Der Schrei nach Hilfe

Lukas 9, 37 – 45 

 37 Es begab sich aber, als sie am nächsten Tag von dem Berg kamen, da kam ihm eine große Menge entgegen.

              Vom Berg hinab in das Tal. Aus der Einsamkeit hinein in die Menge. Aus der Gottesbegegnung hin zur Begegnung mit den Menschen. „Es geht nicht, immer auf dem Berg der Verklärung zu bleiben.“ (H. Lücke, wiederholt mündlich) Wir müssen wieder in das Tal, in den Alltag.  Und da kommen die Erwartungen und Hilferufe, fast wie von selbst.

Ein winziger Unterschied zu Matthäus und Markus: Da kommt Jesus vom Berg und steht unmittelbar vor dem Volksauflauf. Lukas dagegen weiß: sie kommen erst sie am nächsten Tag von dem Berg. Es ist, als hätten sie noch eine Nacht auf dem Berg zugebracht, als wäre es nicht so einfach, sich von ihm zu lösen.

38 Und siehe, ein Mann aus der Menge rief: Meister, ich bitte dich, sieh doch nach meinem Sohn; denn er ist mein einziger Sohn. 39 Siehe, ein Geist ergreift ihn, dass er plötzlich aufschreit, und er reißt ihn, dass er Schaum vor dem Mund hat, und lässt kaum von ihm ab und reibt ihn ganz auf. 40 Und ich habe deine Jünger gebeten, dass sie ihn austrieben, und sie konnten es nicht.

   Ein Mann in tiefer Not. Ein Mann in großer Angst. Wer könnte ihn nicht verstehen. Er hat Angst um seinen Sohn. Wieder den einzigen, eingeborenen – μονογενς – wie schon bei der Witwe von Nain und dem Synagogenvorsteher Jaïrus. Es folgt die wohl ausführlichste Beschreibung einer Krankheit im Neuen Testament. Er ist nicht bei sich selbst. Er wird zum Spielball von Mächten, die ihn ergreifen, mit ihm machen, was sie wollen. Was für ein Schmerz für einen Vater, der seinen Sohn so verloren sieht. Und keiner kann helfen. Die Jünger, die doch in der Vollmacht Jesu geheilt hatten (9, 1 – 6), stehen hilflos da. Sie können nicht helfen und heilen.

  Darum die Bitte: Sieh doch nach meinem Sohn. Es kann sein, diese Bitte heißt unausgesprochen: Es reicht, wenn Du ihn ansiehst. „Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir“ (4.Mose 6,24) sagen wir am Ende des Gottesdienstes und meinen: Das reicht für den Weg in die Woche.  Dass er uns ansieht, dass er auf das kranke Kind sieht – das wird reichen.

            Dass ich mein Leben unter den Augen Gottes lebe, dass er mich sieht, mich ansieht – das ist für mich ein großer Trost. Ich glaube zutiefst, dass jeder Mensch darauf angewiesen ist, dass einer ihn sieht, dass Gott ihn sieht, mit Augen voll Erbarmen, voll Güte. Und Gottesdienst feiern ist nichts anderes als Menschen an den Ort zu rufen, wo sie hören: „Der Herr sieht auf dich.“ Das kann man sich ja nur schwer so selbst sagen. Das muss einem zugesagt werden.  

41 Da antwortete Jesus und sprach: O du ungläubiges und verkehrtes Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein und euch erdulden? Bring deinen Sohn her! 42 Und als er zu ihm kam, riss ihn der böse Geist und zerrte ihn. Jesus aber bedrohte den unreinen Geist und machte den Knaben gesund und gab ihn seinem Vater wieder.

 Wen meint Jesus mit diesem Ausruf? Ist es ein Wort der Ungeduld über seine Jünger, die immer noch auf ihn angewiesen sind, trotz der Macht, die er ihnen anvertraut hat? Die die anvertraute Vollmacht nicht ausüben, zurückbleiben hinter dem, was Jesus ihnen zutraut? Trifft dieser Stoßseufzer dann aber nicht nur die Jünger, sondern auch die Christen, die mit der ihnen übertragenen Macht des Evangeliums immer wieder scheitern? Sie sind es doch, die es schuldig bleiben, aus dieser Macht zu handeln, das Evangelium zu Heil und Wohl der Notleidenden zu leben, zu praktizieren, auszubreiten.

