Vom Säemann

Lukas 8, 4 – 15

 4 Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus den Städten zu ihm eilten, redete er in einem Gleichnis:

      Jesus findet Zulauf. Es sind nicht nur ein paar Jüngerinnen und Jünger, nicht nur ein paar Kranke – es ist eine große Menge und sie kommen aus den Städten. Offensichtlich mit allen möglichen Erwartungen, Hoffnungen, Anliegen. Sein Weg durch die Dörfer und Städte löst den Weg der Menge aus – er sucht Menschen auf und Menschen suchen jetzt ihn.

In diesem schlichten Übergangs-Satz scheint mir das Geheimnis zu stecken, wie Menschen wieder Zugang zu Kirche und Glauben finden können: Indem sie von denen aufgesucht werden, denen Kirche und Glauben wichtig sind. Es geht um das Überwinden einer Distanz, die das Gespräch und das Miteinander abreißen lässt. Spannend: Der so gesuchte Jesus gibt sich nicht mit dem Zulauf zufrieden – er antwortet auf ihn mit einer Geschichte, einem Gleichnis. παραβολή kann man sachgemäß richtig mit Gleichnis, Vergleichung übersetzen. Aber auch „Denkspruch“ ist möglich und sogar „Rätselwort“ schwingt mit und ist möglich.

5 Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. 6 Und einiges fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. 7 Und einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s. 8 Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht.

  Das ist die Situation, die damals jeder Zuhörer Jesu kennt. Beim Säen wird nicht alles so ausgesät, dass es zur Frucht kommt. Es gibt Säen, das fruchtlos bleibt. Die naheliegende Frage und Schlussfolgerung könnten sein: Es gilt, bedachter zu sein, vorsichtiger mit dem kostbaren Samen umzugehen. Es gilt, die Bodenbeschaffenheit und Verhältnisse rund um den Acker besser berücksichtigen. Wo das geschieht, wird doch der Ertrag des ausgestreuten Samens wie von selbst besser werden. Das alles aber wird kein Thema. Es geht nicht um eine sinnvolle Berücksichtigung der Bodenqualitäten oder um eine Kritik an der grenzenlosen, leichtfertigen Großzügigkeit des Säemanns. Worum also geht es?

 Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

             Es scheint, als wäre genau das die Absicht des Erzählers Jesu und seines so abrupt offenen Schlusses. Aufmerksamkeit, ihr Fragen, ihr Weiterdenken. Ihr nachdenkliches Überlegen. Dass sie sich nicht damit abfinden, dass sie nicken und sagen: so ist es, so geht es zu. Sondern fragen.

 9 Es fragten ihn aber seine Jünger, was dies Gleichnis bedeute. 10 Er aber sprach: Euch ist’s gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen, den andern aber in Gleichnissen, damit sie es nicht sehen, auch wenn sie es sehen, und nicht verstehen, auch wenn sie es hören.

Offensichtlich haben auch die Jünger nicht sofort verstanden, worum es geht. Das mag daran liegen, dass eine Geschichte sich von selbst erklärt, wenn sie gut erzählt ist. Ein Gleichnis aber erklärt sich nicht unbedingt von selbst. Auch dann nicht, wenn einer die Ohren spitzt. Schlimmer noch: Gleichnisse sind nach diesem Wort Jesu auch verhüllende Rede. Sie verbergen mehr als sie auf Anhieb zeigen. Sie haben für den, der sie hört, auch eine Seite, die nach Erklärung verlangt, damit man verstehen kann. Es folgt ja ein Satz, der leicht wie eine schlecht versteckte Prädestinations-Aussage gehört werden kann: Ihr seid zum Verstehen erwählt, die anderen aber zum Missverstehen. Pech gehabt, wenn ihr nicht zu den Erwählten gehört.

