Glaube kann gefährlich sein

Lukas 21, 5 – 19

5 Und als einige von dem Tempel sagten, dass er mit schönen Steinen und Kleinoden geschmückt sei, sprach er: 6 Es wird die Zeit kommen, in der von allem, was ihr seht, nicht ein Stein auf dem andern gelassen wird, der nicht zerbrochen werde.

              Wer einmal auf dem Ölberg gestanden hat und den Tempelbezirk in Jerusalem gesehen hat, der versteht die, die über die Schönheit des Tempels staunen. Und der Tempel, den die sehen, die um Jesus herum sind, muss unglaublich schön gewesen sein, mit schönen Steinen und Kleinoden geschmückt. Wie schroff klingt angesichts dieses Staunens das Wort Jesu: Kein Stein wird auf dem anderen gelassen werden. Das ist ja nicht die Aussage, dass alles Schöne vergänglich ist. Sondern es wird zerbrochen werden, zerstört, geschleift, gewaltsam abgebrochen. Jesus reiht sich mit seinen Worten ein in die Untergangspropheten des Alten Bundes. Was Jerusalem vor fast 600 Jahren widerfahren ist  – die Zerstörung des Tempels und der Stadt, das große nationale und religiöse Trauma Israels – das wird sich wiederholen.

 7 Sie fragten ihn aber: Meister, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein, wenn das geschehen wird?

 Es ist wirklich kein Wunder, dass Jesu Begleiter fragen: Wann? So ernst nehmen sie seine Worte, dass sie weiter fragen: Gibt es Signale, Vorzeichen, so dass man sich darauf einstellen kann? Wenn so eine Katastrophe sich nähert, dann kommt sie ja nicht aus heiterem Himmel. Das, was Jesus sagt, ist doch, so unterstellt ihr Nachfragen, nicht so ins Blaue hinein gesagt. Wie kann man erkennen, dass dieser Untergang sich nähert? In Zeiten, in denen es drunter und drüber geht, fragen Menschen, damals wie heute, nach Zeichen, die Orientierung geben, die im Chaos Haltepunkte sein könnten.

8 Er aber sprach: Seht zu, lasst euch nicht verführen. Denn viele werden kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin’s, und: Die Zeit ist herbeigekommen. – Folgt ihnen nicht nach! 9 Wenn ihr aber hören werdet von Kriegen und Aufruhr, so entsetzt euch nicht. Denn das muss zuvor geschehen; aber das Ende ist noch nicht so bald da.

  Jesus antwortet nicht auf die Frage nach den Vorzeichen, jedenfalls nicht direkt. Aber seine Antwort enthält schon einen Hinweis: Es werden Viele auftreten und Göttlichkeit beanspruchen. Ich bin’s ist ja die Bezeichnung des Ewigen, schon vom Dornbusch her. „Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.“ (2. Mose 3, 13-14) Das hat jeder Israelit im Ohr, wenn er hört: Ich bin’s.

             Aber auch das andere mag mit klingen, dass es eine Fülle an Messias-Ansprüchen geben wird – so wie es historisch ja auch gekommen ist. Es gab nicht nur einen Bar Kochba, der sich zum Messias erklärte. Das gab es oft und das Volk war immer auf dem Sprung, diesen Ansprüchen nachzulaufen, wenn sie nur Freiheit von den verhassten Römern versprachen.

            Auch das mag mitschwingen:  Es gibt eine gefährlich Neigung zum Aussteigen, wenn das Ende naht. So gelesen sind diese Worte Jesu auch an die Leser und Leserinnen des Evangeliums gerichtet, an die Christen, für die Lukas sein Evangelium schreibt. Sie warnen vor endzeitlicher Überhitzung. Eine Warnung, die sich im Lauf der Kirchen- und Sektengeschichte nur allzu oft als bitter nötig gezeigt hat. Es hat viele Tote gegeben, kollektive Selbstmorde unter dem Stichwort: Wir gehen dem Reich Gottes entgegen.

