Seht darauf, wie ihr hört

Lukas 8, 16 – 18

 16 Niemand aber zündet ein Licht an und bedeckt es mit einem Gefäß oder setzt es unter eine Bank; sondern er setzt es auf einen Leuchter, damit, wer hineingeht, das Licht sehe.

     Ich sehe keinen unmittelbaren Zusammenhang dieses Gleichnis-Wortes zu dem vorangegangen. Es wirkt angehängt und eröffnet einen neuen Gedanken. Allenfalls könnte ich darin eine Brücke sehen: was in einem rechtschaffenen Herzen bewahrt wird, wird nicht ohne Folgen in den Lebensäußerungen bleiben. Es geht dann von der Annahme des Wortes weiter zur Ausstrahlung, die es im Leben gewinnt.

Erneut schlichte Lebenserfahrung. Wer Licht braucht, verdeckt es nicht – außer bei schlechten Absichten. Aber das Normale ist, dass Lichter leuchten sollen. Das gilt sogar im Zeitalter der indirekten Beleuchtung noch immer.

  So klar die Bildhälfte ist, so weit ist das Feld der Übertragungen. Vom Handeln Gottes kann die Rede sein – er wählt sich seine Leute aus, damit sie ausstrahlen und nicht in der Anonymität versinken. Er hat Jesus erwählt, „ein Licht zu erleuchten die Heiden“ (2,32) Gott will nicht, dass sein Heil verborgen ist, geheimnisvolle Botschaft für ein paar Auserwählte, esoterisches Geheimwissen eines Ordens. „Öffentlichkeit“ ist das Stichwort und es passt zu dem Gott, der sich zu erkennen gibt, sich offenbart.

  Wahrscheinlich ist das Wort auch auf Jesu eigenes Wirken zu beziehen. Er weiß, dass seine Worte und seine Taten nicht erborgen bleiben. Sie sind keine Demonstrationen, aber sie strahlen aus. Er weiß, dass er im Dunkel der Welt mit seinem Verhalten ein Licht zum Leuchten bringt. Er will das auch, bejaht es auch Weil es ihm wichtig ist, dass sein Wort unter die Leute kommt, dass sein Erbarmen sich einprägt als Verhaltensmuster für andere.

              So gelesen kann der Passus auch auf die Gemeinde gemünzt sein, die den Auftrag hat, Stadt auf dem Berg zu sein und Licht in der Welt – so sagt es Matthäus (5,14) wo dieses Wort ja auch überliefert ist. In der Aufnahme dieses Wortes liegt der Gedanken nahe: Licht hilft nicht nur, zu sehen, es ist vielmehr Wirklichkeit. Wir sehen Licht oder sehen nichts. Dann ist dieses Wort so zu hören, dass die Gemeinde nicht in sich selbst verschlossen sein darf, dass sie ihre Türen weit aufmachen muss, dass sie durchsichtig sein muss auch für die Skeptiker draußen.

Das klingt in unseren Ohren nicht so gewaltig, aber in den Ohren der Leser*innen des Lukas, die um die Skepsis der Zeitgenossen gegenüber der Gemeinde Jesu aus eigener Erfahrung wissen, ist die Zumutung dieses Wortes mit zu hören. Die sich heimlich treffen aus Angst vor den Juden, aus Angst vor den Stellen des römischen Staates, aus Furcht vor gesellschaftlichen Repressalien, die hören solche Worte anders als wir.

17 Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werden soll, auch nichts geheim, was nicht bekannt werden und an den Tag kommen soll.

 Die dritte Möglichkeit: Es kann ja gar nicht verborgen bleiben, was ihr empfangen habt. Das Evangelium ist von der Art, dass es ausstrahlt. Es ist von der Art, dass es ins Handeln drängt. Es ist von der Art, dass es sich in eurem Reden und Tun zeigen wird. Wer verliebt ist, muss das nicht sagen – man sieht es ihm an. Wer geliebt wird, muss das nicht sagen – man sieht es ihm an. Ist das nicht auch mit dem Evangelium so: auf wen das helle Licht des Evangeliums fällt, der kann nicht anders als es ausstrahlen. So beschreibt und benennt Jesus mit diesem Wort eine innere Dynamik, eine innere Notwendigkeit des Evangeliums.

            „Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte….Und wenn er herauskam und zu den Israeliten redete, was ihm geboten war, sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte.“ (2. Mose 34, 29.34.35) Das ist die Botschaft des Alten Testamentes. Wird es nicht bei den Jüngern Jesu auch so sein, dass sie etwas von der Herrlichkeit ihres Meisters ausstrahlen, dass der Widerschein seines Glanzes auf ihnen liegt?

  Paulus jedenfalls scheint genauso zu denken: „Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er der Herr ist, wir aber eure Knechte um Jesu willen. Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervor leuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“ (2. Korinther 4, 5 -6) Es kann nicht verborgen bleiben, was das Wort in den Herzen wirkt. Dass einer das Evangelium gehört und zu Herzen genommen hat, das muss Wirkungen entfalten, nicht als ein zu erfüllendes Gesetz, sondern aus innerer Notwendigkeit.

Die reine Innerlichkeit ist ein Schreckensbild theologischer Streitgespräche – aber sie ist nicht die Wirklichkeit des Glaubens. Die Wirklichkeit des Glaubens ist das Aufleuchten des Evangeliums im Leben von Menschen, die sich dem Wort geöffnet haben. Es mag sein, dass es nur „Sternenglanz in der Pfütze“ (Randi Henriksen) ist, aber es ist Glanz!

