Auf dem Weg

Lukas 18, 31 – 43

 31 Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.

             Es fällt auf: Es geht um die Zwölf. Sie werden regelrecht beiseite genommen.  “Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werde.” Als Jesus das sagt, sind die Jünger da wie elektrisiert? Jetzt ist es soweit. Jetzt wird er in Jerusalem enthüllen, wer er ist. Jetzt nimmt er das Zepter in die Hand. Jetzt macht er den letzten Schritt ‑ mit dem er zeigt, dass er der lang erwartete Messias ist. Jerusalem ‑ da muss es offenbar werden, was in Galiläa immer wieder einmal aufgeblitzt ist. Jetzt tut er den letzten Schritt. Geht es ihnen das alles durch den Kopf?

         Oder hören sie genau hin: Was geschehen wird, geschieht nach dem Willen Gottes. Es wird nicht nach  unseren Wünschen und Hoffnungen gehen. In der merkwürdigen Passiv-formulierung steckt, so will es Lukas andeuten, das verborgene Handeln Gottes. Er ist der den Weg Jesu vollendet. τελεσθσεται steht da: ans Ziel bringt. Aber eben  ans Ziel Gottes und nicht an das Ziel menschlicher Siegesträume.

        Die uralten Worte der Propheten erfüllen sich – das klingt doch gut. Das macht doch Hoffnung. Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.“ (Jesaja 52, 10) Jetzt ist es so weit.

Was der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war,
Und was sie geprophezeit, ist erfüllt nach Herrlichkeit.                                                                                        H. Held   1658, EG 12              

        Oder weniger heilig: Jetzt geht’s los!        

32 Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, 33 und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen.  

 Welche Ernüchterung: Es ist Zeit für Klartext. Es ist Zeit für einen illusionslosen Blick nach vorne. Gerade haben die Jünger noch einmal über die Nachfolge geredet, über das Geschenk der Gemeinschaft. Gerade noch haben sie gehört: Nachfolge wird beantwortet durch den Zugewinn an Miteinander – mit Jesus und den anderen.

            Und jetzt das. Jesus richtet seinen Blick und den Blick der Jünger nach vorne. Hinauf nach Jerusalem. Die Worte der Propheten, die Schrift, werden sich erfüllen, die so oft gelesen werden, die im Volk immer wieder zitiert und doch nicht beachtet werden. Sie werden sich erfüllen, aber anders als erhofft und es erfüllen sich andere Worte als erhofft. Es sind Worte von Leiden, Sterben und Tod. „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53, 4 – 5) Zur Zeit Jesu ist das kein Wort, das gleich als Leitmotiv für den Christus gegolten hätte.

 Jesus sieht kommen, was kommen wird. Seine Leidens-Ansage beschreibt den künftigen Weg so präzise, das viele sagen: Das ist ein Wissen aus dem Nachhinein, nicht eine Vision. Aber – der die Herzen kennt, sollte der nicht auch seine eigene Zukunft schon sehen, die erst im Werden ist? Und sollte er wirklich nicht wissen, welchen Weg der Vater ihm abverlangt?

Es ist, als liefe der Ablauf der Tage der Passion wie ein Film jetzt schon vor seinem inneren Auge ab. Auslieferung – Verspottung – Misshandlung – Hinrichtung. Das ist die Vollendung, der der Weg Jesu entgegengeht: Nicht ein Sieg nach blutiger Schlacht, sondern ein Sterben ‑ hinaus gestoßen aus der Stadt, ausgeliefert an die Heiden, getötet am Ort der Verbrecher.

  Und am dritten Tage wird er auferstehen hören die Jünger schon gar nicht mehr. Sie sind durch alles vorher schon so verkrampft, so zu, dass sie das nicht mehr erreicht. Das Wort vom Auferstehen hat ja auch keine Chance gegen die Macht der anderen Bilder. Wer kann denn damit etwas anfangen, wenn es ins Sterben geht?

 34 Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.          