Das alles gehört zum Lauf der Welt. Aber es ist noch nicht das Ende. Es liegt auf der Linie, die Lukas in seinem Evangelium und auch in der Apostelgeschichte verfolgt, dass er alle aufgeregte Weltuntergangs-Stimmung relativiert. Die Geschichte geht nicht so schnell zu Ende, auch nicht dann, wenn irgendwelche Propheten – heidnische und christliche – und Führer großer und kleiner Sondergruppen meinen, das Datum zu kennen. Das Ende ist noch nicht so bald da.

10 Dann sprach er zu ihnen: Ein Volk wird sich erheben gegen das andere und ein Reich gegen das andere, 11 und es werden geschehen große Erdbeben und hier und dort Hungersnöte und Seuchen; auch werden Schrecknisse und vom Himmel her große Zeichen geschehen.

  So geht es in der Welt. Was Jesus hier beschreibt, ist das, was Tag um Tag, Jahr um Jahr, Jahrhundert um Jahrhundert im Gang ist. Es ist diese Mischung aus Gewalt, die Menschen und Völker sich antun und Naturkatastrophen, die einfach geschehen. Und wenn sich solche Ereignisse verdichten, dann kommen die Weltuntergang-Ängste in Gang. Jesus ist, was den Zustand der Welt angeht, ziemlich illusionslos.

Was auf Erden geschieht, hat seine Vorzeichen am Himmel. Von diesem Gedanken leben Astrologen. Offenbar nicht schlecht. Der Glaube, dass sich das Geschehen auf der Erde in Himmelszeichen abbildet und womöglich vorgezeichnet ist, in Kometen und Sternen-Konstellationen, ist heute noch so frisch wie vor 2000 Jahren.

Wir leben in Zeiten, in denen viele das Gefühl haben, dass die Welt immer mehr gefährdet ist. Ein gefährlicher Ort. Dass die Achtung vor dem Leben schwindet. Ich weiß nicht, ob das stimmt.  Ich neige eher dazu zu denken, dass es immer schon so war: Krieg, Gewalt, Terror, Blutvergießen – das zieht sich wie eine große Blutspur durch die Geschichte. Was sich in unserer Zeit verändert hat ist vor allem: Wir erfahren die Gewaltirgendwo, weit weg, gewissermaßen zeitgleich. Wir werden über die Gewaltakte in aller Welt fast in Echtzeit informiert. Das überdeckt auch die Naherfahrungen des eigenen Ortes, an dem alles seit Jahren seinen normalen, friedlichen Gang gehen mag. Das mediale Bild ist stärker.

 12 Aber vor diesem allen werden sie Hand an euch legen und euch verfolgen und werden euch überantworten den Synagogen und Gefängnissen und euch vor Könige und Statthalter führen um meines Namens willen. 13 Das wird euch widerfahren zu einem Zeugnis.

  Jetzt hat der Seelsorger Jesus das Wort. Es ist ja Eines, die großen Geschehnisse der Welt zu benennen und zu deuten. Es ist aber ein Anderes, seinen Leuten zu sagen, dass und wie sie darunter zu leiden haben werden. Jetzt redet Jesus seine Leute an – euch. Die, die ihm zuhören und die, die zur Gemeinde gehören. Hier ist die Rede von der Feindschaft, die Christen aus dem einen Grund erfahren, dass sie zu Jesus Christus gehören. Sie sind der Welt fremd und sie werden diese Fremdheit als Fremdenhass zu spüren bekommen.

Es ist die Situation, die die ersten Christen immer wieder erlebt haben. Aber indem sie diese Feindschaft erleben, erleben sie auch Bestätigung – dass sie zu Jesus gehören. Aus der Verfolgung erwächst das Zeugnis für Jesus. μαρτριον. Martyrium. Hier nicht so gefärbt, dass es das Leiden beschreibt, sondern das Einstehen der Christen für ihren Glauben, für Christus. Christliche Märtyrer reißen niemand mit in den Tod – sie sind Zeugen für das Leben, das erschienen ist mit Jesus.

