Auf Augenhöhe

Lukas 9, 1 – 9

1 Er rief aber die Zwölf zusammen und gab ihnen Gewalt und Macht über alle bösen Geister und dass sie Krankheiten heilen konnten 2 und sandte sie aus, zu predigen das Reich Gottes und die Kranken zu heilen.

  Jesus ist kein Solitär. Er ist keiner, der für sich behält, sich selbst allein ins Licht rücken will. Er gibt den Jüngern, hier den Zwölfen, Anteil an dem, was er selbst hat, von Gott hat: Gewalt und Macht über alle bösen Geister und dass sie Krankheiten heilen konnten. Man könnte sagen: Er erweitert durch seinen Jünger seinen Wirkungskreis. Jesus sieht seine Vollmacht nicht exklusiv, als seinen „Privatbesitz”; sie dient nicht der eigenen Erhöhung. Sie dient ihm nicht als Instrument der eigene Größe. Sondern sie ist um der Menschen willen von Gott gegeben. Er sammelt die Jünger um sich, um sie auszurüsten und zu senden.

  Er ruft sie zusammen – aus der Vereinzelung heraus, zu einem Miteinander. Das ist ein grundlegender Zusammenhang aller Weitergabe des Glaubens: Erst kommt die Sammlung um Jesus, die Sammlung in der Gemeinschaft, dann die Sendung, erst empfangen, dann weitergeben. Damit die Gebundenen frei werden, damit die Geschlagenen aufgerichtet werden, damit die Kranken auf die Füße kommen – dafür sammelt Jesus seine Leute, rüstet sie aus und sendet sie. Wenn man so will: Er multipliziert sich, er vergrößert die Reichweite, denn – so simpel es klingt, es ist wahr: Er, der Irdische, wahrer Mensch, kann ja nicht überall sein.

Zu dem, was sie tun können und sollen, kommt, was sie ansagen sollen – es geht darum, dass sie das Reich Gottes predigen. Wie Botschafter, Herolde sollen sie das Reich Gottes ausrufen. Und indem sie es ausrufen, kommt es als Wirklichkeit in die Welt hinein. Alles, was über das wirkende Wort Jesu zu sagen ist, wird hier weiter gegeben in dem Wort seiner Jünger. Sie sind – predigend – an der Aufrichtung des Reiches beteiligt.

  Über die historische Erinnerung an eine Sendung der Jünger in die Dörfer und Städte Galiläas (?) hinaus wird hier auch die Mission der ersten christlichen Gemeinden in Blick genommen. Auch sie lebt davon, dass die Christen und Christinnen (=Jüngerinnen und Jünger) empfangen, was sie weitergeben. Es ist der Grundrhythmus des christlichen Zeugnisses, der hier abgebildet wird – aus dem Hören, dem Empfangen von Jesus kommt das Handeln und Weitersagen.   

Gewalt und Macht über alle bösen Geister, die Kranken zu heilen, das Reich Gottes predigen – das ist Auftrag an seine Jünger – und damit doch auch an uns. Und bis heute müssen wir alles, was wir tun und sagen, als Kirche und als einzelnen Christen unter diese Fragen stellen: Ist unser Reden und Tun geeignet, in eine größere Freiheit zu führen, Bindungen zu lösen, Ängste zu überwinden? Oder schüren wir nur Ängste und machen das Leben eng? Ist es geeignet zu helfen, dass Menschen aufrecht gehen, dass ihnen der Rücken gestärkt wird, dass sie sich nicht wegducken und sich nicht klein machen und kleinmachen lassen? Oder fordern wir Unterwerfung unter unsere Regeln, egal, wie? Ist es dazu geeignet, dass Menschen einen weiten Horizont gewinnen, dass sie eine größere Zukunft für sich selbst glauben können als die sie sich erarbeiten können? Oder wissen auch wir nur von der Zukunft zu reden, die aus unseren Leistungen entsteht? Glauben wir eine Zukunft und sagen sie an, die auf uns zukommt und die schon jetzt die Fülle des Reiches Gottes als Silberstreifen in einer dunklen Welt am Horizont aufleuchten lässt?

 3 Und er sprach zu ihnen: Ihr sollt nichts mit auf den Weg nehmen, weder Stab noch Tasche noch Brot noch Geld; es soll auch einer nicht zwei Hemden haben. 4 Und wenn ihr in ein Haus geht, dann bleibt dort, bis ihr weiterzieht.