Es ist ein alltäglicher Vorgang bis in unsere Tage hinein: wir hören manches nicht, weil es uns so in unseren innersten Lebensbedürfnissen widerspricht, dass wir es gar nicht hören können. Vielleicht auch, weil wir es nicht hören wollen. Unsere Ohren machen zu. Unsere Augen machen dicht. Unser ganzer Lebenstrieb sagt: das darf nicht sein. Was so gegen unsere innerste Lebensausrichtung steht, hat keine Chance, wahrgenommen, aufgenommen zu werden. Unser Verstand verweigert sich.

  Also: Kein Vorwurf an die Jünger. Sie sind keine Sammlung von Trotteln, die nichts begreifen. Sie sind keine Ansammlung von Deppen, als die sie in „Jesus Christ Superstar“ charakterisiert werden. Sie sind nicht zu doof, um zu verstehen. Sie sind natürliche Menschen, intelligent wie unsereiner und genau darin unfähig zu begreifen.

35 Es begab sich aber, als er in die Nähe von Jericho kam, dass ein Blinder am Wege saß und bettelte.

             Da sitzt einer am Weg. Ein Blinder. Keinen Weg mehr vor Augen. Nur die anderen haben Wege, er nicht. Er sitzt fest, tagaus, tagein. Mit seinem Leben geht es nicht mehr vorwärts, ist es wohl nie wirklich vorwärts gegangen. Festgelegt, festgefahren. Erblindet. Das einzige, was er hat, ist eine kümmerliche Existenz als Bettler.

36 Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. 37 Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei. 38 Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 39 Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!

            Und doch ist dieser Blinde nicht so abgestumpft, so fertig mit dem Leben, dass er gar nichts mehr wahrnimmt. Er ist wohl meistens nur noch ausgestreckte Hand nach einer milden Gabe. Aber irgendwie bekommt er jetzt mit, dass etwas im Gang ist und will nicht, dass es einfach so an ihm vorbei geht. Auf sein Nachfragen hört er, dass es Jesus ist, der da unterwegs ist, auf dem Weg, an ihm vorbei.

            Diese Nachricht lässt ihn rufen, schreien. Warum? Was mag er gehört haben an Geschichten, Gerüchten, die in seinen Ohren vielleicht wie Märchen geklungen haben: Er bringt Menschen neu auf den Weg. Er hilft Menschen aus verfahrenen, ausweglosen Lebenssituationen heraus. Er schenkt Menschen neue Hoffnung.  Er hat Menschen geheilt, auf die Beine gestellt.  Er hat Augen und Zeit für die, die immer übersehen werden.

Wenn so von Jesus erzählt wird, meldet sich eine Sehnsucht. Die Sehnsucht, dass etwas dran sein möchte an den Gerüchten über Jesus, an dem, was man von ihm erzählt. Diese Sehnsucht lässt den Blinden schreien: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner. Mehr nicht.  Das aber laut. Aufdringlich. Störend. So, dass ihn andere zum Schweigen bringen wollen. Und je mehr sie das versuchen, umso lauter schreit er.

      Er hat ja nichts zu verlieren. Er weiß ja: Was ich brauche, ist einer, der sich zu mir kehrt, der sich mir zuwendet. Einer, der mich ansieht. Einer, der mich spüren lässt: Ich bin ihm wert, dass er bei mir stehen bleibt. Einer, der mir sein Ohr leiht und mir hilft. Weil er weiß, dass er so angewiesen ist, lässt er sich nicht abhalten zu schreien. Er kennt keine Scham. „Scham ist ein unnützes Hausgesinde im Haus eines Bettlers.“ (M. Luther)

 40 Jesus aber blieb stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: 41 Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. 42 Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.

  Und Jesus bleibt stehen. Er hört das Schreien, sein Rufen – und unterbricht seinen Weg – um eines Bettlers willen. Er schenkt ihm Zeit und Aufmerksamkeit: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Es macht die Würde aus, die Jesus diesem blinden Bettler zuspricht, dass er ihn fragt: Was willst Du? Er wirft ihm seine Heilung nicht im Vorbeigehen zu wie ein Almosen. Er fragt ihn. Wenn man einem Menschen wirklich auf die Beine helfen will, darf man ihm nicht einfach ein paar gut gemeinte Brocken Hilfe hinwerfen – man muss fragen: Was willst du? Nur so behält er in seiner Hilflosigkeit seine Würde.