 14 So nehmt nun zu Herzen, dass ihr euch nicht vorher sorgt, wie ihr euch verantworten sollt. 15 Denn ich will euch Mund und Weisheit geben, der alle eure Gegner nicht widerstehen noch widersprechen können.

Das ist die Ermutigung zur Sorglosigkeit. Weil man sich ja ohnehin nicht vorbereiten kann, sollen sie sich für diese Zeugnissituation nicht angstvoll Gedanken machen. Jesus selbst wird beistehen, er wird die richtigen Worte geben. Er wird helfen, dass sie sagen können, was die Wahrheit ist. Es ist die Sache Jesu, seinen Leuten in der Stunde des Zeugnisses die Worte zu geben, die sie zu sagen haben. Es ist keine Bewahrungsformel, wenn es hier heißt: der alle eure Gegner nicht widerstehen noch widersprechen können, sondern es ist die Zusage, dass sie bei der Wahrheit des Glaubens bleiben werden.

 16 Ihr werdet aber verraten werden von Eltern, Brüdern, Verwandten und Freunden; und man wird einige von euch töten. 17 Und ihr werdet gehasst sein von jedermann um meines Namens willen.

 Das ist das, was mich schon immer sehr berührt hat. Die Familienbande zerreißen. Was Christen an dieser Stelle erfahren, ist nicht auf Christen beschränkt. Es ist einigermaßen erschütternd, wenn Menschen in ihren Stasi-Akten entdecken: es ist mein Freund, mein Bruder, meine Nächste, der, die mich bespitzelt und verraten hat. Diese Erfahrung macht vor Christen nicht Halt. Es gibt eine Auflösung der tiefsten Solidarität, der Zusammengehörigkeit von Verwandtschaft, weil der Glaube trennt. Das ist der Verlust, den die Nachfolge Jesus mit sich bringen kann, wenn auch nicht immer mit sich bringen muss. Es gibt eine tiefe Einsamkeit, weil es in der letzten Bindung eines Lebens, im Glauben, keine Gemeinschaft gibt, sondern nur Fremdheit.

Das hat Jesus ja schon früher angesprochen und es ist Lukas offensichtlich auch deshalb so wichtig, weil es die Erfahrungen in der Gemeinde spiegelt: „Meint ihr, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf Erden? Ich sage: Nein, sondern Zwietracht. Denn von nun an werden fünf in einem Hause uneins sein, drei gegen zwei und zwei gegen drei. Es wird der Vater gegen den Sohn sein und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen die Schwiegertochter und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter.“ ( 12, 51 – 53)

  Wir fragen heute leicht: Ist es das wert? Darf man den Glauben so ernst nehmen, dass er einen von den eigenen Leuten entfremdet? Darf das sein, dass der Glaube die Solidarität der Familie zerstört? Und wir neigen rasch dazu, dass für sektenhafte Verengungen zu halten. Aber es geht hier nicht um sektiererhaftes sich Abgrenzen, um das hochmütige Urteil: die anderen sind ungläubig. Ich bin der einzige Gläubige in der Familie. Es geht um die Erfahrung, dass Christen erleben, wie ihnen die Solidarität der Familie entzogen wird, weil sie ihren Glauben schlicht als ihre Lebensgrundlage ernst nehmen.

18 Und kein Haar von eurem Haupt soll verloren gehen. 19 Seid standhaft und ihr werdet euer Leben gewinnen.

  Umso tröstlicher, dass genau in diesem Zusammenhang die Zusage folgt: Gott, der sich um das Kleinste kümmert, der wird sich auch um die Leute Jesu kümmern. Gott, der der Erhalter der Welt ist, der wird auch die Leute Jesu halten, in aller Feindseligkeit, die sie auch erfahren. Das ist die umfassende, bedingungslose Zusage. Aus ihr folgt die Weisung, die Aufforderung, die Ermutigung. Weil diese Zusage gilt, weil Gott für sie steht, darum ist es kein hoffnungsloses Heroentum, wenn Christen standhaft sind. Sondern sie gewinnen in ihrer Standhaftigkeit das Leben, das ihnen zugedacht ist.