 Noch einmal eine Brücke zurück: Was offenbar werden wird, das ist zuvor unter dem Stichwort Geheimnisse des Reiches Gottes (8,10) charakterisiert worden. Die Jünger sind Geheimnisträger, aber gerade nicht, um diese Geheimnisse unter Verschluss zu bewahren, sondern damit sie offenbar werden, vor der Zeit. Jesus aber sieht jetzt schon die auf dem Weg  Zeit gekommen, die Geheimnisse zu enthüllen. Das größte Geheimnis: Das Ziel der Welt ist das Erbarmen Gottes. Das offenbart er in Person.

18 So seht nun darauf, wie ihr zuhört; denn wer da hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er meint zu haben.

             Das klingt nach Lebensweisheit. Es ist wohl die Weise des Lehrens Jesu, dass er sich reichlich an der Weisheit Israels und der Lebenserfahrung „bedient“. Er schöpft aus beiden – das macht auch seine Nähe zu den Menschen.

            Es gibt viele Arten des Hörens. Man kann so hören, dass man nur Informationen speichert. Man kann auch nur auf Gefühle hin hören. Man kann sich beim Hören zuwenden, man kann sich aber auch hörend verweigern. Es gibt ein Hören, das als Zuhören anfängt und als Weg-hören aufhört, weil nur noch die eigenen Gedanken zählen. Es gibt ein Hören, das das Hören immer besser lernt und es gibt dieses Hören, das am Ende nichts mehr hört.

   Das kennen wir aus unserer eigenen Lebenserfahrung auch. Ganz viele Geräusche nehmen wir nicht mehr wahr, nicht nur die Schwerhörigen, auch die Normalhörenden. `Was mich nichts angeht, höre ich nicht.’ Aber es gibt auch dieses Hören, das hört, ohne zu reagieren, ohne sich betreffen zu lassen, ohne das Herz berühren zu lassen. So viele Hilfeschreie sind vergeblich gerufen worden, weil sie keiner hören wollte und am Ende auch nicht mehr hören konnte. Das gilt auch und erst recht für die Bilder, die Hilfeschreie sind. Sie kommen nicht mehr in der Tiefe des Herzens an.

            So seht nun darauf, wie ihr zuhört; ist eine Aufforderung zum Hören mit dem Herzen. Was das Herz erreicht, das kann die Persönlichkeit wandeln. Was das Herz nicht erreicht, sondern vorher abprallt, das wirkt nichts. „Man hört nur mit dem Herzen gut.“ könnte Jesus auch sagen. Höre so, dass Dein Hören zum Gehorchen hinführt. Öffne das Tor deines Herzens, damit die Worte tief in dir Fuß fassen können und dich wandeln. Jesus will seinen Leuten zu Herzen reden, damit sie im Herzen Gottes ihren Halt finden und aus der Tiefe eines getrösteten Herzens ihr Leben leben können – in Worten und Taten.

Zum Weiterdenken

  Auch das ist in diesem Zusammenhang wichtig: Wenn es beim bloßen Hören, dem akustischen Wahrnehmen bleibt und nicht zum Tun kommt, zum Gehorchen, dann geht irgendwann die Fähigkeit zu hören verloren. Dieser Zusammenhang Hören und Gehorchen ist in der Sicht Jesu fundamental. Er bestimmt darüber, ob wir die Worte Gottes behalten oder nicht. Wo sie nur ein Wortschatz sind, werden sie bald verblassen und verloren gehen. Was nicht dazu führt, dass Verhalten eingeübt wird, bleibt wirkungslos. Es geht auch als Wissen verloren.

Wir brauchen das beständige Tun, damit wir in unserem Tun beständig werden. Das ist die Wahrheit und die Stärke gelebter Rituale. Sie prägen uns. Stabilisieren unser Verhalten. Wer seine Verhaltensmuster verliert, kann am Ende gar nichts mehr. Das freie Feld des Lebens wird ihn überfordern und in Angst und Schrecken versetzen.

  Es ist eine eindringliche Warnung, die in den Nachsatz anklingt: was er meint zu haben. Es gibt diese illusionäre Vorstellung vom Glauben als Besitz, als einer Art religiösem Eigenkapital. Als κτμα ις εί. Als ewigen Besitz. Das war für Griechen wie für heutige religiöse Menschen eine durchaus attraktive Vorstellung. Für Jesus und den Evangelisten Lukas ist es eine gefährliche Illusion. Später wird Jesus sagen: „Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.“ (22,31-32) Selbstsicherheit und Selbstgewissheit hören sich anders an.

„Allzu oft denken wir nur in der Kategorie des Lichts. Es stimmt, dass Einsichten wie Blitze in uns einschlagen können. Es stimmt jedoch auch, dass solchen glänzenden Ideen eine Reifezeit vorausgeht, die im Inneren stattfindet, die dunkel und absolut notwendig ist. Wir müssen lernen zu warten, bis eine Idee ausgebrütet ist. Das Dunkel birgt Geheimnisse, aus denen Neues entsteht, Erkenntnisse wachsen – Trost kommt.“ (S. Henning, Der Anfang von allem, in: Andere Zeiten, Hamburg 3/2020, S. 23)Noch einmal – darum sagt Jesus: So seht nun darauf, wie ihr zuhört

Jesus, öffne Du mir Herz, dass ich Dein Wort empfange, es bewege, bewahre und dass es tief in mir Wurzeln schlägt. Öffne Du mir das Herz, dass ich Deine Liebe spüre, so dass sie mich erwärmt, meine Enge weitet, meine Ängste überwindet, meine Sehnsucht im Brennen hält.

Hilf mir, ein  offenes, weites Herz  zu haben für die, die keinen Menschen haben, die sich fürchten vor dem Leben, die eine helfende Hand brauchen, die nach Dir suchen. Amen