Keine ist aufgegeben

Lukas 8, 40 – 56

40 Als Jesus zurückkam, nahm ihn das Volk auf; denn sie warteten alle auf ihn.

    Das ist mehr als ein Übergangs-Satz. Der Unterschied zu der Aufnahme auf der anderen See-Seite fällt ins Auge. Da wollen sie Jesus wieder loswerden. Hier, in seiner Stadt, in Kapernaum wartet das Volk auf ihn. In der alten Luther-Übersetzung (1964) heißt es noch „und nahmen ihn auf mit Freuden.“ So schwingt es im griechischen Wort für das Aufnehmen Jesu durch das Volk mit. Hier – im Unterschied zu dem Gerasener-Land ist Jesus hoch willkommen.

41 Und siehe, da kam ein Mann mit Namen Jaïrus, der ein Vorsteher der Synagoge war, und fiel Jesus zu Füßen und bat ihn, in sein Haus zu kommen; 42 denn er hatte eine einzige Tochter von etwa zwölf Jahren, die lag in den letzten Zügen. Und als er hinging, umdrängte ihn das Volk.

 Kaum ist er da, schon wird er gebraucht. Mitten in der erwartungsvollen Menge tritt einer hervor, öffentlich, dessen Erwarten aus seiner Not begründet wird. Auch hochgestellte Persönlichkeiten wie ein Vorsteher der Synagoge werden von schweren Schicksalen nicht verschont. Jaïrus braucht Hilfe, braucht den Wunderheiler Jesus. Ich vermute, die Sympathie der Menge ist Jaïrus gewiss, weil man ihn ja kennt und schätzt. Er ist ein angesehener Mann, einer, der im Ort zählt und dessen Wort und Verhalten Gewicht hat. Umso auffälliger, vielleicht gar verstörender sein Verhalten jetzt. Der Kniefall vor Jesus.

 Die einzige Tochter liegt todkrank nieder. μονο­γενής schreibt Lukas – das ist die eingeborene Tochter. Das gleiche Wort verwendet das Johannes-Evangelium für Jesus als den „eingeborenen Sohn vom Vater“ (Johannes 1,14)! Mit ihr als dem einzigen Kind geht es auf das Sterben zu. Was für ein Schmerz für den Vater. Von der Mutter – kein Wort.

Not kennt kein Gebot – und so wirft Jaïrus sich Jesus zu Füßen. Es ist die Haltung eines verzweifelten Vaters, der um Hilfe bittet und bettelt, aber es ist keine Anbetung. Das gibt das griechische Wort für seinen Kniefall nicht her. Nur rasch muss es gehen, trotz des Gedränges in der Menschenmenge. Und Jesus geht mit, weil es eilt.

 43 Und eine Frau hatte den Blutfluss seit zwölf Jahren; die hatte alles, was sie zum Leben hatte, für die Ärzte aufgewandt und konnte von keinem geheilt werden. 44 Die trat von hinten an ihn heran und berührte den Saum seines Gewandes; und sogleich hörte ihr Blutfluss auf.

 Solche „Sandwich-Geschichten“ – dazwischen geschoben in einen größeren Rahmen – liebt vor allem Markus. Aber hier ist es auch so, Lukas folgt mit seinem Erzählen der Vorlage des Markus. Für den Vater Jairus kann es nicht schnell genug gehen. Der Erzähler Lukas aber weiß, wie sich das Geschehen verlangsamt.

 Es gibt nicht nur das verlöschende Leben der Jaïrus-Tochter. In der Menge ist eine Frau, deren Leben buchstäblich verrinnt – mit ihrem Blutfluss. Im Blut ist das Leben – so das Wissen der Alten. Es klingt wie eine leise Kritik: Alle Bemühungen der Ärzte sind vergebens und haben ihr nicht das Leben gesichert, wohl aber den Lebensunterhalt gekostet. Das Geschäft mit der Angst um die Gesundheit ist uralt.

  Diese Frau ist mitten unter dem Volk, aber sie dürfte dort eigentlich nicht sein. Sie ist – im Gegensatz zu Jairus – mit ihrer Not nicht öffentlich, kann sie auch nicht öffentlich machen. Sie muss alles meiden, was auffällig sein könnte, Aufmerksamkeit auf sie lenken könnte. Nach dem Gesetz ist sie durch ihren Blutfluss unrein, ausgeschlossen vom Leben. Jede noch so zufällige Berührung mit ihr verunreinigt den, der sie berührt. Und wie soll das gehen, dass sie in dem Gedränge um Jesus unberührt bleibt? Wenn die Menge wüsste, was sie „hat“, sie würden sie davon jagen. So erlebt sie, wie ihr Leben zerläuft, seit Jahren, genauer seit zwölf Jahren, eine ganze Lebenszeit. Das zwölfjährige Mädchen, am Anfang des Lebens, und die zwölfjährige Leidenszeit der Frau stehen nebeneinander – oder stehen sie einander gegenüber? Kann er der einen nur auf Kosten der anderen gerecht werden? Wie soll das gehen?