Gerade der letzte Satz macht deutlich: Es geht in dem allem nicht um Endzeit. Es geht nicht um den Ausblick in eine zwar grausame, aber doch ferne Zukunft. Sondern es geht um das Jetzt. Die Zeit zur Bewährung der Geduld – so das griechische Wort πομονή – ist jetzt. Es ist auch die Aufforderung, sich nicht zu ergeben, sich nicht selbst vom Leben dadurch abzuschneiden, dass man wird wie die, die einen hassen, die einen verfolgen. Das ist ja eine der größten Gefahren, dass wir selbst das Wesen dessen annehmen, was wir bekämpfen, was uns feind ist.  Davor will Jesus seine Leute bewahren. Darum lese ich das auch wie eine Aufforderung: Schützt euch nicht selbst. Bleibt verletzlich. Traut auf mich.

Zum Weiterdenken

Diese Worte Jesu, die von Widerspruch, von Ausgrenzung und Feindschaft, vom Leid der Verfolgung reden, sind Worte, die uns befremden. Allein schon der Gedanke, dass wir Feindseligkeiten erfahren könnten aus dem einen Grund, dass wir Christen sind, ist uns fremd. Er passt nicht in unsere Weltsicht des Christentums als einer geachteten Religion, die Werte vermittelt und als Werte-Institution allseitig anerkannt ist. So sehr sind wir in dieser Sichtweise der respektierten Religion gefangen, dass wir als Volkskirchen über Jahrzehnte hin alle Christenverfolgungen verleugnet haben – ob seinerzeit in Rumänien unter Ceausescu oder in Albanien, ob in China oder in islamischen Ländern, ob in der damaligen DDR oder in der Sowjetunion früherer Zeiten. Das Thema „verfolgte Christen“ haben die Kirchen weithin Außenseitern und unter kritischer Beobachtung stehenden Gruppierungen überlassen, „open doors“ und wie sie alle heißen.

Bis auf diesen Tag tun Kirchen sich schwer, wirklich zur Kenntnis zu nehmen, dass christliche arabische Flüchtlinge, die sich als Christen auch erkennbar outen, unter den islamischen Flüchtlingen mancherorts in Erstaufnahmeeinrichtungen keine freundliche Behandlung erfahren, sondern dass ihr Leiden mitten in unserem Land weitergeht. Es gibt eine unverkennbare Scheu in den Volkskirchen, sich gegen solche Übergriffe öffentlich zu positionieren. Weil man sich nicht den medialen Vorwurf der Parteilichkeit einhandeln will.

Es mag sein, dass dieses Schweigen ein Zeichen des schlechten Gewissens ist. Alle, die sich mit Kirche befassen, haben es ja gelernt: Durch die Wende unter Kaiser Konstantin zum Beginn des 4. Jahrhunderts sind die früher Verfolgen häufig genug zu Verfolgern geworden. Es gibt eine unselige Geschichte der Verfolgungen – von Juden durch Christen, von Heiden durch Christen, von abweichenden Christen durch die Christen, die die Mehrheit hatten. Diese Spur zieht sich durch die Geschichte. Sie macht es heute schwer, das Thema Verfolgung neu anzunehmen.

 

Herr Jesus, ich danke Dir, dass mir diese Feindschaft um Deinetwillen erspart geblieben ist. Ich danke Dir, dass ich einstehen kann für den Glauben, ohne um mich fürchten zu müssen. Aber ich bin auch darauf angewiesen, dass Du mir Dein Wort schenkst in Gesprächen, Diskussionen, Auseinandersetzungen. Dass Dein Geist mich leitet, wenn es darum geht, einzustehen, sich zu Dir zu bekennen.

Gib Du mir und uns auch in unserem Land den Mut, für den Glauben einzustehen, zur Zeit und zur Unzeit. Amen