Jesus – Licht am Ende des Tunnels

Lukas 21, 29 – 38

 29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: 30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist. 31 So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.

              Es ist ein Gleichnis, das sofort einleuchtet, aus der allen zugänglichen Erfahrung genommen: Wenn die Bäume ausschlagen, sehen alle, welche Zeit ist. An den Knospen, die jetzt aufgehen, erkenne ich den herannahenden Frühling, an den Blüten den nahenden Sommer. Das überträgt Jesus: Wenn der Feigenbaum – der Baum der Erkenntnis – ausschlägt, wird sichtbar, was an der Zeit ist. Darum ist der Blick auf die Schrecknisse der Zeit kein Angst-gejagter-Blick, sondern es ist der Blick, der sieht, dass das Reich Gottes nahe ist. 

  Es gilt, die Zeichen der herannahenden Zeit zu erkennen, nicht die Augen vor dem kommenden zu verschließen. Welche Zeichen sehe ich? Es gibt Zeichen für Wege unserer Gesellschaft, die mich ängstigen und besorgen. Die wachsende Rücksichtslosigkeit in Worten und Taten. Der fehlende Respekt vor der Integrität und der Unverletzlichkeit des Anderen, auch wenn er mir fremd ist. Die Rohheit in Hassparolen. Die zunehmende Ichbezogenheit und Selbstverliebtheit, die alles in der Gesellschaft danach misst, was ich davon habe. Wo aber das „Ich“  auf dem Thron sitzt, geht die lebensnotwendige Solidarität vor die Hunde. Ich sehe eine selbstbezogene Gesellschaft, in der immer weniger nach dem „Du“ und „wir“ gefragt und gesucht wird. Du ich sehe unter en Staaten die gleiche Tendenz: Nationalismus ist selbstbezogen nur auf die eigene Klientel  der Deutschen oder Yankees oder Briten. Die anderen gehen uns nichts an.

Das alles aber ist nur Vorspiel. Es sind noch nicht die „Wehen des Messias.“

 32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. 33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.

  Das ist stark in seiner Formulierung: Dieses Geschlecht, diese Weltzeit wird nicht vergehen, bis das geschieht. Mir leuchtet es ein, dass Lukas mit diesem Geschlecht nicht die gegenwärtige Generation meint, trotz des Gebrauchs des griechischen Wortes γενεά, das meist mit Geschlecht, Stamm, Nation übersetzt wird. sondern das Zeitalter jetzt. Das Menschengeschlecht. Ob er dabei auf ein in der Antike  verbreitetes Denken in Zeitaltern anspielt,  mag dahingestellt bleiben. Kein Termin, stattdessen die Zusage: selbst wenn Himmel und Erde vergehen – die Worte Jesu bleiben.

Was hier als eine Zusage Jesu klingt, ist zugleich die feste Glaubensüberzeugung der Gemeinde, die Lukas bestärkt. Die Worte Jesu haben Bestand – und diesen Worten zu trauen macht beständig. Weil seine Worte nicht vergehen, vergehen auch die nicht, die sich ihnen anvertrauen. Mitten in einer Welt, die von den Zeichen der Vergänglichkeit in Furcht und Erschrecken versetzt wird, haben die Christen Anlass zur Gewissheit, weil die Worte ihres Christus nicht vergehen und sie selbst in diesem Wort gehalten sind.

34 Hütet euch aber, dass eure Herzen nicht beschwert werden mit Fressen und Saufen und mit täglichen Sorgen und dieser Tag nicht plötzlich über euch komme wie ein Fallstrick; 35 denn er wird über alle kommen, die auf der ganzen Erde wohnen. 36 So seid allezeit wach und betet, dass ihr stark werdet, zu entfliehen diesem allen, was geschehen soll, und zu stehen vor dem Menschensohn.

   Gewissheit ist das eine. Erschlaffen das andere. Es gehört zur Erfahrung der Gemeinde, dass das Warten nicht so einfach ist. Das Alltägliche gewinnt Übermacht. Und die Herzen sind plötzlich nicht mehr bei der Sache, sondern sind beschäftigt mit den Sorgen und schwer genug durch übermäßigen Genuss. Es ist Lebenserfahrung pur, was hier formuliert ist:  dass Herzen beschwert werden mit Fressen und Saufen. Wir reden heute dann vom dicken Kopf und dem schweren Magen und bleiben auf der Ebene der körperlichen Symptome. Der Evangelist weiß mehr –  dass aus dem körperlichen Befinden ein seelischer Zustand werden kann, der das Herz beschwert, so dass es in Bedrängnis geraten kann.

  Die Worte wollen vorbereiten auf eine Zukunft,  de doch keiner wissen kann. Dahinter steht die Sorge, dass das Heil versäumt werden kann, weil es zu einem Erschlaffen der Wachsamkeit kommt, zu einer Gewöhnung an den Glauben, in der er seine Kraft verliert, das Leben zu prägen. Der Glaube verschwindet nicht als eine Denkaufgabe, er hört nur auf, dem Leben eine Gestalt zu geben. Darum aber geht es dem Evangelium, dass unser Glauben zu einer Gestalt unseres Lebens führt, die den Herausforderungen der Zeit standhalten lässt und sich so bewährt bis wir vor dem Menschensohn stehen werden.

37 Er lehrte des Tags im Tempel; des Nachts aber ging er hinaus und blieb an dem Berg, den man den Ölberg nennt. 38 Und alles Volk machte sich früh auf zu ihm, ihn im Tempel zu hören.

 Es ist wie eine Schlussbemerkung: Und er lehrte täglich im Tempel. (19,47) hat Lukas notiert und so auch jetzt. Tagsüber ist Jesus im Tempel, in der Öffentlichkeit. Er ist zugänglich. Er lehrt und was er lehrt, lädt dazu ein, die Zukunft mit anderen Augen zu sehen. Fast könnte man auch sagen: Sein Lehren macht die Tage aus. Wenn er nicht lehrt, ist es Nacht.

   Diese Schlussbemerkung zum Lehren Jesu ist gleichzeitig aber auch wie der Auftakt zu dem Geschehen, das nun seinen Lauf nimmt.  Das Volk, das früh kommt, ihn zu hören, wird auf einmal auf der anderen Seite sein – und die Nacht wird zur Zeit des Geschehens. Der Tag wird dunkel.

 

Jesus, damit kennen wir uns aus – mit wankenden Welten, einstürzenden Denkmälern, zerstörten Symbolen. Damit kennen wir uns aus – mit den Zeichen, die von Krankheit und Leid, Not und Tod, Elend und Hass künden, der Furcht vor dem Untergang Nahrung geben und die Zukunft wie einen Schrecken ohne Ende scheinen lassen.

Du aber sagst: Dahinter leuchtet das Licht des neuen Tages. Mitten im Beben kündet sich mein Kommen an. Mitten in Furcht und Schrecken dringt mein Heil in die Welt. Du sagst: Mitten in den Schrecknissen komme ich. Darum: Übe dich ein, den Kopf zu heben, wenn alle ihn beugen. Übe dich ein, durch zu schauen durch die Schrecken, wenn alle blind werden vom Vordergründigen. Übe dich ein zu warten und zu hoffen, wenn es vernünftig erscheint, die Hoffnung fahren zu lassen. Übe dich ein in den Blick in den Himmel, wenn alle nur noch die Erde sehen.

Übe dich ein in meine Worte, sie sind dein Halt in der Not. Amen