Vollmacht – Darf der das?

Lukas 20, 1 – 8

1 Und es begab sich eines Tages, als er das Volk lehrte im Tempel und predigte das Evangelium, da traten zu ihm die Hohenpriester und Schriftgelehrten mit den Ältesten 2 und sprachen zu ihm: Sage uns, aus welcher Vollmacht tust du das? Oder wer hat dir diese Vollmacht gegeben?

              Eines Tages – genauer: In diesen Tagen oder an einem dieser Tage. Jesus tritt, so legt es der Text nahe, über einige Zeit kontinuierlich als Lehrer im Tempel auf und sein Lehren dort ist keine Winkelangelegenheit. Wie er schon als Zwölfjähriger im Tempel für Aufsehen gesorgt hat, so sorgt er auch jetzt wieder für Nachfragen. Fast könnte man sagen: Der Kreis schließt sich. Aus dem Staunen über das frühreife Kind ist die Irritation über den erwachsenen Mann geworden. Wunderkinder sind keine Gefahr, für niemand, schon gar nicht für die Macht – erwachsene Leute mit ungewöhnlichen Botschaften sind es schon.

Was ist das für ein Evangelium, das Jesus predigt? Erzählt er die Geschichten erneut, in denen er sein Bild Gottes malt – vom verlorenen Schaf, vom verlorenen Groschen, von den verlorenen Söhnen? Erzählt er von der selbst-wachsenden Saat und vom Pharisäer und Zöllner im Tempel? Sagt er im Tempel, dem Ort der Versöhnung, Vergebung, der Gottesgegenwart: Gott ist euch gut – ohne Wenn und Aber. Gott ist euch gut, auch wenn ihr tausendmal hinter allen Geboten und Normen zurück geblieben seid. Hat er das im Tempel gesagt und so alte Bilder Gottes in Frage gestellt, die sonst im Tempel vermittelt worden sind? Wenn einer so von Gott spricht, von seiner bedingungslosen Liebe, dann müssen die Verantwortlichen rund um den Tempel aufschrecken und ihn fragen: Was machst du da?

     Darum also handeln die Verantwortlichen, weil sie etwas tun müssen. Sie können die Dinge nicht einfach so treiben lassen, nicht im Tempel. Sie stellen die Frage nach der Autorität, die hinter Jesus steht.  Aus welcher Vollmacht tust du das?  ΈξουσίαDas macht ihre Frage umso dringlicher, dass sie wissen: Er ist keiner von uns. Er ist keiner, der das Handwerk gelehrt worden ist und nach Abschluss der Lehrzeit dazu beauftragt. Darum also: Wer ist dein Lehrer? Wo hast Du das her, was du lehrst? Wer gibt dir das Recht, im Namen Gottes das Wort zu ergreifen?

Die Auseinandersetzung wiederholt sich. Schon auf dem Weg nach Jerusalem ist diese Frage gestellt worden und hat zu scharfen Worten geführt. Geklärt aber hatte sich aus der Sicht der Mächtigen und Verantwortlichen nichts in dieser Frage. Und jedes Wunder und jedes Gleichnis und jede Tat stellt die Frage neu: Wer ist dieser? (19,3)

  3 Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Ich will euch auch eine Sache fragen; sagt mir: 4 Die Taufe des Johannes – war sie vom Himmel oder von Menschen?

   Ahnt Jesus, dass die Frage nicht echt ist? Ahnt er, spürt er, dass es nicht um die Antwort geht, sondern um das Sammeln von Argumenten? Jedenfalls antwortet er mit einer Gegenfrage. Ist es Ausweichen oder ist es das zurück Spielen: Ihr seid doch die, die diese Frage zu beantworten gewohnt sind. Ihr seid die Spezialisten, wenn es um das Unterscheiden geht, um das Beurteilen. Ihr habt euch doch auch ein Bild gemacht, wie ihr Johannes versteht – wollt ihr mir ernsthaft sagen, dass ihr nicht längst entschieden habt, wie ihr mich seht?

    Das alles sagt er nicht – aber es steht hinter seiner Gegenfrage. Dahinter steht ja auch: Johannes war nicht vom Tempel autorisiert. Johannes war nicht durch irgendeinen Lehrer autorisiert – und doch: Wer käme auf die Idee, der Taufe des Johannes ihre geistliche Autorität zu bestreiten?  Und schließlich: Diese Gegenfrage ist der Versuch, sie zu persönlicher Stellungnahme zu nötigen.

 5 Sie aber bedachten’s bei sich selbst und sprachen: Sagen wir, vom Himmel, so wird er sagen: Warum habt ihr ihm nicht geglaubt? 6 Sagen wir aber, von Menschen, so wird uns alles Volk steinigen; denn sie sind überzeugt, dass Johannes ein Prophet war. 7 Und sie antworteten, sie wüssten nicht, wo sie her wäre.

  Jesus hat sie mit seiner Frage gestellt. Sie spielen ihre Antwort-Optionen durch – und sie gefallen ihnen alle nicht. Jede Antwort wird auf sie zurückfallen. Jede Antwort wird Konsequenzen haben. Ja, warum haben sie Johannes nicht geglaubt? Weil er ein Exot war? Weil Gott ihn nicht vor Herodes bewahrt hat? Weil er zwar für das Volk eine Autorität war, aber nicht für sie? Weil sie sich zufrieden geben mit dem Religions-System, das den Tempel zur Mitte hat und alle moralische Radikalität und alle geistliche Absolutheit ihnen zuwider ist? Sie wollen nicht antworten und ziehen sich zurück: wir wissen es nicht. Unwissenheit kann man ja niemand vorwerfen. Und schließlich fragen sie ja nur und wer fragt, muss nicht selbst antworten.

