Wir leben von Bewahrung

Lukas 22, 31 – 38

31 Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. 32 Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder.

  Die „Abschieds-Rede“ Jesu geht weiter. Es sind letzte Worte an seine Jünger und deshalb haben sie besonderes Gewicht. Es ist das Bild, das Lukas von Jesus malt: Er hat auch in der Stunde des Abschieds noch das Wohl derer im Blick, die ihm nahe sind – das wird auch am Kreuz so sein. Sich den Glauben zu bewahren – dazu sind  die Jünger nicht in der Lage. Das Wort Jesu ist Anrede an Simon, aber es ist ein Wort über euch. Es geht um alle Jünger, auch um die Jünger, die als Christen nach Ostern dazu kommen. Christsein ist immer auch in die Frage hinein geraten: Wie steht es um deinen Glauben?

 So wie man mit dem Sieb den Weizen von der Spreu trennt, so will Satan die Jünger prüfen. Er will die Standhaften von den Wankelmütigen trennen. Das ist die Rolle des  Anklägers von alters her – schon im Hiob-Buch: „Der HERR sprach zum Satan: Hast du Acht gehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse. Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet? Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher beschützt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: was gilt’s, er wird dir ins Angesicht absagen!“ (Hiob 1, 8 – 11) Darum geht es: Es soll herauskommen, wie es um die Treue der Jünger zu ihrem Herrn steht.

 Angesichts dieser Prüfung sagt Jesus seine Treue zu. Es ist die Gefahr, in der die Jünger Jesu – der Felsenmann Petrus vorneweg – stehen, dass sie den Glauben wegwerfen, dass sie sich von Jesus distanzieren, dass sie nichts mehr mit ihm und seinem Weg zu tun haben wollen. Lukas wird erzählen, dass das bei Petrus geschieht, weil er Angst um sich selbst hat, weil er unter Druck geraten ist, weil er in einer Menge stand, die kurzen Prozess mit so einem machen könnte.  Wenn das so ist, wenn du selbst deinem Glauben nichts mehr zutraust, dann stehe ich für dich ein – so sagt es Jesus zu Petrus.

  Jesus sagt Petrus also angesichts der kommenden Nacht sein Einstehen, seine Intercessio, seine Fürbitte zu. Das ist der letzte, der höchste Dienst, den Jesus seinen Jüngern tut. „Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.“ (Römer 8, 34) Es ist nach Paulus der Dienst des erhöhten Christus, der in dieser Nacht des Verrates seinen Anfang nimmt.

  Wer von diesem Dienst getragen wird, der kann auch anderen den Rücken stärken. Wer so erlebt, dass der Herr zu ihm steht, der kann es anderen weitersagen: „Der Herr ist treu, der wird euch stärken und bewahren vor dem Argen.“ (2. Thessalonicher 3,3)  Hinter den Worten Jesu steht auch ein Wissen: Der Glaube des Petrus ist noch nicht am Ende, noch nicht vollendet, ist noch im Werden. Er ist noch nicht geerdet in der Begegnung mit dem Kreuz. Er hat noch nicht den Tod seines geliebten Meisters gesehen und den Schmerz und die Trauer um ihn getragen. Petrus hat noch Schritte im Glauben vor sich, die ein Neuanfang sind.

  So ist das ja mit jedem Glauben. Immer, wenn wir denken, dass wir schon alles wüssten, schon alles bedacht, schon alles durchgestanden hätten, dann wird unser Glaube in neues Land geführt. Das geht nicht ohne Angst, nicht ohne Schmerzen, nicht ohne Loslassen und sich neu Christus lassen, nicht ohne Anfechtung. Es liegt daran, dass unser Glaube nie fertig ist, am Ziel, sondern immer im Werden.

 Nur aus dieser tief demütigen Haltung heraus, die nicht auf die eigene Stärke baut, ist es auch möglich, anderen den Rücken zu stärken. Es ist dann ja ein Stärken von Bruder zu Bruder, Schwester zu Schwester, das nicht von oben nach unten geht, sondern auf Augenhöhe bleibt. Es ist ein Stärken nach dem schönen Wort: „Christen sind Bettler, die anderen Bettlern sagen, wo es zu Essen gibt.“(Luther)

33 Er aber sprach zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. 34 Er aber sprach: Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, dass du mich kennst.

 Hat Petrus nicht zugehört? Hat er es nicht ausgehalten, so mit der eigenen Schwäche, dem Angewiesen-Sein konfrontiert zu werden? Jedenfalls reißt es ihn zum Treueschwur hin. Wenn es sein muss – bis in den Tod. Petrus ist kein Einzelfall.  Die anderen Evangelisten überliefern als Antwort auf die Frage Jesu die Worte der Zebedäus-Söhne: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir.“ (Markus 10, 38-39) So redet die Begeisterung, die Liebe – aber sie nimmt den Mund dann auch manchmal zu voll.

