Alles fängt mit Hinsehen an

Lukas 9, 10 – 17

 10 Und die Apostel kamen zurück und erzählten Jesus, wie große Dinge sie getan hatten.

             Ungewöhnlich: Die Apostel. Normalerweise heißt es: Die Zwölf oder die Jünger. „Die Apostel“ passt als Bezeichnung nicht in die Zeit des Weges der Jünger mit Jesus. Es ist die Redeweise einer späteren Zeit, die den Zwölfen schon eine besondere Würde zuschreibt. Weil sie die Zeugen des Weges sind. Wie auch immer, sie kommen erfüllt zurück. Sie sind mit leeren Händen ausgesandt worden und haben erlebt, dass diese Leere erfüllt wird. Sie haben große Dinge getan – geheilt, befreit, ermutigt, aufgerichtet, gepredigt. Das hat nicht unbedingt die Welt verändert, aber das Leben einiger Menschen hat eine neue Perspektive gewonnen. Und sie selbst haben gespürt: Die Vollmacht Jesu ist wirksam, auch in unserem Tun und Reden.

 Und er nahm sie zu sich, und er zog sich mit ihnen allein in die Stadt zurück, die heißt Betsaida. 11 Als die Menge das merkte, zog sie ihm nach. Und er ließ sie zu sich und sprach zu ihnen vom Reich Gottes und machte gesund, die der Heilung bedurften.

  Zeit für eine Pause, ein Innehalten. Jesus ist nicht „atemlos durch die Nacht“ (H. Fischer) auf dem Weg. Aus dem geplanten Rückzug aber, aus der Atempause wird nichts. Das Volk lässt sie nicht los und Jesus lässt es zu, dass die Menge sich um sie sammelt. Er setzt hier bei Betsaida – der Name bedeutet: Ort der Sättigung! – fort, was er zu vor getan hat und was seine Jünger auf ihrer Wanderschaft getan haben – predigen und heilen. Für Jesus ist das die Aufgabe seines Lebens, ein „Herzensanliegen“, wie man heute gern sagt. Er sieht die Menge und weiß, was sie bedürfen, worauf sie warten. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort Gottes.“ (4,4). Wir brauchen die Nahrung der Seele, auch wenn sie die Nahrung des Leibes nicht überflüssig macht.

   Es ist eine Spannung, die in diesem Erzählen nur vage angedeutet wird. Jesus folgt in seinem Tun, Reden und Gehen einem großen Plan. Er ist unterwegs unter einer großen Aufgabenstellung. Unterwegs auf dem Weg Gottes, der das Ziel der Erlösung hat, der Rettung der Welt, des Heils, des Reiches Gottes. Das hindert ihn aber in keiner Weise, die jeweilige Situation wahrzunehmen, sich davon berühren zu lassen, dass Menschen seiner bedürfen, seiner Hilfe, seines Heilens und im Folgenden des Brotes, das er austeilen wird. Jesus geht nicht um des großen Planes und Zieles willen an der konkreten Not vorbei. Anders als der Priester und der Levit, von denen er erzählen wird – auf der Straße zwischen Jericho und Jerusalem. Er lässt sich auf dem Weg unterbrechen und aufhalten.

12 Aber der Tag fing an, sich zu neigen. Da traten die Zwölf zu ihm und sprachen: Lass das Volk gehen, damit sie hingehen in die Dörfer und Höfe ringsum und Herberge und Essen finden; denn wir sind hier in der Wüste. 13 Er aber sprach zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen.

Es gibt ein Problem. Über all den tiefen Gedanken und den guten Taten neigt sich der Tag seinem Ende zu. Es war erfüllte Zeit, aber jetzt ist andere Zeit. Die Stunde der Zwölf schlägt. Es ist die Stunde derer, die sich verantwortlich zeigen, die ein Auge haben für die Notwendigkeiten des Lebens. Menschen wollen und brauchen nicht nur schöne Worte, sie wollen und brauchen auch Essen. Sie brauchen einen Platz zum Schlafen. Man muss sich doch den Gegebenheiten stellen.

