Lehre mich die Freude an den anderen

Lukas 9, 49 – 50

 49 Da fing Johannes an und sprach: Meister, wir sahen einen, der trieb böse Geister aus in deinem Namen; und wir wehrten ihm, denn er folgt dir nicht nach mit uns.

Und wieder zeigt es sich, wie schwer das alles für die Jünger zu verstehen ist. Es gibt Menschen, die im Namen Jesu handeln. Aber sie gehören nicht zu den Zwölfen. Sie sind auch nicht im großen Jüngerkreis. Muss man das nicht unterbinden? Sie haben es gar nicht abgewartet, sagt Johannes – wir haben es schon geklärt. Wir wollen nur noch das Ja des Meisters dazu.

  Johannes ist nur der Sprecher. „Wir“ signalisiert einen Gemeinschafts-beschluss der Jünger. In diesem Beschluss geht es um die Machtfrage: Wer hat die Lizenz, im Namen Jesu zu handeln? Das ist wichtiger als die Frage: Was hat der fremde Exorzist bewirkt? Er hat ja doch wohl Menschen in die Freiheit gestellt. Er hat das Reich Gottes vorangebracht. Aber das zählt nicht. Freude über Befreiung – Fehlanzeige. Freude über Vollmacht im Namen Jesus – ebenso Fehlanzeige. Es bleibt nur das Machtspiel.

  Es zieht sich wie eine roter Faden durch die Kirchengeschichte: Wir wehrten ihm, denn er folgt dir nicht nach mit uns. Offensichtlich kennt schon Lukas dieses Problem: Wir sind petrisch, paulinisch, johanneisch. Wahrscheinlich stimmt die Überlegung: Es geht um das „mit uns“, um den Stallgeruch. Den gibt es nicht nur in der Politik, auch in der Kirche. Eine andere Sprache, andere Lieder, andere Gebetshaltungen – und schon ist man „der da“, der nicht zu uns gehört. Bis heute ist das ein Muster in den Auseinandersetzungen der Konfessionen: Wer nicht bei uns ist, zu uns gehört, der ist nicht richtig – allen anders klingenden Beteuerungen zum Trotz. Wie viel Freiheit wird so verspielt, weil wir anderen nicht zugestehen, dass sie den Weg Jesu auf ihre Weise suchen und gehen dürfen.

Bis heute neigen wir in den Kirchen, vielleicht gerade weil es um das „Heilige“ geht, um Alles oder Nichts, zu Abgrenzungen.  Manchmal bringen Witze ein ernstes Thema auf den Punkt: „Ein katholischer und ein evangelischer Geistlicher diskutieren über das Christentum. Endlich sagt der Katholik begütigend: “Wir dienen schließlich beide dem gleichen Herrn. Sie auf Ihre Weise und ich auf Seine!” So ist das mit der Interpretationsmacht, wer dazu gehört und wer nicht.

50 Und Jesus sprach zu ihm: Wehrt ihm nicht! Denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch.

Nur: auf Jesus kann man sich damit nicht berufen – allenfalls auf Johannes und sein „wir“. Die Antwort Jesu tritt der Versuchung entgegen, das Wirken im Namen Jesu an die Zugehörigkeit zur „Organisation“ zu binden, ob Jüngerkreis oder verfasste Kirche. Nur wer mit uns ist… Man braucht keine kirchenamtliche Lizenz, um im Namen Jesu zu handeln, damals nicht und heute immer noch nicht.  Es gilt, was im anderen Evangelium steht: „Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht; so ist jeder, der aus dem Geist geboren ist.“ (Johannes 3,8)

Zum Weiterdenken

  Wie schnell sind wir in der Kirche dabei, andere auf die Reihe zu bringen, auf unsere Reihe und wenn sie das nicht wollen, dann wehren wir ihnen, werten sie ab, sind sie „irgendwie“ nicht richtig. Es ist eine Form der Selbstbehauptung und der Versuch, nun doch auf die eigene Weise der Größte zu sein, wenn wir anderen ihren Weg streitig machen oder sie ausgrenzen, weil sie anders singen, beten, ihren Glauben leben als wir es gewohnt sind.

