Öffne mir die Augen, die Ohren, das Herz

Lukas 10, 17 -24

 17 Die Zweiundsiebzig aber kamen zurück voll Freude und sprachen: Herr, auch die bösen Geister sind uns untertan in deinem Namen.

              Wieder eine Rückkehr nach der Aussendung. Diesmal voll Freude. „Erfolg ist keiner der Namen Gottes“ hat Martin Buber gesagt. Aber dass das Wort wirkt, dass die Vollmacht Jesu trägt, dass das Reich Gottes weiter nahe kommt – das kann Menschen mit Freude erfüllen. Und wer wollte sich nicht freuen, wenn er Macht hat, dem Bösen Einhalt zu gebieten, ob es nun böse Geister, böse Gedanken oder böse Taten sind. Der Name Jesu setzt dem Bösen Grenzen. Das ist wunderbar.

            Wenn man so will: In Befreiungserfahrungen zeigt sich die Kraft der Botschaft und der Boten. In diesen Befreiungen gewinnt das Reich Gottes Boden in der Welt. Vielleicht aber ist das gar kein Gegensatz: wo einer, eine frei wird von den bösen Geistern des eigenen Lebens da wird die Gegenwart Gottes im eigenen Leben erfahren – nichts anderes meint ja das Wort Bekehrung – die Gegenwart Gottes bestimmt das Leben.

18 Er sprach aber zu ihnen: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. 19 Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und Macht über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden.

Jesus jedenfalls wehrt nicht die Freude ab. Er wehrt auch den Jüngern ihr Erzählen nicht. Sondern er richtet ihren Blick vom Vordergrund – was sie vermochten – auf den Hintergrund. Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Das ist das Geschehen hinter dem Geschehen, die geistliche Wirklichkeit hinter dem, was die Jünger erleben. „Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus; denn der Verkläger unserer Brüder ist verworfen, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott.“ (Offenbarung 12, 10) Die Stimme des Verklägers zählt im Himmel nicht mehr. Er hat keinen Zugang mehr zum Thronsaal Gottes Der Hiob ins Verderben zu ziehen suchen konnte (Hiob 1, 6 – 12; 2, 1-5), hat alle seine Rechte verloren. „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.“ (1. Johannes 3,8b) Das sieht Jesus – er sieht seine Mission erfüllt – jetzt schon! Und seine Jünger haben mit ihrer Botschaft und in ihrer Sendung Anteil daran.

   ξουσα, Macht. Es ist das Wort, das über dem Weg und dem Handeln Jesu steht. Er geht seinen Weg in dieser ihm gegebenen Macht Gottes. Er gibt seinen Jüngern Anteil an seiner eigenen Macht. Es ist Handlungsmacht, nicht nur wortgewaltige Redemacht. Diese gegebene Macht ist beeindruckend. Dass sie handeln können, dass sie Heil ausbreiten können, dass sie dem Bösen Einhalt gebieten können – wunderbar. Nichts wird euch schaden Unantastbar – wunderbar. Was für eine Zusage! 

20 Doch darüber freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind. Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.

  Aber es ist nicht alles und es nicht das, was die Jünger faszinieren soll. Es ist wie eine Warnung vor Macht-Missbrauch des Evangeliums. Vor der Faszination durch die eigenen geistlichen Möglichkeiten. Das Evangelium gibt keine geistliche Erfolgsgarantie und es macht auch nicht unangreifbar. Das Evangelium ist in seinem Zentrum keine Kampflehre gegen das Böse – das ist es auch – aber im Zentrum steht das andere: Ihr seid Gottes Söhne und Töchter, unauslöschlich mit eurem Namen eingezeichnet in sein Gedächtnis. Ihr seid bestimmt zur Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott.  In Ewigkeit, in den Himmeln soll es gelten: Ihr gehört zu mir.

Und nichts und niemand wird sie aus diesem Gedächtnis Gottes, diesem Eingeschrieben Sein in den Himmel löschen können. Weil ja der Verkläger keinen Zugang mehr hat. Weil er nicht mehr verhindern kann, dass diese Namen im „Buch des Lebens“ (Offenbarung 20,12  )aufgeschrieben sind und am Tag, „da alle Welt ihr Urteil nimmt(R.A. Schröder 1937, EG 184), verlesen werden.

Es ist eines der Worte, in die man sich bergen kann. In den Ungewissheiten, in den dunklen Stunden der Angst und der Resignation, in den Zeiten der Anfechtung und der inneren Leere. Ein Wort, das frei macht von der Abhängigkeit der geistlichen Erfolgsgeschichten, von der Abhängigkeit vom gelingenden Leben. Es sind nicht unsere Erfolge, die uns zu geliebten Söhnen und Töchtern Gottes machen und unsere Misserfolge können uns den Weg zu ihm nicht versperren. Es ist seine Liebe allein, die zählt. In diese Liebe sind wir mit unseren Namen eingezeichnet, eingegraben.

