Allein

Lukas 22, 39 – 46

 39 Und er ging nach seiner Gewohnheit hinaus an den Ölberg. Es folgten ihm aber auch die Jünger.

             Auf den ersten Blick mag es ein Weg sein wie immer. Jesus hat – nur für die Tage in Jerusalem? – die Gewohnheit, die Nächte am Ölberg zu verbringen, betend, fragend, den eigenen Weg suchend. Er bleibt seinen Gewohnheiten treu. Sie sind ihm Weg und Auftrag in einem. Auch seine Jünger bleiben ihrer Gewohnheit treu; sie tun, was sie seit Jahren tun: sie gehen ihm nach. Darauf hat sich das Programm ihres Leben reduziert: nachgehen, hinter ihm her. Mehr brauchen sie nicht als seine Fußspur, der sie folgen können.

40 Und als er dahin kam, sprach er zu ihnen: Betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallt!

Jetzt aber wird es anders als in den Nächten zuvor. Betet, sagt Jesus seinen Jüngern. Er selbst wird beten und er fordert sie auf zum Beten. Nicht, weil er ihr Beten braucht, sondern weil sie es brauchen werden. Damit ihr nicht in Anfechtung fallt! Es ist auch ein Anknüpfen an das Unservater, wie es Jesus gelehrt hat: „Und führe uns nicht in Versuchung.“(11,4) Hier wie dort steht das Wort πειρασμς. Es kann beides heißen: Anfechtung und Versuchung, auch Prüfung. Das ist der Sinn ihres Betens: Sie sollen sich Kraft holen. Sie werden diese Kraft brauchen, damit sie der Anfechtung standhalten können, die auf sie zukommt.

Wir hören die Aufforderung Jesu falsch, wenn wir hören: damit euch die Anfechtung erspart bleibt. So denken wir ja oft: Der Herr könnte uns diese und jene Situation mit ihren Herausforderungen und Überforderungen ersparen. Aber es geht nicht um ein Ersparen, sondern um ein Standfest-Werden, um Durchhalten und Sich-Bewähren.

  41 Und er riss sich von ihnen los, etwa einen Steinwurf weit, und kniete nieder, betete 42 und sprach:

             Es fällt auf: Lukas nennt den Ort dieses Geschehens nicht. Matthäus und Markus wissen: Gethsemane, ein Hof, ein Gut, „ein Garten“ (so die neue Luther-Übersetzung 2017) Lukas belässt es bei dem nüchternen Ort  – τπος, Topos – als läge ihm nichts an der genauen Lokalisierung, wohl aber alles am Geschehen. Noch ein Unterschied zu Matthäus und Markus: Lukas erzählt nichts davon, dass Jesus Petrus und die beiden Zebedäus-Söhne mit sich nimmt. Bei Lukas geht er den Weg seines Betens wirklich allein.

 Warum reißt er sich von ihnen los? Was meint dieser so starke Ausdruck, der ja eine emotionale Färbung hat? Um das zu verstehen, ist es gut zurück zu schauen: Mich hat herzlich verlangt… Auch das war hoch emotional. Der Weg, der vor Jesus liegt, wird ihm alle Kräfte abverlangen. Jetzt beginnt sein Weg, der nicht mehr von der menschlichen Nähe der Jünger getragen wird. Jetzt beginnt der Weg Jesu, den er ganz allein gehen muss, ohne menschliche Nähe und menschlichen Beistand.

 Allein,
Wir sind allein,
Wir kommen und wir gehen ganz allein.
Wir mögen noch so sehr geliebt, von Zuneigung umgeben sein:
Die Kreuzwege des Lebens geh‘n wir immer ganz allein.
Allein,
Wir sind allein,
Wir kommen und wir gehen ganz allein.       R.Mey, CD Farben, 1990

Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe! 43 Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. 44 Und er rang mit dem Tode und betete heftiger. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen.

 Es beginnt der Weg Jesu, um den er selbst kämpfen muss. Er kennt diesen Weg. Es ist die Überzeugung des Lukas, zusammen mit der ganzen ersten Christenheit, dass Jesus diesen Weg von Ewigkeit her weiß, dass er ihn gehen muss, weil er dem Willen des Vaters Raum geben will in seinem Leben. Aber das macht es nicht einfacher. Es ist ein harter seelischer Kampf, bis es bei Jesus so weit ist, dass er sagen kann: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe!