   Schutzlosigkeit. Der Weg der Jünger ist ein Weg ohne äußere Sicherheiten. Es ist ein Weg mit leeren Händen, der angewiesen macht. Kein Brot, kein Geld, kein schweres Gepäck – alles, was sonst Sicherheit auf dem Weg ausmacht, entfällt. Wenn die Botschaft des Reiches Gottes heißt, dass man sich der Fürsorge des Vaters im Himmel anvertrauen darf, dann ist die äußere Armut der Boten ein Signal, eine Unterstreichung der Worte, die sie sagen. Die Jünger sind auf Gastfreundschaft angewiesen, auf freundliche Aufnahme. Sie, die von der Herberge des Lebens in Gott sagen, haben keine eigene Herberge. Sie sind auf die Versorgung Gottes durch die Freundlichkeit der Menschen angewiesen.

5 Und wenn sie euch nicht aufnehmen, dann geht fort aus dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen zu einem Zeugnis gegen sie.

Wer mit leeren Händen kommt, empfängt oder geht eben mit leeren Händen weiter. Dieses Weitergehen sagt etwas von verweigerter Gastfreundschaft, verweigerter Solidarität, verweigertem Vertrauen. Wer die Jünger nicht aufnimmt, nimmt den nicht auf, der sie gesandt hat. Es ist kein rachsüchtiges Verhalten, auch nicht ein nonverbaler Fluch. Einfach nur: Weggehen, weitergehen – wir haben uns nichts mehr zu sagen.  Für diesen Abbruch aber tragen sie die Verantwortung, die die Aufnahme verweigert haben.

 6 Und sie gingen hinaus und zogen von Dorf zu Dorf, predigten das Evangelium und machten gesund an allen Orten.

 So gehen sie los und tun auf ihrem Weg von Dorf zu Dorf, was Jesus ihnen aufgetragen hat. Es ist fast erschreckend, wie nüchtern, unpathetisch, dieser Satz da steht. Eine winzige Verschiebung gibt es gegenüber dem Auftrag. Sie predigten das Evangelium heißt es jetzt statt zu predigen das Reich Gottes. (9,2) Ist das Zufall? Will Lukas nur im Ausdruck variieren? Oder sind Reich Gottes und Evangelium synonym? Mir scheint, dass hier schon die Praxis der christlichen Mission hinein spielt, in der das Evangelium von Jesus Christus verkündigt wird, sein Leben, Sterben und Auferstehen, sein Vergeben und Heilen, sein Zurechtbringen und Versöhnen mit Gott.

 7 Es kam aber vor Herodes, den Landesfürsten, alles, was geschah; und er wurde unruhig, weil von einigen gesagt wurde: Johannes ist von den Toten auferstanden; 8 von einigen aber: Elia ist erschienen; von andern aber: Einer von den alten Propheten ist auferstanden.

 Herodes hört, was sich tut. Dass da Leute im Namen Jesu unterwegs sind. Der Erzähl-Zusammenhang legt nahe: Er hört von dem „multiplizierten“ Jesus. Das alles ist bestürzend. Hatte er sich doch gerade erst den unbequemen Mahner Johannes von Hals geschafft – jetzt steht ein Neuer auf dem Plan. Und diesmal nicht einer, der als charismatische Einzelperson wirkt und der als ein Einzelner auch gut zu „entsorgen“ wäre. Dass Jesus seine Jünger aussendet, lässt Herodes unruhig werden – eine Bewegung ist schwerer zu stoppen als ein Einzelner. Sein unruhig Werden ist kaum dem schlechten Gewissen über den Mord an Johannes dem Täufer geschuldet, sondern eher der Frage, was denn zu tun sei, um dieser neuen Bewegung Herr zu werden.

 Was mir auffällt, ist das Weltverständnis, das sich hier zeigt. Es gibt ein Rechnen mit Wiedergängern. Darum Johannes, Elia, oder einer der alten Propheten. Der Tod ist nicht das Ende und nicht totsicher. Das Totenreich ist nicht hermetisch abgeschlossen. Es gibt Zugänge aus dem Reich der Toten in das Leben, in die Wirklichkeit hier. So denken zumindest „die Leute.“ Bis heute ist das attraktiv, scheint es doch auf so etwas wie Wiedergeburten in weiterem Leben hinzuweisen.

9 Und Herodes sprach: Johannes, den habe ich enthauptest; wer ist aber dieser, über den ich solches höre? Und er begehrte ihn zu sehen.

   Herodes erscheint dem gegenüber aber geradezu vernünftig skeptisch. Er weiß, dass Johannes tot ist, er hat ihn ja selbst töten lassen – und kann sich seine Wiederkehr offensichtlich deshalb nicht vorstellen. Das klingt zynisch: `Wen ich habe enthaupten lassen, der ist endgültig und für immer weg.’ Umso dringlicher wird aber dadurch die Frage: Wer ist dann dieser? Was steckt hinter ihm? Wer steht hinter ihm? Aus welcher Wirklichkeit heraus handelt er?

