Gekommen, um Leben zu erhalten

Lukas 9, 51 – 56

 51 Es begab sich aber, als die Zeit erfüllt war, dass er in den Himmel aufgenommen werden sollte, da wandte er das Angesicht, entschlossen, nach Jerusalem zu wandern.

 Als die Zeit erfüllt war – so heißt es bei Paulus (Galater 4,4) über die Menschwerdung und den Heilsplan Gottes. Genau daran knüpft Lukas mit seiner Formulierung an. Jetzt ist erfüllte Zeit – es ist so weit. Der Weg Jesu ist Teil eines göttlichen Planes. Er ist nicht irgendwie eine selbst gemachte Geschichte, zusammengebraut aus Kurzsichtigkeit, Illusionen und der Bosheit der Menschen. Er ist auch nicht ein Weg nach Lust und Laune. Jesus folgt mit dem Weg nach Jerusalem dem Willen des Vaters, dem Plan Gottes.

  Die Übersetzung in Luther 2017, „dass er in den Himmel aufgenommen werden sollte“ geht über den griechischen Wortlaut hinaus und ist eine – allerdings erlaubte – theologische Interpretation. Verschlüsselt ist so das ganze Geschehen in Jerusalem umfasst. ναλμψις, Hinwegnahme – müsste wörtlich man übersetzen: „als sich die Tage seiner Hinwegnahme erfüllten“. Der Blick geht nicht nur auf das Kreuz, auch nicht nur auf Ostern – gleich zweimal taucht dieses hinweggenommen bei Lukas in der Apostelgeschichte (1,9/1,11) in der Himmelfahrt-Erzählung auf. Es geht um Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt.

 Jetzt also geht es nach Jerusalem. Das ist der Ort, an dem sich das Schicksal der Propheten zu erfüllen hat. Jesus wird selbst sagen „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten“ (Lukas 13,34) Das weiß Jesus – dorthin führt ihn sein Weg. Stracks. Ohne Umweg. Ohne Zögern. Es ist an der Zeit.  Die Prophetie wird sich erfüllen.

 52 Und er sandte Boten vor sich her; die gingen hin und kamen in ein Dorf der Samariter, ihm Herberge zu bereiten. 53 Und sie nahmen ihn nicht auf, weil er sein Angesicht gewandt hatte, nach Jerusalem zu wandern.

  Das sind die Jünger inzwischen gewohnt, dass sie gesandt werden. Jesus sendet sie als seine Boten voraus, als seine α̉γγέλοι, Engel. Wohl wahr: „Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.“ (R.O.Wiemer) Sie haben menschliche Gestalt und heißen Johannes und Jakobus, Thomas und Philippus…. Wahrscheinlich auch Maria und Salome, Johanna und Susanna… Sie sollen ihn ankündigen, ihm den Weg bereiten. Sie übernehmen die Aufgabe des Vorläufers: „Bereitet dem Herrn den Weg.“ (3, 4)

   Was hier erzählt wird, ist mehr als die zufällige Unfreundlichkeit von ein paar samaritanischen Hardlinern. Die ist es auch. Es ist in einer Welt, in der Gastfreundschaft heilige Pflicht ist, auch und gerade Fremden gegenüber, kein gleichgültiger Vorgang, Leuten die Gastfreundschaft zu verweigern. Die tiefe Entfremdung zwischen Juden und Samaritanern tritt hier zu Tage.