     Aber dieses Wort meint nicht Festlegung für alle Zukunft – es redet von der Wirklichkeit der Gegenwart. Es gibt Menschen, die das Reich Gottes in der Gegenwart erfahren und sich daran freuen und es gibt die anderen, die dafür blind bleiben – obwohl beide doch das Gleiche sehen und erfahren. Allerdings – dass einer das Reich Gottes sehen kann, die Wahrheit der Gleichnisse erfassen kann – das ist nie sein eigenes Verdienst: Euch ist’s gegeben… – das ist Handeln Gottes, das Lukas hier, wie häufig auch sonst, im Passiv versteckt. Verstehen ist Geschenk, Gnade und nicht Verdienst des eigenen scharfen Verstandes. Wer es fassen kann, der fasse es.

            Weil sie nicht gleich verstanden haben, fragen sie. Wo wir die Jünger für ihren Unverstand allzu leicht tadeln, da könnte Lukas sie doch loben wollen. Sie gehen nämlich sachgemäß mit dem Gleichnis um – sie fragen weiter. Sie winken nicht gelangweilt oder resigniert ab, sondern sie wenden sich an den Gleichnis-Erzähler. Für das Verstehen Gottes gibt es nur einen Weg: fragen und wenn man glaubt, etwas verstanden zu haben, weiterfragen. Wer aber aufhört zu fragen, dem bleiben die Geheimnisse des Reiches Gottes verschlossen. Rätselworte – oder, wie heute manche denken, Belanglosigkeiten.

         In diesem Bild vom Säemann und seinem Säen steckt eine tiefe Demut. Gewiss ist Säen ein Handwerk. Aber eines, dessen zentrale Mitte Loslassen ist. Wer sein Saatgut behalten will, ruiniert es. Säen ist Aussäen, das wie wegwerfen wirken kann. Überall hin, ohne Garantie, dass etwas daraus wird. Aber es führt kein Weg daran vorbei: loslassen, damit Neues werden kann. Und: nicht die Kunst des Säemann ist der zentrale Faktor, sondern zwei andere Faktoren sind wichtiger: Das Land und seine Beschaffenheit, um das Wort Qualität zu vermeiden – und der Samen. Zuletzt kommt es auf den Samen an.

11 Das Gleichnis aber bedeutet dies: Der Same ist das Wort Gottes. 12 Die aber auf dem Weg, das sind die, die es hören; danach kommt der Teufel und nimmt das Wort aus ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und selig werden. 13 Die aber auf dem Fels sind die: wenn sie es hören, nehmen sie das Wort mit Freuden an. Doch sie haben keine Wurzel; eine Zeit lang glauben sie und zu der Zeit der Anfechtung fallen sie ab. 14 Was aber unter die Dornen fiel, sind die, die es hören und gehen hin und ersticken unter den Sorgen, dem Reichtum und den Freuden des Lebens und bringen keine Frucht. 15 Das aber auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld.

              Jesus „erklärt“ seinen Jüngern das Gleichnis. Ohne seine Worte würden sie wohl auch hören, ohne zu verstehen, blind sein, ob sie gleich sehen. Jetzt, mit seinen Worten ist es ihnen gegeben zu verstehen. Und wieder: Es geht nicht um die unvernünftige Großzügigkeit des Säemanns, schon gar nicht um eine Kritik an ihr. Der Säemann sät, scheinbar unbekümmert um die Effektivität seines Säens. Das passt zum Bild Gottes, wie Jesus es auch sonst zeigt. Das effektive Kalkül ist seinem Heilsplan fremd – wie hätte er sich sonst auch den „armen Haufen Israel“, das „Würmlein Jakob“ (Jesaja 43,14) erwählen sollen? Es geht auch nicht um eine merkwürdige Festlegung: Das ist guter Boden. Das ist schlechter Boden. Jesus sortiert seine Hörer nicht, auch nicht die Leser des Lukas, in solche, die als Land untauglich oder misslich sind.

   Lukas legt alles Gewicht auf den ersten Satz: Der Same ist das Wort Gottes. Dieser Same wird Frucht bringen. Das ist seine Art. Er „fällt in die Erde und erstirbt und bringt viel Frucht.“ (Johannes 12,24) Diese Worte aus dem Johannes-Evangelium schwingen hier mit. Und genauso steht hinter den Worten Jesu das prophetische Wort: So soll das Wort, das aus meinem Munde geht, sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“(Jesaja 55,11) Das ist die Qualität des Samens des himmlischen Säemanns. Und des irdischen Jesus.

