Platz genug – für alle

Lukas 22, 24 -30

 24 Es erhob sich auch ein Streit unter ihnen, wer von ihnen als der Größte gelten solle.

   Zu diesem Zeitpunkt ist diese Diskussion zumindest irritierend. Eben noch die betroffene Frage, wer denn wohl der Verräter sei und jetzt geht es ihnen um die Frage nach der eigenen  Größe. Matthäus und Markus erzählen eine vergleichbare Frage im Blick auf die Söhne des Zebedäus und verbinden das mit der dritten Leidensankündigung. Lukas rückt das Gespräch hierher, zwischen Abendmahl und Gethsemane. Er weiß, dass die tiefste Gotteserfahrung zugleich immer gefährdet ist, weil gerade hier die Eitelkeit lauert, die Sucht nach Geltung und Anerkennung, die Gier nach Stellung und Macht. „Herr, bin ich es?“ ist eben nicht nur die angstbesetzte Frage nach den eigenen Unmöglichkeiten, sondern zugleich die merkwürdige hoffende Frage nach der eigenen Anerkennung.

 25 Er aber sprach zu ihnen: Die Könige herrschen über ihre Völker, und ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen. 26 Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste und der Vornehmste wie ein Diener.

 Jesus schaltet sich ein, um die Frage zu klären, weil die Jünger sich beharken und verhaken. Vielleicht haben sie so eine Art „Jünger-Ranking“ erhofft. Aber Jesus stellt keine Rangliste auf. Er klärt, wie so oft, indem er die Perspektive wechselt. Er stellt ihnen das Bild der Zeit vor Augen und lässt sie selbst urteilen. Ihr kennt euch aus mit Königen und Wohltätern. Was die Könige und Machthaber angeht, ihr wisst um den Umgang mit der Macht durch die Mächtigen.  

 Ich kann die Jünger regelrecht mit dem Kopf nicken sehen. Und zugleich rührt sich bei ihnen der Widerwille: Ihr aber nicht so! Das müsste Jesus schon gar nicht mehr sagen. Von denen da wollen sie sich doch unterscheiden. Und so hat er – wieder einmal wie ein Prophet – ihnen den Spiegel vorgehalten und es wird klar: Größe heißt klein werden, und oben sein heißt dienen.

 Trag’ die Last, die den andern beugt                                                                                   weil allein Liebe überzeugt                                                                                                Wahre Größe zeigt, wer auch klein sein kann                                                                     im Namen Jesu, fang’ damit an.                                                                                                         P. Simojoki, CD Geh den Weg nicht allein

27 Denn wer ist größer: der zu Tisch sitzt oder der dient? Ist’s nicht der, der zu Tisch sitzt? Ich aber bin unter euch wie ein Diener.

Damit ist noch nicht genug gesagt. Der Blick in die weite Welt hat seine eigene Überzeugungskraft. Aber er ist auch rasch vergessen. Wir sind ja anders. Genau das hatte ja die Diskussion in Gang gebracht, dass man anders ist und nicht merkt, wie gleich man doch zugleich der Welt sein kann. Darum fragt Jesus noch einmal nach: Wie ist das mit der Größe und dem Dienen? Wieder liegt es auf der Hand und muss gar nicht ausgesprochen werden: Groß ist, wer bedient wird, wer zu Tisch sitzt. Das ist die Logik, der auch die Jünger folgen. Aber es ist nicht die Logik Jesu.

  Diese Logik Jesu hat er schon früher erzählend verdeutlicht: „Selig sind die Knechte, die der Herr, wenn er kommt, wachend findet. Wahrlich, ich sage euch: Er wird sich schürzen und wird sie zu Tisch bitten und kommen und ihnen dienen.“(12,37) Dieses Erzählen unterwegs greift er jetzt wieder auf: Ich aber bin unter euch wie ein Diener. Das klingt in meinen Ohren fast so, wie es Johannes bei der Fußwaschung Jesus sagen lässt: „Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch. Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen.“ (Johannes 13, 13-14) Damit ist die Debatte abgeschlossen.

  Es ist zugleich ein Wort, das viel mehr ist als ein Basta unter eine schräge Debatte. Es ist ein Wort, das grundlegend sagt, wer Jesus ist. Er ist der Herr – als der Diener. Hier steht jetzt nicht das griechische Wort für Sklave – δούλος, das sonst oft auch von Lukas gebraucht wird. Hier heißt es: Jesus ist der διάκονος, der Diakon Gottes, der in die Welt gekommen ist, um zu dienen. Dieses Wort ist wohl nur so richtig zu verstehen, wenn ich es von den Einsetzungsworten her höre: Jesus ist der Diener, indem er sich gibt, seinen Leib, sein Blut, sein Leben. Das ist sein Dienen, dass er jetzt den Weg nach unten, in die Erhöhung ans Kreuz auf sich nimmt.

 Aus diesem Weg Jesu aber folgt der Weg der Jüngerschaft, der Weg der Gemeinde. Er ist das Modell, an dem dieser Weg erkannt wird. Man kann schon fragen, bis in die Besoldungsordnungen hinein, ob dieses Modell Jesu in seinen Kirchen angekommen ist. Nicht als schöne theologische Theorie, sondern in der alltäglichen Praxis.

28 Ihr aber seid’s, die ihr ausgeharrt habt bei mir in meinen Anfechtungen. 29 Und ich will euch das Reich zueignen, wie mir’s mein Vater zugeeignet hat, 30 dass ihr essen und trinken sollt an meinem Tisch in meinem Reich und sitzen auf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels.