   Es klingt fast ein bisschen ironisch, was Jesus sagt: Gebt ihr ihnen zu essen. Wenn ihr das Problem schon seht, dann handelt doch. Wenn ihr euch zuständig fühlt, dann handelt doch. Ihr braucht nicht meine Erlaubnis. Was ihr als Notwendigkeit erkennt, das fordert euch heraus. Stellt euch.

   Manchmal denke ich: Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir heutzutage nicht nur Probleme benennen würden – das tun wir als Kirche gern – sondern wenn wir uns dann auch dem stellen, was wir als Problem erkannt haben. Wir brauchen keine Erlaubnis, um etwas zu tun, was Not lindert, sie abwendet, was Menschen in ihrer Not hilft. Wir können ziemlich sicher sein, dass der Herr der Kirche nicht als Kleinglauben tadeln wird, wenn wir uns tatsächlich und tatkräftig engagieren.

Sie sprachen: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische, es sei denn, dass wir hingehen sollen und für alle diese Leute Essen kaufen. 14 Denn es waren etwa fünftausend Mann.

 Merkwürdig. Sie haben das Problem gesehen, aber sie warten auf Anweisung. Vor allem fällt das auf: Die gleichen Leute haben eben noch davon erzählt, welche große Dinge sie getan hatten. Aber da ist kein Transfer von dieser Erfahrung, die sie so erfüllt hat, in die neue Situation. Da ist kein Gedanke, dass die gegebene Vollmacht auch jetzt noch reichen könnte. Es ist offensichtlich von Anfang an schwierig, aus den Erfahrungen, die man gemacht hat, Impulse zu behalten, die die Situation jetzt bewältigen lassen.

   Sollen wir Essen kaufen? Für alle diese Leute – das klingt fast ein bisschen distanziert. Sie müssten doch eigentlich für sich selbst sorgen. Warum jetzt wir? Das ist der Stress, den man sich einhandelt, wenn man sich um Leute kümmert. Sie erwarten es dann auch, dass man es weiter tut. Bei Lukas wird das später so klingen: „In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.“ Apostelgeschichte 6,1) Die Aufgaben, die große Zahl kann einem über den Kopf wachsen. Und Jesus hat dafür so wenig Verständnis? Gebt ihr ihnen zu essen.

Er sprach aber zu seinen Jüngern: Lasst sie sich setzen in Gruppen zu je fünfzig. 15 Und sie taten das und ließen alle sich setzen. 16 Da nahm er die fünf Brote und zwei Fische und sah auf zum Himmel und dankte, brach sie und gab sie den Jüngern, damit sie dem Volk austeilten. 17 Und sie aßen und wurden alle satt; und es wurde aufgesammelt, was sie an Brocken übrig ließen, zwölf Körbe voll.

    Gott sei Dank lässt Jesus sich doch erweichen. Er ergreift die Initiative und ordnet die Tafel. Es geht ordentlich zu im Reich Gottes. In solcher Klein-Gruppen-Formation wird keiner übersehen werden.

 Und dann kommt es wieder zu der Reihenfolge, die auch am Anfang der Aussendung stand: Empfangen und geben, empfangen und austeilen. Jesus nimmt aus den Händen der Zwölf, was sie haben. Er zaubert nicht aus dem Himmel. Er nimmt nicht aus leeren Händen. Er nimmt, was da ist, auch wenn es wenig genug ist. ελγησεν – er dankte – ist segnen und danken in einem Wort. Jesus stellt die Brote – ρτοι – in seinem Segnen, seinem Danken in den Zusammenhang zu dem großen Geber aller Gaben, zu dem Schöpfer des Himmels und der Erde, zu seinem Vater im Himmel. So empfängt er und gibt dann weiter, damit die Zwölf weitergeben können. Und sie empfangen und geben. Und so wird in diesem Empfangen und Weitergeben das Wenige genug.