            Wie schwer das manch einem und manch einer fällt zu sagen, was er, was sie sich wünscht. Worauf er, sie hofft. Was er, was sie ersehnt. Es ist eine merkwürdige Frage, bei uns zur Routine gemacht in Verkaufs-Situationen: Was kann ich für Sie tun? Aber Jesus will ja nichts verkaufen, sondern er will einem Menschen, Bartimäus, auf schließen. Er lädt ihn mit seiner Frage ein, die eigenen Wünsche und Hoffnungen überhaupt erst zuzulassen und wahrzunehmen und sie dann auch  zu sagen. Auch mit dem Risiko, dass es Wünsche ins Leere hinein sind.

 Der Blinde kann seinen Herzenswunsch sagen, seine Sehnsucht in Worte fassen. Und indem er das tut, fasst er seinen Glauben in Worte. Und die Antwort Jesu: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Dass er ihm diesen Wunsch sagt, den er tagaus, tagein bettelnd um Almosen ins Schweigen begraben hatte, das ist Glauben. Dass er ihm anvertraut, was die Sehnsucht seines Herzens ist, das ist Glauben. Nicht, dass er ihn „Sohn Davids“ nennt, nicht, dass er ihn „Herr“ nennt, dass er ihm seine Sehnsucht sagt – das macht seinen Glauben groß.  Darin ist er Vorbild und Beispiel für alle, die von ihm hören und lesen. Du darfst Jesus deine Sehnsucht sagen und er sieht darin Deinen Glauben.

 Ob daraus immer körperliche Heilungen werden steht auf einem anderen Blatt – und ist auch wohl nicht der Gedanke des Lukas. Jesus jedenfalls hat nicht alle Blinden seiner Zeit geheilt. Aber dieser eine ist heil geworden. Und es wird wohl so sein – im Zusammenhang des ganzen lukanischen Werkes erfüllt sich in dieser Geschichte alte Prophetie – „der Blinden Augen werden aufgetan“ (Jesaja 29,18; 35,5) -, die Lukas gerne aufgreift: „Und es soll geschehen: Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.« (Apostelgeschichte 2, 21)

 43 Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

             Und dann folgt der blind Gewesene Jesus nach. Sehenden Auges. Nach Jerusalem. Er nimmt den Weg auf sich, vor dem die Jünger zurück schrecken. Er wagt sich auf den Weg, den die Jünger nicht verstehen und nicht wahr haben wollen. Es scheint eindeutig: Nur so sehend geworden, durch das Wunder der Blindenheilung kann einer den Weg nach Jerusalem hinter Jesus her gehen und als den Weg Gottes verstehen.

Zum Weiterdenken

         Es ist nicht unsere natürliche Möglichkeit, diesen Weg Jesu ins Leiden zu akzeptieren und zu begreifen als den Weg, der Gottes Weg ist, als den Weg, der der Weg des Heils ist. Das steht so nicht auf unserer inneren Landkarte verzeichnet. Es ist ein Akt der Ehrlichkeit, sich einzugestehen: Ich an der Stelle der Jünger hätte auch nichts gehört, nicht gesehen und nicht verstanden. Umso weniger, wenn hinterher so eine Blindenheilung erfolgt. Es ist wohl so: Die Jünger –  wir –  haben das auch nötig – dass uns die Augen geöffnet werden.

 

 

Jesus, wie oft bist Du vorüber gegangen, ohne dass ich geschrien habe. Wie oft habe ich mich nicht getraut, zu rufen, meine innerste Sehnsucht heraus zu schreien. Und Du wärst doch stehen geblieben. Du hättest mich gefragt: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Du hättest mir meine Würde behalten und meine Bitte gehört. Ich aber habe geschwiegen, meine Sehnsucht geleugnet, nicht wahr genommen, nicht zugelassen.

Herr, mache mir Mut zu schreien, Dich in mein Leben zu rufen und so mein Innerstes Dir zu vertrauen. Amen