  Das ist überraschend: Haben die Jünger wirklich bei Jesus ausgeharrt? Haben sie nicht gerade noch mit ihrer Debatte gezeigt, wie sehr sie mit ihren eigenen Angelegenheiten, der eigenen Größe beschäftigt sind? Und: Was waren denn die Anfechtungen Jesu? Versuchungen trifft den Sinn des griechischen Wortes πειρασμοί besser. Welche Versuchungen haben sie mit ihm durchgestanden, ausgehalten? Als der Satan Jesus in der Wüste versucht, waren die Jünger noch nicht da. Sind es also die Zeichenforderungen, die Versuchung, auf eigene Faust das Reich Gottes darzustellen, die Versuchung, sich vom Erfolg bei den Mengen leiten zu lassen – ist das alles gemeint? Die karge Formulierung zeigt, dass der Weg Jesu nicht so frei von Versuchungen war, wie es in mancher exegetischer Sicht klingt, die von einer Satansfreien Zeit des Wirkens Jesu weiß.

    Was im Lukas-Evangelium ausharren, διαμένω, heißt, wird im Johannes-Evangelium schlicht mit μένω, bleiben wieder gegeben. Es geht um die gleiche Sache – um die Nähe bei Jesus, die nichts will als diese Nähe, die sich seine Gemeinschaft als Geschenk gefallen lässt. Und zäh an ihr festhält. Es geht also nicht um ein heldenhaftes Aushalten, Ausharren, Durchhalten, sondern um schlichtes Bleiben.

Die Antwort auf die Treue der Jünger ist das Reich Gottes. Jesus gibt es ihnen, so wie es der Vater ihm gegeben hat. Dabei ist der Aspekt der Gemeinschaft im Vordergrund – an seinem Tisch essen und trinken und bei ihm sitzen. Erst dann kommt die Aufgabe richten die zwölf Stämme Israels. Diese Reihenfolge ist keinesfalls nebensächlich, sondern im Gegenteil höchst bedeutungsvoll: Sein kommt vor dem Tun, Gemeinschaft vor der Aufgabe. Ko-Existenz vor der Funktion. Wo das vergessen wird oder gar vertauscht wird, da steht das Gesetz auf der Türschwelle. Gleichwohl ist es zum Staunen: diesen Haufen, der sich so in Gespensterdebatten verrennen kann, noch an diesem ersten Abend der neuen Ordnung, καιν διαθκη (22,20), gilt die Zusage Jesu. Sie hängt nicht an der Qualität der Jünger. Sie ist einfach Zusage über alle fehlende Qualität hinweg.

Zum Weiterdenken

Diese „Episode“ löst bei mir Betroffenheit aus. So also sind wir.  Mitten in der Gefahr leisten wir uns Debatten, die gespenstisch sind. Verfallen in Machtspiele, die nur noch irre wirken. Was ist das für ein Anfang des neuen Bundes, der neuen Ordnung, dass sie noch am Abendmahlstisch sich darüber in die wolle geraten, wer denn wohl die Nr. 1. ist. Nur: so geht es bis heute zu.

            Ich bin kein Teil der Kanzlerrunde mit den Ministerpräsidenten. Aber aus weitem Abstand kann man schon den Eindruck haben, dass da Eitelkeiten mit am Tisch sind, dass es Machtgerangel gibt in einer Situation, in der Menschenleben auf dem Spiel stehen. Wir heute haben also keinen Grund, über die Unvernunft und Unreife der Jünger den Kopf zu schütteln. Wir sind oft genug machtgierig unterwegs, in keiner Weise der Situation entsprechend. Das mit dem „Diener aller“ – minister ist der „Geringste“ – steht auf dem Papier. Der Herr Jesus, der allen dient, ist in Wahrheit die eine Ausnahme.

Es ist einer der wirklich schlimmen Fehler, dass wir das Pfarramt fast immer von seinen Tätigkeiten her begreifen und so wenig vom Sein her. Aber auch Pfarrer und Pfarrerinnen sind zuerst dazu berufen, am Tisch Gottes Platz zu nehmen, zu essen und zu trinken in seiner Gegenwart, bevor sie anfangen zu dienen, zu machen, zu tun. Das gilt auch für alle anderen Christenmenschen. Aber es gilt eben auch für die Amtsträger, die in der Gefahr sind, dass sie das gar zu leicht aus dem Blick verlieren über ihrem Amt.

  Die Jünger werden über einen langen Zeitraum von Jesus mit auf seinen Weg genommen, bevor er sie sendet, sie zu seinen Boten macht. Und ich glaube, dass diese Zukunftsperspektive, die Jesus hier in der Nacht der Auslieferung den Seinen eröffnet, sehr genau diese Priorität Sein vor Tun, Existenz vor Funktion setzt, weil es der Gemeinde die Freiheit eröffnet, weil es herausführt aus dem Zwang, das Heil selbst schaffen zu müssen.

 

Jesus, an Deinem Tisch ist Platz für die ohne Ellenbogen und für die, die sich nach Anerkennung sehnen. An Deinem Tisch ist Platz sogar für die, die sich in irrwitzige Streitereien verrennen, und für die, die immer zu spät kommen im Rennen um die besten Plätze. An Deinem Tisch ist Platz auch für die, die das mit dem Dienen nie so richtig verstanden haben, die sich nie selbstvergessen hingeben konnten. An Deinem Tisch ist Platz auch für die Halbherzigen. Sonst wäre ja da kein Platz für mich und meinesgleichen. Danke, dass Du uns einen Platz bereitet hast. Amen