  Aber all das kommt in der Menge überhaupt nicht zur Sprache, obwohl es doch wenigstens die Not und einen Anfangs-Glauben verdeutlichen könnte. Aber nichts wird benannt. Keine Überlegung der Frau: „wenn ich ihn anrühre…“, keine Bitte um Hilfe, keine noch so vage Hoffnung auf ein Wunder. Nur ein Herantreten von hinten und ein Berühren – und es geht wie ein unsichtbares und unhörbares Signal durch ihren Körper und der Blutfluss kommt zum Stillstand. Das Leben bleibt in ihr.

    Ich stelle mir vor, wie die Frau da steht, in ihren Körper hinein horcht, in ihren Körper hinein spürt, ihre Ängste wahrnimmt. Was ist das, was da an mir geschieht? Kann ich dem trauen, was ich zu spüren glaube? Wie viele vergebliche Hoffnungen aus zwölf Jahren Leidens-Zeit – und jetzt, mit einen Augenblick, nein mit einer Berührung, von hinten, nicht einmal von Angesicht zu Angesicht – jetzt soll alles gut sein? Es wäre wahrlich kein Wunder, wenn sie wie erstarrt da stünde, sich nicht rühren könnte, weil in ihr der Todesfluss sich nicht mehr rührt.

45 Und Jesus fragte: Wer hat mich berührt? Als es aber alle abstritten, sprach Petrus: Meister, das Volk drängt und drückt dich. 46 Jesus aber sprach: Es hat mich jemand berührt; denn ich habe gespürt, dass eine Kraft von mir ausgegangen ist.

  Mag sein, sie steht so da. Sie hat etwas gespürt – und Jesus auch: Wer hat mich berührt? Was für eine schräge Frage mitten im Getümmel. Könnte er nicht besser fragen: Hat einer mich jetzt noch nicht berührt? Warum es alle abstreiten, ist nicht wirklich klar. Ahnen sie, dass es um mehr geht als um einen Schubser? Petrus hat die Erklärung zur Hand, die alle durch den Auflauf bestätigt sehen: Da sind doch so viele und alle wollen dich berühren. Jesus aber hat gespürt, dass da mehr war, als ein Volksauflauf, als ein Bad in der Menge  mit dem üblichen Körperkontakt.

Fast könnte man davon reden, dass Jesus ein ausgeprägtes Körperbewusstsein hat, dass er die Energien seines Körpers kennt und weiß, dass sie sich vermindern, wenn seine Körperenergie sich anderen mitteilt. Solche Erklärungs-Versuche scheinen mir ebenso rationalistisch wie esoterisch. Kraft, δυναμις ist von ihm ausgegangen. Etwas von seiner Lebenskraft hat sich einem anderen mitgeteilt – Jesus spürt es und er will wissen, wer der Empfänger war.

47 Als aber die Frau sah, dass es nicht verborgen blieb, kam sie mit Zittern und fiel vor ihm nieder und verkündete vor allem Volk, warum sie ihn angerührt hatte und wie sie sogleich gesund geworden war. 48 Er aber sprach zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh hin in Frieden!

 Wieder einmal klingt es wie ein Selbstzitat des Lukas: „Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werden soll.“ (8,17) heißt es im Mund Jesu und ist ein Hinweis darauf, dass es vergebliche Mühe ist, den Glauben zu verbergen, zu verschweigen. Was da in der Menge verborgen geschehen ist, kommt doch ans Licht. Es ist das göttliche Muss, das dazu führt.

 So stehen sie jetzt einander gegenüber – die Frau, die die Heilkraft empfangen hat und Jesus, von dem sie ausgegangen ist. Und sie sagt ihm und vor allem Volk, was geschehen ist. Jetzt erst kommt ihr „Warum“ zur Sprache, ihre vage Hoffnung, ihre zitternde Zuversicht und dass sie nicht getrogen hat, die Hoffnung auf die bloße Berührung Jesu. Und er, er nennt das, was sie getan hat: Glauben.  Kein Wort hatte sie gesagt, nur einen Schritt getan, nur eine Hand ausgestreckt – und dies ist Glaube, der rettet. Im Griechischen steht da mehr als das deutsche „geholfen“ für uns ausdrückt. Es geht um ein Gerettet Sein, weil sie den Retter berührt hat, um ein Geheilt Sein, weil sie den Heiland angerührt hat.