 Γενεά, Geschlecht, kann auch mit „Art“ (Nestle 1898) übersetzt werden, auch mit „Zeitalter, Generation, Menschengeschlecht“ (Gemoll, aaO. S.169) Dann wäre es das Seufzen über den Weg, der ihm in der Welt abverlangt ist und er hätte keine Kritik an denen im Sinn, die da konkret um ihn stehen.

Auch das ist möglich, dass es ein Wort über die Menschen ist, die nur ein Auge für ihre Not haben. Die nichts mehr sehen als nur das, was sie bedrängt. So wie wir in diesen Zeiten immer nur Augen haben für die Pandemie und ihre Folgen. Daneben scheinen alle anderen Probleme irgendwie nichtig. Das fällt mir schwer zu denken, weil Jesus sich ja gerade denen immer wieder zuwendet, die in die Gefangenschaft ihrer Not zu geraten drohen. Oder ist doch einfach ein wenig vage, unbestimmt? Schließlich könnte auch sein, in diesem Ruf steckt schon: Wenn ihr nur Glauben hättet wie ein Senfkorn (17,5) – ihr selbst könntet der Krankheit, könntet den Geistern gebieten?

 Aber aller Unmut kann Jesus nicht hindern, sein Werk zu tun. Er bedroht, gebietet dem Geist und macht den Jungen gesund. Er gibt ihm seinen Vater wieder. Es klingt fast beiläufig wie ein „Arztbesuch“, an dem am Ende steht: Jetzt wird alles wieder gut.

      Was geschehen ist, bewegt mich: Vater und Sohn haben eine neue Lebensperspektive. Vater und Sohn können sich neu begegnen. Sie sehen nicht mehr nur die Krankheit, nicht mehr nur das verzerrte, verrückte, gefesselte Leben. Da ist wieder Normalität möglich. Freude aneinander, weil man im Gesicht des anderen nicht nur Angst sieht, nicht nur die bange Frage liest: Wie geht es dir? Da ist wieder Hoffnung: Wir zwei können einen Weg in Freiheit gehen. Wir wissen noch nicht, wie es wird, aber wir dürfen Schritt für Schritt nach vorne wagen und die Lähmung in der eigenen Seele verliert an Macht.

 43 Und sie entsetzten sich alle über die die große Macht Gottes.

Der Blick des Lesers wird umgelenkt – weg von Vater und Sohn, hin zur Menge und hin zu den Jüngern. Sie haben miterlebt, was geschehen ist. Es ist für die Zuschauer faszinierend und erschreckend zugleich. So ist es oft, wenn die Gottesgegenwart, die große Macht Gottes aufleuchtet. Hier steht nicht δόξα, wie bei der Erscheinung der Engel auf dem Hirtenfeld und auch in der Verklärungsgeschichte. Hier steht mit μεγαλειότης ein Wort für Größe, Pracht, das wohl vor allem auf das Überwältigende der Erfahrung abzielt, das mir eher die menschliche Erfahrung als die göttliche Wirklichkeit auszudrücken scheint.

Als sie sich aber alle verwunderten über alles, was er tat, sprach er zu seinen Jüngern: 44 Lasst diese Worte in eure Ohren dringen: Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen. 45 Aber dieses Wort verstanden sie nicht, und es war vor ihnen verborgen, sodass sie es nicht begriffen. Und sie fürchteten sich, ihn nach diesem Wort zu fragen.

 Im Folgenden aber ist es so, als wollte Jesus genau das unterlaufen, diese Faszination, dieses überwältigt Sein durch das Geschehen. Und weil er weiß, wie schwer es ist, sich diesem Eindruck zu entziehen sagt er: Der Weg des Menschensohnes ist nicht der Weg einer übergroßen Macht. Es ist der Weg des Leidens. Er, der hier einem Menschen das Leben wieder gibt, der ihn den Klauen der Geister entreißt – er selbst wird überantwortet werden in die Hände der Menschen. Er, der Leben in die Freiheit führt, wird zum Spielball der Mächte werden. Stärker könnte der Kontrast nicht sein: Der die Freiheit des Lebens schenkt, wird unfrei, wird gebunden, wird der blinden Willkür böser Gedanken und Beschlüsse ausgeliefert.

