Überholt

Lukas 11, 29 – 32

29 Die Menge aber drängte herzu.

                    Kein Ortswechsel, kein anderer Zeitpunkt. Es geht immer noch in der gleichen Szene weiter. Die Menge drängt sich um Jesus, von dem sie gerade gehört hat, wie eine Seligpreisung über ihm gesprochen wird. Will sie Anteil daran, an ihm haben? Ahnt sie doch, dass er mehr ist als nur ein Wundertäter? Ist dieses zu ihm hin Drängen nicht ein Zeichen dafür, dass sie nicht wie die Wortführer von eben denken, sondern dass sie ihn von  Gott gesegnet sehen?

Da fing er an und sagte: Dies Geschlecht ist ein böses Geschlecht; es fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden als nur das Zeichen des Jona. 30 Denn wie Jona ein Zeichen war für die Leute von Ninive, so wird es auch der Menschensohn sein für dieses Geschlecht.

 In diesem Gewühl und Gedränge beginnt Jesus zu reden. Und dann dies: Dies Geschlecht ist ein böses Geschlecht. γενε πονηρ. Das ist der nasse Lappen ins Gesicht der Leute um ihn herum. Das ist Angriff, Attacke. Woher kommt das? Jesus ist jedenfalls kein Gefälligkeitsredner. Es ist manchmal vielmehr so, als sei er auf Konfrontation aus. Jesus knüpft mit seinen Worten an das an, was unmittelbar vorher verhandelt wurde: Die Forderung an ihn, sich durch Zeichen zu legitimieren. „Andere aber wunderten sich, versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.“(11,16) Ich denke: Jesus hört in ihrem Fordern die Stimme des Versuchers und darum reagiert er so hart: Wer von ihm Zeichen fordert, ruft ihn heraus aus dem Weg des unbedingten Gehorsams, will von ihm die Selbstinszenierung und nicht den Gehorsam des Sohnes.

              Ein einziges Zeichen wird die Zeit empfangen – aber nicht aus seinen Händen. Es ist das Zeichen, das Gott selbst aufrichten wird – das Zeichen des Jona. Das Zeichen vom Himmel her, das sie gefordert haben. Jetzt verkürzt Lukas gegenüber Matthäus so sehr, dass eigentlich nur ein Rätselwort übrig bleibt. Bei Matthäus wird das Jona-Zeichen erläutert: „Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.“ (Matthäus 12, 40) Weil dieser Zusatz hier bei Lukas fehlt, verhüllt dieses Wort Jesu mehr als es erklärt.

            Vielleicht hilft es weiter, sich zu erinnern: Als Simeon im Tempel das Jesuskind auf den Armen hat und seine Eltern segnet, da sagt er ihnen zu: „Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass viele in Israel fallen und viele aufstehen, und ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird.“(2,34) An diese „Weissagung“ knüpft Lukas hier an und daraus folgt die  Auskunft des Evangelisten über Jesus, den Menschensohn. Er selbst ist das Zeichen. Darum auch braucht es kein anderes Zeichen, auch jetzt nicht.

31 Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit den Leuten dieses Geschlechts und wird sie verdammen; denn sie kam vom Ende der Welt, zu hören die Weisheit Salomos. Und siehe, hier ist mehr als Salomo. 32 Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden’s verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona.

     Zum wiederholten Mal nimmt Jesus so das Wort, dass er seine jüdischen Hörer geradezu gnadenlos provoziert. Die heidnische Königin von Saba, das üble Volk der Niniviten – sie werden gegen Israel als Zeugen des Glaubens auftreten, denn sie haben auf Salomo und Jona gehört, während Israel sich der größeren Weisheit und der endgültigen Erfüllung der Prophetie verschließt. Es ist wie in Nazareth (Lukas 4, 24 – 30) – da hält Jesus seinen Hörern die Witwe von Sarepta vor und Naeman aus Syrien. Es ist wie in Kapernaum, wo er den Glauben des römischen Hauptmanns als größer als allen Glaubens Israels bezeichnet. Es ist wie in seiner Erzählung, in der er den barmherzigen Samaritaner dem unbarmherzigen Priester und Leviten gegenüber stellt.

Immer wieder die gleiche Figur: Bei den Heiden ist ein Glaube zu finden, den er in Israel vergeblich sucht. Denn der Vorzug der Königin ist, dass sie hörte, der Vorzug der Niniviten, dass sie umkehrten. Hören und Umkehren – das sind die Kennzeichen des Glaubens, den Jesus sucht.

            Gebündelt wird dies alles in seinem:  Und siehe, hier ist mehr als Salomo. Und siehe, hier ist mehr als Jona. Das hier in diesen Worten ist doppelt zu hören: Es kennzeichnet den Augenblick und es ist Verweis, auf ihn, der inmitten der Mengen steht, der diese Worte sagt: An ihm, Jesus, entscheidet sich die Ewigkeit.

Zum Weiterdenken

    Wie viel enttäuschtes Suchen, wie viel enttäuschtes, ins Leere gelaufenes Rufen, wie viel enttäuschte Liebe meldet sich aber auch in diesen scharfen Worten Jesu zu Wort! Und wie viel enttäuschte Suche nach dem Glauben der jüdischen Schwestern und Brüder hat wohl die Gemeinde des Lukas in diesen Worten mit gehört und mit empfunden.

Es ist wohl auch Schmerz über die Trennung vom jüdischen „Mutterboden“ der Christenheit, der hier für den Evangelisten mitschwingt. Es gibt keinen Anlass, daraus christliche Überlegenheitsgefühle abzuleiten. Werden die Königin von Saba und die Leute aus Ninive nicht auch der Christenheit im Gericht den Spiegel vorhalten und fragen: Wie war das mit eurem Glauben, eurer Liebe, eurer Hingabe, eurer Treue? Mit eurem Hören und Umkehren?

Heiliger Gott, Bewahre uns vor der Selbstsicherheit, die sich nicht mehr dem Fragen aussetzt. Bewahre uns vor dem falschen Glauben, dass wir ja zu denen gehören, die auf jeden Fall auserwählt sind. Viel zu lange haben wir uns in Europa so gesehen: Das christliche Abendland, das die armen Heiden beglückt mit Fortschritt, mit Vernunft.

Gib uns Demut, von ihnen zu lernen- den Heiden -Glauben, Hoffnung, Liebe. Die Bindung an Dich. Das unbedingte Vertrauen. Amen