 Vor Augen hat Jesus einen Kelch. Aus dem er trinken soll. Den er trinken soll. Der Kelch steht für das Schicksal, das Jesus auf sich zukommen sieht. Leiden, Tod.  So wie es den Kelch des Heils gibt –  „Ich will den Kelch des Heils erheben und des HERRN Namen anrufen.“(Psalm 116,13) so gibt es auch den anderen Kelch, „den Kelch des Grauens und Entsetzens.“ (Hesekiel 23,33)

 Daran schließt Dietrich Bonhoeffer mit seinen Worten an – vor denen ich immer wieder zurückschrecke, weil sie mir zu groß sind, mein Maß an Tapferkeit übersteigen.

„Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
Des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
So nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
Aus deiner guten und geliebten Hand.“    D. Bonhoeffer, 19.12. 1944, EG 65

 In seinem Kampf, der ihm alles abfordert, hält Jesus doch daran fest: Vater. Nicht Gott – Vater. Vielleicht darf man das auch so deuten: Es geht in diesem Ringen Jesu darum, nicht den Vater zu verlieren, nicht auf einmal einem anonymen Gott gegenüber und ausgeliefert zu sein.

     Die Härte des Kampfes wird durch zwei „Bilder“ des Lukas sichtbar. Ein Engel vom Himmel kommt und stärkte ihn. Es braucht die Hilfe von außen. Es ist kein heroischer  Kraftakt, den er sich abbringt, so gewiss es die Seelenkräfte Jesu für sein Ja zu diesem Weg braucht. Es ist ein Akt, zu dem ihn Gott stärken muss. Es ist wie immer schon auf dem Weg Jesu: er empfängt seine Schritte aus den Händen Gottes – auch hier. Dazu sendet Gott seinen Engel.

  Das ist Erfahrung ungezählter Menschen auf dem Weg des Glaubens geworden, dass sich die eigenen inneren Kräfte verzehren im Kampf um den nächsten Schritt. Und oft genug braucht es das Wort von außen,  den „Engel“, άγγελος, damit dieser Kampf nicht aufgegeben wird, damit er bestanden werden kann.

  So weit geht es in diesem Ringen Jesu, dass er ν γωνίᾳ gerät, in die „Agonie“ getrieben wird. Ausweglos. Und je mehr und auswegloser er das Ende vor Augen hat, umso heftiger betet er. Das ist das zweite Bild: Schweißtropfen wie Blut – er tränkt die Erde mit seinem Schweiß, so wie er sie auf Golgatha mit seinem Blut tränken wird. Wenn es irgendwo im Evangelium Bilder für die Menschlichkeit des Menschensohnes gibt, dann werden sie hier gemalt.

   Es ist sehr bemerkenswert und macht nachdenklich: die drei Worte γωνα – „Kampf“, δρς -„Schweiß“, θρμβοι – „Tropfen“ begegnen nur hier im gesamten Neuen Testament. Sie machen damit diese Szene zu einem einmaligen und einzigartigen „Ereignis“. Hier ist nichts mehr gewohnheitsmäßig.

  Wir übersehen das leicht. Der Gehorsam gegen den Vater ist – auch für Jesus – keine Selbstverständlichkeit. Weil Gott der Vater ist, sagt Jesus nicht leicht fertig zu allen seinen Wegen Ja und Amen. „Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.“ ( Hebräer 5, 7-8) Es ist ein Lernweg, den Jesus geht. Er kann das nicht immer schon.

Der Kampf um den Gehorsam gegen den Vater in dieser Stunde an diesem unbestimmten Ort verbindet Jesus mit denen, die in ihrem Leben an ihren Orten, die keiner im Voraus weiß, um Gehorsam gegen Gott, um ihr Vertrauen zu dem Vater ringen. Der Autor des Hebräerbriefs ist der Meinung, dass uns das Beispiel des lernenden Gottessohnes helfen kann, unsererseits den Gehorsam nicht aufzugeben.

Ein Gedanke, der, oberflächlich betrachtet, das Textgefüge sprengt: Jesus kämpft hier um die eigene Zustimmung zum Weg und Willen des Vaters. Es ist aber kein Kampf mit dem Vater, sondern für den Vater. Um den Willen des Vaters. Manchmal begegnet mir an dieser Stelle die Formulierung: Es gehe um die Zustimmung zum „Plan Gottes“. Als ob der schriftlich niedergelegt wäre wie ein Strategie-Papier heutzutage.

45 Und er stand auf von dem Gebet und kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend vor Traurigkeit 46 und sprach zu ihnen: Was schlaft ihr? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallt!

