Judas – einer wie wir

Lukas 22, 1 – 6

 1 Es war aber nahe das Fest der Ungesäuerten Brote, das Passa heißt. 2 Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten trachteten danach, wie sie ihn töten könnten; denn sie fürchteten sich vor dem Volk.

            Das Passah naht. Lukas setzt es in eins mit dem Fest der Ungesäuerten Brote. Weiß er es nicht besser? Pesach auf Hebräisch. Fest der Verschonung. Fest des Aufbruchs aus der Gefangenschaft. Fest des Opfers der Lämmer. Fest der Erfahrung Gottes als eines Gottes, der in die Freiheit führt. Es ist ein heiliges Fest, in Israel das große Fest der Freude. Ohne das Passah gäbe es Israel nicht.

Und doch sind die Hohenpriester und Schriftgelehrten nicht mit der Passahvorfreude beschäftigt, sondern mit Mordgedanken und Mordplänen. Das ist nicht neu. Diese Mordpläne werden jetzt weitergetrieben.  Die Zustimmung der Schriftgelehrten zu den Worten Jesu, als er mit den Sadduzäern redet, erweist sich als kurzfristig. Jetzt sind sie klar: Sie wollen ihn töten. Sie suchen nach einer günstigen Gelegenheit.

 Was sie aufhält ist allein eine taktische Rücksichtnahme auf das Volk. γὰρ – ein winziges Wort, das ihr Zögern, ihre Umständlichkeit erklärt. Am besten zu übersetzen mit „freilich“, nicht mit dem kausal klingenden denn. Man weiß in den Kreisen der Hohenpriester und Schriftgelehrten nicht, wie Maßnahmen gegen Jesus beim Volk ankommen werden. Jesus ist beliebt. Die „große Menge hörte ihn gern.“(Markus 12,37) Die beiden anderen Evangelisten, Matthäus und Markus gehen weiter als Lukas auf dieses Hindernis für die Pläne des Hohen Rates ein. Lukas dagegen betont anders als sie.

 3 Es fuhr aber der Satan in Judas, genannt Iskariot, der zur Zahl der Zwölf gehörte.

Nach dem Bericht des Lukas räumt der Satan nach der Versuchung Jesu das Feld. „Bis zur bestimmten Zeit.“(4,13)  Jetzt also schlägt seine Stunde. Er besetzt Judas. Wörtlich: er ging in Judas hinein. Er drang in ihn ein – das alles klingt im griechischen Εσλθεν an. Es ist mehr als eine Eingebung, der Judas folgt. Es ist Besessenheit. Besetzt werden. Damit wird ein Aspekt deutlich, der leicht zu übersehen ist: Jesus wird nicht mal eben das Opfer intriganter und intoleranter religiöser Gruppierungen. Der kurze Satz des Lukas beleuchtet den tiefen Hintergrund des Geschehens, seine kosmische Tiefe und Bedeutung.  

  4 Und er ging hin und redete mit den Hohenpriestern und mit den Hauptleuten darüber, wie er ihn an sie verraten könnte. 5 Und sie wurden froh und versprachen, ihm Geld zu geben. 6 Und er sagte es zu und suchte eine Gelegenheit, dass er ihn an sie verriete ohne Aufsehen.

 Es ist wie ein Bild-Umschnitt in einem Film. Parallel zur Suche der Hohenpriester nach einer Zugriffsmöglichkeit, wird Judas vom Satan gegriffen, besetzt. Einer von den Zwölfen, einer aus dem Kern der Anhänger Jesu. Es ist das gleiche Wort, das zuvor für die Aktivität des Satans verwendet wurde: Judas wird aktiv, indem er hingeht. Das ist mehr als eine räumliche Trennung. Das ist der Schritt heraus aus der Gemeinschaft mit Jesus.

  Und mit diesem Wort hält Lukas zugleich fest: Judas ist aktiv. Er ist nicht einfach fremdgesteuert, nur Werkzeug. Er wird nicht aus einer Verantwortung für sein Handeln entlassen. Keine Entlassung aus der Verantwortung unter dem Motto: „ich musste ja meine Rolle im heilsgeschichtlichen Drama spielen“ ist bei Lukas nicht zu haben.  

  Gleich zweimal taucht die Frage nach der Methode auf: wie sie ihn töten könnten fragen die Hohenpriester, wie er ihn an sie verraten könnte beredet Judas mit ihnen. Nicht mehr das „was“, nur noch das „wie“ steht zur Debatte. Es ist seine Nähe zu dem Opfer Jesus, die ihn für seine Aufgaben qualifiziert. Und das Ziel ist: ohne Aufsehen. Jesus festnehmen zu lassen, wäre doch kein Problem gewesen. Er war ja nicht im Untergrund. Er war Tag um Tag öffentlich im Tempel. Ist es wirklich nur die Scheu vor dem Volk? Oder ist doch so, dass das ganze Vorhaben eher das Tageslicht scheut?

            Wie von selbst habe ich die einschlägigen Bilder vor Augen: Nächtliche Verhaftungen durch Gestapo, die Stasi, den KG oder das FBI oder wie sie alle heißen. Es ist ihr Geschäftsmodell: sie scheuen die Öffentlichkeit und das Tageslicht. Sie sind lieber im Halbdunkel unauffällig unterwegs. Öffentlich werden sie nur dann aktiv, wenn es gilt, Angst und Schrecken zu verbreiten. Judas wird so etwas wie in Informeller Mitarbeiter, IM.