     Es ist die merkwürdige Vorliebe Gottes, sich zu suchen, wen er will, sich dessen zu bedienen, den er gebrauchen kann und nicht danach zu fragen, ob er auch die richtige Zugehörigkeit nachweisen kann. Das fängt ja schon in der Hebräischen Bibel an – da wird einer zum Werkzeug Gottes, der zum feindlichen Volk der Chaldäer gehört von Gott ausgewählt: So spricht der HERR zu seinem Gesalbten, zu Kyrus, den ich bei seiner Rechten ergriffen habe, um Nationen vor ihm zu unterwerfen – und die Hüften der Könige entgürte ich -, um Türen vor ihm zu öffnen, und Tore bleiben nicht verschlossen: Ich, ich werde vor dir herziehen und werde die Berge einebnen. Eherne Türen werde ich zerbrechen und eiserne Riegel zerschlagen.“(Jesaja 45, 1 – 2) Gott ist frei in der Wahl derer, mit denen er sein Werk vorwärts bringen will.

Jesus will die Großzügigkeit des Herzens. Jesus will, dass wir uns freuen an denen, die das Reich Gottes vorwärts bringen, auf ihre Weise, durch ihren Glauben. Jesus will keine innerkirchlichen Grabenkämpfe. Er will, dass wir tun, was ihm entspricht. Dazu gehört die Weite des Herzens, die sich freuen kann an dem Weg der anderen, der nicht mein Weg ist.

            Aus meiner eigenen Lebenserfahrung mit mir selbst weiß ich: es ist ein langer Weg, aus der Enge des eigenen Herzens in diese Weite zu finden. Ich erinnere mich an eigene Grenz-Ziehungen und ahne, dass ich mit meinem „nur so ist es richtig“ manche vor den Kopf gestoßen habe, ausgegrenzt. Ich habe immer Positionen gesetzt und dabei vermutlich öfters so getan, als gebe es keinen anderen Weg. Alt geworden und ein wenig kraftloser lerne ich, dass es auch anders geht, dass man andere und anderes gelten lassen kann, ohne dass gleich alles gleichgültig ist. Dass es mehr Wege der Nachfolge gibt als den, der mich geprägt hast. Der Abschied von den eigenen Rechthabereien ist nicht gleich der Abschied vom eigenen Weg, – es ist nur ein Schritt in Richtung der Weite Jesu. Manchmal gelingt dieser Schritt, manchmal aber auch nicht. Es ist schön, wenn es immer öfters gelingt.

 

Herr Jesus, lehre mich die Freude am Weg der anderen mit Dir. Lehre mich die Freude am Glauben der anderen, auch wenn er sich anders ausdrückt als ich es gewöhnt bin, wenn er mir fremd vorkommt.
Lehre mich den Glauben, der andere annehmen kann, sich nicht aufblähen, nicht groß machen, nicht streiten muss, der sich einfach freuen kann an Dir und allen, die mit Dir auf dem Weg sind. Lehre mich die Liebe, die selbstvergessen ist, dient, hilft, zurechtbringt, alles zum Besten kehrt.

Schenke mir Deine Freude. Erfülle mich mit Deinem Glauben. Lehre mich Deine Liebe. Amen

 

Ein Gedanke zu „Lehre mich die Freude an den anderen“

  1. In diesem Zusammenhang hat mein Mann immer den Vers von Paul Gerhardt zitiert: Lass mich mit Freuden, ohn alles Neiden, sehen den Segen, den du wirst legen in meines Bruders und Nähesten Haus.
    (793,6).
    Auffällig ist auch, dass Jesus nicht sagt:
    Wer nicht gegen MICH ist….

Kommentare sind geschlossen.