 Während Jesus so betend ringt, schlafen die Jünger ein. Sie schlafen vor Traurigkeit. Vorsicht vor allem Hochmut, der sich hier einstellen will. Vorsicht vor allem Tadel, der hier rasch zur Hand ist: „Könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?“(Matthäus 26,40) Jesus darf so fragen – wir nicht. Denn es ist doch nicht ausgemacht, dass nicht auch wir uns in den Schlaf flüchten würden.

            Es ist ja eine seltsame Formulierung, dass sie vor Traurigkeit schlafen. Diesen Schlafgrund weiß nur Lukas. Aus dem eigenen Leben weiß ich: Es gibt eine Flucht in den Schlaf, weil es unerträglich ist, wach zu sein, zu sehen, was kommt und die eigene Hilflosigkeit zu spüren. Manchmal bleibt nur noch die Flucht in den Schlaf. Mich tröstet dann auch: „Den Seinen gibt der Herr Schlaf.“(Psalm 127,2) Aber Aufstehen bleibt auch dann noch als Forderung bestehen.

            Merkwürdig, dass sich der Anfangssatz Jesu auf dem Weg zu diesem nächtlichen Ort jetzt am Ende der Szene wiederholt. Betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallt! Das macht klar, dass die Aufforderung über diesen Ort am Ölberg hinaus weist. Es geht nicht nur um die Gemeinschaft des Betens jetzt und hier – es geht um ein Beten angesichts der kommenden Anfechtungen. Auch das wäre noch zu kurz gegriffen, wenn ich sagte: Es geht darum, den Weg der Passion Jesu mit zu bestehen und sich nicht in die Flucht schlagen zu lassen.

Zum Weiterdenken

 Ich mag die Wendung „Plan Gottes“ nicht, weil sie mir zu distanziert ist. Zu cool und unberührt. Was ich lese: Jesus ringt sich ein Ja ab zu einem Weg, den Gott, der Vater, sich selbst abringt. Es ist Gottes innerer Kampf, der in Gethsemane seine sichtbare Außenseite hat. Er ringt darum, seinem gerechten Zorn nicht freien Lauf zu lassen, sondern am Erbarmen und der Güte festzuhalten. Das ist das Ringen Gottes in Gethsemane: Erbarmen statt Zorn, Treue statt Verwerfung, Stellvertretung statt Todesurteil. Vorgeprägt im Wort des Propheten, das ein Gotteswort wiedergibt: „Wie kann ich dich preisgeben, Ephraim, dich ausliefern, Israel? Wie kann ich dich preisgeben gleich Adma und dich zurichten wie Zebojim? Mein Herz wendet sich gegen mich, all mein Mitleid ist entbrannt. Ich will nicht tun nach meinem grimmigen Zorn noch Ephraim wieder verderben. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch, heilig in deiner Mitte. Darum komme ich nicht im Zorn.“(Hosea 11, 8-9) Es ist ein hochemotionales Bild von Gott, das hier aufleuchtet. Das ist nicht der unberührte und unbewegte Gott der Philosophen, auch nicht „das Gott“. Sondern das ist der väterlich-mütterlich Liebende, der sich zur Güte und Treue durchringt. Noch einmal: Jesus kämpft in Gethsemane nicht mit einem übermächtigen, unbeteiligten Gott – er kämpft den Kampf Gottes in sich selbst.

Lukas wird erzählen, dass sie alle fliehen. Die Anfechtungen, Versuchungen, die betend zu bestehen sind, sind wohl die Anfechtungen auf dem Weg des Christenlebens, auf dem Weg der Gemeinde. So wie Christus  in diese Anfechtungen hinein geht und sie besteht, so sollen auch die Christen in sie hineingehen und sie bestehen. Nicht weglaufen. Nicht ausweichen. Bestehen!

 

Vater im Himmel, ist es wahr: Am Ende sind wir allein? Ist es wahr: Zum Schluss erwartet uns nichts als Einsamkeit? Ich weiß nicht wie es einmal sein wird. Ich weiß auch nicht ob ich es wirklich wissen will. Ich weiß nicht, wie tapfer, schicksalsergeben, einverstanden ich sein werde. Und weil ich das alles nicht weiß, nicht wissen kann, noch nicht wissen will – darum hoffe ich auf Beistand, hoffe ich, dass ich meine Angst sagen lerne, dass auch an meiner Seite ein Engel sein wird – einfach nur da.

Ich sehe auf Jesus, auf seinen Kampf, auf den Engel an seiner Seite und ich nehme es als Dein Versprechen: Du wirst auch uns in der Stunde des Ringens um das Einwilligen in Deinen Willen nicht allein lassen. Daran will ich mir genügen lassen. Amen

Ein Gedanke zu „Allein“

Kommentare sind geschlossen.