Der ewige Wettlauf

Lukas 9, 46 – 48

 46 Es kam aber unter ihnen der Gedanke auf, wer von ihnen der Größte sei.

 Was ist das für eine merkwürdige Schieflage. Jesus kündigt seinen Leidensweg an, aber die Jünger diskutieren über Größe und Bedeutung. „Während Jesus das Kreuz vor Augen hat, hofften die Apostel auf die Königsherrschaft des Messias in ihrem Sinn.“ (F. Rienecker, aaO. S.249) Es ist so, als würden sie nicht nur nicht verstehen, nicht nur nicht zuhören, sondern als würden sie überhaupt auf einem anderen Weg unterwegs sein. Zugespitzt könnte man formulieren: Es scheint, als seien sie unter falschen Voraussetzungen auf dem Weg der Nachfolge. Wollen sie es nicht wahrhaben, dass sie so das Thema wechseln?

Andererseits: Es ist nur zu verständlich, was sie diskutieren. Männer sind – nicht nur heutzutage – auf Positionierung aus, junge Männer erst recht und die Jünger Jesu sind mehrheitlich wohl junge Männer. Von daher erklärt sich ihr Denken – es ist völlig normal. 

 47 Als aber Jesus den Gedanken ihres Herzens erkannte, nahm er ein Kind und stellte es neben sich 48 und sprach zu ihnen: Wer dieses Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat. Denn wer der Kleinste ist unter euch allen, der ist groß.

   Der Herzenskenner durchschaut sie. Er kennt ihre Gedanken von ferne. Es braucht keine ausdrückliche Debatte unter ihnen, auch nicht den Vorstoß der Zebedaiden, den Matthäus und Markus berichten. Er sieht es ihnen an, was in ihrem Inneren vorgeht. Das weist ihn als Propheten aus – und was er in Antwort auf die unausgesprochenen Gedanken tut, gleicht einer prophetischen Zeichenhandlung. Er stellt ein Kind neben sich, legt seine Hand auf dieses Kind. Er „nimmt es auf“. Mehr geht nicht – das Kind ist in seiner Nähe. Das ist Jesu erste Antwort: „Größer als die Jünger ist das Kind, das Jesus neben sich stellt.“ (W. Grundmann, aaO. S.197)

  Zugleich gibt Jesus damit eine zweite Antwort.  Das ist wahre Größe: Ein Kind im Namen Jesu aufnehmen. Ihm die Nähe Gottes gönnen. Ihm die eigene Nähe gönnen. In diesem Kleinen nehmen sie den Großen auf – nehmen sie Gott selbst auf. Bei Matthäus klingt das so: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25, 40) Es geht nicht darum, wie ich groß werde, es geht darum, dass ich barmherzig werde, gütig, liebevoll, dem Leben dienend.

 Weine mit, dort, wo jemand weint.                                                                                  Freu dich mit, wo das Glück hell scheint.                                                                      Wahre Größe zeigt, wer ganz nah sein kann.                                                                   Im Namen Jesu: Fang damit an!                                                                                                        Peka Simojoki, CD Geh den Weg nicht allein   2007

  Jesus kehrt das Ranglistenspiel um. Wer sich beugt, wer sich unter die Lasten der anderen stellt, wer es riskiert, dass er der „Letzte“ ist, weil er das Letzte tut, der ist in Wahrheit und im Reich Gottes groß.

Nicht an sich nehmen, auf sich nehmen. Und wer es weiß, dass er selbst angenommen ist wie ein Kind, der kann doch seinerseits annehmen und auf sich nehmen. Wer sich selbst getragen weiß, der kann andere tragen und ertragen.

Zum Weiterdenken

  Ehrgeiz ist ein großes Thema, nicht nur in der „Welt“, auch unter Christenmenschen. Der Rangstreit findet oft genug auch in Kirchengemeinden statt. Die Währung, in der da gerechnet wird ist Anerkennung. Dass die eigene Stimme Gewicht hat und dass man Einfluss hat, auf den Weg der Gemeinde.  Man kriegt das Thema der Gewichtigkeit, der Position an der Spitze nicht dadurch weg und erledigt, dass man es für unerlaubt erklärt. Es gibt den Rangstreit in der Christenheit, gut zu beobachten an Titeln – Kardinal, Erzbischof, Oberkirchenrat, an Gehaltsklassen. Manche Visitenkarte ist die Aufforderung: schau hin, wie tüchtig ist bin.

Jesus allerdings überholt dieses Thema – durch sein Annehmen des Kindes. Er setzt dem Rangstreit sein Verhalten entgegen. Er verlässt den Himmel und mischt sich unter uns, reiht sich ein unter Sündern. Sein „Ehrgeiz“ lässt ihn den Weg nach unten gehen. Was ihr in eurem Ehrgeiz sucht, die Nähe, die Anerkennung, so ist die Botschaft, das gibt es als das Geschenk des Vaters. Und indem ihr dieses Geschenk empfangt, werdet ihr frei.

 Bei Luther hört sich das so an: „Ein Christenmensch ist <durch den Glauben> ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist < um der Liebe willen > ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ (Von der Freiheit eines Christenmenschen, 1520)

Mein Gott, habe ich gut reden? Mir sind Leitungsämter erspart geblieben. Du hast mir geholfen, unten zu bleiben, erdnah.

Gib Du, dass wir einverstanden werden mit Deiner Art, die das Geringe achtet, die Armen selig preist und Demut lehrt, die den Höhenflügen wehrt, die uns bewahrt vor dem Jagen nach Erfolg und Anerkennung

Lass es uns genügen, dass wir nahe bei Dir sein dürfen. Amen.

Ein Gedanke zu „Der ewige Wettlauf“

  1. Lieber P.U. Lenz, ganz, ganz vielen Dank für die täglichen wertvollen Auslegungen und Denkanstöße zu Gottes Wort. Sie sind mir ein gutes „Frühstück“ zum Start in den Tag geworden.
    Gott segne Sie!
    Herzlichst Edith Eifert

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