   „Wie er ihn verraten könnte.” So hat Judas sich beredet. Da steht im Griechischen aber nicht verraten, sondern  übergeben. παραδιδομαι ist „ausliefern“, „hingeben“, „übergeben“. Verraten ist anders, moralisch viel belasteter. Judas und seine Geschäftspartner suchen und hoffen auf eine „günstige Gelegenheit“. Im Wort εκαιρα steckt der Kairos, der gottgewollte und gottgegebene Augenblick mit drin. Das führt zu dem Gedanken über die günstige Gelegenheit: Günstig auch für den Plan Gottes? Da geht es mir so: das wage ich kaum zu denken.

Zum Weiterdenken

Das allerdings ist eine Frage, die mich beschäftigt: Was hat Judas dazu gebracht, sich so von Jesus zu trennen, wegzugehen, um ihn auszuliefern. Ich glaube nicht an die Geldgier. Lukas irgendwie auch nicht, weil das Geld kein Verhandlungsthema für Judas ist, sondern nur ein Versprechen derer, die ihr Problem gelöst sehen. Dass der Satan in Judas gefahren ist, ist näher dran an der Wahrheit. Es entlässt allerdings Judas nicht aus seiner Verantwortung. Noch einmal: Er ist kein willenloses Werkzeug. Aber er ist auch nicht so frei, wie es scheint. In Judas hat sich – so denke ich – eine Idee verselbstständigt: dass er Jesus zwingen könnte, endlich zu zeigen, wer er ist, sich endlich zu offenbaren in seiner Macht. Es ist kein Treuebruch, es ist der Schritt, der Jesus nötigen wird, zu sagen: ich bin der Messias Gottes. Und damit die Regie zu übernehmen.

   So zeigt sich in diesem Weg des Judas, wie gefährdet das Zutrauen zu Jesus auch von innen ist, wenn es sich auf einmal so verselbständigt, dass es Jesus sagen will, was sein Weg ist, dass es Jesus den eigenen Willen auf-nötigen will. Wie nahe steht Judas in Wahrheit Petrus, als der sagt: „Herr, das verhüte Gott. Das widerfahre dir nur nicht.“ (Matthäus 16,22)

 War es einfach nur seine heilsgeschichtliche Rolle, die von Beginn an feststand: und Judas Iskariot, der zum Verräter wurde (6,16) die Judas zum „Verräter“ hat werden lassen und Petrus blieb davor bewahrt und wurde „nur“ der, der Jesus verleugnet hat? Ist das wirklich ein Unterschied, ob ich äußerlich auf Abstand gehen, indem ich hingehe wie Judas oder innerlich auf Abstand gehe, indem ich mit Petrus sage: Ich weiß nicht, von wem hier die Rede ist. Mir jedenfalls geht es so, dass Judas mich in aller Gewissheit des Glaubens daran erinnert: Sei dir nie deiner selbst sicher.

Der Satan hat die Regie über Judas übernommen. So kann man ein wenig naiv lesen. Nur: Mit dem Satan haben wir es heute nicht mehr so. Darum müssen wir fragen, was mit dieser Regieübernahme gemeint ist. Ein Versuch: Plötzlich ergreift ein Gedanken von mir Besitz. Woher er kommt – unklar. Er ist da, wie aus der Luft gegriffen, zugeflogen. Der Gedanken ist auch fremd gegenüber meinem gewohnten Denkschema.  Aber er sitzt in mir fest. So mag es Judas ergangen sein. Statt der einfachen und einfältigen Nachfolge besetzt ihn der Gedanke, Jesus zu lenken, ihn zum Handeln nötigen zu können. Statt der Nachfolge will er die Regie, um diesen ein wenig naiven Jesus dazu zu zwingen, seine Kraft, sein Potential als Gottes Sohn endlich zu gebrauchen.

            Es könnte sein – so ein Gedanke hat sich in Judas festgesetzt und ihm keine Wahl mehr gelassen. Er muss dieser Logik folgen. Diesen Zwang markiert Lukas mit der Zuweisung: der Satan. Solche „satanischen“ Erfahrung einer feindlichen Übernahme einer Gedankenwelt – das eröffnet Verstehensmöglichkeiten in die Zeit heute hinein. Das Böse, der Böse hat viele Verkleidungsmöglichkeiten.

 

Jesus, Du kennst die Herzen. Du kennst die Gedanken, die wir selbst uns noch nicht eingestehen. Du kennst die Motive, die unser Handeln bestimmen. Du hast Judas zu Deinem Jünger gerufen, mit ihm Deine Wege geteilt, mit ihm gelacht, gegessen, geschlafen. Du hast ihm Deine Gemeinschaft geschenkt.

Du weißt, wie uns der Weg des Judas ängstigt, weil er uns in Frage stellt, unser Treue, unsere Aufrichtigkeit, unser Vertrauen. Jesus, darum bitte ich Dich, dass Du uns festhältst, nicht fallen lässt, nicht weggehen lässt von Dir, damit wir uns nicht verrennen in der Ausweglosigkeit des eigenen Herzens. Amen