 Der Ruf in die Jüngerschaft ist mehr als ein Ruf in eine Kampfgemeinschaft, die mit dem Sieg oder der Niederlage ihr Ende findet. Es ist der Ruf in die Lebensgemeinschaft über alle Zeiten hinweg. Damit ist auch klar: Nachfolge ist mehr als eine Spur auf dem Weg durch die Zeit. Es ist die Bestimmung zur Gemeinschaft mit dem Sohn in Zeit und Ewigkeit.

Die Jünger sind fasziniert von ihrer Funktion. Jesus aber will ihr Auge auf ihr Sein richten, auf ihr Wesen, auf ihre ewige Bestimmung. „Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir.“ (Jesaja 49, 16) Was der Prophet von Jerusalem und damit von Israel sagt, das sagt Jesus von seinen Jüngern – eingezeichnet in das Gedächtnis Gottes, eingegraben in die Hände. Und in der Kreuzigung wird das erfüllt.

21 Zu der Stunde freute sich Jesus im Heiligen Geist und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater, so hat es dir wohlgefallen

  Von daher, dass Jesus seine Mission erfüllt sieht, dass er seinen Jüngern ihre ewige Bestimmung vor Augen hält, ist die Freude Jesu geprägt. Es ist die Freude daran, dass Gott sein Ziel erreicht. Es ist die Freude daran, dass Gott sich zu den Kleinen, den Unmündigen kehrt, dass er Gefallen hat an dem, was sie tun und einbringen in das Reich. Es ist, darauf weist die Wendung hin freute sich Jesus im Heiligen Geist, die Freude in Gott selbst. Nicht nur an etwas außerhalb, sondern in sich selbst hat Gott Freude, ist Gott Freude. Wenn man so will: das Wesen Gottes ist Freude, von Anfang an und wird es auch am Ende sein.

  Manchmal bin ich verblüfft, wie sich das Wort der Schrift untereinander verbindet und gegenseitig erhellt. So auch hier – der Lobpreis Jesu über die Güte Gottes gegenüber den Unmündigen findet sein Echo bei Paulus: “Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme.“(1. Korinther 1, 26 – 29)

              Hat Lukas doch diese Gedanken des Paulus gekannt? Oder hat Paulus umlaufende Jesus-Worte für seine Formulierungen als Hintergrund gehabt? Wie auch immer – es ist Gottes Kondeszendenz, sein sich selbst Erniedrigen, sein sich in die Welt verschwenderisches Hinein-lieben, „seine alte Krankheit, alle Menschen gleich zu lieben, seine Nachsicht, seine fassungslose Milde, seine gottverdammte Art und Weise alles zu verzeihen und zu helfen“(H.D. Hüsch), die hier beschrieben wird: Er offenbart sich in die Tiefe hinein, in die Schwachheit hinein, in die Torheit hinein. Die Kleinen, Unmündigen, die vor der Welt als Toren gelten – sie werden seine Kinder.

   Vielleicht liegt es noch näher, sich zu erinnern: In den Lobgesängen am Anfang des Evangeliums, im Magnificat der Maria und im Benedictus des Zacharias begegnet das gleiche Staunen über die Zuwendung Gottes zu den Niedrigen, den Armen, den Kleinen.

 Aber: das versteht nur, wem die Augen geöffnet werden. Das versteht nur, wer von Gottes Geist erfüllt wird. Dieses Geheimnis erschließt sich nicht dem denkenden, grübelnden Verstand. Das erschließt sich nur so, dass es offenbart wird, dass es der Sohn uns ins Herz spricht durch den Geist.

22 Alles ist mir übergeben von meinem Vater. Und niemand weiß, wer der Sohn ist, als nur der Vater, noch, wer der Vater ist, als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

  Das ist ein Satz, wie er auch im Johannes-Evangelium stehen könnte. Er beschreibt das Unfassbare, Unbeschreibliche, das Wunder aller Wunder, dass der Vater im Sohn ist und der Sohn im Vater, dass der eine den anderen zeigt und offenbart. Er macht auch sichtbar, dass es den Zugang zu diesem Geheimnis Gottes nur so gibt, dass Jesus selbst es uns entschlüsselt. ποκαλψαι. Offenbart. Enthüllt.

   Luther hat das gewusst, dass der christliche Glaube keine lernbare und lehrbare Religion ist: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich durchs Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten; gleich wie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten einigen Glauben;“ (Kleiner Katechismus, Erklärung zum 3. Artikel) Hier wird eine Grenze markiert für unser Wollen und Können. Und es schadet der Kirche, wenn sie diese Grenze ignoriert und seit Jahrhunderten doch so tut, als sei der Glaube lernbar und lehrbar, wenn und indem man die Wörter lernt und als müsste nicht zwingend und eben nicht durch uns machbar das Andere hinzukommen, die Gabe des Geistes, der ausgegossen wird in die Herzen.

