ihm keinen Glauben, auch wenn sie ihn – noch nicht –  hinrichten lassen.  

             Noch einmal Webber:

 „Auf Judenkönig. Ha! Bist du nicht erschreckt durch mich, Christus!                     Mr. Wonderful Christ. Du bist ein Spaßvogel, aber nicht der Herr.                            Du bist nichts als ein Schwindler. Weg mit ihm! Er hat nichts zu sagen.               Weg mit  dir, du Judenkönig. Weg aus meinem Leben.“                                                                                     Jesus Christ Superstar

             So geht er jetzt zurück an den Absender, an Pilatus. Herodes hat alles Interesse an diesem seltsamen Heiligen verloren. Er ist nicht mein Fall. Das Paket wird zurück geschickt. Jesus ist zum Spielball geworden.

 12 An dem Tag wurden Herodes und Pilatus Freunde; denn vorher waren sie einander Feind.

  In ihrer Verachtung für diesen Menschen aus Galiläa sind sich Pilatus und Herodes einig und kommen sie sich nahe. Ja, sie werden Freunde – was immer das auf der politischen Bühne heißen mag. Es steckt so viel Gleichgültigkeit in diesem ganzen Vorgang, diesem Hin und Her. Normalerweise hätten wohl beide nach Aktenlage  entschieden. Der Mensch, der vor ihnen steht, ist ihnen gleichgültig.  Eine lästige Unterbrechung auf dem Weg zum Fest, das beiden mehr Aufmerksamkeit abverlangen wird.

 Aber: Dieser Mensch, der vor ihnen steht, ist für sie auch eine Kränkung. Er steht nur da, er bettelt nicht um sein Leben, er appelliert nicht ihr „gutes Herz“. Es ist eine Kränkung für die, die so gerne Machtworte sagen: sie werden keines Wortes gewürdigt von ihm, diesem Menschen. Es ist also kein Wunder, wenn sie sich düpiert fühlen, mischtet, gekränkt von ihm, die so völlig unbeeindruckt scheint von ihrer Macht. Da steht einer vor ihnen, an dessen Schweigen ihre Stärke zerbricht. Ja, sie werden ihn töten lassen können. Aber dennoch ist er für sie unerreichbar.

  Zum Weiterdenken

 Ich frage im Blick auf uns heute: Hat sich wirklich so viel geändert, im Blick auf die Einschätzungen Jesu? „Mit der Bergpredigt ist kein Staat zu machen.“(O. von Bismarck) Wenn Jesus denn ein „Programm“ gehabt haben sollte, so ist es politikuntauglich. Die Mächtigen kommen gut ohne diese seltsamen Menschen aus Galiläa aus. Und eine gute Show ist mit ihm auch nicht wirklich zu machen. Kulturell ist Jesus, abgesehen von den Bach´schen Passionen uninteressant. Die Kulturschaffenden und der Jetset brauchen ihn nicht – er langweilt, so wie er Herodes und seinen Hofstaat allenfalls gelangweilt hat. Es sind ganz normale Leute, die mir in einem Gespräch ihre Sicht mitteilen: Märchen. Zu schön, um wahr zu sein. Aber nichts, worauf man ein Leben bauen könnte.

 

Jesus, Du stehst vor dem Hohen Rat, Pilatus, Herodes und ihrem Gefolge. Du stehst da und sie sehen Dich und sehen Dich doch nicht. Sie hören Dich und hören Dich doch nicht.

Jesus, wie oft sind wir wie Pilatus, Herodes, der Hohe Rat – blind für Dich, für Deine Wirklichkeit, für Deine Herrlichkeit. Wir kleiden Deich prächtig in den Goldglanz, in unsere Lieder, in die Verherrlichung als Gott – und bleiben es doch schuldig, Dir unser Leben anzuvertrauen, Deinen Weg nachzugehen. Öffne Du uns die Augen und das Herz, dass wir Dir folgen. Amen