 Ich folge dir durch Tod und Leid ,  o Herzog meiner Seligkeit,                                     nichts soll mich von dir trennen.                                                                                          Du gehst den engen Weg voran, dein Kreuzestod macht offen Bahn                         den Seelen, die dich kennen.              V. E. Löscher 1722, EG 90

 Wie leicht liest man in einem Text, was aus anderen Evangelien vertraut ist. Bei Matthäus und Markus steht  „Du wirst mich dreimal verleugnen.“ (Matthäus 26,34; Markus 14,30) Hier steht es anders:  ehe du geleugnet hast, dass du mich kennst. Macht das  einen Unterschied? εδναι – „wissen, verstehen, kennen.“(Gemoll, aaO. S. 242) Es wird sich herausstellen: Petrus kennt Jesus wirklich (noch) nicht. Wie sollte er ihn auch vor Kreuz und Auferstehung kennen können? Dass Petrus sagen wird: Ich kenne ihn nicht ist etwas anderes als: Ich habe mit ihm nichts zu tun. Ein Fünkchen Wahrheit liegt darin. Und es wirkt auf mich, als würde Jesus sehen: Da ist eine innere Verbindung, die wird Petrus nie mehr auflösen können, auch nicht durch äußere Abstandserklärungen. Weil diese innere Verbindung am Willen Jesu hängt, an seiner Hingabe und nicht an der Treue des Petrus.

 Jesus macht sich keine Illusion über seine Jünger, über Petrus nicht, über Judas nicht, über die anderen nicht, auch über die nicht, die ihm später in der großen Christenschar folgen. Er kennt sie. Er weiß um die Schwächen. Darum steht er ja für sie ein. Aber er kann weder seinem Petrus noch all den späteren Felsenmännern den Schmerz ersparen, den die Selbsterkenntnis mit sich bringt. Nur: Fallen lässt er keinen.

35 Und er sprach zu ihnen: Als ich euch ausgesandt habe ohne Geldbeutel, ohne Tasche und ohne Schuhe, habt ihr da je Mangel gehabt? Sie sprachen: Niemals.

    Als sei genug von der Tapferkeit und dem Fallen geredet, von der Dunkelheit und dem Standhalten, richtet Jesus den Blick auf die Erfahrungen zurück: Habt ihr  je Mangel gehabt? War es falsch, sich ganz Gottes Fürsorge anzuvertrauen? War es falsch, meinem Wort zu glauben? Und die Jünger antworten: Nein, es war richtig. Dein Wort war tragfähig. Die Bilder der Aussendung stehen vor den Augen, Erfahrungen, die sie haben jubeln und staunen lassen, die ihnen die Güte Gottes und die Wahrheit ihres Meisters nahe gebracht haben.

 36 Da sprach er zu ihnen: Aber nun, wer einen Geldbeutel hat, der nehme ihn, desgleichen auch die Tasche, und wer’s nicht hat, verkaufe seinen Mantel und kaufe ein Schwert. 37 Denn ich sage euch: Es muss das an mir vollendet werden, was geschrieben steht (Jesaja 53,12): »Er ist zu den Übeltätern gerechnet worden.« Denn was von mir geschrieben ist, das wird vollendet. 38 Sie sprachen aber: Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter. Er aber sprach zu ihnen: Es ist genug.

Jetzt ist eine andere Zeit. Jetzt gewinnt das Gottvertrauen, das Christsein eine andere Gestalt. Es ist  die Gestalt des Kampfes. Es ist nicht auf einmal Aufrüstung angesagt – Jesus will nicht wirklich Wiederbewaffnung für seine Jünger. Aber er will sie innerlich gerüstet sehen, bereit für diesen Weg, der ihnen viel Kraft abverlangen wird.

Das fängt ja schon damit an, dass sie kaum glauben können, was Jesus von sich selbst sagt: Es muss das an mir vollendet werden, was geschrieben steht (Jesaja 53,12): »Er ist zu den Übeltätern gerechnet worden.« Das werden sie sehen: Jesus wird zu den Gesetzlosen, den Gottlosen gerechnet werden. Es verlangt eine große Stärke des Herzens, einen festen Stand des Glaubens, hier nicht irre zu werden und davon zu laufen oder zu glauben, dass es mit dem Dreinschlagen und den Schwertern doch zum Guten zu kehren sei.

Es sind Worte, die die Jünger überfordern. Sie hören Kampf und fühlen sich gerüstet: hier sind zwei Schwerter. Als ob es auf diese Art Ausrüstung ankäme. Jesus beendet dieses Gespräch, das zu entgleisen droht, schroff: Es ist genug. „Schluss, es reicht“, würde man heute wohl sagen.

Zum Weiterdenken

 Wie oft haben Christen in der Nachfolge des Petrus so auch den Mund voll, wohl auch zu voll genommen. Wie oft haben wir Sätze gesagt, die toll klingen, die aber durch unser Leben nicht wirklich gedeckt sind. Es ist bis heute eine der großen Gefahren, dass wir uns selbst überschätzen in unserer Treue zu Jesus und nicht demütig   – mit Petrus! – sagen: „Herr, Du weißt alle Dinge. Du weißt, dass ich dich lieb habe.“ (Johannes 21, 17)

 

Jesus, was wird sein, wenn wir nicht mehr singen können, nicht mehr beten können, nicht mehr glauben können? Was wird sein, wenn wir mit verzagten Herzen und stummen Lippen unseres Weges gehen? Was wird sein, wenn unser Glaube zerbrechlich wird, unsere Hoffnung versiegt,    unsere Liebe nicht mehr trägt? Was wird sein,   wenn wir uns selbst fragwürdig und verächtlich geworden sind?

Jesus, Du stellst dich zu uns. Du trittst für uns ein. Du sprichst für uns. Keiner von uns kann sich den Glauben bewahren. Keiner von uns kann die Hand für sich ins Feuer legen. Du aber willst uns im Glauben bewahren und uns halten, dass wir den Glauben an den Geschwistern bewähren. Amen

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