  Es gibt nur eine Haltung, die Verheißung hat – die leeren Hände hinhalten, die verschlossene Herzen hinhalten und bitten:

Öffne meine Ohren, Heiliger Geist, damit ich Deine Botschaft höre.                      Öffne meine Augen, Heiliger Geist, damit ich die Schönheit der Schöpfung sehe.  Öffne meinen Geist, Heiliger Geist, damit ich Deine Botschaft glaube.                       Öffne meinen Mund, Heiliger Geist, damit ich Deiner Herrlichkeit Zeugnis gebe.    Öffne meine Hände, Heiliger Geist, damit ich Deine Hilfe fasse.                            Öffne mein Gemüt, Heiliger Geist, damit ich Deine Nähe liebe.                                Öffne mein Herz, öffne mein Herz, Heiliger Geist, damit ich Deine Liebe spüre.                                    W. Führinger; Mennonitisches Gesangbuch

 23 Und er wandte sich zu seinen Jüngern und sprach zu ihnen allein: Selig sind die Augen, die sehen, was ihr seht. 24 Denn ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und haben’s nicht gesehen, und hören, was ihr hört, und haben’s nicht gehört.

  Aus dem allem verstehe ich die Worte Jesu, diese Seligpreisung der Jünger. Sie erleben erfüllte Zeit, die Mitte der Zeiten. Was Jesus schon in Nazareth gesagt hat: Heute! Das sagt er hier seinen Jüngern zu: Ihr seid dabei in der Mitte der Zeiten. Ihr empfangt, was die Hoffnung und Sehnsucht der Propheten war.

Was der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war,
und was sie geprophezeit, ist erfüllt in Herrlichkeit.       H. Held 1658, EG 12

  Für diesen Augenblick gibt es keinen Ersatz, so wie es für keinen Augenblick einen Ersatz gibt. (Das ist ja die Lüge der Reset-Tasten: Sie tun so, als könnte man den versäumten Augenblick zurückholen, wiederholen.) Von diesem Augenblick geht Kraft aus. Dieser Augenblick – Jesus in ihrer Mitte, Gott lobend, erfüllt von der Freude am Vater, taucht alles in ein anderes, helles Licht. In diesem Augenblick haben sie in Jesus die Gnade Gottes, sein Erbarmen vor Augen. Das gilt für die Jünger: es gibt für diese Erfahrung der Gegenwart Jesu keinen Ersatz. Der Heilige Geist ist kein Ersatz für Jesus. Er ist Gegenwart Gottes in anderer Form.  Gegenwart, die das Dunkel der Welt durchdringt und erhellt.

Es ist exklusives Wort an die Jünger – er sprach zu ihnen allein, aber es ist keine Geheimlehre, die sie geheim halten sollen. Dass Lukas das aufschreibt, zeigt es ja schon: Es sind Worte zum Weitergeben und es ist das Selbstverständnis der Gemeinde, dass sie in ihrer Mitte und mit ihrer Botschaft diese erfüllte Zeit bewahrt und sie denen eröffnet, die hinzukommen durch ihre Botschaft. Mit dem Christentum ist Esoterik nicht zu machen, in keiner Weise.

  Die gestillte Sehnsucht ist die Motivation, sie an andere weiter zu sagen, damit auch deren Sehnsucht gestillt werden kann – in ihm.   

 Zum Weiterdenken

 Der schlichte Satz sie kamen zurück voll Freude löst bei mir Gedanken aus. Warum erzählen wir nicht häufiger von den guten Früchten des Evangeliums? Warum lassen wir der Freude daran nicht mehr Raum in unseren Gemeinden? Warum gehen wir so leicht zur Tagesordnung über, wenn Menschen davon erzählen, was die Verkündigung des Evangeliums vermag – in Korea, in Afrika, in den islamischen Ländern? Kann es sein, dass die Freudlosigkeit der europäischen Kirchen, vieler Kirchengemeinden damit zu tun hat, dass wir uns die Freude an den Berichten der Boten nicht gönnen, dass wir lieber von den Problemen hören und nicht so gerne von dem, was das Evangelium vermag? Kann es sein, dass wir uns weigern zuzuhören, weil es bei uns nichts Vergleichbares zu erzählen gibt, das Evangelium folgenlos geworden zu sein scheint?

 

Jesus, Du siehst die Freude Deiner Jünger. Du hörst ihr Erzählen vom Tun in Deinem Namen. Du kennst ihre Dankbarkeit für Dein Wort, für Deine Kraft, für Deine Macht, die in ihnen wirkt. Jesus, Du willst uns darüber hinaus führen, über das Schauen auf das Gelingen, über den Schmerz am Versagen.

Du willst uns festmachen in der Gewissheit: Wir gehören zu Dir für Zeit und Ewigkeit, im Himmel und auf Erden. Du hast uns gerufen, Deine Schwestern und Brüder zu sein – für immer, hinein genommen in Deine Gemeinschaft mit dem Vater. Amen.