 Das alles geschieht unterwegs, by the way, ungeplant, nicht vorhersehbar, in keinem Termin- oder Reiseplan vorgesehen. Eher sogar eine unliebsame und für Jaïrus jedenfalls völlig ungelegene Unterbrechung. Es könnte gut eine Botschaft sein: Es gibt den Augenblick, der sich heilsam ereignet, obwohl er in keinem Plan steht, obwohl er nicht bewusst gesucht worden ist. Es gibt den Augenblick, in dem die Kraft Gottes sich mitteilt, so wie wir es mit unserem wachen Bewusstsein wohl nie erwarten würden. Aber es gibt sie wirklich.

 49 Als er noch redete, kam einer von den Leuten des Vorstehers der Synagoge und sprach: Deine Tochter ist gestorben; bemühe den Meister nicht mehr.

Es ist zu spät. Die Heilung der einen hat die Zeit gekostet, die für die Rettung der anderen notwendig gewesen wäre. „Leben wird immer auf Kosten anderen Lebens gelebt.“ (A. Schweitzer) Die Boten reden mit Jairus und sagen ihm: Er kann auch nichts mehr machen. Lass es gut sein – auch für Jesus gibt es ein zu spät, eine Grenze, über die er nicht mehr helfen kann, die seine Macht übersteigt.

 50 Als aber Jesus das hörte, antwortete er ihm: Fürchte dich nicht; glaube nur, so wird sie gesund! 51 Als er aber in das Haus kam, ließ er niemanden mit hineingehen als Petrus und Johannes und Jakobus und den Vater und die Mutter des Kindes.

   Will Jesus nicht wahrhaben, was er hört? Fürchte dich nicht; glaube nur, so wird sie gesund! Was ist das für eine Zumutung an den Vater. Und er, der vorher so viel Zeit hatte im Getümmel auf dem Weg – er geht jetzt zielstrebig weiter und nimmt das Geschehen in die Hand. Allein darauf kommt es an: Fürchte dich nicht; glaube nur.  Es wirkt, als könnte das ein Schlüssel zur Rettung sein, wie auch immer sie aussehen mag. Nur Petrus, Johannes und Jakobus und die Eltern nimmt er mit. Das sind seine besonderen Vertrauten und die besonders Betroffenen. Sie, die es wirklich angeht, dieses Sterben vor der Zeit, die sind nun bei ihm und bei ihr, verborgen vor den Augen der anderen.

52 Sie weinten aber alle und klagten um sie. Er aber sprach: Weint nicht! Sie ist nicht gestorben, sondern sie schläft. 53 Und sie verlachten ihn, denn sie wussten, dass sie gestorben war.

  Nach der Erzählung sind „sie“ die, die er mitgenommen hat in das Zimmer, mitgenommen hat zu dem toten Mädchen. Oder sind es die, die im Haus des Jairus auf günstige Botschaft, auf den Heiler gewortet hatten und jetzt wissen: vergeblich? Jedenfalls, es sind nicht die draußen vor der Tür, nicht die Boten, nicht das Volk. Die, die bei ihm sind und mit ihm vor ihr stehen, der zwölfjährigen Tochter.  Sie weinen und stimmen die Totenklage an – was sollen sie auch sonst noch tun? Er aber gebietet ihnen Einhalt. Das ist zu früh. Ihr täuscht euch. Da ist noch Leben. Aber sie lachen, lachen ein verzweifeltes, schreckliches Lachen, hoffnungslos und mit Unverständnis durchtränkt. Was redest du da?

Es gleicht dem Lachen wie in uralter Zeit, als von Sarah erzählt wird: „Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt. Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes. Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun ich alt bin, soll ich noch der Liebe pflegen, und mein Herr ist auch alt! Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Meinst du, dass es wahr sei, dass ich noch gebären werde, die ich doch alt bin? Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? (1. Mose 18, 9 – 14) Es ist dieses schmerzliche Lachen, wenn der Glaube nicht mehr reicht, an seine Grenze stößt.  Wir wissen es besser als du mit deinem Glauben – sagt dieses Lachen – und: Mach dich nicht lächerlich!