Aber darüber hinaus ist es die Wiederholung der Erfahrung, die sich durch das Leben Jesu zieht. Es wiederholt sich, dass für ihn kein Raum ist. Als er geboren wird, gibt es für ihn keinen Raum in der Herberge (2,7). Wenig später wird er von sich sagen: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ (9,58) Am Ende seines Weges gibt es nur ein immerhin noch unbenutztes Leihgrab. Er hat keinen Ort, keine Bleibe für immer in dieser Welt. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Johannes 1,11).Das gilt auch für diese Episode in Samaria

  Begründet wird die verweigerte Aufnahme mit dem Weg nach Jerusalem. Für Menschen in Samarien ist Jerusalem ein Un-Ort, nicht existent. Und wer dorthin will, pilgernd, den Tempel suchend, der soll gefälligst einen Bogen um Samarien machen. Uralter Effekte von Religion, von Glauben, den wir gerne verdrängen: Er entfremdet. Er reißt Gräben auf. Er lässt elementar menschliches Verhalten manchmal mit Füßen getreten werden. Bis heute ist das so. Und es schmerzt, dass das so ist.

54 Als aber das seine Jünger Jakobus und Johannes sahen, sprachen sie: Herr, willst du, so wollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel falle und sie verzehre.

     Manchmal verzögern sich Erkenntnisse. Jesus hatte seinen Jüngern Vollmacht gegeben, zu heilen, zu predigen, zu befreien. Sie hatten diese Macht in den eigenen Händen gespürt und gebraucht. Nicht immer. Aber nun ist es wieder da, wieder im Blick: Wir haben doch Macht. Wir können doch Macht ausüben. Die dem fallsüchtigen Jungen nicht helfen konnten, die wollen jetzt auf einmal den unfreundlichen Gastgebern auf die Sprünge helfen: Sie sollen erfahren, wem sie die Aufnahme verweigert haben.

 Es ist, als würde das Messias-Bild des Täufers fröhlich Urständ feiern. „Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“ 3,9) Keine Frage: Verweigerte Gastfreundschaft ist versäumte Frucht. Und auch der alte Feuerkopf Elia scheint irgendwie – so sehen es manche Handschriften – Pate gestanden zu haben: „Wie auch Elia tat“ haben sie vermerkt und erinnern so an den Berg Karmel, mehr aber noch an Elias Vernichtungsaktion gegen völlig ahnungslose Soldaten. (2. Könige 1,9-15) Hier zeigt Elia sich als in seinen Mitteln verhältnisloser Gewalttäter, der seine Macht missbraucht.

            Genau das wird hier sichtbar: Was die Jünger wollen, wofür sie seine Zustimmung erbitten, steht in keinem Verhältnis zu dem, was sie erleben. Die verweigerte Gastfreundschaft mit Feuer beantworten – das ist über jedes Ziel hinaus geschossen.

    Aber sie fragen ihn doch immerhin. Herr, willst du, so wollen wir sagen. Sie suchen sein Einverständnis. Suchen seine Zustimmung. Meldet sich darin so etwas wie Unsicherheit über den eigenen Zorn, über die eigene Kränkung? Meldet sich darin vielleicht die Ahnung, dass er ihren Zorn, ihre Erbitterung nicht teilen wird? Weil er ja nie so reagiert, wie es unser menschliches Empfinden nahe legt. 

 55 Er aber wandte sich um und wies sie zurecht. 56 Und sie gingen in ein andres Dorf.

 Sie könnten es im Grunde schon längst wissen: Diese Vernichtungsaktion ist mit Jesus nicht zu machen. Nicht nur deshalb, weil sie völlig unverhältnismäßig ist. Er, der sie in den Worten der Feldrede den Ausstieg aus dem Echo-Verhalten gelehrt hat (6, 27 – 40), er wird doch hier nicht zustimmen, dass sie Unfreundlichkeit, auch die Verletzung des Gastrechtes mit Tod beantworten. Fast selbstverständlich hört es sich deshalb an: Jesus aber wandte sich um und wies sie zurecht.