  Es ist kein Wunder, dass die Jünger es nicht verstehen. Sie haben das Bild dieses Herrn vor Augen, der frei macht, der frei ist, der in die Freiheit führt. Wie sollten sie sich das denken können, dass er preisgegeben wird, überantwortet in die Hände der Menschen, später „der Heiden“ (18,32), gebunden? Das ist so jenseits aller Bilder, die sie von ihm haben, dass sie es nicht wirklich hören können, was er sagt und schon gar nicht begreifen.

Zum Weiterdenken    

 Hin und her gerissen, Eben noch die Verklärung auf dem Berg und am Folgetag im Tal die himmelschreiende Not. Eben noch der Glanz der göttlichen Herrlichkeit und jetzt das menschliche Elend und die fehlende Kraft des Glaubens. Bei den Jüngern? Bei dem Vater? Aber ist nicht auch unser Glaube immer zu klein? So ist es ein Wort über die Zeiten hinweg: O du ungläubiges und verkehrtes Geschlecht. Es ist unsere Art, dass wir sind, wie wir sind – himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Es wäre gewiss – menschlich – verständlich, wenn Jesus die Geduld verlöre. Aber es ist die Art Gottes, dass er die Geduld bewahrt, über den Ta hinaus. So wie es seine Art ist, nicht auf dem Berg der Verklärung, in der eigenen Herrlichkeit zu bleiben, sondern hinab zu steigen in das Tal unserer Ängste und unseres Kleinglaubens.

 Es ist die Erfahrung unserer Zeit: Die Blick in die Zukunft wird irgendwie gebunden, regelrecht gefesselt durch die Angst, durch die Krankheit. Die Pandemie hat alle und alles so überlagert, dass es fast keine Wirklichkeit mehr außerhalb ihres Kraftfeldes zu geben scheint. Es braucht die Austreibung dieser Gewalten, es braucht Befreiungserfahrungen, weil wir uns nicht selbst freimachen können. Mir scheint, das dies die größere Herausforderung im Blick auf die Pandemie ist – nicht, ob sie gottgewollt ist, eine Strafe, eine Heimsuchung – das ist alles nur rückwärtsgewandt und irgendwie unfruchtbar. Sondern das ist weiterführende Herausforderung, ob wir glauben, dass Gott uns aus ihrem Bannkreis herausführen will und wir darum auch neue Schritte tun.

 Alles Verstehen braucht einen Anhalt in unserer Wirklichkeit. Wenn es diesen Haftpunkt nicht gibt, hören wir zwar akustische Signale, aber wir können sie nicht verarbeiten, nicht begreifen. So geht es den Jüngern hier. Und zugleich: Weil es so fremd ist, macht es Angst und die Angst verschließt ihnen den Mund, um zu fragen, was sie nicht verstehen können. Es ist also nicht der „unbeherrschte Stoßseufzer“ Jesu, der sie so verschreckt, dass sie nichts mehr fragen. Es ist die Furcht vor einer Wahrheit, die ihnen zu schwer sein könnte und die sie deshalb lieber unbefragt lassen.

Jesus, Du bist uns fremder als wir  es uns einzugestehen wagen. Du bist uns fremd in Deiner Macht, Deiner Güte, Deiner unbedingten Zuwendung. Du bist uns fremd in Deinem Befehlswort, das doch die Freiheit eröffnet. Du bist uns fremd in Deiner Erwartung, dass wir Dein Werk tun möchten, aus Deiner Macht handeln.

Und noch fremder bist Du uns im Verzicht auf Deine Macht. Du lässt Dich ausliefern, binden , preisgeben an die Willkür und Bosheit. Du gehst diesen Weg in die freiwillige Ohnmacht, in den Verzicht auf Macht und Herrlichkeit für uns – auch wenn wir ihn nie verstehen werden. Amen