8 Und Jesus sprach zu ihnen: So sage ich euch auch nicht, aus welcher Vollmacht ich das tue.

 Jesus aber sieht, dass sie nicht antworten wollen. Er weiß und sieht, dass ihre Antworten längst fertig sind. Weil er ihnen keine Bestätigungen liefern will, darum verweigert er sich. Weil er sich an keiner Stelle dem Legitimationsversuch ausliefert, darum bleibt er auch hier dabei: Ich sage es euch nicht.

Das Andere: Jesus kann ja auch tatsächlich kein Beglaubigungsschreiben vorlegen. Er kann kein Zertifikat liefern. Seine Bestätigungen sind Augenblicke aus der Ewigkeit: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ (4,21) Das ist kein Pergament, das ist lebendige Erfahrung, genau wie auf dem Berg „Dieser ist mein auserwählter Sohn; den sollt ihr hören!“(9,35) Die Legitimation Jesu ist allein Sache des Vaters und an keiner Stelle Aufgabe des Sohnes.

 Zum Weiterdenken

Und wir? Heute? Wenn wir gefragt werden nach unserer Vollmacht? Wir legen Zeugnisse vor, Prüfungsergebnisse, dass wir berechtigt sind, diesen oder jenen Titel zu führen, die Sakramente recht zu verwalten und das Wort lauter zu lehren. Ist damit irgendetwas gewonnen? Wir sind amtlich berechtigt zu tun, was wir tun, einen Talar zu tragen, öffentlich zu reden.

Es ist mir immer wichtig gewesen: ich bin beauftragt. Es gibt nicht nur den inneren ruf. Es gibt auch den äußerlichen Auftrag. Ich bin als Bote, als Zeuge bestätigt – früh durch die Berufung zum Reisesekretär, später durch die Beauftragung als Prädikant und noch später durch meine Ordination. Ich habe das immer für mich geraucht, dass mein Reden, Schreiben,  mein Arbeiten nicht einfach nur meinen Tatendrang entspringt, gar durch eine Persönlichkeitsstruktur gegründet, die sich selbst gerne nach vorne stellt.  Ich brauche bis heute die verliehene Vollmacht, von Gott her und durch Menschen bestätigt. Und, oft genug suche ich als Stütze Autoritäten, die auf unserer, meiner Seite sind – Augustinus und Martin Luther, Thomas von Aquin und Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer und den Papst. Ist damit die Frage nach meiner έξουσία. Vollmacht, beantwortet, die dem Bösen Einhalt gebieten kann und die Güte Gottes aufrichten?

  Oder ist mit diesen amtlichen Hinweisen nicht im Grunde alles verspielt, weil wir  eben nicht darauf setzen, dass Gott unsere Worte bestätigen wird, dass er seine Kraft in unser Tun geben wird, dass sein Geist aus unseren Menschenworten Botschaften aus der Ewigkeit und für die Ewigkeit machen wird? Sind wir einfach zu feige, wenn es um die Frage nach der Vollmacht geht, zu sagen: Wir haben keine, wenn Gott sich nicht zu uns stellt! Aber wenn Gott sich zu uns stellt, unser Wort zu seinem Wort macht, unser Tun mit seinem Geist durchstrahlt, dann ist es auch richtig gefährlich, sich dem zu verweigern. „Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat.“ (10,16) Damit können wir nicht argumentieren, schon gar nicht uns legitimieren – aber darauf können wir in unserem Reden und Tun trauen.

  Es ist eine große Herausforderung: „Der Glaube darf uns nicht nur zur Gewissheit werden, er muss auch zur rechten Zeit Verunsicherung sein! Eine kreative Verunsicherung Etwas, das uns Einhalt gebieten darf. Verunsicherungen sind nötig, um uns von unseren Borniertheiten zu befreien. Manch eine Anfechtung bedeutet nichts anderes als dass wir uns endlich etwas sagen lassen. Da hat der Zweifel eine Botschaft: Bekenne nicht nur das, was du verstehst. Glaube nicht nur das, was dir angenehm erscheint. Erkenne nicht nur das, was deinen Lieblingsgedanken entspricht. Vertraue nicht nur auf das, was du fühlst….Mein Glaube ist nicht von Antworten getragen.“(M. Schleske, Der Klang, München 2010)  Herausforderung – damals an die Pharisäer und Schriftgelehrten. Heute an uns. Fromme und Unfromme gleichermaßen.

Herr Jesus, Du hast Dein Wort gesagt. Du hast Menschen geheilt. Du hast Menschen befreit. Du hast den Himmel Gottes weit aufgemacht. Alles aus dem tiefen Wissen: Das ist der Wille des Vaters.

Wie weit sind wir von Deiner Freiheit entfernt mit unseren Absicherungen, Anpassungen, Zugeständnissen. Wie sehr unterwerfen wir uns den Fragen, Einwänden, dem gesunden Menschenverstand und den theologischen Traditionen.

Gib uns den Mut, auf Deine Bestätigung unserer Worte, Taten, unserer Liebe zu trauen. Amen