  Wieder einmal bewahren manche alte Handschriften des Textes auf, was den ganzen Vorgang noch einmal grundsätzlicher erscheinen lässt. Es geht um eine Belehrung, die weit über den aktuellen Anlass hinaus greift. Die das Wesen des Weges Jesu und des Weges mit Jesus in den Blick rückt. „Wisst ihr nicht, wessen Geistes Kind ihr seid? Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen Seelen zu verderben, sondern zu erhalten.“ Das ist nicht einfach nur über-deutlich für begriffsstutzige Leser – es ist hilfreich, weil es einen ganz wichtigen Grundsatz für das Handeln von Christen einschärft. Der Weg Gottes geht nicht mit Gewalt, verträgt keine Gewalt. Er beantwortet Ablehnung und Feindseligkeit nicht mit Feuer und Schwert.

 Wenn alles gesagt ist, kann der Weg weiter gehen. Und indem Jesus den Weg weitergeht, sagt er alles. Er übt nicht Vergeltung. Er übt nur mit seinen Jüngern, was er ihnen, als er sie ausgesandt hatte, als Regel mitgegeben hat: „Und wenn sie euch nicht aufnehmen, dann geht fort aus dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen zu einem Zeugnis gegen sie.“ (9,5) Die Lehre Jesu setzt sich in seinem Gehen und ihrem mit ihm Gehen fort.

Zum Weiterdenken

Es ist wie ein Lehrsatz für die Gemeinde des Lukas und die Leser des Lukas-Evangeliums. Unser Handeln hat dem Geist Jesu zu entsprechen. Was sich nicht mit ihm verträgt, das geht nicht, das dürfen wir nicht. Hier findet die Macht der Jünger, die von Jesus nicht bestritten wird – sie könnten das: Feuer vom Himmel fallen lassen! – ihre Grenze. Es geht nicht, weil es nicht Jesus gemäß ist.

Der gekommen ist, das Leben zu erhalten, Leben und der Seelen Seligkeit zu retten, im Griechischen steht hier σσαι, das mehr ist als nur erhalten, eben retten, der kann nicht zulassen, dass seine Jünger zum Flammenwerfer greifen. Hier kommt das Modell Elia an eine unübersteigbare Grenze, trotz seiner Erscheinung in der Verklärung. Das Wort Jesu versperrt seinen Jünger ein für alle Mal den Zugriff auf Feuer und Schwert.

Wie oft haben wir als Kirchen dieser so grundsätzlichen Wegweisung Jesu den Gehorsam verweigert. Wie oft sind unsere Vorfahren im Glauben der Versuchung der Macht unterlegen und haben zu tödlichen Machtmitteln gegriffen oder greifen lassen. Und diesen Einsatz von Feuer und Schwert „abgesegnet“ – in Kreuzzügen, in Hexenverbrennungen, in Ketzerprozessen. Es mag sein, darum ist die jetzige Situation der Kirche, dass sie an weltlicher Macht und weltlichen Einfluss verliert, ein Versuch Gottes, uns vor der Versuchung der Macht zu bewahren, weil wir keinen Zugang mehr zu ihr haben. Der Macht- und Einflussverlust der Kirche nimmt uns von außen her aus der Hand, was uns von Jesus her ohnehin verwehrt ist.

 

Du bist den Weg nach Jerusalem gegangen, den Weg des Gehorsams und der Passion. Deinen Weg, den Weg des Vaters. Du hast nichts gesucht als den Willen des Vaters. Du willst uns leiten mit Deinen Worten, mit Deinem Suchen und Rufen.

Wecke in uns das Vertrauen, das sich Dir anvertraut, das uns frei macht von der Angst um sich selbst, von der Sehnsucht nach den vergangenen Möglichkeiten, von der quälenden Sorge, ob denn auch alle unsere Wegentscheidungen richtig waren.

Wir danken Dir, dass wir nicht Spielball der Mächtigen sind, der Wirtschaftsführer, Politikgestalter, Meinungsmacher, sondern zuerst und zuletzt Menschen in Deiner Hand, von Dir abhängig und Du bringst uns ans Ziel. Du hilfst uns, dass wir nicht vom Weg abirren, sondern in Deiner Spur bleiben. Deine Spur führt zum Kreuz und vom Kreuz zum Leben. Amen