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.                                                                                                                                  Der römische Brunnen – C.F. Meyer

              Gewiss, nur ein Gedicht. Aber ein Gedicht, das doch nahe bei dem ist, was hier das Evangelium vor Augen stellt. Empfangen drängt zum Weitergeben. Wer nur empfängt, ohne weiter zu geben, wird irgendwann übervoll, ersticken.

              Es gibt einen anderen Liedtext, der für mich treffend ist für das Geschehen in der Nähe von Betsaida, das doch weit über Betsaida hinaus weist, allein schon durch die Ordnung und die Haltung Jesu – dankte, brach sie und gab, die an eine Abendmahlsfeier erinnert.

 Er sendet Tau und Regen und Sonn und Mondenschein
und wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein
und bringt ihn dann behende in unser Feld und Brot
es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.                                                                                 M.
Claudius 1783, EG 508

              Wohl wahr, es sind die Hände der Jünger, die austeilen. Aber in Wahrheit kommt die Gabe aus der Fülle Gottes, aus der Fürsorge Gottes. Die Jünger sind die Handlanger – nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Und was sie da austeilen, reicht für alle. Und es ist wie ein großes Versprechen: Zwölf Körbe bleiben übrig, genug für das ganze Gottesvolk.

Zum Weiterdenken

            Alles fängt mit dem Sehen an – dass Jesus die Menge sieht, dass die Jünger die Herausforderung sehen, dass Jesus sie auffordert, ihre Ressourcen und nicht nur das Problem anzusehen. In diesem Sehen geht es immer darum, die Augen weg von sich, hin auf die anderen zu richten. Alles fängt damit an, dass ihr Sehen der Weg zu einer Erfahrung wird: das Wenige, was wir sehen und die vielen, die wir sehen – das gehört zusammen.

Ich lerne in diesen Corona-Tagen noch einmal neu, Texte zu lesen: Fünf Brote, zwei Fische – und das soll für 5000 reichen? Was mir noch nie aufgefallen ist: Es gibt kein Klagen bei dem Volk: Du hast uns hierher gelockt. Kein Fragen: Wer wird für Essen sorgen? Es gibt keinen Vorwurf an Jesus: Du bist mit deinem langen Reden schuld an der Situation. Es gibt nur das Gespräch Jesu mit seinen Jüngern, darüber, was denn noch möglich sein könnte. Jetzt. Das Volk schweigt. Wartet?

            Es ist wohl ein Gedankensprung, der Aktualität geschuldet. Aber mir fällt die Differenz zu uns heute auf. Bei uns wird geklagt, lamentiert, gefordert und die Frage nach möglichen Fehlern und Versäumnissen steht ständig im Raum. Gebündelt in der bangen Frage: Was ist so wenig Impfstoff unter so viele? Wann bin ich endlich dran. Vordrängeln inklusive. Jesus ordnet die unübersichtliche Menge in Gruppen zu je fünfzig. Das ist nicht unsere Einteilung in Prioritätengruppen, aber es geht mir trotzdem durch den Kopf. Es braucht Ordnung und sie stellt sich nicht von selbst her. Sie muss angeordnet werden. Ob es entscheidend ist für das Gelingen? Die Fünftausend lassen sich auf diese Ordnung ein.

 

Jesus, Dir reicht, was wir Dir anvertrauen und wenn es noch so wenig ist. Dir reicht unser kleiner Glaube, unser verzagtes Bitten, unser unentschlossenes Fragen, unser geringes Hab und Gut, damit es in Deinen Händen zum Segen wird.

Dir reicht, dass wir Dir bringen was wir haben, dass wir Dir geben was wir können, dass wir Dir sagen was wir sehen – und Du lässt Dich davon bewegen, bringst es zu dem Vater im Himmel und daraus wird Segen genug für viele.

Hilf uns, dass wir uns nicht hinter Dir verstecken, sondern tun, was wir selbst können und Deine Hilfe suchen, wo wir nicht wissen, wie es gehen soll. Amen