 Dieser Same findet seinen Weg. Es geht nur um den Zielpunkt, um das gute Land: die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld. Das ist die Hoffnung Jesu mit seinem Lehren, Predigen, Erzählen. Das ist die Hoffnung des Vaters mit dem „Wort in Person“, Jesus. Menschen, die hören, die zu Herzen nehmen, die das Wort behalten und es nicht gleichgültig ad acta legen.

Lukas baut in seiner Wortwahl eine Brücke zu seinen Leserinnen und Lesern, die aus dem griechischen Denkraum stammen. Das Wort hilft ihnen zu einem ordentlichen, guten und schönen Herzen. So denken und so verstehen sie, was im Gleichnis gemeint ist: Das Wort schafft rechtschaffene Leute. Es hat nicht für sein Verstehen als Voraussetzung, dass sie schon vorher im Herzen schön und gut sind.

            Wiederum aber auch erinnert Lukas auch in seiner Wortwahl an Maria, an sie als das „Urbild“ der Kirche: Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen (2, 19) Das ist der Weg, den das Gleichnis den Hörern, die Lukas den Leserinnen zeigt: Das Wort zu Herzen nehmen, sich dem Wort öffnen, das Wort behalten. So kommt es zur Transformation, zur Wandlung im Leben. So wird Frucht.

      Alles andere wird sozusagen im Vorübergehen auch erzählt: Dass es ein gleichgültiges Hören gibt, das den Namen „Hören“ nicht verdient, dass es ein Überhören gibt, dass es kurzzeitiges Entflammt sein gibt, das doch Strohfeuer ist und im Gegenwind und unter Anfeindung aufgibt – Erfahrung, die die erste Gemeinde, auch die Lesergemeinde des Lukas  durchaus ja kennt -, dass es die Hoffnungen, Sorgen und Anforderungen des alltäglichen Lebens gibt, die sich wie eine Decke über alles legen können. Aber so ernst das zu nehmen ist – es geht nicht um die Einteilung in Weg-Menschen und Dornen-Menschen oder sonstige Erdschicht-Menschen. Es ist nicht das Ziel Jesu, ein Lamento über die Beschaffenheit des Menschen und des menschlichen Herzens anzustimmen. Schon gar nicht über alle Zeiten hinweg bei uns. Das Ziel ist das geöffnete Herz, das den Samen der Ewigkeit empfangen und hegen und wachsen und reifen lassen will.

Zum Weiterdenken

In der Schule meiner Kindheit in Willmenrod/Westerwald hing das Bild des Säemanns, wohl eine Auftragsarbeit des örtlichen Malers. In Auftrag gegeben von dem Volksschullehrer Walter Lenz. Das Bild spiegelte das Selbstverständnis des Lehrers im Blick auf seine Berufsarbeit. Er sah sich als Säemann und seine Schüler als das Land, auf dem er aussäte. Gute Schüler, schlechte Schüler, begabte und weniger begabte, aufmerksame und unaufmerksame. Ihnen allen war er sein Saatgut schuldig. Sein Saatgut: Wissen. Lernen können. Für das Leben lernen. Verstehen lernen, wie die Welt ist und das Leben geht. Er war wohl weit entfernt davon, sich mit dem Säemann des Gleichnisses zu vergleichen. Aber er hatte in ihm sein Maß.

Jesus, danke für Dein Wort, danke für alles, was mich berührt, tröstet, mein Herz froh werden lässt, mir Hoffnung gibt. Danke, dass Du alle Blindheit in Sehen wandelst, alle Taubheit in Hören, das verschlossene Herz auftust.  Danke, dass Du Verstehen schenkst, Hören und Bewahren in der Tiefe der Seele, im Tun auf den Wegen.

Danke, dass Du Dein Wort tief in uns hinein legst, Samen der Liebe, Samen der Ewigkeit. Amen