Herodes will sich ein Bild machen von Jesus. Er traut sich zu, seinen Augen, Ohren, seinem Verstand, seinen Sinnen, dass sie erfassen und begreifen können, wer mit Jesus auf dem Plan ist. Es ist nicht das Fragen des Glaubens, das Herodes antreibt, sondern das Wissen-Wollen der autonomen Vernunft, der politischen Rationalität.

Zum Weiterdenken

So erzählt also Lukas: Schon zu Lebzeiten Jesu eine Sendung der Zwölf. Nicht nur ein Testlauf Es ist vielmehr ein Vertrauensbeweis Jesu an seine Jünger: Ich traue euch zu, dass ihr meine Arbeit tut. Ich traue euch zu, dass ihr mein Werk eigenständig fortsetzt, multipliziert. Diese Sendung der Jünger ist der schärfste Widerspruch gegen alle Kritik, die unterstellt, dass die Jünger das Werk Jesu vertan haben, dass sie es vermurkst haben. „Jesus verkündigte das Reich Gottes und es kam die Kirche.“(A. Loisy) Wer das sagt, hat den Beifall der Spötter sicher – nur nicht den Beifall Jesu!

 Jesus hat gewusst, wem er sein Werk anvertraut. Er hat keine himmlischen Heerscharen geordert, sondern zwölf Leute mit Macken und Aussetzern. Ich lerne: Die Inkarnation geht weiter. Es gibt das Evangelium nicht anders als durch diesen bunten Haufen der Jünger, die den Ruf gehört haben, ihm gefolgt sind und ihn weiter tragen. Der bunte Haufen Kirche heute steht in dieser apostolischen Sukzession. Das ist mir Trost und Ermutigung. Jesus ruft seine Leute und er traut ihnen und gibt ihnen für ihre Arbeit Rückenwind. Er weiß: sie werden Fehler machen. Sie sind nicht perfekt. Aber ich sende sie. Das genügt.

Mir scheint, diese Aussendung der Jünger spielt für unser alltägliches Kirche-Sein nicht wirklich eine Rolle. Es ist historische Erinnerung. Mehr nicht. Sie steht im Evangelium. Aber sie prägt im Grunde an keiner Stelle kirchliche Verhaltensweisen. Ob das immer schon so war, weiß ich nicht. In früheren Zeiten waren auch in unseren Breiten Wanderprediger angewiesen – auf Gastfreundschaft. Sie hatten zu wenig, um sich Hotelbetten zu leisten. Heutzutage gibt es diese Sorte Wanderprediger, die nach einer Unterkunft fragen müssen, die sie gastlich aufnimmt, kaum noch.

            Vielleicht ist dieses „angewiesen“ die größte Herausforderung für uns heute. Wir sind nicht so gerne angewiesen, sondern lieber abgesichert. Autonom, was das Materielle angeht. Mit dem Gehalt eines Pfarrers im Rücken, der Rente auf dem Konto, lässt es sich leichter, sorgloser über Vertrauen reden. Aber dieses Reden wird nicht mehr durch die eigene Existenz in der Weise unterstrichen, dass wir leere Hände haben, die sich bittend ausstrecken müssen. Natürlich bleiben wir angewiesen auf das Wort, auf den Geist, auf den Einfluss Gottes – aber im Materiellen sind wir weit weg von der Wirklichkeit dieser Jünger Jesu.

    Es macht einen Unterschied, ob mir jemand von Gottes Fürsorge erzählt, der seinen Konto-Auszug ohne jede Aufregung daheim liegen hat oder ob es jemand ist, der keinen Konto-Auszug hat, der mir sein Vertrauen in der Form seines Lebens vor Augen hält. Vielleicht leidet die Weitergabe des Evangeliums heute auch darunter, dass wir als Kirche eine abgesicherte Institution und Großorganisation sind, und Pfarrer und Pfarrerinnen so als Funktionäre ohne Risiko erscheinen.

 

Jesus, Du gibst Deinen Jüngern Anteil an Deiner Macht, Deinem Weg, Deinem Leben, an Dir selbst. Du traust uns zu, dass wir aufrichten, zurecht bringen, trösten, vergeben, versöhnen, heilen, dass wir mit unserer kleinen Kraft Dein Reich voran bringen.

Dafür willst Du unsere leeren Hände, offenen Herzen, unser Vertrauen, dass Du genug hast und genug bist für uns. Stärke Du dieses Vertrauen in mir. Amen