  Es gibt dieses verzweifelte Abwinken auch in der Nähe Gottes, in der unmittelbaren Nähe Jesu. Es ist nicht die Sache derer, die mit dem Glauben sowieso nichts am Hut haben. Es ist oft genug die Sache gerade derer, die keine andere Zuflucht im Leben haben als diesen Gott. Es ist ihnen verwehrt, sich abzufinden mit dem Leben, so wie es halt ist. Aber es ist wie eine offene Wunde, dass ihre Vernunft ihr Hoffen Lügen straft, dass ihr Realismus sie zur Anerkennung der Realität und zum Verzicht auf die noch so verzweifelte Hoffnung bringen will. Da bleibt manchmal nur dieses Lachen.

 54 Er aber nahm sie bei der Hand und rief: Kind, steh auf! 55 Und ihr Geist kam wieder und sie stand sogleich auf. Und er befahl, man solle ihr zu essen geben. 56 Und ihre Eltern entsetzten sich. Er aber gebot ihnen, niemandem zu sagen, was geschehen war.

   Jesus aber spricht das Wort, das dieses Lachen verstummen lässt und ein anderes Lachen auf den Plan bringt – das Lachen der Beschenkten, der Befreiten und die Tränen der Erleichterung. Kind, steh auf! Und dann geht es ganz nüchtern zu: die Kranke muss essen, damit sie wieder zu Kräften kommt. Die Eltern müssen aus ihrer Fassungslosigkeit und ihrem Erschrecken heraus finden. Und sie sollen es für sich behalten. Wie sollte auch das Leben dieses Mädchens mit dieser Geschichte unbeschwert weiter gehen sollen, wenn es alle wüssten, was da geschehen ist.

Zum Weiterdenken

              Zweimal Heilung nach zwölf Jahren. Zwei Frauen, die wieder auf die Beine kommen. Die brutale Rede: Jeder lebt auf Kosten anderen Lebens wird hier überholt. Das Heil der einen hat die andere nicht das Leben gekostet. Zweimal wird der Rückweg ins Leben geöffnet. Es ist beide Mal die Begegnung mit Jesus, beide mal nicht initiiert aus dem Vollbesitz der Kräfte, sondern einmal zufällig auf dem Weg und einmal von anderen gewollt. So kann es gehen, dass Menschen zu Jesus, zu ihrem Heil kommen – zufällig die einen, durch den Hilferuf anderer die anderen.

      Es soll sicher vor falscher Wundersucht warnen, vor dem Ausschauen nach spektakulären Ereignissen: Wunder – einmal mitten im Gewühl, ohne dass es registriert wird, einmal unter Ausschluss der Öffentlichkeit, nur im engsten Kreis. Jesus setzt nicht auf Wunder und Mund-zu-Mund-Propaganda: Der hat`s drauf. Vielleicht muss uns das dazu bringen, unser Reden von Wundern und über Wunder sorgfältig zu prüfen.

In Zeiten von Corona werde ich auf eine Frage gestoßen, über die der Text schweigt: Wie konnte Jaïrus mit dieser Verzögerung umgehen? Damit, dass Jesus bei der Frau stehenbleibt, umständlich Sachverhalte klärt. Hat er diese Verzögerung nicht innerlich verflucht? Vielleicht hätte er Jesus gerne weiter gezerrt: Mach hin, meine Tochter, es eilt.  Das alles berührt sich mit unserer Debatte, verzweifelt geführt, auch, weil der Impfstoff immer noch Mangelware ist. Die Frage wird nur verklausuliert, verschleiert gesellt: Muss man sich nicht mehr an denen orientieren, die noch viel Leben vor sich haben, die Leistungsträger der Gesellschaft sind. Oder an jungen Schwerstbehinderten? Hätte das Töchterlein des Jairus nicht Priorität gegenüber dieser Frau, der da Leben schon davon gelaufen ist.

            Heute wäre meine Mama 104 Jahre alt geworden. Wenn sie noch lebte – sie würde mit Sicherheit auf eine Impfung verzichten, wenn die dafür einem Enkel/einer Enkelin zugutekäme. Ein Modell für Entscheidungen, die die Gesellschaft durch die Impfkommission treffen muss, ist das gleichwohl nicht.

Jesus, Heiland, Helfer in der Not, wie gut, dass Du den stummen Schrei hörst, der Dich sucht, Deine Hilfe. Wie gut, dass Du Dich rufen lässt, auch dorthin, wo wir nicht mehr glauben, nicht mehr wirklich mit Deiner Macht rechnen. Du gibst keinen auf, wo wir schon längst aufgegeben haben. Dein Ruf in das Leben reicht auch in die Todessphären hinein.

Herr Jesus, Heiland, Helfer in der Not, gib Du mir, Dir zu vertrauen, auch in dem Lachen der Verzweiflung und den Tränen der zerbrechenden Hoffnung. Amen.